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Auf seinem Grabe wuchert schon lange grünes Gras, wenn es nicht der Schnee
deckt im Winter oder eine pietätvolle Hand am Allerseelentage den
niederen Hügel mit schwarzer Erde bestreut. Will ich von dem, der
darunter liegt, erzählen, so hab ich keine Mahnung des alten Spruches
zu befürchten: De mortuis nil nisi bene. Denn selbst seine Feinde
– die Finger reichten aus, um sie zu zählen – konnten
ihm nichts Schlimmes, nur Absonderliches nachsagen.Dass er, wie es in
Nekrologen so gerne heißt, „durch dieses Leben geschwebt“
wäre, lässt sich von ihm nicht gut behaupten, denn die Spur,
die seinen Weg kennzeichnete, war tief und breit, wie die eines sechsrädrigen
Bierwagens. Ich weiß, dieser Vergleich ist nicht poetisch, aber
er hat Wirklichkeit – und man opfert ja heutzutage dem Wirklichen
die Poesie so gerne. Weder er selbst, noch sein Leben, noch sein Wirken
war bedeutend, und doch sind diese drei Dinge der Betrachtung wert.
Dass sein Vater ein reicher Bauer war, so einer vom richtigen Schlag der Berge,
ich meine die Kerle mit den blauen Augen und den viereckigen Köpfen –
daran ist an und für sich nichts Besonderes. Merkwürdig in hohem Grade
sind aber schon die seltsamen Umstände zu nennen, unter denen Franzerl
das Licht der Welt erblickte. Franzerl – so heiß nämlich unser
Held. Schon bei den Anzeichen seines Werdens hatte man sich im Familienrate
– je nachdem – über den Namen Franziskus oder Franziska geeinigt.
Und wenn das wirklich, wie erhofft, ein Franziskus käme, so wusste lang
schon im voraus das ganze Dorf, dass er als zweiter Sohn eines reichen Hofbauern
„zur Studi auf’n Pfarr“ bestimmt wäre.
War nun Franzerl schon vor seinem Eintritt in die Welt der Stoff so mancher
Unterhaltung, so wurde er, da er diesen Eintritt ins Leben endlich vollzog,
für mehrere Wochen geradezu zum ausschließlichen Tagesgespräche.
Eigentlich hatte man den oder das Franzerl erst zwei Monate später erwartet
– und ohne Ahnung dessen, was die nächste Stunde bringen sollte,
ging seine Mutter eines Palmsonntags in das Hochamt. Freilich war es der guten
Frau schon ein paar Tage her „net recht so so“ gewesen, was sie
aber nicht hindern konnte, ihrer Christenpflicht zu genügen.
Wohl erschien ihr die Predigt ein wenig zu lang, und als sie endlich doch überstanden
war, hätte die Bäuerin ihrem körperlichen Unbehagen, das dringend
zur Heimkehr mahnte, gerne nachgegeben. Da sie aber, ihrem dörflichen Range
angemessen, in einer der vordersten Bänke ihren Stand hatte, so hätte
sie, um zur Tür zu gelangen, an all den Leuten vorüber den ganzen
langen Kirchengang dahinpilgern müssen – und in ihrem jetzigen Zustand
wollte sie das um alle Welt nicht tun. So drückte sie tapfer die Augen
zu und betete hurtig weiter, Vaterunser, Ave Maria, Glauben an Gott, die Heiligenlitanei
– alles kunterbunt durcheinander, was ihr eben auf die Lippen kam.
Auf einmal aber, gerade als die Frau Lehrerin, begleitet von Orgelklängen,
Geigen und Posaunen, droben auf dem Chor das schöne Solo zu singen anhub:
Benedictus qui venit – da war der Bäuerin „ganz anderst“
geworden.
„Verblasst und daglegen, war eins!“, erzählte nach der Katastrophe
ihre Kirchstuhlnachbarin.
Von der „Mannerseiten“ sprangen ein paar Bursche zu Hilfe, um die
Ohnmächtige ins Freie zu tragen. Die gewisse „Frau Gvatterin“
aber, die geschäftig, mit beredten Händen die wispernden Leute beruhigend,
herbeigeeilt war, erkannte gar bald, „wo Mathäi am längsten“,
und ließ die Kranke schleunigst in das Glockenhaus tragen und sorgsam
auf einen Haufen schwarzer Bahrtücher niederlegen.
Mit der Andacht der Kirchleute war es jetzt freilich vorbei. Wohl wandte sich
der Hochwürdige öfter als vorgeschrieben mit einem unwilligen, von
zornigen Blicken begleiteten Dominus vobiscum zu seinen Schäflein. Da er
aber bemerkte, dass nicht der Altar, sondern die Tür der Glockenstube,
aus der man ab und zu recht verdächtige Laute vernehmen konnte, die Aufmerksamkeit
unwiderstehlich in Anspruch nahm, da betete auch er das Sanktus, Paternoster
und Evangelium rascher denn sonst, verzichtete sogar beim Ite missa est auf
den üblichen Koloraturenprunk und wäre zu allem Ende fast noch über
eine Falte des Altarteppichs gestolpert.
Nach Schluss des Gottesdienstes holte man in Ermangelung eines andern Transportmittels
aus dem Schulhaus eine vollständige Bettlade herbei und schaffte damit
die Bäuerin mitsamt dem dreißig Minuten alten Franzerl nach Hause.
Als tags darauf der geistliche Herr die Wehmutter besuchte, machte er unter
Hinweis auf die unerforschlichen Fügungen des Herrn sehr nachdrücklich
auf das seltsame Zusammentreffen des Geburtsortes und der Lebensbestimmung des
Kindes aufmerksam und versuchte aus diesem Anlass gegen den Namen „Franzerl“
zu opponieren. Donatus solle der Junge getauft werden, meinte er, indem er ohne
Frucht vor einer gegnerischen Meinung die Behauptung aufstellte, Donatus bedeute
soviel als „der von Gott geschenkte und für Gott geborene“.
Dem trat aber der Bauer kurz und bündig entgegen: „Das geht über
mein Verstand! Franz Josef soll der Bub heißen und net anders.“
Es war merkwürdig, wie alle Meinungen, die über den Jungen laut wurden,
mehr oder weniger mit seinem künftigen Beruf in Verbindung standen. So
hatte sich die „Frau Gvatterin“ noch im Glockenhause zu der Äußerung
veranlasst gesehen: „Am Kopf fehlt sich nix! Der is groß gnug für
ein Bischof oder ein Kapuziner.“
Welchem Ideengange sie folgte, um zu diesem seltsamen Doppelschlusse zu gelangen,
ist allen, die ihn vernahmen, ein Rätsel geblieben. Gemeinverständlicher
war schon die Anmerkung, die sie zu den großen, weit abstehenden Ohren
des Kindes machte: „Schimpfts mir net über die Wascheln! Die sind
schon recht, da überhört er grad nix, wann er im Beichtstuhl sitzt.“
Und wenn der Junge unter ihren Händen schrie, tätschelte sie ihm
lächelnd die dicken runden Schenkelchen: „Schrei nur zu, kleiner
Herr! Da kriegst grad das richtige Lüngerl zum Predigen!“
Sie war eine perfekte, weitsichtige Prophetin, die Frau Gevatterin. –
Die Jahre vergingen. Franzerl wuchs aus den Kinderröcklein in die Höschen,
kam in die Schule und mit acht Jahren zum Herrn Pfarrer in die lateinische Stunde.
Schon jetzt erwachte in ihm das Bewusstsein der einstigen Würde –
er fühlte sich, wie man so sagt. Stolz warf er den Kopf zurück, drückte
die Brust heraus und zog die Ellbogen auf, so dass er an jeder Seite den Arm
trug, wie der Krug seinen Henkel. Dabei fing er an, auf seine Altersgenossen
von oben herab zu sehen, ohne aber deshalb in einen dummen Knabenhochmut auszuarten;
und als er erst mensa deklinieren und das Vaterunser lateinisch beten konnte,
tyrannisierte er mit Blick und Wort die ganze Schule. Die Spiele wurden nach
seinem Willen gespielt, er war Schiedsrichter in allen Zwistigkeiten, Feldherr
in allen Kriegen und Hauptmann in allen Räuberkämpfen. Freilich waren
unter seinen Schulkameraden auch manche, die seine Autorität nicht so geradewegs
anerkennen wollten; mit denen machte Franzl jedoch kurzen Prozess; er schlug
ihnen, wenn sie nur ein Wort des Widerspruches fallen ließen, einfach
die mit einem Riemen zusammengeschnürten Schulbücher um die Köpfe
– und wer gegen diese letzte Instanz noch zu appellieren versuchte, lag
im Straßengraben, eh er sich’s versah. Hatte Franzl doch mit zehn
Jahren schon das ganze Aussehen eines jungen Bräuknechts! Was er anrührte,
spürte seinen Griff. Das konnte man allererstens schon an seinen Büchern
ersehen – vierzehn Tage genügten, um vom neuesten Exemplar jegliche
Spur eines Einbandes verschwinden zu machen, wobei freilich der oben angeführte
Gebrauch ein Wesentliches beitrug; hinter dem Titel sahen sie aber nicht besser
aus, da bei seinem gewohnten, raschen „Umblattln“ alle Ecken und
Kanten in Franzls dicken Fingern blieben.
Mit einem Worte – schon in jungen Tagen versprach unser Held ein sieghaftes
Mitglied der ecclesia militans zu werden.
So war Franzl zwölf Jahre alt geworden und hatte freilich mehr an Länge
und Körperstärke denn an Weisheit zugenommen. Dass er trotz alledem
zu Neuburg an der Donau gleich in die zweite Lateinklasse und mit einem halben
Freiplatz in das Seminar aufgenommen wurde, durfte er weniger seinen Kenntnissen,
als der Fürsorge seines Pfarrers danken, der zu Anfang seiner Priesterlaufbahn
im Neuburger Studienseminar Präfekt gewesen war.
Nun kam für Franzl eine harte Zeit. Erstlich fiel ihm schon das lange
Sitzen schwer, und das viele Studieren, zu deutsch ochsen, ward ihm weidlich
sauer. Doch betrübte ihn das lange nicht so sehr als der Umstand, dass
er unter all diesen Söhnen von Regierungsräten, Landrichtern und Revierförstern
sich weder Einfluss noch Ansehen zu erkämpfen vermochte – und als
er es in einer bösen Stunde mit dem früher so wohl erprobten Gewaltmittel
versuchte, da setzte es Tatzen und langstündigen Karzer. Seine Kameraden
machten ihn aber von nun an erst recht zur Zielscheibe ihres Spottes, der aus
Franzls grobkörniger Redeweise, aus dem dumpf gedehnten „oa“
und „au“ seiner unverfälschten Heimatsprache eine nie versiegende
Nahrung schöpfte – und als diese jungen Herren von der Schulbank
erst herausgebracht hatten, dass Franzls Mutter ihre Briefe stets adressierte
an „Wohlgeboren Herrn Franzerl …“, da hieß es „Franzerl“
hin und „Franzerl“ her im ganzen Seminar, so dass dem langen, kräftigen
Burschen der mütterliche Schmeichelname bald ein Ekel und Abscheu wurde.
Als er dann in die Ferien nach Hause kam, war es sein erstes, dass er diesen
Namen abtat und kategorisch den Gebrauch der zweiten Hälfte seines Taufnamens
begehrte. Wenn er sich nun auch im Dorfe zu einem „Sepp“ verwandelt
hatte, im Seminar, wohin ihn der Herbst zurückführte, musste er sich
wohl das „Franzerl“ noch lange Zeit gefallen lassen. Auch der übrigen
Stellung gegenüber seinen Kameraden wusste er erst von der Zeit an, da
er in die Gymnasialklassen übertrat, eine lichte Seite abzugewinnen.
Und das kam so. In dem unfangreichen, von einer hohen Mauer umzogenen Garten
des Seminars hatten Lateinschüler und Gymnasiasten getrennte Spielplätze.
Da erlustigten sich die ersteren auf ihrem Gebiete während der „Freizeit“
an den mannigfachen Turngeräten, Springböcken, Schwungbäumen
und Klettergerüsten; wenn sie aber dann nach stundenlangem Umhertollen
müde und erhitzt im Grase lagen, lauschten die jungen Burschen neidisch
dem Rumpeln der Kugel und dem Gepolter der fallenden Kegel, das vom Spielplatz
der Gymnasiasten herüber klang. Und auf dieser Kegelbahn war Sepp von dem
Augenblicke an, da er sie zum ersten Mal betreten hatte, unbesiegter Meister
geblieben. Wie angeschraubt saß die Kugel in seiner breiten, dickfingerigen
Hand, und wenn er sie warf – es war das immer ein Schuss wie aus der Büchse
– dann mähte sie die Kegel, wie des Schnitters Sense die Weizenhalme.
Und nicht nur, dass es für unsern Sepp eine Kleinigkeit war, einen Kranz
oder alle Neune zu „scheiben“ – er brachte es nach und nach
zu einer solchen Kraftentwicklung und Geschicklichkeit, dass er mit einer kleinen
Kugel jeden einzelnen Kegel aus dem vollen Spiel heraus warf. Diese unbestrittene
und gerechterweise bewunderte Meisterschaft festigte wieder sein Selbstbewusstsein,
das unter seiner früheren gedrückten Stellung bedenklich gelitten
hatte.
Doch wie im Leben gemeinhin, so schreitet auch manchmal auf der Kegelbahn das
Schicksal schnell. Es war im letzten Sommer seiner Studienzeit, just drei Monate
vor dem Examen, da nahm Sepps kegelmörderische Meisterherrlichkeit mit
einem Mal ein jähes Ende. Er hatte da, wie früher so häufig schon,
eines Nachmittags wieder gewettet, dreimal nacheinander den hintersten Kegel
aus dem Spiel zu werfen. Zweimal war ihm das Kunststück bereits gelungen
– nun stand er wieder vor dem Brett und schwang, in den Knien sich wiegend,
mit weit ausholenden Bogen die kleine Lignum sanctum-Kugel. Aber sei es, dass
er diesmal die Kurve zu hoch nahm, oder in der Erregung des Spiels und der Wette
ein Übermaß von Kraft verschwendete – statt auf den bedrohten
Kegel flog die Kugel krachend in die Latten des Daches, so dass an die zwanzig
Ziegelplatten zerschmettert niederprasselten auf die Dielen der Kegelbahn.
Der Spektakel dieser Katastrophe hatte den Aufsicht führenden Präfekten
herbeigelockt – und die Folge war, dass dem überkräftigen Kegelkönig
neben der Verurteilung in die Kosten für den Rest des Semesters das Betreten
der Kegelbahn untersagt wurde.
Das war nun freilich für Sepp ein schmerzlicher Schlag; doch machte er
aus der Not eine Tugend, und so kam die ersparte Zeit den Vorbereitungen für
das Examen zugute, dass er schließlich, wenn auch nicht glänzend,
so doch ehrenvoll bestand.
Über die Zeit seines Aufenthaltes im Priesterseminar, sowie über
das vorangehende Universitätsjahr zu München fließen meine Quellen
spärlich. Nur das eine hab ich mir sagen lassen, dass er während seiner
zwei philosophischen Semester gleich fleißig wie die Kollegien auch das
Hofbräuhaus frequentierte. Ist doch schon in diese Zeit die erste Entwicklungsperiode
jenes ausdauernden Purpurs zurückzuleiten, der späterhin durch seine
Konsequenzen für Sepps Nase so verhängnisvoll werden sollte.
Dass ihm der Aufenthalt innerhalb der stillen Mauern des Alumnenhauses große
Seelenkämpfe und innere Stürme brachte, ist wohl nicht anzunehmen.
Sein Geist erfreute sich niemals einer besonderen Beweglichkeit. Gedankenskrupel
waren ihm zuwider wie schales Bier. Er ließ andere denken und nahm Worte
und Dinge, die man ihn lehrte, willig und kritiklos entgegen. Dann war ihm ja
auch seine Berufsbestimmung von Kindheit an so in Fleisch und Blut übergegangen,
dass ihm niemals der leiseste Gedanke kam, als hätte er auch zu etwas anderem
geboren sein können. Kurz, er verließ als geweihter Priester die
Schwelle des Seminars mit derselben gleichmütigen Ruhe, mit der er sie
betreten hatte – und als er vier Wochen später in dem weiten Grasgarten
seines Elternhauses unter blauem Himmel seine Primiz feierte, da heilt er den
ungeheuren Zulauf der Landbevölkerung für etwas ganz Selbstverständliches
und Natürliches. Der Pfarrer und ein paar Betschwestern nahmen es ihm freilich
übel, dass er beim Festmahle dem Bierkrug und der Weinflasche allzu wacker
zusprach, um ungeführt seine Kammer finden zu können. Sepp aber soll
auch das für natürlich und selbstverständlich gehalten haben.
Bald darauf verließ er seine Heimat, um die erlangte Kaplanstelle in
einem weit entfernten Pfarrdorfe anzutreten. Da nahm er als Köchin die
alte Hausmagd seiner Eltern mit sich, die ihn als Kind schon auf den Armen getragen
hatte.
Über Sepps siebenjährige Kaplanzeit und über die fünf Jahre,
die er als Pfarrer in einem hoch gelegenen Gebirgsort verbrachte, breitet sich
wieder ein Schleier, den keine Nachfrage zu lüften vermochte.
Da segnete eines Tages der alte hochwürdige Herr in seinem Heimatdorfe
das Zeitliche, und wenige Wochen später vernahmen die Bauern von –
sagen wir Wackersdorf – mit sehr geteilten Empfindungen die Kunde, dass
Sepp zum Nachfolger des Hingeschiedenen ernannt wäre. Seine Verwandten
sahen dem Eintreffen des neuen Pfarrers mit Stolz und großen Erwartungen
entgegen, da sie sich mit der gerechten Hoffnung trugen, dass ihr zu geistlichen
Ehren und Würden gekommenes Blut ihrer Stellung im Dorfe einen erhöhten
Nimbus verleihen würde. Andere jedoch, die mit Sepp auf der gleichen Schulbank
gesessen, von ihm gedrillt und geknechtet worden waren, und sich inzwischen
zu hausgesessenen Bauern und wahlfähigen Handwerkern ausgewachsen hatten,
ergingen sich in recht pessimistischen Befürchtungen, und das um so mehr,
als sie, wenn auch etwas dunkel und unbestimmt, von der energischen, weder Einmischung
noch Widerspruch duldenden Amtsführung vernommen hatten, die Sepp dort
oben in jenem Gebirgsneste zu handhaben pflegte. Beide Parteien vereinigten
sich jedoch in der Spannung und Neugierde nach dem Aussehen des neuen Pfarrers,
den sie seit seiner Primiz nicht mehr zu Gesicht bekommen hatten. All die zwölf
Jahre her war Sepp nicht mehr als Gast in seinem Elternhaus eingekehrt –
hatte ihm doch sein Beruf nicht einmal gestattet, dem Begräbnis seines
Vaters beizuwohnen.
Nun sollte er als wohlbestallter Seelsorger in seinem Heimatdorfe Einzug halten
– und am Tage seiner Ankunft waren Pfarrhof und Kirche von innen und außen
mit Blumen, Tannenbäumchen und Laubgewinden geziert, während draußen
vor dem ersten Hause des Ortes ein riesiger Triumphbogen sich über die
Straße baute. Im grauenden Morgen schon war des Pfarrers Bruder, der Hofbauer,
begleitet von der bejahrten Mutter, in Blumen geschmückter Kutsche nach
der Bahnstation gefahren – und lange vor der Stunde, zu der sie zurück
sein konnten, standen die Leute in dichten Gruppen vor dem Dorfe und spähten
die weit sichtbare Straße entlang.
Endlich rollte, von Staub umwirbelt, der Wagen mit dem Erwarteten einher, die
Rosse standen, die Böller krachten, die vom Lehrer angeführten Schulkinder
intonierten einen Jubelchor – die Leute aber reckten die Hälse und
stießen unter mühsam verbissenem Kcihern die Ellbogen aneinander,
denn aus der wankenden, ächzenden Kutsche stieg eine schwarze Gestalt,
die den Größten im Dorfe noch um Haupteslänge überragte,
mit Armen, Schultern und einem Leibe, dass der verhüllende Talar an Stoff
wohl ausgereicht hätte für die Flügelröcke zweier richtiger
Männer – mit einem Kopfe darüber, haarborstig, eckig und massiv,
mit einem breiten Gesichte, daraus eine Nase sich ballte – eine Nase!
Wo find’ ich für die Schilderung dieser Nase Worte und Bilder? Diese
Nase war gar keine Nase – sie war eine Volksversammlung von Nasen und
Näschen, von deren Gipfel eine flammende Röte über Wangen, Stirn
und Lippen floss, wie – wie- wie glühende Lava über die Felshänge
und Schroffen eines Feuer speienden, bizarr gebuckelten Berges.
Und das war Sepp, der neue Pfarrer von Wackersdorf!
In der einen Hand den Hut, in der andern das dicke Silber beschlagene Rohr,
so stand er, regungslos zur Erde niederblickend, vor den singenden Schulkindern,
die mit scheuen Augen zu jenem monströsen Gesichtsberge hinaufschielten.
Als dann das Lied zu Ende war, trat ein weiß gekleidetes Mädchen
aus der Reihe, reichte dem Pfarrer einen Blumenstrauß, knixte und begann:
„Hochwürdiger Herr Pfarrer, hören Sie mich an!
Das ganze Dorf drängt jubelnd sich heran,
Um Ihnen zu begrüßen, wie’s der Brauch,
Die Erwachsenen und die Schulkinder auch.
In diesem Ort sind Sie geboren
Und zum geistlichen Stand erkoren woren.
Nun kommen Sie durch Gottes Gnad und Gunst
Als Hochwürdiger Herr Pfarrer zu uns.
Das muss für Ihnen eine große Freude sein,
Wie auch wir alle uns darüber freun.
Nun bitt ich Sie, nehmen Sie in Lieb und Güt
Uns alle auf in Ihr Herz und Gemüt
Und lassen Sie uns freundlich werden zuteil,
Ihre Sorge für unser Seelenheil
Recht viele, viele Jahre noch.
Der hochwürdige Herr Pfarrer lebe hoch!“
„Hoch! Hoch! Hoch!“, schrie es in hundertstimmigen Chorus –
dann räusperte sich Sepp, was eine atemlose Stille hervorrief, legte die
Hand auf das Haupt des kleinen, weiß gekleideten Mädchens, und unter
stolzem Lächeln streifte er die Gesichter der Leute mit einem langsamen,
forschenden Blick aus den kleinen, von Wangen und Lidern schier erdrückten
Augen. Wie angrollender Donner klang es, als er zu reden begann:
„Meine lieben Landsleute und nunmehrigen Pfarrkinder! Es freut mich außerordentlich,
dass ihr euch so angstrengt habt wegen meiner, was allerdings bei jedem Pfarrer
geschieht, ob man ihn jetzt gern kommen sieht oder ungern. Wie’s in dem
Punkt mit euch bestellt ist, das werden ja die nächsten Wochen zeigen.
Aber mag’s jetzt sein, wie’s will, ich versprich euch, dass ich
meiner Heimatsgmeind ein redlicher Seelsorger sein und allweil euer Bestes im
Aug haben will … und wann’s selber gegen euren Verstand und Willen
ging. Also nochmals meinen besten Dank für alle und für jeden! So!
Und jetzt machen wir, dass wir heimkommen, denn ich hab seit gestern Mittag
nix Warms mehr gessen.“
Er nahm den Arm seiner Mutter, aus deren Augen Freude, Stolz und Sorge sprachen,
zog den Bürgermeister an seine andere Seite und wanderte zwischen den beiden
die Straße dahin nach dem Pfarrhause. Ihm nach marschierten die liebe
Jugend und ein großer Teil der Leute. Viele jedoch bleiben, die Hände
in den Taschen, flüsternd, raunend, wispernd und plaudernd unter dem Triumphbogen
stehen.
„Du! Hast du schon einmal so was gsehn?“
„Na! Ich noch net!“
„Kreuzsakra, is das ein Köpfl!“
„Auf den kann sich der Schneider freun!“
„Jetzt ich sag, er hätt schon droben bleiben können in seim
Felsennest … der Pfarrer mit die sieben Tagwerk Nasen.“
Das Wort wurde belacht und machte in wenigen Stunden die Runde durch das Dorf.
Andern Tags wurde die Installation mit großer Feierlichkeit begangen,
wobei der Herr Dekan eine Festpredigt hielt, die länger als erbaulich war.
Der kommende Sonntag brachte noch eine kleine Erregung – Sepps erste
Predigt. Der Lehrer, ein heimtückischer Achselträger, hatte dem Pfarrer
jenes ominöse Wort von den sieben Tagwerken und der Nase hinterbracht.
Wenn sich Sepp nun in anscheinender Gleichgültigkeit für die Zukunft
alle derartigen Rapporte verbat, so hatte ihn die Rede doch geärgert.
Als er dann am Sonntag auf der Kanzel stand und das Evangelium gesprochen hatte,
lehnte er sich mit beiden Armen weit über die Brüstung und begann:
„Andächtige Zuhörer in Christo! Da ist er nun, dieser neue
Pfarrer von Wackersdorf, derselbige mit seine sieben Tagwerk Nasen, der euch
gar so zuwider ist. Diesem Pfarrer gefallt es dahier an der Stätte seiner
Wiege sehr wohl, und er hat im Sinne, immer bei euch zu bleiben. Was werdet
ihr aber tun, wenn dieser Pfarrer einmal stirbt, mit seine sieben Tagwerk Nasen?
Da müsst ihr entweder den Friedhof vergrößern oder die sieben
Tagwerk in die Tiefe graben. Es wäre mir um meiner Ruhe willen angenehm,
wenn sich der Gemeinderat jetzt schon mit dieser Frage befassen würde.
Und nun zum Texte unseres heutigen Evangeliums …“ In tönendem
Schwalle sprudelten ihm nun die Worte christlicher Ermahnung von den Lippen,
und als er erst so recht in Zug kam, da funkelten seine Augen, da regnete es
Pech, Schwefel und höllisches Feuer, da hallten die Wände vom Klang
seiner mächtigen Stimme, die Fensterscheiben erzitterten, und unter seinen
Faustschlägen dröhnte die Kanzel. Dabei kam er, je mehr er sich in
seinen heiligen Eifer hineinsprach, immer mehr von dem hochdeutschen Tone ab,
in dem er begonnen, bald platzte ihm ein derbes, aber bezeichnendes Wort über
die Lippen, dann kam so ab und zu ein ganzer Satz in den Lauten seiner Heimatsprache,
und zu guter Letzt klang seine Rede, wie der Bauer zum Bauer spricht. „So!
Für heut soll’s gnug sein! Und wen’s troffen hat, der kann
sich hinter die Ohrwascheln kratzen. Amen!“
Als das Hochamt zu Ende war und die Bauern über den Kirchhof schritten,
winkten sie einander zu, zogen die Augenbrauen in die Höhe und nickten
mit den Köpfen zustimmend vor sich hin.
„Du! Der kann’s!“
„Hätt’s net denkt!“
„Gwiss wahr, so hab ich noch nie kein net predigen hören.“
„Der redt eim ja ins Gwissen, dass eim d’ Haar aufstehn vor Schauder
und Sündenreu.“
„Und weißt, was das schönste dran is?“
„No?“
„Dass man versteht, was er sagt und was er meint, und dass er kein so
lateinisch Gsalbader macht, wie der ander selig.“
„Ja, ja! Und einschlafen tut bei ihm gwiss keiner!“
„Da kannst recht haben!“
So und so ähnlich schwirrte es hin und her in ernsten und scherzhaften
Worten – und gar, als die Bauern eine Viertelstunde später auf dem
Marktplatz im großen Bürgerrat beisammen standen und der Ortsvorsteher
verlas, dass Hochwürden Herr Pfarrer aus Anlass seines Amtsantritts fünftausend
Mark zur Erbauung eines neuen Armenhauses gestiftet habe, da waren die „sieben
Tagwerk Nasen“ vergessen, und über Sepp herrschte nur noch eine Stimme
der Anerkennung und Zufriedenheit.
Woche um Woche verging, und alles war zum Besten in ein ruhiges Geleise gekommen.
Die Leute gewöhnten sich an die rauen, oft gröblichen Worte des Pfarrers,
da sie sahen, wie gut er es trotz alledem mit ihnen meinte, wie er an keinem
Krankenbett fehlte, wie er überall, wo Not an den Mann kam, mit bestem
Rat und ebenso häufig mit materieller Hilfe beisprang, und wie er das wohl
der Gemeinde und seiner Pfarrkinder zu seiner einzigen Sorge machte.
Die Jungen freilich brummten ein wenig gegen die strenge Zucht, die er führte,
und waren anfangs zu Possen und Ärgernis wider den Pfarrer gern bereit.
Seit der Zeit jedoch, da Sepp einen Burschen, der schlecht an einem Mädel
gehandelt und dieser Tat sich im Wirtstische gerühmt hatte mit dem Bemerken,
dass es ihn den Teufel kümmere, was der Pfarrer dazu sagen würde –
seit Sepp diesen Burschen, als er gerade am Pfarrhof vorüberging, beim
Kragen gefasst, in den Flur gezogen und dort windelweich geprügelt hatte,
waren die andern von einem heilsamen Respekt erfasst worden.
Solche kleine Intermezzi abgerechnet, lebte auch Sepp in der ersten Zeit ruhig
und zufrieden seine Tage dahin. Sein Vormittag galt dem Kirchendienste, seinem
Bevier und der Erledigung seiner Schreibereien. Nach Tisch unternahm er, mochte
das Wetter gut oder schlecht sein, einen stundenlangen Spaziergang in Wald und
Feld. Auf dem Rückwege sprach er dann bei seinen Kranken vor – und
überall, wo er ging, liefen ihm die Kinder zu, um seine großen, roten
Hände zu küssen. Jeden Erwachsenen, dem er begegnete, heilt er mit
lautem Gruße an und fragte ihn nach Leid und Freud in seiner Familie.
Darauf kehrte er im Wirtshause zu, um sein gleichmäßiges, freilich
gut bemessenes Quantum Bier zu vertilgen und den Rest des Nachmittags mit einem
Kegelspiel oder einem harmlosen Taröckchen zu vertreiben. Am Sonntage saß
er hier mitten unter seinen Bauern und disputierte mit ihnen von all jenen Dingen,
von denen ein Bauer eben zu reden weiß. Wenn bei einbrechender Dunkelheit
die Aveglocke zum Gebet läutete, sprach er mit den Wirtsgästen gemeinsam
noch den Abendsegen: „Der Engel des Herrn brachte Maria die Botschaft,
und sie empfing vom heiligen Geist. Gegrüßt seist du usw.“
– dann nahm er Hut und Stock, dankte für die allseitig gewünschte
„gute Nacht“ und wanderte dem Pfarrhof zu. Da hatte er es dann gerne,
wenn einer seiner Verwandten oder der eine und andere seiner intimeren Bekannten
nach dem Abendessen noch auf ein Plauderstündchen bei ihm vorsprach, um
unter Scherz und Ernst eine Flasche echten Tiroler auszustechen.
Aber nicht allein im eigenen Dorfe mehrte sich des neuen Pfarrers Ruhm von
Tag zu Tag – der Ruf seiner fulminanten Predigten verbreitete sich ringsum
im Lande, und an Sonn- und Feiertagen strömten die Bauern auf Stunden weit
herbei, um den „Plöderersepp“ predigen zu hören. Diese
Bezeichnung war zu gleichen Teilen Ehren- und Spitzname – doch mag es
den Sprachgelehrten überlassen bleiben zu erkunden, inwieweit die erste
Hälfte mit dem mittelhochdeutschen blôdern verwandt ist, das so viel
wie rauschen, brausen und wohl auch so viel wie überlautes Sprechen bedeutet.
Sepp verstand es, diesen dickköpfigen Christen auf ihre eigene Weise in
das Herz zu reden, wobei er vor allem die Aufmerksamkeit durch eingestreute
Bilder, Geschehnisse und Histörchen zu fesseln wusste, die er mit dem gleichen
Ernst behandelte wie das Heiligste des Heiligen. Gar mancher Satz und manch
eine Geschichte, die er da mit seiner Donnerstimme von der Kanzel verkündte,
lebt heute noch wortgetreu im Gedächtnisse jener, die sie unmittelbar aus
seinem Munde vernahmen oder von Älteren überliefert erhielten.
So begann er an einem Marienfeste seien Predigt mit folgenden Worten: „Ihr
meine lieben Kinder im Herrn! Es wird euch nicht unbekannt sein, dass es auf
der Welt gar verschiedene Nüsse gibt, als da sind Haselnüss, Welschnüss,
Bedürfnis, Hindernis, Betrübnis und andere mehr. Doch unter alle Nüss
die kostbarste, die edelste und erhabenste, das ist – Mariä Empfängnis.“
Ein andermal, man feierte Schutzengelfest, fuhr er, an das Wesen und die Bestimmung
der Schutzengel anknüpfend, folgendermaßen weiter: „Bei manchem
hat’s zwar nicht den Anschein, aber es ist deswegen doch lautere Wahrheit,
dass jeder Mensch seinen Schutzengel hat: Der Bauer und die Bäuerin, der
Sohn und die Tochter, der Knecht und die Dirn, jeder Mensch hat einen. Und dass
ihr wisst, was ein heiliger Schutzengel für seinen Schützling leisten
kann, wenn er ihn hochhält durch fleißiges Gebet und geziemende Verehrung
… deswegen will ich euch erzählen, was ich für einen Schutzengel
hab. Es wird euch allen bekannt sein, dass mir vor vier Wochen auf meiner Rückfahrt
von Altötting die Pferde durchgegangen sind. Die Ross sind gflogen, der
Kutscher is auch gflogen … aber anderst … und ich und die Köchin
sitzen allein im Wagen. Was glaubt ihr, dass ich mir da denkt hab? ‚Du
mein lieber, heiliger Schutzengel, erhalt dein alten Sepp!’ Und kaum,
dass ich’s denkt hab, reißt’s auch schon den Wangen um. Was
glaubts aber, dass ich jetzt gsagt hab? ‚Du mein lieber Schutzengel, ’s
Aufbetten verstehst!’ Denn neben meiner Köchin bin ich dringsessen
im dicken Gras wie im schönsten Flaumenbett.“
Einer ausgedehnten Kolportage erfreut sich heute noch die Trauerrede, die Sepp
am Grabe seines besten Freundes und täglichen Gesellschafters, am Grabe
des Bräumeisters von Wackersdorf gehalten hat. Als er, mit Mühe seine
Bewegung meisternd, die rituelle Einsegnung gesprochen hatte, schloss er das
Buch und blickte lange Sekunden stumm und mit nassen Augen auf den schwarzen
Sarg, bis er endlich mit gedrückter Stimme zu reden begann: „Siehst
es, Wölferl, siehst es! Wann so bei mir gsessen bist, hast allweil gmeint,
du gehst einmal mit meiner Leich und schaust mir in die Gruben! Und jetzt geh
ich mit deiner Leich und schau dir in die Gruben! Ja, ihr Freunde und Trauernden,
blicket her auf diesen Sarg, der ein furchtbares Sinnbild der irdischen Vergänglichkeit
ist! Vor wenigen Tagen habt ihr noch mit ihm gescherzt und gelacht, und nun
liegt er da, der gute Bräumeister, dieser vorzügliche Biermacher!
Ja! Dieses feine, dieses milde, dieses klare Bier wird man selten finden. Dafür
war Wolfgang Adler aber auch im bayrischen Walde geboren, in jenem bayrischen
Walde, aus dem die glorreichen Bräuknechte hervorgehen, geboren im Jahre
1801, wo selbigs Mal der große Wind gegangen ist.“
In diesem Tone sprach Sepp weiter, die Lebensgeschichte des Verblichenen verherrlichend,
bis er endlich mit den Worten schloss: „Und wer meinen lieben Bräumeister
bei Lebzeiten nicht nach Verdienst geschätzt hat, der wird es jetzt nach
seinem Tode tun. Ihr werdet schon sehen! Wenn ihr da von der Arbeit kommt, müd,
hungrig und durstig, oder ihr kehret vom Felde heim, wo euch die Sonn auf die
Köpf geschienen hat, dass euch die Zung am Gaumen pappt, und ihr müsst
ein trübs und ein mattes Bier trinken … gelt ja, da könnts nachher
schreien: O du grundgütiger Herrgott, hättst uns doch unsern Bräumeister
glassen! Da kommt euch nachher ’s Einsehen, was er für euch gwesen
is? Aber statt dass nachher auf den neuen Panscher gschimpft sein muss, betet
lieber ein heimliches Vaterunser und wünschet dem Toten, was ich ihm jetzt
wünsch: Herr, gib ihm Fried und Ruh in Ewigkeit, Amen!“ Dann wandte
er sich schluchzend an die Leichenträger: „Und so lassts ihn halt
abi in Gottesnamen!“
So wären Beispiele, wie dieser dörfliche Abraham a Santa Clara seinen
Bauern zu predigen pflegte, noch zu Dutzenden anzuführen.
Da mag es jetzt nach all dem Erzählten freilich scheinen, als hätte
Sepp in ungetrübter Ruhe seines Lebens sich freuen können. Dem war
aber doch nicht so. Denn abgesehen davon, dass das stete Wachstum und Vermehrungsgelüste
seiner Nase ihm manche schwere Stunde bereitete, wurde der ruhige Gang seiner
Tage von einem roten Faden des Haders gekreuzt, der für den guten Pfarrer
wohl noch zur würgenden Schlinge geworden wäre, wenn nicht –
aber das später.
Zwei Monate nach Sepps Amtsantritt in Wackersdorf hatte sein hochwürdigster
Herr Bischof gelegentlich einer Inspektionsreise für die Dauer eines Mittagsessen
im Pfarrhofe vorgesprochen.
Der Pfarrer war sich natürlich der Ehre vollauf bewusst, die ihm da widerfuhr,
ließ, soweit er und seine alte Köchin es verstanden, auftragen, was
gut und teuer war, und strahlte ovr Vergnügen, da der hochwürdigste
Herr jede Schüssel und jede Flasche gar freundlich zu loben beliebte. Übereifrig
und unermüdlich war Sepp im Beantworten all der leutseligen Fragen, die
an ihn gerichtet wurden. Und als dann der hohe Gast sich so nebenbei auch erkundigte,
wie Sepp mit dem Einkommen seiner Pfarrei zufrieden wäre, da nictke der
Hochwürdige schmunzelnd vor sich hin:
„Aaah, Wackersdorf ist wohl eine von den besten Pfarreien. Da bleibt
nichts zu wünschen übrig. Und dann … so ein bissl was hab ich
ja selber auch … also …“
„Also sind Sie“, unterbrach ihn der Bischof, „im Vergleich
zu Ihrem Vorgänger noch weit besser daran, der doch von seiner Pfründe
allein jährlich achthundert Mark zurücklegen konnte.“
Sepp lachte. „Ich selber wüsst auch nicht, wie ich alles allein
brauchen sollt.“
„Ihr Herr Vorgänger hat in liebenswürdigster Weise diese jährliche
Ersparnis der Vervollkommnung meines Priesterseminars zugewendet. Und ich würde
gerne hören, dass Sie, sei es nun aus rein wohltätigem Drange für
das Interesse unseres Standes oder aus irgendwelchem Motive der Dankbarkeit,
das gleiche beabsichtigen möchten.“
Betroffen schwieg Sepp eine zeitlang. In seiner Hand zitterte die Gabel, mit
deren Zinken er auf seinem Kuchenteller Figuren in die Zuckerkrumen zeichnete.
„Freilich … an meinem Beutel zehren mehr, als an dem des alten Herrn
Pfarrer selig … das heißt, was ein anderer in dem Pfarrhof erspart
hat, kann ich auch ersparen … und also gut … ich will jedes Jahr
die gleichen achthundert Mark zurücklegen. Aber was ich einnimm, ist ja
Bauerngeld … es wär also doch wohl nicht mehr als billig, wenn ein
entbehrlicher Überschuss wieder den Bauern zugut käm? Unser Kirchl
ist klein, und jeden Sonntag muss ein teil der Leute Predigt und Hochamt durch
die offenen Türen und Fenster anhören … es wäre also da
ein Erweiterungsbau wohl auch ein gutes, christliches Werk, mein’ ich.
Wenn also der hochwürdigste Herr Bischof nichts dagegen hätten …“
„Bitte, Herr Pfarrer, was ich sagte, war nur ein Vorschlag, den Sie ja
immer noch des genaueren überlegen können!“, lautete die lächelnde
Antwort, während der hohe Gast sich vom Tisch erhob.
Eine Stunde später, als das Rollen der bischöflichen Equipage auf
der staubigen Straße verklang, steuerte Sepp in langen Schritten dem Bräuhause
zu.
„Wölferl! Wölferl!“, rief er mit lauter Stimme durch
das offene Tor in den weiten, von Wasserdämpfen erfüllten Sudraum.
„Mach weiter, nimm dein Hut!“, sprach er den damals noch in voller
Gesundheit strotzenden Bräumeister an, als dieser mit fröhlichem Grüßgott
herbei sprang. „Und geh ein Stündl mit mir spazieren. Ich hab was
z’reden mit dir.“
Als nach Wochen vom bischöflichen Sekretariat eine Anfrage einlief, „wie
Hochwürden in der bewussten Angelegenheit sich entscheiden habe“,
antwortete Sepp bündiger als gerade notwendig gewesen, dass die Stiftung
der jährlichen achthundert Mark zur Erweiterung der Kirche vorläufig
für fünf Jahre beim Ortsvorsteher bereits verbrieft läge.
In das folgende Frühjahr fiel eine Landtagswahl, und Sepp, von jeher ein
abgesagter Feind aller politischen Umtriebe, beteiligte sich dabei eben nur
durch die Abgabe seiner Stimme. Einem bischöflichen Erlasse, der einige
Wochen später einlief, war ein ziemlich ungnädig gehaltener Vermerk
über diese Lauheit im Dienste der kirchlichen Interessen beigefügt.
Und merkwürdig – Sepp konnte von nun an dem Ordinariate keinen Bericht,
dem Bezirksamte kein Protokoll mehr korrekt und umfassend genug zustande bringen;
da kam eine Reklamation, eine Berichtigung um die andere an den Pfarrer zurück.
Einmal – es ging schon in das zweite Jahr, seit Sepp in Wackersdorf weilte
– erhielt er eine ernstliche Ermahnung wegen seiner Art zu predigen. Es
wäre unschicklich und Ärgernis gebend, so heiß es, dass er Dinge
profanen Inhalts in einer Art und weise auf der Kanzel zu verhandeln liebe,
die sich kaum mit dem am Biertische zu wahrenden Anstande, um so viel weniger
mit der Heiligkeit des Ortes vertrage, an dem man das lautere Wort Gottes zu
hören gewohnt wäre.
Sepp war wütend. Er sandte eine geharnischte Erwiderung an das Ordinariat:
Man solle den Pfarrern auf dem Lande nicht vorschreiben, wie sie zu predigen
hätten. Die Herren Pröpste und Kapitularen verstünden wohl, auf
welche Weise man den seidenrauschigen Stadtfräulein das Evangelium in das
– Mündchen streichen müsse. Wie man aber den Bauern ins Gewissen
zu reden habe, das verstünde nun er wieder besser, da er, eines Bauern
Sohn und unter Bauern aufgewachsen, wisse, was Bauernart wäre.
Umgehend kam die Antwort: Dass er Bauernart zu üben wisse, beweise der
Ton seines Schreibens. Unter dem Bemerken, dass man ihm eine derartige Kritik
eines Ordinariatserlasses ein für allemal untersage, würde man es
ihn für geraten bezeichnen, die ergangene, gelinde Ermahnung als einen
Beweis des Wohlwollens zu betrachten. Man hätte es vorerst nur deshalb
bei der zarten Warnung bewenden lassen, da man ihn bislang noch für so
gutmütig kurzsichtig halte, in dem Zulauf der Landbevölkerung zu seinen
Predigten eine bäurisch fromme Begeisterung zu erblicken, während
das Motiv hiefür doch nichts anderes wäre, als die Sucht der Leute,
sich an des Herrn Pfarrers Kanzelspäßen zu erlustigen.
Das kam unserem Sepp nun wieder spaßhaft vor. Seine guten, frommen Bauern,
die regungslos mit offenen Ohren und Mäulern saßen und standen, wenn
er auch stundenlang predigte, sollten sich über ihn lustig machen! Diese
Vermutung erschien ihm so komisch, dass sie ihn mit dem ganzen Handel versöhnte
und seine Ruhe wieder ins Gleichgewicht brachte.
Er legte das Schreiben zu den übrigen, fuhr fort zu predigen, wie er es
bisher gewohnt war – und als er Monate hindurch „von oben“
nichts weiter zu hören bekam, dachte er nicht anders, als dass die hohen
Herren in der Stadt eben zur Einsicht gekommen wären.
Da, an einem Sonntage – Sepp stand eben in der Sakristei und zog das
Chorhemd mit den zierlich gekräuselten Spitzen über den Talar –
kam plötzlich seine alte Köchin herbeigelaufen und flüsterte
ihm zu: „Herr Pfarr! Herr Pfarr! … Der Landrichter!“
„Was is mit dem Landrichter?“, fragte Sepp die Alte, die vor atemloser
Erregung kaum weiter sprechen konnte.
„In der Kirch is er … drin im Glockenhaus versteckt, der Gmeindsdiener
hat mir’s gsagt … der hat’s gsehen, wie ihn der Lehrer nach’m
Zammläuten einigführt hat.“
„Is gut! Geh nur zu!“, stieß Sepp zornig hervor, drückte
das Barett in die Stirn und trat mit langen Schritten aus der Sakristei
in den Kirchenraum. Trippelnd folgte ihm der Ministrant mit Weihwasserkessel
und Sprengwedel. Auf den Stufen, die vom Altarraume zu den Bestühlen
hinunterführten, blieb er stehen und sprach mit erhobener Stimme:
„Liebe Pfarrkinder! Bevor ich den heiligen Gottesdienst beginne, hab
ich euch etwas zu sagen. Ich hab euch heut wieder einmal eine tüchtige
Predigt halten wollen, und es hätt euch das auch sehr Not getan. Da hint
im Glockenhaus steht aber einer, der mir net taugt, und drum könnt ihr’s
über acht Tag hören!“ Damit fasste er den Sprengwedel, schritt
den Kirchgang auf und nieder, das Weihwasser in dicken Tropfen über die
sich bekreuzenden Leute sprühend, und verschwand dann erhobenen Hauptes
in der Sakristei, um sich zum Hochamt anzukleiden.
Mit einem Schlage wandten sich nun alle Gesichter gegen die Türe des Glockenhauses,
und ein zischelndes Flüstern durchlief die Betstühle. Da trat aus
der letzten Bank einer der Knechte von Sepps Bruder hervor, ging auf den Turmbau
zu und stieß mit der Faust die Türe auf. An ihm vorüber schritt
aus dem dunklen Raum ein schwarz gekleideter Herr und steuerte eilfertig dem
Portal zu, während er mit der einen Hand den Zylinderhut vor das Ohr hielt
und mit der andern ein weißes Taschentusch über Mund und Nase deckte.
Als Sepp nach dem Hochamt die Sakristei verließ, sah er auf dem Kirchhof
die Männer in Gruppen beieinander stehen. Und eine Viertelstunde später,
während er in seiner Stube beim Frühstück saß, kamen die
sechs Ältesten der Gemeine zu ihm. Man wisse schon, wer der Besuch gewesen
sei, und auch was er zu bedeuten habe – so wandte sich ihr Spreche an
den Pfarrer. Und deshalb ließe ihm die Gemeinde jetzt sagen, dass weder
der Herr Landrichter noch sonst jemand den Bauern von Wackersdorf etwas dreinzureden
hätte. Ihr Pfarrer wäre ihnen recht, gerade so und nicht anders. Und
was auch geschehen möge, sie würden zu ihm halten, wie er in Not und
Sorgen zu ihnen.
Sepp konnte vor Rührung kein Wort erwidern. Er drückte den Männern
nur stumm die Hände und schob sie zur Türe hinaus – hätte
er sich doch vor ihnen der zwei dicken Tränen schämen müssen,
die er, wieder allein, mit seinen klobigen Fingern aus den Augen wischte –
dieser Riese an Gliedern, der an Herz ein Kind war, wenn nur einmal die grobe
Rinde sprang, die es umhüllte.
Die folgende Woche brachte noch eine andere Aufregung ins Dorf. Ein Bräuknecht,
der um seines gesunden Humors willen bei jedermann beliebt gewesen, hatte durch
einen Sturz in die mit kochendem Wasser gefüllte Sudpfanne den jähen
Tod gefunden. Als Sepp auf die Schreckenskunde herbeieilte, fand er das Everl,
die seit längerer Zeit schon halbverwaiste Tochter des Verunglückten,
ein sechzehnjähriges, braves, blühendes Kind, neben der grässlich
verstümmelten Leiche aufgelöst in Jammer. Sepp überließ
die Sorge für den Toten all den herbeigeeilten Leuten und führte das
schluchzende Mädchen mit sich in den Pfarrhof – und da war es nun
seltsam anzusehen, wie der großmächtige Mann neben dem Kinde saß
und ihm Trost zusprach in den liebevollsten Worten.
Immer und immer wieder sprang Everl auf und begehrte schreiend zu ihrem Vater.
Sepp aber, der verhindern wollte, dass sie sich an dem grauenhaften Anblick
der Leiche von neuem entsetze, drückte sie stets wieder mit sanfter Gewalt
in die Sofaecke: „Schau, Everl, bleib bei mir! Dein Vater is ja jetzt
im Himmel bei deiner Mutter, und da schauen s’ jetzt miteinander runter
zu dir. Drum musst net so weinen und jammern, denn weißt, das spüren
die Verstorbenen, und das tut ihnen grad so weh in der Seel, als wie uns. Geh,
komm, musst dir net die Erinnerung verunstalten lasen durch das traurige Bild.
Wie dein Vater im Leben war, so musst ihn im Herzen behalten, mit dem guten
Gsicht und mit die treuen Augen.“
Wenn solche und ähnliche Worte auch die Tränen des Mädchens
nicht zu stillen vermochten, so brachten sie ihm doch so viel Trost und
Ruhe, dass es einsah, wie gut der Pfarrer es meinte, und seinen Anordnungen
williges Gehör schenkte. Als Sepp später das Haus verließ,
musste die Köchin zum Everl in die Stube sitzen; und da er wohl einsah,
welch ein trauriger Aufenthalt für die Verwaiste das eigene, totenstille
Häuschen wäre, so gebot er der Alten, in ihrer Kammer für
das Mädchen ein Lager zu richten; wenigstens bis nach dem Begräbnis
sollte Everl im Pfarrhof bleiben.
Am andern Tage hielt er im ganzen Ort Umfrage nach einem Platz für die
Waise; doch fand er keine Stelle, an die er sie gern und beruhigt gegeben hätte.
Als er des Abends sich darüber bedauernd gegen seine Köchin äußerte,
warf die Alte ein: „Wissen S’ was, Herr Pfarrer, bhalten S’
das Madl bei uns! Bei mir geht’s sowieso nimmer recht mit Händ und
Füß, ich könnt eine junge Beihilf gar net übel brauchen.“
Und so geschah es. Everl fand im Pfarrhof eine zweite Heimat, und es tat ihrem
Herzen wohl, dass sie hier so gut und freundlich gehalten wurde. Mit schwärmerischer
Dankbarkeit hing sie an ihrem Wohltäter, und rührend war es zu sehen,
mit welchem Fleiß sie sich jeder Arbeit im Haus unterzog und mit welchem
Eifer sie der alten Köchin jede Mühe zu erleichtern suchte. Ehe noch
die zweite Woche verging, war sie mit allen Obliegenheiten so vertraut und in
allen Dingen so geübt, dass ihre Unterweiserin anfangen konnte, die Beschließerin
zu spielen und plaudernd am Herd zu sitzen, während Everl mit rührigen
Händen alle Arbeit tat.
Sepp hatte in diesen zwei Wochen ungewöhnlich viel mit Schreibereien zu
schaffen. Tagtäglich kamen und gingen Briefe. Eines Morgens kam auch ein
fremder Herr mit einem langen, schwarzen Bart zu Besuch, der sich außerordentlich
für die Dorfkirche zu interessieren schien. Ein andermal ließ Sepp
gar die Kutsche seines Bruders kommen, fuhr gleich nach der Messe davon, ohne
zu hinterlassen, wohin, und kehrte erst spät in der Nacht wieder zurück.
Am folgenden Sonntag lüftete Sepp den Schleier dieses geheimnisvollen
Treibens. Er ließ nach dem Hochamt jene sechs Ältesten der Gemeinde,
die damals nach der Landrichtergeschichte als Kundgeber des Vertrauens seiner
Pfarrkinder zu ihm gekommen waren, in den Pfarrhof rufen und hielt, während
er auf dem Tisch verschiedene Schriften und Pläne ausbreitete, eine Ansprache
des Inhaltes: Wie sie wüssten, hätte er sich für fünf Jahre
verpflichtet, zugunsten einer Erweiterung des Pfarrkirche jährlich achthundert
Mark zu erlegen. Da man aber nie wisse, was die Zukunft bringe, und da er sich
für den Ausdruck des Vertrauens, den ihm die Gemeinde entgegengebracht,
dankbar erweisen wolle, so hätte er Baupläne und Voranschläge
fertigen lassen, die Baugenehmigung bereits erholt, und hiemit übergebe
er ihnen als Vertreter der Gemeinde die Urkunden und dazu die Summe, die mit
den bereits bezahlten Jahresraten die Höhe der Kostenvoranschläge
erreiche. Wenn sie also Lust hätten, könnten sie gleich morgen zu
bauen anfangen.
Da war denn großer Jubel im Dorfe. Abends kam der gesamte Gemeinderat
mit Blechmusik vor den Pfarrhof gezogen, und als das Ständchen mit seinen
manchmal gewagten Harmonien verklungen und das dreifache Hoch, das der Bürgermeister
auf Hochwürden Herrn Pfarrer ausbrachte, verhallt war, bedankte sich Sepp
mit kurzen Worten und öffnete dann Flur und Stuben den rasch geladenen
Gästen.
Auch noch ein anderes Geschäft war dem Pfarrer in diesen Tagen geglückt:
Er hatte einen guten Käufer für das kleine Häuschen gefunden,
welches Everls Erbteil bildete. Als er dem Mädchen die zwar nicht beträchtliche,
aber doch einen annehmbaren Sparpfennig ausmachende Summe nannte, blickte Everl
bittend zu ihm auf.
„Hochwürden Herr Pfarrer“, sagte sie, „ich hätt
schon ein rechtes Anliegen am Herzen.“
„Raus damit, Everl!“
„Schauen S’ halt seit mein liebs Vaterl im Grab liegt, geht’s
mir schon allweil nach, dass er bloß so ein armseligs Holzkreuzl
über ihm stecken hat. Und weil ich jetzt doch ein Geld hätt,
so meinet ich halt …“ „Du könntest ihm ein richtigs,
eisernes Kreuz setzen lassen, gelt?“, fragte Sepp, als das Mädchen
zögerte. Everl nickte.
„Recht schön is das von dir, denn es beweist, wie dein Herz und
dein ganzes Denken an deinem Vater hängt. No, no … geh, sei stad
… musst net wieder weinen! Aber schau, zu deiner Bitt darf ich halt doch
net Ja sagen. Du musst das bissl Geld zammhalten … jetzt freilich, solang
du bei mir bist, hast es net nötig … aber man muss auf alle Fäll
denken. Glaub mir’s, Everl, durch ein frommes Andenken ehrt man ein Grab
mehr, als durch ein eiserns Kreuz. Aber sei jetzt net betrübt deswegen,
es wird sich schon noch ein Ausweg finden lassen.“
Traurig verließ Everl die Stube, und vergebens dachte sie nach, wie da
ein Ausweg zu finden wäre. Als sie aber vierzehn Tage später den Kirchhof
besuchte, benahm ihr die Überraschung fast den Atem, als sie das Grab ihres
Vaters mit einem geschmiedeten Kreuze geschmückt sah, dessen Stangen, Schnecken
und Rosetten zierlich bemalt und vergoldet waren. Ohne sich Zeit zu einem Vaterunser
zu nehmen, rannte sie nach dem Pfarrhofe zurück. Mit glühenden Wangen
trat sie in die Stube, und Stammeln und Tränen waren ihr Dank für
die Erfüllung ihres Lieblingswunsches.
„Siehst, Everl“, sagte Sepp, während er den Kopf des Mädchens
freundlich zwischen seine Hände nahm, „so wie dir das nausgangen
is, so wird dir alles nausgehen im Leben, wenn du nur immer schön brav
und rechtschaffen bist.“ Er blickte auf, denn die Türe öffnete
sich und der Lehrer trat ein. „Was gibt’s?“
„Net viel, Hochwürden, net viel, bloß ein paar Zeugnis zum
Unterschreiben!“, entgegnete der Schulmeister und breitete mit lächelnder
Geschäftigkeit auf dem Tisch einige Schriften aus.
Während Sepp das Tintenzeug herbeiholte, verließ das Mädchen
die Stube mit abgewandtem Gesicht, um vor dem Lehrer die nassen Wangen zu verbergen.
Am anderen Tage, da schon die Dämmerung einbrach, kam wie gewöhnlich
der Postbote, um Zeitungen und Briefe zu bringen.
„Herr Pfarrer … ich möchte was fragen … das heißt,
wann Sie’s net verübeln?“, so begann der alte Mann, da er sich
schon wieder zum Gehen gewandt hatte.
„Red nur! Was willst?“
„Grad vorhin hat mir der Lehrer ein Brief ans Ordinariat mitgeben, wie
früher schon öfters. Ich hab mir aber nie was denkt dabei …
erst heut, wie der Lehrer so rumdruckt hat, dass ich von dene Brief im Pfarrhof
herüben nix z’reden brauchet … erst da is mir’s aufgfallen,
als ob was net recht sauber sein könnt … nix für ungut drum,
Herr Pfarrer.“
„Ah, woher doch! Und ich dank schön für den guten Willen! Aber
habts kein Angst net, es is nix dran!“ Damit verabschiedet er den Postboten.
Es war wohl etwas daran. Was Sepp schon längst vermutet hatte, dass der
Lehrer über sein Tun und Treiben an das Ordinariat berichte oder berichten
müsse, das war ihm durch diese Mitteilung zur Gewissheit geworden. Aber
was mochte ihn das kümmern! Was er trieb und tat, durfte die ganze Welt
wissen.
Fünf Tage später kam wirklich ein Schreiben vom Ordinariate, und
Sepp erbrach es mit erwartungsvollem Lächeln. Kaum hatte er jedoch zu lesen
begonnen, da verfärbte sich sein Gesicht – so weit das möglich
war – und mit zitternden Händen zerknitterte er das Papier. Die Türe
riss er auf und schrie in den Flur hinaus: „Den Lehrer! Holts mir den
Lehrer!“ Und als Everl eilig aus der Küche herbei sprang, winkte
er sie mit der Hand zurück. „Du net! Die ander soll gehen!“
Mit schweren dumpf hallenden Schritten ging er in der Stube auf und nieder,
bis der Lehrer eintrat.
„Da! Lesen S’!“, schrie Sepp in Zorn und schleuderte dem
ängstlich Dreinschauenden das zerknüllte Papier ins Gesicht. „Lesen
S’, sag ich, lesen S’!“
Der Lehrer bückte sich nach der Papierkugel, faltete sie auseinander,
glättete das Blatt über dem gehobenen Knie und begann zu lesen.
„Ah! Ah! So was!“, stotterte er und wollte sich kopfschüttelnd
wieder in den Inhalt des Schreibens vertiefen, als ihm Sepp das Blatt aus den
Händen riss.
„Ja! So was! Und wie kommen Sie dazu, so eine Gemeinheit ans Ordinariat
zu berichten?“
„Ich?“
„Ja, Sie! Glauben Sie vielleicht, ich wüsst net …“
„Nix wissen S’! Gar nix wissen S’!“, kreischte der
Lehrer. „Aber weil’s schon so weit is, so sollen S’ einmal
wissen, wer Ihr verschwiegener Schutzengel die ganze Zeit über gwesen is,
wer all die Anfragen, die von drin gekommen sind, allweil aufs beste und schönste
beantwortet hat …“
„O du nix nutziger Kerl du!“, donnerte Sepp. „Ich brauch
kein andern Schutzengel, verstanden, als den mir mein Herrgott mit auf’n
Weg geben hat!“
„Aber Hochwürden Herr Pfarrer …“
„Ich will nix mehr hören! Marsch, naus zur Tür!“
Der Lehrer stand auf der Straße, er wusste nicht wie. Sepp aber setzte
sich in der Stube an den Tisch, um das Schreiben zu beantworten: Er könne
nicht begreifen, woher man im Ordinariat den Mut nähme, an einen unbescholtenen
Menschen eine Zumutung zu stellen, die, wenn auch unausgesprochen, die ungerechteste
Beleidigung in sich schließe. Übrigens müsse man ihm erst die
Beweise erbringen, dass irgendwer im Dorfe, den Lehrer vielleicht ausgenommen,
über die an ihm gerügte Handlungsweise sich wirklich in so „ehrabschneiderischen“
Worten geäußert habe. Was aber nun den Wunsch des hohen Ordinariats
anbelange, so verbiete ihm geradezu sein Gewissen, ihm Folge zu leisten. Er
würde den gegen ihn erhobenen Verleumdungen nur Nahrung und Gewicht geben,
wenn er das junge Mädchen so plötzlich aus seinem Hause entferne,
was übrigens auch auf die arme Weise selbst einen ganz unverschuldeten
Makel werfen müsste. Das letztere würde er umso weniger verantworten
können, als die Umstände, die das Mädchen in sein Haus geführt,
ihm unveräußerliche Pflichten auferlegt hätten – wenigstens
gemäß der Anschauungsweise eines christlich denkenden Menschen.
Briefe kamen und Briefe gingen. Während man auf der einen Seite immer
dringender und drohender bei der einmal aufgestellten Forderung beharrte, mäßigte
Sepp in keiner Weise die Schroffheit seines Widerstandes – im Gegenteil,
seine Erbitterung veranlasste ihn bei der Beantwortung der empfangenen Zuschriften
zu stilistischen Ausschreitungen, die seiner gerechten Sache nur von Schaden
sein konnten.
Ein unbefangener Richter freilich hätte ihn auch dessentwegen entschuldigen
dürfen, da das Schicksal gerade in diesen Tagen den Pfarrer in einer
Weise heimsuchte, die ihm vollends den Rest seiner Ruhe rauben musste.
Innerhalb einer einzigen Wochen begrub er seine alte Mutter und seinen
geliebten Freund, „den guten Bräumeister“, dessen Andenken
er durch jene bekannte Grabrede verewigte. Der Streit, den Sepp mit seiner
geistlichen Behörde führte, konnte für die Dorfbewohner
auf die Dauer kein Geheimnis bleiben. Und wenn auch die Mehrzahl der Leute
sich auf die Seite des Pfarrers stellte, so hatte doch der Schullehrer
auch gegen ihn Partei zu bilden gewusst. Es war das auch wieder ein Umstand,
der Sepps Erbitterung steigerte.
Everl, die unschuldige Ursache des ganzen Konfliktes, hatte bei alldem auch
nicht die leichtesten Stunden. Still und mit verweinten Augen ging sie im Hause
umher, da es die alte Köchin hinter des Pfarrers Rücken nicht an dem
Vorwurf fehlen ließ, dass des Mädchens Eintritt in den Pfarrhof den
Frieden und die sorgenlose Ruhe zur Türe hinausgejagt hätte. Nur Sepps
zufällige Dazwischenkunft hatte das Everl eines Tages von der Flucht zurückgehalten,
mit der es dem hochwürdigen Wohltäter einen Dienst zu erweisen gedachte.
Sepp fühlte, wenn er in einer etwas ruhigeren Stunde mit sich zu Rate
ging, wohl das Unhaltbare seines Widerstandes heraus. Da aber sein stolzer,
der eigenen Redlichkeit bewusster Trotz immer wieder das Recht auf seine Seite
stellte, so wurde es für ihn zur Unmöglichkeit, einen Modus der Nachgiebigkeit
und der Einlenkung zu finden.
Als er sich in der Folge nun gar mit der Versetzung nach einer Strafpfarre,
eventuell mit der Suspension bedroht sah, erwiderte er diese Mitteilung
durch ein Schreiben, dessen Ton und Inhalt sein Verbleiben als Untergebener
jener geistlichen Behörde freilich zur baren Unmöglichkeit machte.
Die Antwort, die hierauf erfolgte, kündigte ihm in kurzen Worten
für acht Tage später das Eintreffen des hochwürdigen Herrn
Bischofs an. In diese Frist fiel ein Sonntag. Als Sepp die Predigt beendet
und die sich daran knüpfenden Gebete und Verkündigungen gesprochen
hatte, wandte er sich, da er schon die Kanzel verlassen wollte, mit folgenden
Worten zu den Anwesenden:
„Noch was! Am Donnerstag kommt der Bischof. Da könnt ihr Kränze
binden, Triumphbögen errichten und Vorreiter ausschicken … und wohl
auch mich verklagen. Denn dies Mal gilt sein Kommen nicht eurem Seelenheil.
Er kommt nur als Taubenstössel, als Schwalbenhabicht zu mir armen Pfarrer.
Ich soll, wie ihr wisst, das Everl aus dem Haus geben. Aber eh ich mir eine
solche Beleidigung antun lass, geh ich ans Metropolitikum … und wenn das
nicht hilft, so soll Rom entscheiden.“
Es war spät in der Nacht vom Mittwoch auf den Donnerstag. In der
Stube des Pfarrhofes brannte noch die Lampe, und ruhelos wanderte Sepp
mit langen Schritten zwischen Tür und Fenstern hin und her. Plötzlich
klang es auf der Straße mit kreischendem Rufe: „Feuerjo! Feuerjo!“
Sepp sprang in den Flur und riss die Haustür auf. „Wo brennt’s?“,
rief er die vorübereilenden Leute an.
„Beim Kramer drunt!“
Da nahm er sich nicht mehr Zeit, seine Pantoffeln gegen Schuhe zu vertauschen;
wie er stand, barhäuptig und in Hemdärmeln, eilte er all den andern
voraus der Brandstätte zu.
Das ganze Sparrenwerk des Daches stand schon in hellen Flammen. Während
ie Bewohner des Hauses in tatlosem Jammer inmitten der Straße standen,
drängten Männer und Burschen durch die Türe aus und ein, um die
Krämerwaren und die Einrichtung der ebenerdigen Zimmer zu bergen. Da Sepp
gewahrte, wie langsam das vonstatten ging, schlug er and en Giebelfenstern die
Scheiben ein und riss mit einer durch die Notlage gesteigerten Kraft die Kreuzstöcke
aus den Mauerlucken, um dem Hausgerät einen mehrfachen Ausweg zu schaffen.
„Herr Pfarrer! Jesus Maria!“
Sepp vernahm den Warnungsschrei – er hörte ein Prasseln über
seinem Haupte, blickte auf – und mitten auf seine Stirne schlug
ein brennender Balken, den das Feuer aus dem Giebel losgenagt hatte.Den
hundertstimmigen Jammerruf der schreckensbleichen Leute hatte laut gellend
ein einziger Schrei des Entsetzens übertönt – und schon
lag Everl neben dem rauchenden Balken auf den Knien und rüttelte
unter stöhnenden Wehklagen das blutüberströmte Haupt des
Erschlagenen. Als am andern Tag der hochwürdigste Herr Bischof einfuhr in das
Dorf, fand er den renitenten, vorlauten Pfarrer als stillen Mann auf der
Bahre. Everl wurde von Sepps Bruder an Kindesstatt angenommen, und heute
ist sie die glückliche Schwiegertochter des gealterten Bauern. Sollte
der Zufall meinen Leser nach Wackersdorf führen, so bitt ich ihn,
die schmucke Hofbäuerin von mir zu grüßen – gleich
hinter dem Wirtshaus, an dem bergwärts führenden Sträßchen
der erste große Bauernhof links, das ist ihr Haus und Eigen.
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