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Auf dem Haidplatz, den die hoch gegiebelten und getürmten Häuser der
reichen Bürger in buntem Schmuck umgaben, drängte sich Kopf an Kopf.
Wie eine eiserne Mauer standen die fürstlichen Harnascher und die gepanzerten
Stadtknechte um die Schranken her und ließen hinter ihren Schultern das
Gedränge des Volkes verbranden.Innerhalb des abgesperrten Raumes war ein
Gewirr von Fahnen und Standarten, ein Gewirbel von hundert leuchtenden Farben
und ein Gefunkel von blanken Waffen und Edelsteinen.
Als das Königspaar mit dem päpstlichen Legaten den Friedensthron
und die Fürsten ihre roten, mit Wappen gezierten Hochsitze schon bestiegen
hatten, füllten die Prälaten, die Ritter und Ehrbaren ihre Bänke.
Dabei gewahrte Propst Pienzenauer in der ersten Reihe der Söldner einen
Harnascher, dem über das braune, ernste Gesicht eine schwere Narbe herunter
lief. An dieser Narbe erkannte er ihn wieder. Rasch trat er auf ihn zu und fragte
erregt: "Du? Warst Du nicht bei Dachau im Gefecht, als der Seipelstorfer
den Herzog von Ingolstadt fangen wollte?"
"Wohl, Herr! Da hab ich mitgedroschen." In die harte Stimme des Söldners
kam ein leichtes Schwanken, als er neben dem Fürstpropst den Ritter Someiner
stehen sah. "Und ich bin nit weit gewesen, wie Euch ein redlicher Mann
unter dem niedergestochenen Gaul herausgezogen hat."
"Mensch! Weißt Du, wer das war?"
"Wohl!" Malimmes vermied es, den Ritter Someiner anzusehen. "Das
ist mein guter Herr gewesen, der Richtmann Runotter von der Ramsau."
"Wo find ich ihn?"
Ein raues Lachen. "Da braucht Ihr Euch mit dem Suchen nit plagen. Der
ist weiter, als Menschen laufen oder reiten können." Malimmes sah
zur Sonne hinauf. "Wer den Runotter finden möchte, müsst fliegen
lernen und höher steigen als ein Isländer Falk."
Während Herr Pienzenauer erschüttert schweig, stammelte Lampert Someiner
mit heiserem Laut: "Malimmes "
Neben dem Friedensthron begannen die Trompeten zu blasen. Ihr Geschmetter weckte
ein dreifaches Echo an den hohen Mauern, und Hall und Widerhall verschmolzen
miteinander zu einem rasselnden Tongewirr, das sich anhörte wie das Gelächter
eines Riesen. Nun eine summende Stille. Auf dem Friedensthron erhob sich die
Majestät im funkelnden Prunk der königlichen Würde.Alle Gesichter
der vielen Tausende, der Hohen und Niederen, waren dem schön lächelnden
König zugewendet. Nur ein einziges nicht: Das schmale, rosige Gesichtchen
der zierlichen Königin. Die streckte das schlanke Hälslein und lugte
hinüber zu den Reihen der Harnascher.In anmutsvoller Bewegung die beringte
Hand erhebend, begann die Majestät mit gut geschulter, klingender Stimme
zu sprechen:
"Ihr meine lieben Oheime und Vettern! Ihr hochgeborenen Fürsten und
Herren, die Ihr Beschirmer der Gerechtigkeit und Liebhaber des Guten seid, Ausreuter
des Übels, Vertilger von Schande und Laster, eine sichere Zuflucht für
alle betrübten, gepeinigten und hilflosen Menschen!"
Die Fürsten blieben ernst, obwohl sie bei dieser Ansprache ein bisschen
verwundert drein guckten. Doch das Volk, das die spottende Heiterkeit flink
erfasste, brach in munteres Gelächter aus.
Durch die ganze Rede, die ein blühendes Loblied des Friedens wurde, schwang
der König die anmutige Geißel des Spottes, der ihm die Herzen des
Volkes eroberte. Und als er den Tausenden gebot, den in die bayrischen Lande
heimgekehrten Engel des Friedens mit deutschem Heilruf zu begrüßen,
rauschte ihm aus aufgereckten Händen eine brausende Woge der Freude und
Begeisterung entgegen.
Noch ehe das frohe, dankende Geschrei verhallte, kam vom Haus der Weltenburger
ein wunderlicher, gar nicht festlicher Zug einher gewandert. Voraus der land-
und dienerlos gewordene Herzog Ludwig, der die beiden Hunde an seinen Gürtel
gekoppelt hatte. Ihm folgten Kaspar Törring und Wieland Swelher mit zwölf
von Ludwigs letzten Getreuen, und sie alle, der Herzog wie die Seinen, waren
glich gekleidet und trugen graue Knechtshosen, graue Bauernkittel und graue
Kappen, die mit Marderschwänzen gezottelt waren.
Ein Lachen und Hälserecken im Volk, wie auf allen Bänken der Herren.
Und belustigt fragte der König: "Oheim Ludwig? Was soll zu ernster
Stunde dieser wunderliche Fasching?"
"Fasching? Nein, Majestät!" Stolz und ruhig hob Herr Ludwig
den Kopf. "Das ist Würde und Weihe. Mit diesem grauen Gewand wollen
wir die Sieger ehren, die uns in solchen Bauernkitteln bekriegten."
Über den weiten Haidplatz rann ein Fragen und Schwatzen hin. Und Herzog
Heinrich murrte verärgert: "Wollte ich so viel Geld an jeden billigen
Spaß vergeuden, so wäre mein Schatzturm bald eine Flohfalle, aus
der die gelben Flöhe bis auf den letzten entsprangen."
Dieser heiteren Minute folgte eine ernste Zeremonie. Während umflorte
Kirchenfahnen entschleiert und geknickte Wachskerzen aufgerichtet und entzündet
wurden, bliesen dumpfe Posaunen. Würdevolle Spannung lag auf allen Gesichtern.
Nur Kaspar Törring war nicht völlig bei dieser ernsten Sache. Immer
musterte er die beiden Hunde, die an Herzog Ludwigs Gürtel gekoppelt waren.
Und in Erregung flüsterte er gegen das Ohr des Freundes: "Du, Loys,
das sind die zwei Schönsten aus meinem Zwinger! Ein Rüd und eine Hündin.
Die sollen der Welt ein neu Geschlecht erwecken. Fällt von ihnen der erste
Wurf, so will ich dabei sein. Ich gehe mit Dir nach Ungarn."
Die feierlichen Posaunen schwiegen, und unter dem Baldachin des Friedensthrones
erhob sich der päpstliche Legat, um den Ingolstädter vom Kirchenbann
los zu sprechen und als reuige Seele in den Schoß der römischen Mutter
zurückzuführen.
Während Herr Ludwig das gebeugte Knie streckte, sprach er mit starker
Stimme: "Gott im Himmel wird mich richten nach meinem Herzen, nicht nach
der Torheit meiner Fäuste und meines Blutes." Er ging auf den Markgrafen
von Brandenburg zu: "Verzeihe mir! Nach Verdienst belehnte mich die Majestät
mit der Narrenkappe. Dich hätt ich erkennen und für mich gewinnen
sollen."
Fritz von Zollern reichte ihm die Hand und sagte lächelnd: "Mich
missversteht man immer. Ich weiß nicht, woher das kommt."
"Ferne Berge sind den Narren wie Maulwurfshügel." Und Herr Ludwig
wandte sich zu den Herzögen von München: "Wider Euch hab ich
schweres Unrecht getan. Wollt Ihr meiner üblen Torheit vergessen?"
Freundlich nickend, bot ihm Herzog Ernst seine schwere Rechte. "Dinge,
die geschehen sind, sollen ein Gutes nicht bedrücken, das kommen will.
Waren wir keine guten Vettern, so wollen wir's werden. Gelt?"
Schweigend sah Herr Ludwig dem Vetter in das lachende Bartgesicht. Dann wandte
er sich, betrachtete den Herzog Heinrich, blieb wie steinern vor ihm stehen
und wartete.Mit langsamen Schritten kam der kleine Herzog näher: "Nach
dem Inhalt des Urteils, das die Majestät gesprochen, bitte ich Dich in
schuldiger Demut um Verzeihung."
Herr Ludwig sah die Narben an seinen Händen an und sagte rau: "Du
gibst mir schöne Worte. Wenn es Dir wahrhaft leid wäre, müsstest
Du andere Augen haben."
Ein feines Lächeln. "Ich habe Augen, wie Gott es wollte."
Freundlich mahnte die Majestät: "Oheim Ludwig? Wollt Ihr diesem Bittenden
nicht vergeben?"
Ruhig sagte Herzog Ludwig: "Ich vergebe ihm nach Form und Seele des Urteils."
Ein Summen über den Köpfen der Menge. Und von dem goldenen Sessel,
der höher war als der rote Stuhl des Königs, segnete der päpstliche
Legat die Fürsten und das Volk. Freundlich streckte der Kardinal die Hände
nach der Königin, hob sie zu sich empor und küsste sie auf beide Wangen,
während der König die Herzoge von Bayern der Reihe nach umarmte. Herzog
Ernst umarmte den Ingolstädter, Herzog Heinrich den Brunorio von der Leiter.
Der Erzbischof von Salzburg und der Bischof von Chiemsee umarmten den Propst
des heiligen Zeno. Herr Konrad Otmar umarmte den Fürstenpropst Pienzenauer
von Berchtesgaden, der heilige Zeno den heiligen Peter. Hauptmann Hochenecher
umarmte den Hauptmann Seipelstorfer. Es umarmten sich die Ritter, von denen
einer dem anderen die Burg gebrochen hatte. Und es umarmten sich die Bürgermeister
von München und Ingolstadt, von Burghausen und Wasserburg, von Landshut
und Freising, von Schrobenhausen und Pfaffenhofen, von Traunstein und Rosenheim,
von Kufstein und Marquartstein.
Inmitten einer andächtigen Stille wirkte dieses Bild der Versöhnung
und christlichen Liebe so ergreifend, dass die Kinder zu beten, die Frauen und
Jungfrauen zu weinen begannen. Und plötzlich, in diesem von Andacht und
Rührung beträufelten Schweigen, brüllte von irgendwo eine grobe
Bauernstimme: "So? So? Nit schlecht! Tut sich da jetzt alles umarmen? Macht
alles Fried? Und die Hängmooser Ochsen? Was? Wer nimmt denn jetzt die Hängmooser
Ochsen um den Hals?"
Ein Sturm von Heiterkeit brauste nach diesen Worten über den weiten Haidplatz
hin.
"Man soll erkunden," befahl die Majestät, "was dieser Biedere
von uns begehrt!"
Bei der Schranke rief ein Harnascher mit der Stimme eines trompetenden Elefanten:
"Das ist der Ramsauer Albmeister. Den Ramsauern ist schweres Unrecht an
Kühen und Ochsen widerfahren. Drum will der Albmeister reden mit der deutschen
Majestät."
Während die Königin ein bisschen blass wurde und trauernde Augen
bekam, lachte der König in leutseliger Heiterkeit. "Man soll diesen
Braven vor unser Angesicht führen."
Unter lustigem Rumor des Volkes und aller Herren brachten die Festordner den
langen, mageren Fischbauer vom Hintersee vor den Friedensthron.Freundlich sagte
die Majestät: "Wir hören, Du bist der Ramsauer Albmeister."
"Was denn sonst?"
Wieder dieses schallende Gelächter, während der Albmeister vorsichtig
aus einer Blechapfel ein zerknülltes Pergament herausdrehte.
"Warum willst Du reden mit uns?"
"Weil unsere Ochsen grad so viel Recht haben als wie die anderen. Unsere
Ochsen müssen heut auch dabei sein. Was denn sonst? Um unsere Ochsen geht
doch der ganze Krieg. Und Recht muss Recht sein. Unser Recht ist verbrieft und
gewächsnet."
Lustig streckten sich tausend Hälse, und der Ramsauer Albmeister machte
einen plumpen, komisch wirkenden Fußfall vor der Majestät und reichte
zu ihr das alte Pergament empor, das rot und grau gefleckt war vom Blut des
Seppi Ruechsam und vom Sattelschmutz des Marimpfel.
Während des Schwatzen und Kichern in der Menge immer lauter wuchs, sagte
der König zu Peter Pienzenauer: "Lieber Neffe von Berchtesgaden! Wollt
Ihr uns dieses wunderliche Rätsel deuten?"
Der Fürstpropst hatte kummervolle Augen. "Herr! In dieser Sache bin
ich Schuldiger. Da soll einer sprechen, der rein zwischen Recht und Schuld gestanden."
Er winkte dem Ritter Someiner. "Rede, Lampert!"
Vor König, Fürsten und Volk fing Lampert Someiner zu sprechen an.
Aus jedem seiner Worte zitterte die tiefe Erschütterung, die ihm die Nachricht
vom Tod des Runotter ins Herz geworfen hatte. Doch was er selbst als ein schweres
Trauerspiel der Menschheit empfand, das wurde - durch den widersinnigen Gegensatz
von Ursache und Wirkung - für diese tausend in lustiger Neugier Lauschenden
zu einer grotesken Lächerlichkeit des Lebens, die keine Träne wecken,
nur wilden Hohn oder schallende Heiterkeit erzielen konnte.
Siebzehn Ochsen! Siebzehn Ochsen! Und Volk und Reich geschädigt und zerrüttet,
die Zeit zurückgeworfen um Jahrzehnte und bedrückt durch blutende
Verluste, weite Länder bis zum Grauen verwüstet, Städte zerstört,
Burgen gebrochen, zahllose Dörfer in Asche verwandelt, die Münze verschlechtert,
alles Gut entwertet, Arbeit und Handel erdrosselt, hunderttausend Menschen verarmt
und viele Tausende erschlagen, erwürgt, erstochen, verbrannt, vergiftet
von Seuchen, verfault und verstunken! Und siebzehn Ochsen! Siebzehn Ochsen!
Indes den Haidplatz ein höhnendes Gejohl erfüllte, sagte der König,
halb noch lachend, halb bedrückt von einer schreckvollen Schwermut: "Wahrlich!
Ein Ochsenkrieg! Um Ochsen begonnen - -" Weil die Majestät verstummte,
fiel das spottende Kastratenstimmchen des Narren ein: "Von Weisen geführt!
Und friedsam beschlossen von einem klugen König." Mit beiden Händen
machte der grinsende Narr bei dem Wörtchen "klug" über seinem
Kopf eine Bewegung, die von allen, welche sie sahen, sehr heiter gedeutet und
mit Gelächter aufgenommen wurde. Auch der König lachte mit. Nicht
gerne. Doch gnädig beugte er sich zum Ramsauer Albmeister hinunter und
entschied, dass der Friedensvertrag der Fürsten - der unterzeichnet und
gesiegelt war von einem Kurfürsten, drei Herzogen, einem Erzbischof, einem
Bischof, von zwei Pröpsten und zur Zeugschaft von vielen Kirchenfürsten
und Baronen - noch einen klärenden Nachtrag in causa boum Hengismosianorum
sive Mordaviensium erhalten sollte.
In dieser Klausel wurden die Ramsauer berechtigt, den zu Unrecht niedergebrannten
Käse rauf Kosten des heiligen Peter von Berchtesgaden neu zu errichten.
Und nach Gutdünken und Verstand der Bauern sollten von nun an bis zu ewigen
Zeiten an Stelle der Ochsen auch Milchkühe auf dem Hängmoos, nein,
in der Mordau grasen dürfen.
So entschied die Majestät. Und der Ramsauer Albmeister sagte stolz und
ruhig: "Was denn sonst? Jetzt haben wir's wieder, wie's allweil war. Da
hätt's den ganzen Krieg nit braucht."
Inmitten der Heiterkeit, die den funkelnden Friedensthron umwogte, scholl aus
dem Gewühl der Menge ein wilder Schrei, dem ein Gezeter angstvoller Stimmen
folgte. Von den Hochsitzen der Fürsten sah man im Gedräng der Leute
plötzlich einen leeren, rasch auseinander fließenden Pflasterfleck.
In dieser Leere, die mit jeder Sekunde wuchs, lag ein dicker, reich gekleideter
Bürger unter sinnlosen Gliederzuckungen auf dem Boden, mit dem Gesicht
gegen die Erde. Und in der Menge, die entsetzt vor ihm zurückwich und sich
qualvoll staute, fingen zwanzig, vierzig, hundert, tausend Stimmen zu schreien
an: "Der Tod ist der Stadt! Der schwarze Tod!"
Auf dem Brettergerüst der Fürsten, bei den Bänken der Ritter
und Ehrenfesten, wie bei den Schranken des gemeinen Volkes, überall begann
ein schreiendes oder stumm erschrockenes Drängen und Entweichen. Vor diesem
stärksten aller Kriegsfürsten entflohen Sieger und Besiegte, König
und Bettler, Weib und Mann, der Greis und die Kinder.
Ein Söldner blieb ohne Schreck. Und ging auf den einsam Gewordenen zu,
der in Todesangst und Schmerzen stöhnte. "Höia, Du armes Männdl!
Fehlt's denn so weit?" Er drehte den Zuckenden herum und sah ein verzerrtes
Gesicht, auf dessen fahler Haut ein paar kleine, schwärzliche Pestflecken
waren. "Ui, Teufel Brüderlein, da müssen wir schauen, dass wir
zum Medikus kommen!" Mit beiden Armen griff er zu. "Herrgott, Mensch,
hast Du ein Gewicht!" Während er fester zugriff, beugte er den Kopf
hinunter. "Wie, sei gescheit! Und nimm mich um den Hals herum! Da trag
ich Dich leichter."
Der Stöhnende umarmte den Malimmes, der die Richtung nach dem Sondersiechenhaus
vor dem Jakobstor nahm.Wo der hastig Schreitende mit diesem klobigen, in Samt
und Seide gewickelten Binkel des Elends erschien, wichen die Menschen zurück.
"Ui, guck!" Malimmes lachte. "Mir macht man die Gassen frei,
als ob ich der König wär!"
Prüfend sah er das Gesicht des Kranken an. Der stöhnte nimmer. Die
schwärzlichen Flecken auf Stirn und Wangen waren gewachsen, und neue waren
dazu gekommen. Und während der schwere Mann mit offenen Augen duselte,
spannten sich seine Arme wie eine eiserne Klammer um den Nacken des Söldners.
"Höia, lass luck ein lützel! Du druckst ja ärger als wie
ein Hänfener!" Die Klammer, die den Hals des Malimmes umschnürte,
wurde nicht linder. Unter dem Druck dieser Arme fiel ihm das Atmen schwer. Doch
heiter schwatzte er vor sich hin: "Mir daucht, jetzt kommt der achte. Vor
dem ich mich hüten hätt müssen. Aber ein Rindvieh bin ich allweil
gewesen. Und bleib's." Er machte schnellere Schritte und fing zu keuchen
an.
In einer Gasse, wo man nicht wusste, was auf dem Haidplatz geschehen war, blieben
die Leute stehen und betrachteten in Neugier diesen Flinken mit seiner kostbaren
Last. Spottend schrie Malimmes: "Obacht, Leut! Da kommt einer, der ein
lüztel grob ist."
Die Leute verstanden nicht und wurden lustig. Malimmes musste deutlicher werden.
"Leut! Da kommt der Tod! Der ist anmaßiger als wie der König,
ist mit Kraut und Bratwürst nit zufrieden, frisst die Menschen mit Haut
und Haar!"
Nun ging ein dumpfes Geschrei und angstvolles Gerenne vor ihm her. Und Malimmes
rief den Springenden nach: "Ein lützel gemütlicher! Auf die Letzt
entrinnt ihr ihm doch nit! Und weil er sah, dass ihm viele voraushopften zum
Jakobstor, schwatzte er mit dem Bewußtlosen, den er trug: "Ei, guck,
jetzt haben wir Vorläufer und Melder, wie der Propst vom heiligen Zeno
in der Ramsau." Er lachte. "Bloß ein Trompeter geht uns noch
ab!" Mit geblähten Backen, die Lippen aufeinander pressend, begann
er in drolligem Trompetenklang das Liedchen der sechs Speckbrocken von Aufham
zu blasen:
"Ein Reiter, der wollt pi-hir-schen,
Halerieh halerah fallaaah,
Nach Reechlein nit noch Hi-hir-schen,
Halerieh, halerah fallaaah -"
Ein tobender Aufruhr war beim Jakobstor. Die vielen, die dem Malimmes voraus
gesprungen waren, hatten dem Torwart schon gemeldet, welch ein hohen Herrn man
da getragen brächte. Und wie irrsinnig schrieen sie: "Das Gatter hinauf!
Der muss hinaus! Hinaus! Hinaus!"
Die schwere Balkensperre war schon emporgezogen, noch ehe Malimme surfen konnte:
"Wegfrei! Da kommt der Tod!" Im leeren Torbogen hallte sein Schritt.
Und dicht hinter seinem Rücken fiel das eisenbeschlagene Gatter mit Gerassel
herunter. "So, Du! Jetzt sind wir ausgesperrt. Die lassen uns nimmer hinein.
Jetzt wartet eine schöne Frau umsonst."
Vom Jakobstor ein paar hundert Schritte entfernt, stand hinter einer dichten
Wand von welkenden Bäumen und Stauden das große Sondersiechenhaus
zum heiligen Lazarus.
Malimmes schnupperte. "Mir daucht, da räuchert man einen Dachs aus?"
Es roch nach Essig, nach Schwefel und Wacholderqualm.
Jetzt brauchte er nimmer zu schreien: "Obacht, Leut! Es kommt der Tod!"
Für den heiligen Lazarus war das keine Neuigkeit. Hier war der große
Sieger schon lange anwesend. Mit zahlreichem Gefolge. Man hatte von der Holzlände,
vom Anger vor dem Osttor und von den Freiweinbuden des gütigen Königs
schon über zweihundert herbei getragen. Die verdächtigen Taumler hatte
man in den Saal der harten Geduld gesperrt, die Kranken in die Bettstuben gebracht,
die Stillgewordenen im Garten der Barmherzigkeit versenkt in eine mächtige
Kalkgrube. Und als Malimmes mit seiner kühlen, regungslosen Last die Torhalle
des schmerzvollen Heiligen erreichte, kam mit dem Söldner zugleich ein
Zug von vermummten Bahrenträgern.
Ein Arzt und zwei Wärter, welche lederne Fäustlinge, mit Essig getränkte
Leinwandkutten und Gugeln mit kleinen Augenlöchern trugen, mühten
sich unter dem großen Kreuz in der Halle vergebens, die starr verkrampften
Arme des Sterbenden vom Hals des Söldners los zu bringen. "Ich sag's
ja! Der lasst nimmer aus. Was ein richtiger Strick ist, reißt nit. Auf
der Welt gibt's schlechte Seiler. Da drüben ist einer, der's besser kann."
Gewaltsam musste Malimmes den Kopf aus dieser unnachgiebigen Schlinge herauszerren.
Als er sich aufrichtete, sagte er lachend: "So hart und mühselig bin
ich noch nie aus einem Hänfenen heraus geschlupft. Gott soll Euch gnädig
sein, ihr Leut! Ich geh."
Da fasste ihn der vermummte Medikus am Arm. "Hab noch ein wenig Geduld,
Du Lustiger! Wir müssen Dich behaltne als verdächtig."
Malimmes nickte. "Ja, ja! Ich bin schon allweil so ein verdächtiger
Lumpenkerl gewesen, dem man das Übelste hat zutrauen müssen."
Man führte ihn zu einem dunstigen Raum, in dem es sehr heftig roch. Hier
wurde er entkleidet un d mit einer Mischung aus Essig und Lauge gewaschen. Er
machte dabei so muntere Späße, dass die Wärter nicht aus dem
Lachen kamen. Einer sagte: "Wären alle wie Du, so gäb's beim
heiligen Lazarus kein Zittern und Grausen."
"Gelt, ja! Die Menschen sind arge Narren. Wie leichter einem das Schnaufen
wird, um so mühsamer finden sie's."
Er bekam eine mit Essig getränkte Leinwandkutte, an der eine Gugel mit
kleinen Augenlöchern war. "So! Jetzt wird der Kapuziner bald fertig
sein. Ein lützel bräuner muss er noch werden."
Man führte den Vermummten in den Saal der harten Geduld. Hier waren schon
an die hundert zugegen, alle in den gleichen, säuerlich duftenden Kutten
und Gugeln. Man unterschied da nimmer, was ein Alter oder ein Junger, ein Schmucker
oder ein Hässlicher, ein Männlein oder ein Weiblein war. Schweigend
saßen und standen die weißen Masken in dem großen Saal umher.
Und es war die einzige Regung ihres bedrohten Lebens: Dass sie sich gerne an
jenen Stellen des Saales hielten, die farbig überglänzt waren von
der schönen, durch die hohen Buntscheibenfenster hereinfallenden Nachmittagssonne.
Als der weiß vermummte Malimmes in den Saal geschoben wurde, drehten
alle anderen Masken die kleinen Augenlöcher gegen die Tür. Mit drolligen
Tanzbewegungen kam der neue Bruder des letzten Wartens über die Schwelle
gesprungen und begann den gleichen lustigen Rumor, wie damals im Leuthaus der
Ramsau. Viele von den Verhüllten guckten ihn schweigend an, einige wurden
missmutig, schalten den übermütigen Gesellen und sprachen von der
Heiligkeit des Ortes und von der dunklen Nähe des Todes. Eine der Masken,
ein schlankes, flinkes Figürchen, klatschte die Hände ineinander,
tat mit junger Stimme einen etwas bekommenen Jauchzer und rief unter frohem
Aufatmen: "Dem Herrgott sei Lob und Dank! Gucket, ihr Angstmäuser,
da kommt ein Mensch!"
"Gelt, ja? Komm her, Du guter Gesell! Wir zwei, wir halten zusammen als
lustige Gnoten. Ich wüsst nit, warum ich greinen müsst. Bin ich gesund,
so geht's wieder heim ins Leben. Und müsst ich sterben? Gut! So geht's
hinauf in die ewige Seligkeit, wo man die Kerzen nit putzen muss, weil sie allweil
sauber und ohne Räuber brennen. Komm her, Gesell! Vor uns das Schönste
und hinter uns das Liebste! Warum denn traurig sein in der Mitten?"
Die beiden, von denen der eine aussah wie der andere, ließen sich Seite
an Seite in der linden Sonne nieder und begannen ein so munter mit Späßen
durchspicktes Geplauder, dass sie bald einen dicken Zirkel lachender Masken
um sich hatten. Auch die von dunklem Grauen durchrüttelten Angstmäuser
mussten schließlich unter den weißen Gugeln ein bisschen schmunzeln,
kamen näher, lauschten in scheuer Neugier und wurden Menschen, in denen
Zuversicht und Hoffnung war.
Als der junge, blasse Priester - der jede dritte Stunde kam, um mit den Verdächtigen
zu beten - das nächste Mal in den Saal der harten Geduld betrat und diese
heiter schwatzende Gesellschaft fand, war ein ratloser Blick in seinen Augen.
Schweigend ging er auf das an die Wand genagelte Kreuzbild zu, ließ sich
auf die Knie fallen und begann erregt das Gebet zu sprechen.
Langsam verstummte das Schwatzen und Kichern. Stimme um Stimme fiel in die
frommen Worte des Priesters ein, und mit hoch erhobenen Händen beteten
die weißen Masken. Jetzt war es anders als bei den früheren Gebeten.
Da hatte man nur lallende, von Angst erwürgte Laute vernommen. Jetzt klangen
alle Stimmen hell und ruhig, und in den frommen Worten, die sie sprachen, glühte
eine Inbrust, die so fröhlich wie gläubig war.
Während der junge Priester nach dem Amen rasch den Saal verließ,
rief eine weiße Maske den anderen heiter zu: "Ihr lieben Knospen!
Nur wieder her zu mir! Jetzt haben wir sauber gebürstete Seelen, da können
wir desto lustiger sein. Wir leben noch allweil, gelt? Das Leben ist wie ein
fester, gesunder Stier, der an eisernen Strängen zeiht. Die reißen
nit leicht. Mich hat der Tod schon beim Ohrläppel erwuschen, ich weiß
nit, wie oft. Und an den Fingern kann ich's nit auszählen, wie oft mir
schon der Hänfene das Zäpfl gekitzelt hat. Und jedes Mal bin ich wieder
gesund ins Leben gesprungen. Ui, ihr lieben Gnoten, wenn ich das alles erzählen
möchte, da tätet ihr lachen müssen."
Ein heiteres Gedräng, man witterte abenteuerliche Schwänke, setzte
sich um den Lustigen her, und hundert Stimmen bettelten: "Erzähl!
Erzähl!"
Auf dem Boden in der Sonne hockend, die beiden Arme um die aufgezogenen Knie
geschlungen, fing die weiße Maske zu erzählen an: vom Birnbaum im
Ungarland, von der Blitzeiche im Clevischen, vom Schragen der gescheiten Ulmer,
von den Landshuter Wölfen und von der Schlittenfahrt auf dünnem Hosenboden,
vom schlechten Reusentrick des Fischbauern, vom genügsamen Rappenholz,
das mehr als ein Dutzend nicht tragen wollte - von Herzog Heinrichs ängstlichem
Profosen, der seit dem Tag von Dachau immer hinaufschauen muss zum Himmel, ob
da nicht ein gefährliches Ding herunterfällt auf seine irdische Gerechtigkeit,
und vom lieben Lendenschnürlein einer schönen Frau, die gerne reich
geworden wäre und das unzufriedene Weiblein des Ärmsten unter allen
Deutschen hatte werden müssen.
Was das Leben an Ernst und Schmerz in die Wahrheit dieser Geschichten hinein
gesponnen hatte, verwandelte sich im Saal der harten Geduld zu einer gaukelnden
Heiterkeit. Und als das bedrohliche Lendenschnürlein der schönen Frau
von irgendwo entzweigerissen war und die freudige Runde der Lauschenden wieder
und wieder was Lustiges hören wollte, begann die unermüdliche weiße
Maske immer neue Galgengeschichten zu ersinnen, eine drolliger als die andere.
Immer wundersamer stellten sich die Rettungen ein. Beim dreiundzwanzigsten Hänfenen
wurde ein Übermütiger, der die für den König gebratenen
Würstlein verspeisen wollte, zum unzerreißbaren Strang verdammt.
Als er baumelte, kam ein feiner zierlicher Engel vom Himmerl heruntergeflogen
und brannte mit einem Sonnenstrahl den stählernen Strick entzwei. Der Engel
hatte kupferfarbene Löcklein um das zarte Gesicht, hatte Wangen wie rote
Äpfel, hatte einen rosafarbenen Mund und Kinderaugen wie dunkle Kirschen.
Und weil die große, vom Baum gefallene Birne sehr lange brauchte, um wieder
ein lebendiger Mensch zu werden, beugte sich der liebliche Engel ganz leise
leis über die Narbe herunter. Da fing der auferweckte Menschenseele zu
niesen an und sagte Lachend: "Hör auf, liebs Engelein, das kitzelt
so schauderhaft, ich halt's nit aus!"
Während die weiße Maske diese aus Sehnsucht, Spott und seltsamer
Verzückung gewobene Auferstehungsgeschichte erzählte, ging ein vermummter
Arzt im Saal der leicht gewordenen Geduld umher, zog von den heiter Lauschenden
einen nach dem anderen auf die Seite, guckte ihm unter die Gugel hinauf und
fühlte nach Puls und Herzschlag. Zu jedem verhüllten sagte er die
gleichen Worte: "Sei ohne Sorg! Morgen wirst Du heimgehen dürfen!"
Dann stellte er sich hinter den Kreis der Lauschenden, die unter den letzten,
dünnen Streifen der roten Abendsonne auf dem Boden des Saales hockten.
Und prüfend sah er immer die eine Maske an, die mit einer wunderlich sprunghaften
Lustigkeit, fast in der taumeligen Art eines Betrunkenen und unter wiegenden
Kopfbewegungen erzählte, wie die vom dreiundzwanzigsten Tod erweckte Menschenseele
und das wundertätige Englein miteinander schwatzten. Der Engel wollte die
geplagte Seele von der bösen Erde fortlocken und in den Himmel führen.
Aber die Menschenseele hatte gegen die ewige Seligkeit allerlei witzige Bedenken.
"Ja, Leut! Und derweil die zwei so plauschen, kommt der Teufel des Weges,
als wär's der Kaplan von Reichenhall. Jöia, Leut, was für ein
schiecher Kerl ist das gewesen! Hat einen Schweif gehabt als wie zusammengenäht
von siebzehn Ochsen. Nit der Kaplan. Der Teufel! Und hockt sich her zu mir und
nimmt das Schweifquästl über den Arm und erzählt mir von der
Höll so viel schöne Sachen, dass ich denken hab müssen: 'Teufel,
da geht's ja zu wie beim Königsmahl im Regensburger Stadthaus!' Aber den
Teufel kennt man doch. Nit, Leut? Der lügt als wie ein burghausener Doppelsöldner,
den der Herzog lieb hat. 'Geh', sagt meine schlaue Seel, 'fahr ab, Du Stinker!
In Deiner Näh, da schmeckt's, als wie vor dem Regensburger Jakobstor!'
Und der Teufel schaut mich an voller Wut und sagt: 'Du Feinschmecker, was willst
Denn Du? Mag nit in den Himmel und mag nit in die Höll? Was will denn der?'
Und da schreit meine lustige Seel: 'Lebendig bleiben!' Wahr ist's, Leut! Und
der Seppi Ruechsam tät sagen: Was denn sonst?"
Die Maske hatte das so trunken und drollig herausgesprudelt, dass ihre hundert
weißen Brüder lange lachen mussten, ohne recht zu wissen, warum.
Nur einer lachte nicht: Der vermummte Medikus. Der legte der weißen Maske,
die beim Wort des Seppi Ruechsam mit dem Kopf einen wunderlichen Tunker gegen
das Knie gemacht hatte, seine von Leder umhüllte Hand auf die Schulter
und sprach: "Du bist gesund. Dich können wir gleich entlassen. Komm!"
"Gelt, ja?" Ein langsames Aufrichten mit schweren Gliedern. Auch
das war komisch. "Hab mir eh schon gedacht, dass ich bis morgen nimmer
warten muss."
Nun gab's ein klagendes und doch so lustiges Durcheinanderschwatzen, als würde
von einer vergnügten Tafelrunde ein Überfröhlicher verfrüht
nach Hause geholt. Nur dass man das Küssen und Händedrücken unterließ.
Das galt unter dem Dach des heiligen Lazarus als üble Sitte.
Bei der Tür rief die weiße Maske noch lachend über die Schulter:
"Auf Wiedersehen, ihr lieben Gesellen! Seid ihr genesen, so treffen wir
uns im Bratwursthäusl. Da lass ich allweil ein Dutzend über der Glut
halten, dass keiner warten muss, wenn er kommt!"
Hundert heitere Stimmen. Eine Tür fiel ins Schloss. Und während der
Scheidende durch die dämmerige Halle taumelte, konnte er vom Saal der Geduld
noch immer das Lachen und das heitere Schwatzen der Zurückbleibenden hören.
Ruhig fragte er den vermummten Arzt: "Wo steht mein Bett?"
"Nicht weit! Komm, Du Tapferer!"
Als man in der Bettstube aus der weißen Gugel den kranken Malimmes herausschälte,
hatte der Duselnde schon einen so dichten Schleier vor den Augen, dass er die
anderen Betten nimmer sah.
Er fragte in seinem Taumel: "Nächtet's schon?"
Wie aus weiter Ferne antwortete eine milde Stimme: "Nach aller Nacht kommt
wieder ein Morgen."
"So so?" Malimmes schmunzelte.
Nun lag er ausgestreckt auf den feuchten Kissen, dehnte die Glieder, die zu
schmerzen begannen, und plauderte ganz leise vor sich hin: "Jetzt, Frau
Königin! Wo ist das wundertätige Fingerlein?" Tief atmend schloss
er die Augen.Man wollte ihn aus diesem Dusel noch einmal ermuntern, um die heilige
Zehrung auf seine Zunge zu legen.Er tat die Augen auf, tastete mit den Händen
ins Leere und lallte schwer: "Der Bub - wo ist denn der Bub "Dann
sprach er nimmer.
Irgendwo läutete eine kleine, dünne Glocke. Die läutete immer,
die ganze Nacht hindurch, den ganzen Tag. Manchmal schwieg sie so lange, dass
man halb ein Vaterunser hätte beten können. Bis zum Amen wäre
man nicht gekommen. So hurtig und ohne Geduld fing ihr leichter, zappliger Schwengel
wieder zu tingeln an. Sie läutete, läutete, läutete -
Diese Friedensglocke! Der die Ärzte prophezeiten, dass sie bis in den
Winter tönen würde. -
Am dritten Tag bekam der heilige Lazarus schon zahlreiche Gäste aus der
Stadt: neben verdächtigen auch solche, über die kein Zweifel herrschte.
Doch der Zuzug von der Holzlände und von den Wiesen außerhalb der
Mauer versiegte langsam. Vor dem Osttor war es still und öd geworden. In
den leeren Zehrbuden wurde der Freiwein des gütigen Königs in den
halbverzapften Fässern sauer. Und auf dem Anger, obwohl da kein Schwertstreich
gefallen war, sah es aus wie nach einer grimmigen Schlacht - nur mit dem Unterschied,
dass kein Mensch die grauen Beutestücke haben wollte, die in schrecklicher
Menge umher lagen. Und wenn die Schweine, die hungrig von den Dörfern gelaufen
kamen, in dieser herrenlosen Erbschaft wühlten, geschah es manchmal, dass
eins von den Tieren umfiel, wie vom Blitz erschlagen.
Die vierzigtausend, die den geliebten König und ersehnten Retter nur auf
der Steinernen Brücke gesehen hatten, waren vor dem großen Seiger,
dem auch der König wich, in alle Windrichtungen davongelaufen, vermindert
um einige Hunderte. Und sie ließen noch auf allen Straßen, am Wegrain
und in den Gräben viele Müdgewordene zurück, die über Nacht
das Wandern völlig vergaßen.
Auf den Reisestrecken der Fürsten mussten die Wegmacher vorausreiten,
um die Straßen von aller Gefahr zu säubern, die man sehen konnte.
Die unsichtbare bleib. Sie lief mit den Laufenden, ritt mit den Reitenden und
ließ sich mit den Bequemen in der Sänfte tragen.
Am vierten Tage nach dem Friedensfest war von allen Fürsten nur Herzog
Heinrich noch in der Stadt. Er blieb, weil er nicht reisen konnte. Sein Arzt
glaubte, das wäre wieder das alte Fieber, mit neuen Erscheinungen. Aber
es war nur die Wirkung der abergläubischen Todesangst, die den Herzog in
der Stunde befallen hatte, als er aus dem Sondersiechenhaus die Nachricht erhielt,
dass sein Hofstaat um den Galgenvogel Malimmes vermindert wäre. Herr Heinrich
wand sich in Qualen, die mehr seelischer, als körperlicher Art waren und
sich durch ein ruheloses Nervenzucken in der Magengrube äußerten.
Doch als er von Burghausen die Kunde empfing, dass in seinen Bergwäldern
die Hirsche gut zu röhren begännen, und dass besonders auf den abgebrannten
Waldflächen bei Plaien die Brunst eine selten lebendige wäre, machte
seine niedergedrückte Seele einen gewaltsamen Ruck nach aufwärts:
"Da muss man genesen! Gott soll's wollen!" Aber er wurde schwächer
und elender mit jeder Stunde.
Schließlich begehrte er von seinem Leibarzt: "Hilf mir, wie der
selige Malimmes geholfen hat!" Der Medikus war ratlos. Herr Heinrich erklärte
ihm die Sache sehr umständlich und genau. Doch als der Leibarzt mit der
Handscheide kräftig zuschlug, ging's daneben. Der Herzog purzelte stöhnend
über das Bett hin, raffte sich wütend auf und verabreichte dem Mediko
eine fürchterliche Maulschelle. Diese Aufwallung des Geblütes erwies
sich als segensreich. Wie ein neues Wunder des Malimmes war's. Herr Heinrich
konnte am folgenden Morgen zu seinen schreienden Hirschen reisen.
Er reiste mit solcher Hast, dass er an einem schwülen, wolkenschweren
Morgen bei Mühldorf den kleinen Reiterzug der Berchtesgadnischen und den
Reiseschwarm der Salzburger überholte, die zwei Tage früher von Regensburg
aufgebrochen waren.
Gegen Abend drohte vom schwarz gewordenen Himmel ein schweres Oktobergewitter
herunterzufallen. Man musste einen Wolkenbruch besorgen.Fürst Pienzenauer,
der weit hinter den Salzburgischen zurückgeblieben war, beschleunigte die
gemächliche Reise, um vor dem drohenden Wasserguss das Städtchen Laufen
noch zu erreichen.Als durch eine Waldgasse schon die Türme und Mauern der
kleinen festen Stadt zu erblicken waren, hörte man über die Straße
her ein wildes, zorniges Geschrei.
Lampert Someiner jagte voraus und brachte seinem Fürsten die Nachricht:
Zu Laufen wüsste man schon, dass von Regensburg der schwarze Tod in die
Welt liefe. Jetzt hätte der Rat von Laufen das Tor gesperrt, gedächte
keinen Reisenden in die Stadt zu lassen und hielte mit einem Häuflein von
Spießknechten und bewehrten Bürgern die Straße verriegelt.
Darüber wäre ein Zank zwischen den Salzburgischen und denen von Laufen
ausgebrochen, und die Streithähne wären schon nahe daran, mit dem
Eisen aufeinander loszuschlagen.
"Ein Jammer, Lampert!", klagte Herr Pienzenauer. "Die Menschen
mögen nicht lernen. Komm! Da müssen wir Frieden stiften." Die
beiden spornten ihre Gäule. Ehe sie die Stelle erreichen konnten, von der
das wüste Geschrei zu hören war, wurde zwischen denen von Salzburg
und Laufen schon mit dem Eisen geredet. In der Abenddämmerung gab es Funken.
Doch die kleine Straßenschlacht, die da begonnen hatte, war noch zu keinem
Toten, nicht einmal zu einem leicht Verwundeten gediehen und nahm mit verblüffender
Schnelligkeit ein Ende. Aus dem Himmel fuhr ein Blitz in den Wald herunter,
wie ein brennender Baum so dick. Ein Donner rasselte, dass die Erde beben musste,
und plötzlich wurde die dunkle Höhe der Lüfte weiß, so
weiß wie Schnee. Ein grauenvolles Sausen und Geknatter. Und mit Körnern,
die größer als eine Nuss und nicht viel kleiner als ein Hühnerei
waren, prasselte der Hagel in dicker Masse auf die erschrockene Welt herunter.
Das klang auf den Kürrissen und Eisenhüten derer von Salzburg und
Laufen, als würde mit tausend harten Löffeln auf tausend blechernen
Pfannen getrommelt. Die Gäule wurden scheu, die Knechte zu Fuß begannen
wie Narren zu rennen, und immer hörte man die flink versöhnten Helden
schreien: "Au! Au! Au!"
Propst Pienzenauer und Lampert hatten sich mit ihren Rossen in einen Heuschuppen
geflüchtet. Durch den weißen Schnürchenvorhang der Hagelkörner
sahen sie ein komisches Gezappel von Gäulen und Menschen, die nach allen
Richtungen auseinander stoben. Das war anzuschauen wie der lustige Hohn und
Übermut eines Fastnachtspieles.
"Seht nur, Herr," sagte Lampert Someiner, "der Himmel kann doch
das! Warum macht er's nicht immer so, bevor die Menschen zu stoßenden
Ochsen werden?"
"Da müsste der Himmel hageln lassen durch Tag und Nacht." Lächelnd
sah der Graubärtige den jungen Gesellen an. "Und der Himmel hat auch
Blumen erschaffen. Die wollen Zeit haben, um zu blühen."
Hinter dem Hagel kamen unter Blitz und Donner noch so schwere Regengüsse,
dass es die Schindeln des Heuschuppens diesem Wassersturz nicht verwehren konnten,
die zwei Philosophen einzuweichen bis auf die Haut. Fürst Peter sagte:
"Komm! Wir wollen reiten. Draußen werden wir auch nicht nässer!"
Sie trabten durch den strömenden Regen. Hinter Laufen fand sich auf der
dunklen Straße ihr halbes Geleit und ein Trupp der Salzburger mit ihnen
zusammen. Erst blieb man stumm. Dann wurde man heiter. Weil alle so lieblich
plätscherten, spottete einer über den andern.Drei Stunden nach Mitternacht,
als man Salzburg erreichte, begann der Regen zu versiegen. Sterne guckten durch
die ziehenden Nebel, und frisch beschneite Bergspitzen sahen aus, als hätten
sie Mondschein.
"Ich will rasten und mich trocken legen!", sagte Fürst Pienzenauer
in der Herberge. "In Dir ist Ungeduld. Dich will ich nicht halten. Reite
voraus!"
Lampert fand keinen höflichen Widerspruch. Er leerte einen Becher Glühwein,
genoss einen Bissen und sprang in den Sattel.Die rein werdende Frühe dämmerte,
während er durch die stillen Gassen der Stadt davon trabte. Draußen
auf der freien Straße ließ er den Moorle jagen.
Der Pongauer, der bei aller Müdigkeit die nahe Heimat witterte, machte
Sprünge, als müsste er einem Sumpf entrinnen und festen Boden finden.
Und wurde der Gaul ein bisschen ruhiger, so brauchte der vorgebeugte Reiter,
dessen Eisenzeug sich nach dem Regen und bei der frischen Morgenlust in roten
Rost zu tauchen begann, nur leise mit der Zunge zu schnalzen. Und der Pongauer
stieß mit keuchenden Sprüngen vorwärts.
Die Ache rauschte mit so vielem Wasser neben dem Untersberg her, dass man das
Röhrend er Hirsche von den Wiesen des engen Tales und aus den steilen Wäldern
nur wie ein dumpfes Murren vernahm.Immer heller wurde der Morgen, immer blauer
der klare Himmel.Um eine dunkle Bergrippe herum, die letzte Wende.
Und der weite herrliche Talkessel von Berchtesgaden tat sich auf, mit Nebel
dampfenden Tiefen, mit einem Kranz rot und gelb gewordener Wälder unter
den samtgrünen Fichtengehängen, mit den weiß beschneiten Almen
und den silbernen Zinnen, die sich vor der kommenden Sonne schon in glühendes
Gold verwandelten.Lampert Someiner musste schreien wie ein Trunkener.
Schmerz und Freude brannten in seiner Seele, in seinem Herzen, in seinem Blut.Tausende
von Menschen waren hinunter gesunken, waren zertreten und zerstampft. Kostbare
Werte waren vernichtet, stolze Werke des Lebens lagen zerbrochen, zerbröstelt,
in Staub zerrieben. Das schöne, ewige Antlitz Gottes war unverwüstet.Mit
dem Brausen seiner Gewässer, mit dem Rauschen seiner Wälder, mit dem
Schrei der brünstigen Hirsche und mit dem Schweigen seiner wundervollen
Ferne sprach es in Größe und Herrlichkeit das gleiche mahnende Wort,
wie die kleine, alte Uhr im Hause des seligen Amtmanns Ruppert Someiner.
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