|
Zwischen den unsichtbar wirkenden Kräften der uns umringenden Natur und den
großen und kleinen Ereignissen unseres Lebens bestehen mysteriöse Zusammenhänge.
Wir Intellektuellen bestreiten natürlich diese Wahrheit. Aber das Volk ist
mit ihr vertraut, und ich habe da vor Zeiten einmal was Sonderbares erlebt.
Genau dreißig Jahre sind es her. Ich hauste damals, ein Neunundzwanzigjähriger,
als wilder Bergstürmer zu Königssee, am Fuß des Watzmann, beglückt
durch eine Jagderlaubnis in den königlichen Leibgehegen von Berchtesgaden
und Ramsau. Nicht nur ich, auch meine Büchse war halb irrsinnig vor Freude;
ihre Kugeln flogen fast immer anders, als ich wollte.
Am Pfingstsonntag, als es tagen wollte, verpatzte ich auf dem Kleinen Watzmann
einen Gockel mit den berühmten krummen Federn. Warum mich grämen?
Ich hatte ein feines Vergnügen genossen, und der Spielhahn behielt sein
lustiges Leben. Also war uns beiden gedient. Doch der Jäger, der mich führte,
wurde sehr verdrießlich. Der Mann hieß Köppel, hatte unter
schneeweißem haar ein gesundes, faltenloses Jünglingsgesicht und
war vierundsechzig Jahre alt. Er sagte: „Heut hätten S’ treffen
sollen! Fehlen am Pfingstsonntag? Dös zahlt sich a Jahr lang schlecht aus.“
Beim Niederstieg wollte ich aus meinem moosgrünen Juchtenetui eine Zigarette
nehmen. Da kollerte ein nussgroßer Stein über die Wand herunter und
schlug mir das Etui aus der Hand. Als ich es aufhob, sagte Köppel: „Dös
Zigarettentaschl verlieren S’ heuer noch!“
„Warum denn?“
„Weil’s Ihnen heut aus der Hand g’fallen is. Am Pfingstsonntag
befasst sich der heilige Geist mit der Weltordnung und tüpfelt alles aus,
was in zweiafufzg Wochen passieren muss. Dös Zigarettentaschl verlieren
S’! Da verwett ich an Kirchturm gegen a Schachterl Stiefelwichs.“
„Köppel, du bist ein dummer Kerl!“
„Natürlich, d’ Stadtleut sind allweil die G’scheidern.
Warten wir’s ab!“
Als wir zur Watzmannschneid hinüberkamen, wehte mir ein grober Windstoß
den Hut davon.
„Na also,“ sagte Köppel, „jetzt haben wir die heilige
Dreizahl! A Spielhahn verpatzt, ’s Zigarettentaschl aus der Hand g’schlagen
und der Hut beim Teufel! Passen S’ auf: Wann Ihnen heuer was Unliebsames
begegnet, kommt’s allweil dreimal hintereinander.“ Im gleichen Augenblick
machte ich unfreiwillig eine kleine Rutschpartie. Und Köppel dozierte:
„Heuer müssen S’ fürsichtig sein! Sonst kunnt’s
ebba schief gehen.“
„Man steht in Gottes Hand. Aber schau, lieber Köppel, ganz kann
deine Weisheit nicht stimmen! Was kann doch nicht dreimal hintereinander den
Hals brechen. Nach dem ersten Mal unterlässt man die Wiederholung.“
Ernst warnte der Jäger: „Tun S’ net spötteln! So was
zahlt sich schlecht aus.“
Ohne weiteren Zwischenfall kamen wir – ich so hutlos wie ein Renaissancejüngling
von heute – zum Königssee hinunter, der wie ein geschliffener Riesensmaragd
zwischen den sonnbeglänzten Felswänden schimmerte.
Köppels Lehre vom Pfingstorakel, von den geheimnisvollen Zusammenhängen
und der heiligen Dreizahl begann ihre Beweisfolge. An Bauerngeselchtem mit Sauerkraut
und Schmalzkrapfen verdarb ich mir den Magen in sanitätswidrigem Grade
und erlitt mit flinker Promptheit drei überaus peinvolle Katastrophen.
Dann musste ich in einer Woche dreimal zum Zahnarzt nach Berchtesgaden; es war
sehr unangenehm; damals verstanden sich die Dentisten noch nicht auf schmerzlose
Manipulationen; sie operierten mit Lachgas, das nur auf die Tränendrüsen
wirkte. Als der Zahn plombiert war, schlug sich mein Missgeschick auf die konträre
Seite; innerhalb weniger Tage machte ich drei neue Lederhosen so gründlich
kaputt, dass der Säckler beim Anblick der Fetzen gegangenen Hosenböden
sagte: „Da g’hört a Kunst dazu!“ Es ist wahr, schon damals
fühlte ich mich ein bisschen als Künstler – begann aber an meiner
Begabung zu zweifeln, als mir eine Novelle, die ich in jener Zeit vollendete,
hintereinander von drei Redaktionen abgelehnt wurde. Auch als Jäger bekam
ich die mysteriösen Zusammenhänge empfindlich zu fühlen: In der
zweiten Juniwoche verpatzte ich drei Rehböcke, zu Beginn der Feistzeit
drei gute Hirsche. Diesen Pechferien gegenüber gewöhnte ich mir das
nachdenkliche Sprichwort an: „Schau, schau, der Köppel!“ Wahrhaftig,
der heilige Pfingstgeist meinte es in diesem Jahr nicht gut mit mir! Und zu
Ende des Hochsommers tobte sich sein driefältiger Unmut höchst bedrohlich
gegen mich aus. Noch heute, wenn ich an jene drei Augusttage anno 1885 zurückdenke,
gruselt mir ein bisschen. Es ist bestaunenswert, was das menschliche Leder auszuhalten
vermag, auch ohne dass es vorher gegerbt wurde.
Eines Mittags, unter heißer Sonne, rannte ich mit der Büchse vom
Königssee in die Ramsau, um hinter dem Wimbachtal, zwischen den Rauhköpfen,
der Hundstodgrube und der Sigerethwand, auf Gämsen zu pirschen. Im Forstamt
zu Ramsau musste ich mir erst den führenden Jäger holen. Der war vor
einer Stunde davon gewandert, dorthin, wo ich pirschen wollte. Den herrlichen
Abend versäumen? Nein! „Ein Stünderl? Das ist doch einzuholen!“
Ich lief wie ein Dackl, der was gestohlen hat. Gegen fünf Uhr nachmittags
erreichte ich – innerlich sehr trocken, äußerlich ausgiebig
angefeuchtet – die Jagdhütte auf dem Trischiblkopf, zwischen dem
Hundstod und dem Großen Watzmann. Die Hüttentüre war versperrt.
Ich juchzte. Keine Antwort. Flink hinüber zur Almhütte, weil ich dachte:
Der Jäger säuselt mit der Sennerin. Auch hier eine versperrte Türe!
Nun kannte ich mich aus: Der Jäger hatte mit der Sennerin gemacht, was
man als „Ausflug“ zu bezeichnen pflegt. Vor der Finsternis kamen
die beiden nicht heim.
Also, um den Abend nicht zu vergeuden, eine Gamspirsch auf eigene Faust! Selbst
ist der Mann. Ich stieg über die Rauhen Köpfe hinüber. Neben
den von Latschengestrüpp überwucherten Felsbuckeln fiel eine tiefe
Schlucht hinunter gegen das Wimbachtal. Drüben stieg die Rotleitenwand
ins Blaue hinauf. Hoch droben, auf spärlichem Grasfleck, sah ich einen
Gamsbock äsen. Der war anzupirschen, wenn ich von links die Schlucht umging
und schräg in die Wand einstieg. Wie kam ich aber da nach glücklichem
Schuss wieder herunter? Aufwärts, das geht. Doch zurück? In dem brüchigen
Lehmgeschiefer fährt beim Niedersteigen aller Boden unter den Sohlen weg.
Ein Rutsch, und durch die Schlucht geht’s hinunter ins Wimbachtal. Aber
– der Gamsbock lockte – und ich dachte nimmer an den warnenden Pfingstsonntag,
nimmer an den klugen Köppel.
Mit dem Gucker suchte ich mir von der Stelle, auf der mein Gamsbock fallen
musste, einen feinen Rückweg aus: Über ein langes, schmales Grasband
zu einem Felsblock; da konnte man sich hinüberlupfen, dann auf besserem
Boden zur Hundstodgrube und herunter.
Los: Und ein bisschen flink! Der Abend begann schon rot zu werden. Hinauf!
Das ging wie mit geölten Stiefeln. Einem Gamsbock entgegen – da hat
man stählerne Stangen in den Knochen, hat Augen, die keine Gefahr sehen.
Nun der Schuss! Wundervoll rollte das Echo über die glutstrahlenden Wände
des Watzmann hin. Aber mein Gamsbock fiel nicht. Der pfiff mir was, sauste durch
die Rotleite davon, und ein Regen von Steinen prasselte an mir vorüber.
Als ich keinen Bock mehr sah, verloren die Stahlstangen in meinen Knochen ein
bisschen an Festigkeit. Das lange schmale Grasband, über das ich meinen
Rückweg suchen musste, erreichte ich wohl. Aber der Felsblock, über
den ich mich hinüberlupfen sollte, und der sich von unten angesehen hatte
wie ein tischhoher Brocken, war hier oben wie ein Haus. Da hinüber? Unmöglich.
Ich musste unten um den Fels herumsteigen. Und der Abend begann schon in allen
Farben zu erblassen, fing geheimnisvoll zu dämmern an.
Bei jedem vorsichtigen Tritt, den ich machte, kollerte das Lehmgebröckel
und das verwitterte Gestein davon. Um den Fels kam ich glücklich herum.
Dann sperrte eine steile, dritthalb Metter breite Rinne meinen Weg, glatt ausgewaschen,
so grad hinunterfahrend in die Schlucht, als hätte sie ein gewissenhafter
Maurer nach der Schnur gezogen. Da durchsteigen? Das war sinnlos. Aber sitzen
bleiben konnt’ ich noch weniger. Der Abend dunkelte. Es war vermutlich
ein sehr schöner, stimmungsreicher Abend. Näher betrachtet hab’
ich ihn nicht.
Gleich beim ersten Schritt in die Rinne rutschten die Nägel aus. Ich
konnte mich noch zurückwerfen und Halt finden. Mein Bergstock surrte davon.
Das war eins von den unbehaglichsten Dingen, die ich in den Bergen erlebt habe:
dieses Klirren, Rasseln und Klingen des gleitenden Bergstockes hören zu
müssen, bis er drunten lag in der Tiefe der Wimbachschlucht. Mir war, als
hätte das eine Ewigkeit gedauert. Und ich musste denken: „Wird’s
bei mir schneller gehen, weil ich schwerer bin – oder langsamer, weil
ich ein paar Mal hängen bleibe?“
Ich setzte mich auf den gut geflickten Boden meiner Lederhose und schoss zwei
Kugeln in die Luft. Vielleicht hörte das der Jäger und kam. Helfen
konnte er nicht. Aber für alle Fälle, er wusste dann doch, wo ich
lag.
Kein Laut, kein Schritt drunten, kein Jäger. Und die schattenseitigen
Gehänge der Berge wurden schwarz im erlöschenden Abend.
Blieb ich sitzen, so riss es mich während der Nacht hinunter. Ich musste
den Sprung versuchen: zwei und einen halben Meter, ohne Anlauf. Erst warf ich
die Büchse über die Rinne hinüber – sie blieb liegen –
da drüben war guter, grasiger Boden. Dieser Glaube steifte mir die Knochen,
und die heiße Sehnsucht, lebendig zu bleiben, half mir. Ich sprang. Um
ein paar Spannen zu kurz. Die Schuhspitzen glitten aus, aber die Wucht des Sprunges
schmiss meinen Oberkörper nach vorne, über den Bord des Grabens hinüber.
Mit beiden Händen konnte ich einen Rasenschopf erwischen.
Als ich neben meiner Büchse saß, rauchte ich fünf Zigaretten,
eine flink nach der anderen. Was ich dabei gedacht habe …? Nichts. In
solchen Minuten denkt man nicht. Man atmet nur wohlig auf und hat, ganz ohne
Gedanken, die verlässliche Empfindung, dass das Leben eine wundervolle
Sache ist.
Das Weitere war noch Mühe, doch keine Gefahr mehr. Während ich in
der sinkenden Dunkelheit durch die Hundstodgrube stolperte, vernahm ich rufende
Stimmen. Zwei Jäger kamen: Der Jagdgehilfe Jochner, der den „Ausflug“
mit der Sennerin gemacht hatte, und der Ramsauer Forstgehilfe Moderegger, den
meine drei Schüsse aus dem Wimbachtal herauf gerufen.
In der Trischiblhütte gab’s noch ein paar lustige Schwatzstunden.
Dann schlief ich wie ein Klotz. Vor Tagesanbruch weckten mich die Jäger.
Ich dachte an die heilige Dreizahl des Köppel und war ein bisschen misstrauisch
gegen den erwachenden Morgen. Aber das Misstrauen hat eine lockende Schwester:
Die Neugier.
Wir drei stiegen zum Sigerethkopf hinauf. Der Forstgehilfe Moderegger bleib
bei mir auf dem Wechsel sitzen, und Jochner sollte mir zwei Gamsböcke zudrücken,
die wir auf den Schutthalden unter der Sigerethwand gewahrt hatten. Fein kamen
sie heraufspaziert. Alle beide fielen im Feuer. Aber einer sprang wieder auf
und sauste davon, natürlich der bessere. Die Suche nach ihm blieb erfolglos.
Na also, heim! Ein Gamsbock ist auch was Nettes.
Beim Abstieg kamen wir zu einer Lawinengasse, die steil aus der Felswand herausstach
und sich gegen das Trischibltal hinunter fächerförmig ausbreitete.
Drunten, im Tal, da glänzte schon die rosige Sonne auf dem etwas verstaubten
Weiß, doch hier oben bei uns war der alte, fest zusammen gebackene Schnee
noch blau, war im Frühschatten und bei der Höhenkühle des Morgens
so hart und glatt wie poliertes Holz. Jochner, der den erlegten Gamsbock auf
dem Rücken trug, prüfte den Schnee mit seinem Bergstock und schüttelte
den Kopf: „A na! Da tät’s heißen: Blad Bock oben, bald
Jochner oben! Lieber mach ich an Umweg.“
Ich musste lachen über das drollige Bild, das der Jäger fürs
Purzeln und Überschlagen gefunden hatte. Aber bergauf einen beschwerlichen
Umweg machen! Mir lag ohnehin schon die Müdigkeit in allen Gelenken. Und
wo wir standen, war die Lawinengasse keine zwanzig Schritte breit. „Ach,
was!“ Ich trat von der Felskante auf den abschüssigen Schnee hinaus.
„Mensch“, sagte der Forstgehilfe Moderegger, „da wird’s
hail sein.“
„Es geht schon.“ Noch während ich redete, glitschte meine
linke Sohle weg. Ich hörte hinter mir den Doppelschrei der beiden Jäger
und sauste auf dem Rücken in ungemütlicher Schlittenfahrt über
den stielen Schnee, der leeren Luft entgegen. Kein Schreck, kein bewusstloses
Denken, nichts von der berühmten „Bilderflucht in einer Lebensgefahr“
– nur der Wunsch, mich zu halten und meine Büchse nicht zu verlieren;
dazu eine tierisch instinktive Aufmerksamkeit. Obwohl die Fahrt immer schneller
wurde, konnte ich mich ein paar Mal auf die Seite rollen, um den aus dem Schnee
herausstarrenden Felszacken zu entrinnen. Schwupp – jetzt ging’s
in die Luft hinaus. Ein stubenhohes Wändchen. Auf steilem Schnee ein nicht
allzu grober Aufklatsch, gleich wieder das jagende Weggleiten, bei dem mir Hören
und Sehen zu schwinden drohte, ein Purzelbaum ins Leere, und dann fuhr ich mit
Büchse, Kopf und Schultern in den linden, von der Sonne schon aufgeweichten
Talschnee hinein.
Eine Weile mag ich da wohl so gesteckt haben wie der umgedrehte Spargel in
der Mayonnaise. Als ich mich herausgewackelt hatte, untersuchte ich mich sehr
gewissenhaft. Alle Glieder gehorchten – nicht gern, aber doch –,
ich sah kein richtiges Blut und fand nur ein paar harmlose Schürfwunden.
Gesicht und Ohren brannten mir wie Feuer, an acht Fingern waren die Nägel
abgebrochen, nur an den beiden Daumen waren sie noch ganz – und, Gott
sei Dank, auch die vom Pfingstorakel bedrohte Zigarettentasche aus moosfarbenem
Juchten hatte ich noch in der Brusttasche, mit sehr viel Schnee dabei.
Es dauerte sechs oder sieben Zigaretten lang, bis die beiden Jäger von
ihrem Umweg herunterkamen. Jochner, mit dem Gamsbock auf dem Rücken, lachte
ein bisschen boshaft, und der Forstgehilfe Moderegger sagte grob: „Mensch,
Sie haben mehr Glück als Verstand!“ Ich fasste das nicht als Beleidigung
auf, nahm es nur als Konstatierung einer unbestreitbaren Tatsache.
In der Trischiblhütte entdeckten wir noch, dass die beiden Läufe
meiner Büchse von den Patronen bis zur Mündung so dick und fest mit
Schnee voll gepfropft waren, dass wir ihn mit dem Putzstock nicht herausstochern
konnten. Wir mussten das Gewehr auf den warmen Ofen legen. Da schmolz der Schnee.
In meinen Ohren war er schon auf dem Heimweg geschmolzen.
Nach der Mahlzeit schlief ich von nachmittags zwei Uhr bis zum andern Morgen
um neun Uhr.
Alle Neugier war mir vergangen. Nur geschwisterloses Misstrauen erfüllte
mich. „Noch eine Gamspirsch? Am dritten Tag? Nicht um die Welt! Jetzt
wird das Pfingstorakel und die verteufelte Dreizahl des Köppel wissenschaftlich
widerlegt! Mit allem Scharfsinn menschlicher Energie! Jetzt wird heimgegangen,
auf geradem Weg, auf dem glatten, einen Meter breiten, völlig ungefährlichen
Steig! Von diesem Steig wird kein schritt nach rechts oder links gemacht –
und wenn auf dem Watzmann auch ein Elefant mit goldenen Zähnen stünde.
Mein noch ungebrochener Hals ist mir lieber!“
Sanft und freundlich schien die Mittagssonne auf mich und meinen absolut verlässlichen
Steig herunter, als ich heimwanderte über das Steilgehänge eines wundervollen
Hochtales, mit dessen Schönheitszauber der unbegreifliche Name „Saugasse“
empörend kontrastierte. Drüben zeichnete sich der Watzmann ins sonnige
Blau hinein, mit seinen Felsmärchen und dem Filigran seiner Schneeflecke.
In der Tiefe diese – sagen wir: Schweinchenmulde, die im August einen
grünen Frühling glich. Und bei mir herüben die prachtvolle, mit
den letzten Alpenrosen und den ersten Edelweißsternen gesprenkelte Sigerethwand,
die rechts vom Steig in Stufen aufwärts kletterte und links davon fast
senkrecht hinunterfiel in das schöne Tal mit dem sehr zu missbilligenden
Namen. Dicke Latschenknorren, die unterhalb des Steiges aus den Steinschründen
herauswucherten, umwoben den Absturz mit einem schwarzgrünen Schleier.
Plötzlich, bei schauendem Schlendern, klangen mir zwei lustige Stimmen
ins Ohr, aus der Tiefe des Tales herauf. Ich guckte mit dem Glas hinunter. Ein
grüner Grenzaufseher und eine runde Sennerin, rot und blau und weiß
gesprenkelt. Das Mädel lachte laut und wich immer flink auf die Seite,
wodurch der Grenzaufseher bei mir in den Verdacht geriet, dass er zwickte und
im Widerspruch mit seinem Beruf die zulässige Grenze zu überschreiten
gedachte. Schon wollte ich eine loyale Warnung hinunter rufen –
Da raschelt’s unter dem Steig in der Wand. Ein Gamsbock, den das Pärchen
da drunten munter machte, hupft über den Weg herauf, äugt mich verwundert
an und verschwindet zwanzig Schritte vor mir in einer Felsklamm. Ich reiße
die Büchse vom Rücken, spähe und lausche – senkrecht über
meinem Kopf taucht der gehörnte Schädel des Bockes neugierig über
eine Wandstufe heraus – da kracht mein Schuss – mit so affenartiger
Geschwindigkeit, dass ich den Seitensprung nimmer fertig bringe, kommt der Gamsbock
in einem Saltomortale über die Wand herunter und lässt mir seine dreißig
Kilo Sommergewicht auf die Schulter plumpsen. Es schlägt mir die Büchse
aus den Händen, und wir beide, der Bock und ich, machen einen Purzelbaum
über diesen „völlig ungefährlichen“ Steig hinaus.
Alle beide bleiben wir an dem gleichen Latschenknorren hängen, ich mit
Armen und Bauchbeuge, neben mir der Bock mit den Haken des Gehörns. Seine
heftig zappelnden Läufe wie meine eigenen Beine schweben im Leeren. Ach,
Allmächtiger! Wenn das gottvermaledeite Vieh noch lange so weiterzappelt,
wirft es mich über den Ast hinunter – und dann kommt das Halsbrechen,
das ich nicht mehr zu wiederholen brauche!
Es verrannen zehn Sekunden, in denen mir die Haare zu Berge standen und die
Gestalt des guten, klugen Köppel vor meinen gläsernen Augen sich auswuchs
zu einem grauenhaften Dämon. In der Kraft meiner Verzweiflung schlug ich
ein Bein über den Ast herauf, klammerte mich mit der Linken in das zähe
Gezweig, riss mit der Rechten das Messer heraus und stach ein dutzend Mal wie
irrsinnig zu.
Der Gamsbock segnete das Zeitliche. Ganz ruhig wurde der Ast. Langsam und
vorsichtig zerrte ich mich auf den Steig hinauf.
Seit damals bin ich der Überzeugung, dass gefährliche Wege und gefahrlose
Pfade ohne Unterschied die gleiche Sache sind.
Mit einer Schlinge meiner Rucksackleine angelte ich den Gamsbock aus der Staude
heraus. Dann saß ich zwischen den ersten Edelweißsternen und rauchte
mit Hochgenuss meine letzte Zigarette.
Der Grenzaufseher und die Sennerin warne in dem Tal mit dem ominösen
Namen verschwunden; ich hörte sie nimmer lachen.
Aber ich lachte. „Schau, schau, der Köppel!“
Und das Pfingstorakel! Und die „heilige“ Dreizahl! Und die mysteriösen
Zusammenhänge! Es ist was dran.
Das heißt – ganz kann ich Sache doch nicht stimmen. Denn mein
Zigarettenetui aus moosgrünem Juchten hab’ ich nie verloren –
weil ich es einige Tage später dem Köppel schenkte. Oder hab’
ich mich durch dieses freiwillige Opfer aus dem dunklen Machtbereiche des Pfingstorakels
erlöst?
Nicht nur das gefährliche Pfingstjahr 1885/86 ging freundlich und ohne
beklagenswerten Schaden zu Ende. Auch während der folgenden dreißig
Jahre gaben mir die Berge niemals wieder so viel des Unliebsamen zu erleben
wie damals in drei kurzen Tagen.
Jetzt bin ich wohl auch ein bisschen vorsichtiger. Man wächst eben langsam
in die Zeit hinein, wo der Verstand größer wird, als das Glück
zu sein pflegt.
Der frühere Zustand war mir lieber. Wenn es manchmal auch ein bisschen
gefährlich aussah! Man überstand es. Und dann lachte man darüber.
|