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Er nahm den Zügel straffer und versetzte dem schnaubenden Gaul einen Hieb
mit der Reitpeitsche. Das Tier zuckte zusammen, bewegte aber keinen Huf, stierte
mit vorgequollenen Augen auf die grauen Tümpel des Sumpfbodens und fing zu
zittern an.
Dem jungen Reiter brannte der Zorn im Gesicht. Wieder hob er die Peitsche.
Doch er schlug nicht, ließ die Gerte sinken und schob sie hinter den Ledergürtel.
Während er unter beruhigendem Zureden dem Pferde den Hals tätschelte,
sah er prüfend an dem Tier hinunter.
Der schlanke Pongauer Rappe hatte ein reichlich Teil seiner glänzenden
Schwärze eingebüßt. Die Beine waren bis an den Bauch herauf
in das Grau des zählen Schlammes gewickelt, durch den der Weg des Tieres
gegangen war.
Die Hand auf die Kruppe des Pferdes stützend, sah der Reiter hinter sich.
Zwischen Moosbüscheln konnte er auf eine weite Strecke, bis hinüber
zum Waldsaum, die Spuren seines Rittes gewahren, diese tiefen, schon mit Wasser
voll gelaufenen Stapfen des Pferdes. Die fernsten dieser kreisrunden Wasserlöcher
glänzten in der späten Sonne des Sommertages wie blanke Goldstücke.
Umkehren? Der Reiter schüttelte den Kopf. Er guckte über die unruhig
bewegten Ohren des Pferdes hinüber. Da vorne war der Boden nicht besser
als da hinten. Aber nur vierzig, fünfzig feste Sprünge müsste
der Pongauer machen. Dann wäre der gute, grüne Almboden da! Und wie
zum Hohn für den ratlosen Reiter schritt da drüben das Weidevieh gemütlich
umher: Junge blökende Kalben, Kühe mit schwer schlenkernden Eutern,
mächtige Ochsen mit blechig rasselnden Glocken. Der diese heiseren Schellen
gehämmert hatte, das war kein guter Glockenschmied.
Der Reiter machte einen gütlichen Versuch, das Pferd in Gang zu bringen.
Doch der Pongauer zitterte und wollte die tragende Insel, die er nach seinem
grauenvollen Einsinken gefunden hatte, nicht verlassen. Sie war so klein, dass
der Gaul keinen Schritt nach vorne oder rückwärts machen konnte, ohne
in dieses linde Grau zu treten, das keinen Boden hatte.
"Moorle," sagte der Reiter, während er das Pferd an der dicken
Mähne zauste, "da wird nichts helfen! Hinüber müssen wir!
Oder im Dreck das Jüngste Gericht erwarten!"
Langsam gab er dem Pferd die Eisen, immer schärfer. Der Pongauer keuchte.
Doch er stand, als wären seine Beine in Stahl verwandelt.
"In Herrgotts Namen, so tu noch rasten, ich will geduldig sein!"
Der junge Reiter besah sich die Gegend. Hinter ihm lag der stille Waldberg,
über den er von der Berchtesgadener Grenzwach am Hallturm herüber
geritten war - ein Ritt, so herrlich wie töricht. Aber das ist so: Alles
Schönste des Lebens braucht immer als Vater den Leichtsinn, den man schelten
möchte.
Und vor ihm, in der Ferne da drüben, stiegen die blauen Bergriesen auf:
Die Mühlsturzhörner, der Hochkalter und der Steinberg. Da musste in
dem sonnendunstigen Tal dort draußen der Hintersee liegen?
Und gleich da drunten, wo sich die lange Waldschlucht gegen halbversteckte
Felder weitete, blitzte eine große, weiße Wassersichel, von Röhricht
umstanden. Der Taubensee? Dann musste der böse Boden, auf den er da geraten
war, das verrufene Hängmoos sein, auf das sich die Berchtesgadener Herren
bei ihren Pirschgängen nicht gerne verirrten.
Verrufen? Und da drüben lag die schönste Weide, die eine Herde von
Kühen und Ochsen nährte! Und aus einer Grasmulde des tieferen Almgehänges
stieg wie ein seiner blauer Strich der Rauch eines Herdfeuers zum Himmel auf.
Mit klingender Stimme schrie der Reiter nach dem Hirten. So ein Viehhirt kennt
doch die Wege im Sumpf, wie Gott das gute kennt im Herzen eines schlechten Menschen.
Doch niemand antwortete. Und hinter den westlichen Bergen ging schon die Sonne
hinunter.
"Moorle! Jetzt müssen wir vorwärts."
Der Pongauer war anderer Meinung. Kein Zureden, kein Zorn, kein Eisen, keine
Peitsche half. Da gab es keinen andern Rat mehr, als absteigen und den Moorle
führen.
Der Reiter tappte gleich beim ersten Schritt hinunter bis übers Knie.
Mit Widerstreben gehorchte das Pferd der ungeduldigen Kraft, die den Zügel
straffte. Unsicher trat es über den Moosbuckel hinaus, versank bis an die
Gurten, schlug verzweifelt mit den Hufen, machte kehrt und kletterte, den am
Zügel hängenden Menschen hinter sich her reißend, wieder empor
auf die tragende Insel. Und der Reiter, bis an die Hüften mit Schlamm behangen,
schwang sich in den Sattel, um von der Unruhe des Pferdes nicht in den Sumpf
gestoßen zu werden. Während der Pongauer heftig zitterte, drehte
er den Kopf mit einem Blick, der zu fragen schien: "Wer war jetzt der klügere
von uns beiden?" Dann schüttelte sich der Gaul, dass die abgeschleuderten
Schaumflocken weit hinausflogen über das sumpfige Gehäng.
Irgendwo ein Lachen.
Der junge Reiter drehte flink das Gesicht. Oberhalb des Bruchbodens sah er
zwischen dicken Wacholderbüschen einen roten Fleck - zu groß für
eine Blume. Da drüben hockte wohl die Hirtin? Und die saß wohl schon
lange da und guckte zu? Und lachte?
In Zorn wollte der junge Reiter da hinüber schreien. Aber da klang bei
den Wacholderbüschen eine Stimme. "Tu warten, Mensch! Ich komm."
Eine kräftige Stimme war's - gleich dem Laut eines halbwüchsigen Buben,
der noch immer auf dem Kirchenchor den Engel singt, aber schon mannen will.
Leichtfüßig kam die Hirtin über den Sumpf herüber, von
einem Moosbuckel zum andern springend. Die musste fest und gesund sein! Sie
bewegte sich, wie frohe Menschen singen. Die Füße waren nackt. Ein
grauer Zwilchkittel hing bis zu den halben Waden hin. Sie trug kein Wams, kein
Mieder. Über dem groben Hemd war nur mit Lederriemen und kleinen Hirschhornknebeln
ein roter Tuchstreifen um die Brüste geschnürt, die leise zitterten,
sooft das Mädchen von einem Moosbuckel zum nächsten hinüber sprang.
Das straff gezopfte Schwarzhaar lag wie eine dicke, schwere Haube um das strenge,
sonnverbrannte Gesicht, in dem die blauen, wunderlich ruhigen Augen sich ansahen
wie verlässliche Sterne.
"Beim Wald da drüben," sagte sie mit ihrer herben Knabenstimme,
"wo der Weg ausgeht, da hättest umwegs gegen den Berg hin müssen.
Der grade Weg ist nit allweil der beste." Sie sprach so bedächtig,
wie kluge Menschen reden, die schon in Jahren sind.
Er sah sie schweigend an und dachte: Tut wie ein Altes und ist ein paar Jährlein
über die Zwanzig!
Sie hatte den letzten Moosbuckel erreicht, blieb mit dem einen Fuß drüben
und stellte den andern auf des Pongauers Insel neben den Huf des Pferdes hin.
Da fragte der Reiter: "Bist du die Hirtin auf dem Hängmoos?"
Sie gab keine Antwort. Ihre geschickten Hände lösten flink eine Schnalle
des Riemenwerks und streiften das Zaumzeug über den Kopf des Pferdes herunter.
Mit Tieren verstand sie umzugehen. Moorle wurde ruhig, sobald er diese Hände
spürte, und drehte schnuppernd die Schnauze gegen die Hirtin hin. Sie zog
dem Reiter den Zügel fort, den er noch immer festhielt, hängte das
Zaumwerk über die Schulte rund sagte: "Absteigen musst! Lang hab ich
nit Zeit. Vor Nacht muss ich meine siebzehn Küh noch melken."
Der kühle Bergschatten wanderte schon über das Sumpfland hinaus,
und im Tal draußen bohrten sich die schwarzblauen Schattenkegel immer
tiefer in den gelben Sonnenduft.
"Absteigen? Und der Gaul?"
"Ohne Bürd hat er's leichter, als wenn er tragen muss."
Während der Reiter auf der andern Seite des Pferdes aus dem Sattel glitt
- ein bisschen vorsichtig -, zerrte die Hirtin rasch die Schnallen des Gurtes
los und nahm den Sattel auf ihren Nacken.
"Nein, du! Den lass mich tragen!"
"Du wirst Augen und Händ für den Weg brauchen." Sie wandte
sich und machte wieder diese raschen, sicheren Sprünge über die grünen
Mooskissen im Schlamm.
Ein bisschen lachend, schlüpfte der Reiter unter dem Bauch des Pferdes
durch, wobei sein grünes Hirschlederwams über den Rücken hin
eine Färbung ins Graue bekam. Nur an der Brust dieses Wamses und auf der
Oberseite der mit violettem Tuch geflügelten Ärmel blieb noch schöne
Farbe. Alles andre - die gelb gestulpten Reitschuhe mit den Stachelsporen, die
violetten Strumpfhosen und der Ledergurt mit dem Wehrgehenk - alles war grau
geworden. Diese Graumannsfärbung wurde auf dem weiteren Weg noch befördert.
Die Hirtin hatte richtig prophezeit: Nicht nur die Augen, auch die Hände
wurden ihm nötig. Bald lachte er, bald schalt er wieder, wenn er bei einem
Sprung daneben trat, und immer warf er eine Blick nach der Hirtin, wie in Sorge,
ihr spottendes Lachen hören zu müssen. Aber sie wandte keinen Blick
nach ihm, sie sprang und sprang, wobei die Eisenbügel des Sattels leise
klirrten, und kümmerte sich nimmer um den Weglosen, den zu führen
sie gekommen war.
Moorle, auf seiner kleinen Insel, betrachtete diesen Vorgang mit wachsendem
Erstaunen. Er streckte den Hals und wurde ungeduldig. Und als er die Hirtin
neben seinem Herrn, der das schlanke Mädchen noch um einen halben Kopf
überragte, auf den schönen grünen Almboden treten sah, stieß
er ein Gewieher aus und machte einen verzweifelten Sprung. Bis an die Schultern
versank er, schlug und arbeitete, kam in die Höhe, tauchte wieder hinunter,
fand eine hilfreiche Insel, zögerte und ließ sein Wiehern klingen,
hörte den sorgenvollen Lockruf seines Herrn und machte rasende Sprünge.
Und als der Rappe den sicheren Almboden erreichte, bis über den Hals herauf
in einen Eisenschimmel verwandelt, begann er wie in bewusster Rettungsfreude
ein so irrsinniges Umhertollen, dass die Kühe, Kalben und Ochsen vor Schreck
mit gehobenen Schwänzen davonrannten, unter rasselnden Schellenklang. Moorles
junger Herr begann bei diesem Bilde heiter zu lachen. Auch den strengen Mund
der Hirtin kräuselte ein Lächeln. Die Kühe, die vor dem lebensfreudigen
Moorle Angst bekamen, liefen ihr zu, und während sie den Weg zur Hütte
nahm, war die halbe Herde des Almfeldes um sie herum, ein dicker Kranz von fetten
Rücken und gehörnten Wackelköpfen.
Da tauchte hinter einem Steinhügel eine kleine, verkrüppelte Menschengestalt
herauf. Ein Knabe? Oder ein Greis? Das Gesicht war blass und runzlig, aber die
Augen waren jung - es waren die gleichen blauen Augen, wie sie in dem strengen,
sonnverbrannten Gesicht der Hirtin glänzten. Arme und Beine waren mager
und kurz, der von schwarzen Haarsträhnen umhangene Kopf saß tief
zwischen hohen Schultern, und der Rücken war zu einer hässlichen Krümmung
entstellt. Doch dieser Krüppel war besser gekleidet, als sich die Bauernsöhne
in den Tälern da drunten zu tragen pflegten. Fast sah er aus wie ein verzärteltes
Herrenkind, das man durch schmuckes Gewand für die Missgestalt seiner Glieder
entschädigen wollte. In der einen Hand hielt er ein kurzes, gebogenes Messer,
in der andern ein Stück weißen Lindenholzes, aus dem eine fliegende
Schwalbe halb herausgeschnitten war.
Die Hirtin ging mit dem Sattel auf eine hölzerne Hütte zu und machte
dem Krüppel, der sich hinter einem Felsblock verbergen wollte, rasche Zeichen
mit der Hand. Er schien zu verstehen, schien ruhiger zu werden, nickte, sah
hinüber, wo der Fremde stand, und schnitt von dem Lindenholz einen Span
herunter. Dann legte er Holz und Messer auf einen Fels, näherte sich mit
gaukelndem Säbelgang dem fremden Jüngling und begann ihm, ohne ein
Wort zu sagen, mit der Spankante den grauen Schlamm von den Kleidern herunterzuschaben.
Der Fremde ließ sich das eine Weile lachend gefallen. Dann fragte er:
"Wer bist du?" Und weil er keine Antwort bekam, fasste er den Krüppel
an der Schulter. "Du! Red doch ein Wort! Wer bist du?"
Das Gesicht erhebend, lallte der Krüppel mit schwerer Zunge ein paar sinnlose
Laute und machte mit dem grau gewordenen Span ein Zeichen gegen Mund und Ohr.
Dann fing er wieder zu schaben an.
Ein Taubstummer?
Schweigend betrachtete der Fremde den kleinen fleißigen Kobold, und weil
er an ihm diese blauen Augen sah, wandte er in fragendem Verwundern das Gesicht
zur Hütte hinüber.
Da drüben stand die Hirtin und reinigte am Brunnentrog den Sattel und
das Riemenzeug. Dann ging sie auf den grasenden Moorle zu, streckte die Hand
und lockte mit leisen Lauten. Das Pferd streckte den Hals und schnupperte, ließ
sich an der Mähne fassen, folgte der Hirtin willig zum Brunnentrog und
hielt verständig unter den Wassergüssen aus, mit denen ihm die Hirtin
den Schlamm von Leib und Gliedern spülte. Und ließ sich trocknen
mit einem Tuch, ließ sich satteln und zäumen.
Die Hirtin schien die Tiere lieb zu haben, auch dieses fremde. Unter leisem
Schwatzen fasste sie den Moorle an der Schnauze, und in ihrem stillen, strengen
Gesicht erwachte eine warme Herzlichkeit, während sie dem Pferd die Nüstern
streichelte und ihm die Büschel des dicken Stirnhaars aus den Augen strich.
Dann hängte sie die Zügel über den Brunnenstock, gab dem Pferd
einen leichten, zärtlichen Schlag auf den schwarz glänzenden Hals
und trat in die Hütte.
Moorle sah der Hirtin nach und wieherte.
Sie kam aus der Tür, zwischen den Händen eine hölzerne Schale,
die mit Milch gefüllt war, und ging zu der Stelle hinüber, wo der
Fremde sich schaben ließ. Bei seinem Anblick musste sie ein bisschen schmunzeln.
Aber dieses leichte Gekräusel ihrer Lippen war schon wieder verschwunden,
als sie die Milchschale auf eine Steinplatte stellte mit den Worten: "Wenn
dich dürsten tät?" Sie deutete gegen das Waldtal hinunter. "Dort
geht der Karrenweg. Da kannst du nimmer fehlen. Jetzt muss ich zur Arbeit. Gottes
Gruß."
Sie wollte gehen.
"Du!", sagte er mit raschem Laut.
Ruhig wandte sie das Gesicht.
"Lass Dir vergelt's Gott sagen für alle Treuung an mir und meinem
Gaul."
"Ist gern geschehen. In der Einöd müssen die Leut einander helfen.
Wo viel beinander sind, müssten sie's auch. Aber da tun sie's nit. Und
keifen und beißen wie die hungrigen Hund bei der Schüssel."
Er sah sie mit wachsendem Staunen an. Diese seltsamen Worte! Aus dem Mund einer
Zweiundzwanzigjährigen! Aber es war in diesem Worten weder Groll noch Bitterkeit.
Ganz ruhig hatte sie das gesagt. Und wieder, weil sie gehen wollte, rief er
hastig: "Du!" Er hätte gern noch geschwatzt mit ihr. In diese
blauen, ruhigen Augen war ein gutes Schauen.
Sie lächelte ein wenig. "Jetzt muss ich schaffen."
"Da muss ich dich gehen lassen, freilich. Man wär bei dir gut aufgehoben.
Der arme kranke Bub da, der ist wohl bei dir in Pfleg?"
Die Hirtin schüttelte den Kopf, während sie mit einem Blick voll
heißer Liebe an dem Krüppel hing. "Das ist mein Bruder."
Dann ging sie davon.
Er blickte auf den eifrig schabenden Krüppel hinunter und sah der Hirtin
nach. Wie ist das möglich? Dass aus dem Schoß der gleichen Mutter
solch eine Missform ins Leben fallen kann? Und solch ein festes, helles und
aufrechtes Menschenkind?
Freundlich fuhr seine Hand über das Schwarzhaar des Krüppels hin.
Er schob den Buben, der noch immer zu schaben hatte, von sich fort und ging,
mit einem violetten und einem grauen Bein, zu der hölzernen Milchschale
hinüber, tat den Trunk eines Durstigen und legte eine Silbermünze
neben die Schale. Der Krüppel lallte einen zornigen Laut, griff nach der
Münze, schob sie in die Gürteltasche des Fremden und säbelte
mit den kurzen Beinen zu dem Stein hinüber, auf dem sein Messer neben der
geschnitzten Schwalbe lag.
"Guck nur, wie stolz!" Es war wie Ärger in diesen Worten. Das
lange, lichte Braunhaar aus dem erhitzten Gesicht schüttelnd, schritt der
Fremde zum Brunnen hinüber und stieg in den Sattel. Moorle benahm sich
ein bisschen ungebärdig, musste aber flink dieser kräftigen Faust
und dem Druck dieser festen Schenkel gehorchen.
Bei der Hütte bückte sich der Reiter, um durch die Tür schauen
zu können. Er sah einen Raum, in dessen Zwielicht eine versinkende Flamme
flackerte. Seine Augen suchten, während er weiter ritt. Er gewahrte die
Hirtin auf dem höheren Almgehänge. Mit dem kupfernen Milchzuber und
einem dreibeinigen Stühlchen ging sie eine raus plumpen Steinen aufgeschichteten
Stallung zu. Viele Stücke der Herde trabten ihr mit eisernen Schellen nach.
Und aus dem ganzen Almfeld, von überall, zogen die Kühe mit Gebrüll
und Schellengerassel dem Steinbau entgegen, zu dem die Hirtin wanderte.
Während Moorle vorsichtig über den groben, steilen Weg hinunterkletterte,
wandte der Reiter immer wieder das Gesicht.
Nun nahm der Wald ihn auf. -
Als er beim Taubensee das offene Feld erreichte, fing der Abend zu dämmern
an. In einem gezäunten Wiesgarten war ein Bauer mit seinem Weib dabei,
das Gras zu mähen. Der Reiter verhielt den Gaul. "Bauer! Komm her
da!"
Die Sense flog ins Gras, der Bauer sprang, und sein Weib fing in dunkler Sorge
zu bangen an. Wenn ein Herr befahl, das war für einen Bauer immer ein übel
Ding.
"Weißt du, wer die Hirtin ist auf dem Hängmoos droben?"
Der Bauer atmete auf. "Das ist die Jula von Runotter, den man heuer zum
Richtmann der Ramsauer Gnotschaft gewählt hat. Sein Vater ist Erbrechter
worden vor dreißig Jahr."
Sinnend sagte der Reiter: "Die Jula?"
"Die, ja! Könnt's besser haben und müsst nit sennen. Die Jula
geht aus Fürlieb almen, um ihres bresthaften Bruders willen. Der mag nit
unter Leut sein."
Ohne zu antworten, ließ der Reiter dem ungeduldigen Pongauer die Zügel
schießen. Und der Bauer kehrte zu seiner Sense zurück. In Sorge fragte
das Weib. "Was hat er wollen?"
"Von mir kein Hälml. Gott sei Dank! Bloß nach der Jula droben
hat er mich ausgefratscht. Aber da wird ihm der lustige Herrenschnabel trücken
bleiben."
"Schrei nit so!", tuschelte das ängstliche Weib. "Was war's
denn für einer?"
"Ich glaub, der jung Someiner."
"Dem Gadener Amtmann der seinig?"
"Der, ja! Aber 's Zwielicht kann mich genarrt haben. Es heißt doch
allweil, der jung Someiner wär auf der Prager Magisterschul."
"Was geht uns der Bub des Amtmanns an?" Das Weib bekreuzte sich.
"Gott sei gelobt, dass wir nit Kinder haben. Nit Buben, die Eisen fressen
müssen für die Herren, und nit Töchter, die man zu Lustföhlen
macht."
Der Bauer brummte was in den dicken Bart und schwang im sinkenden Abendtau
die Sense wieder. -
In gleichmäßigem Takt klang der Hufschlag des trabenden Pferdes.
Der Reiter achtete des Gaules wenig und war nachdenklich.
"Die Jula?"
Hatte er nicht die Jula vom Runotterhof einmal gesehen, vor sieben Jahren,
noch als ein halbes Kind? Wie das magere trutzäugige Ding sich ausgewachsen
hatte! Aber so stolz und so sparsam mit Worten wie damals war sie noch immer.
Auf der besseren Straße, in die der Taubenseer Karrenweg einbog, klang
der Hufschlag des Pongauers fester und heller.
Die ersten Sterne schimmerten, und es schlich die stahlblaue Nacht um die Berge,
als der Reiter zu den Wohnstätten der Ramsau kam. Neben der Straße
rauschte die Ache. Und auf der andern Seite des Weges huschten armselige Hütten
vorüber, die nicht Zaun und Gärtlein hatten. Dann kamen fest umgatterte
Höfe mit hohen Dächern, es kam die kleine Kirche und das große
Leuthaus, in dem noch licht war und trunkene Knechte beim Dünnbier sangen.
Und dort, auf dem Hügel droben, das große Gehöft mit den starken
Planken und dem steilen Moosdach? War das nicht der Hof des Richtmanns Runotter?
Dessen Vater einst, als das Stift zu Berchtesgaden unter drückenden Schulden
zu leiden begann, das alte Schupflehen um einhundertvierzig Pfund Pfennig als
Erbrecht und Eigengut erworben hatte?
Der Pongauer, in dem die Sehnsucht nach dem Stall erwachte, fiel in einen sausenden
Trab.
"Die Jula!"
Und dass die schlanke, aufrechte Jula einen Krüppel zum Bruder haben musste?
Die klösterlichen Hofleute, die gut von den Herren redeten, erzählten
es so: Die Frau des Runotter mit ihrem vierjährigen Dirnlein wäre
eines Tages, als die Erdbeeren reif geworden, im Hochtal des Wildbaches hinaufgestiegen
zur Alm ihres Mannes. Am selben Tag hätten die berchtesgadischen Chorherren
dort oben eine Hetzjagd auf Hirsche abgehalten und ein Rudel flüchtenden
Hochwildes hätte die Runotterin, die seit drei Mondzeiten gesegneten Leibes
war, zu Boden geworfen und über eine stubenhohe Steinwand hinunter gestoßen.
Das kleine Dirnlein wäre über den Unfall der Mutter so arg erschrocken,
dass ihm durch lange Zeit ein seltsames Zittern blieb, eine blinde Angst mit
Atem würgenden Schreikrämpfen. Nach sechs Monden gebar die Runotterin
den taubstummen Krüppel und blieb ein stilles, trauriges Weib und starb.
Aber die Bauern, wenn sie keinen Herrn und Hofmann in Hörweite wussten,
erzählten es anders. Und das wussten alle im Land: Dass damals ein junger
Chorherr, Hartneid Aschacher, plötzlich nach dem Kloster Chiemsee hatte
verschwinden müssen, weil er seines Lebens im Berchtesgadener Land nimmer
sicher war.
Ein dumpfes, donnerähnliches Rauschen in der schönen Nacht. Das war
der Windbach, der seine Wasser herunterstützte durch die enge Klamm.
In dem jungen Reiter erloschen die Bilder des Erinnerns. Er musste scharf nach
der Straße spähen, die zwischen den hohen, schwarzen Waldmauern kaum
noch zu sehen war.
Nun kam die freie Höhe der Strub. Kleine, rötliche Lichter, weit
zerstreut durch das finstere Tal hin. Große, funkelnde Sterne im tiefen
Blau des Himmels und zwischen den Flammen der Höhe und den trüben
Laternchen des tiefen Lebens, das zu schlummern anfing, dehnten sich die schwarzgrauen
Wälle der Berge in der Ferne, vom klobigen Untersberg bis hinüber
zum scharfen Zahn des Watzmann.
Das erste Haus von Berchtesgaden. Der Reiter musste den Pongauer zu ruhigem
Gang zwingen, weil das Pflaster der Marktstraße begann. Zwischen den groben
Steinen drohten Löcher, die für einen Pferdehuf wie Fallen waren.
Die meisten Häuser standen schon in schlafendem Dunkel. Nur selten ein
Licht. Bei einer Wende der engen Gasse sah man in lauschiger Ecke ein schmales,
hohes Gebäude, aus dessen geschlossenen Läden zu ebener Erde es rötlich
herausdunstete: Das Badhaus. Im zweiten Stockwerk waren zwei Fenster offen und
hell erleuchtet. Da droben war heiteres Lachen. Man hörte das Geklimper
einer Laute und eine trällernde Mädchenstimme. Hier wohnte die Pfennigfrau
eines Chorherrn. Noch immer war das Stift gelähmt unter schweren Schulden,
aber so viel an Einkünften, die aus Holzschlägen, Salzgefäll,
Steuern, Holdenzins und Erbrechtskäufen erflossen, hatte es noch immer,
dass man sich das Leben heiter machen konnte.
Die Gasse wand sich, und es kam der stille Marktplatz. Schulter an Schulter
standen da die schmucken Häuser der Handwerker und Kaufleute, mit schweren
Eisenstangen und Hängschlössern vor den Gewölben.
Von den Mauern widerhallte der klirrende Huftritt des Pongauers. In der Tiefe
des Marktplatzes, hinter dem schwarzen Umriss eines steinernen Brunnens, flackerte
ein Pfannenfeuer vor der Pförtnerstube des Stiftstores.
Es kamen zwei Wächter, die halblaut miteinander schwatzten. Der eine von
den beiden, ein magerer, baumlanger Spießknecht, grüßte den
Reiter: "Schön gute Nacht, Herr Magister!"
Der dankte: "Vergelt's, Marimpfel!" Und eine kleine Eitelkeit erwachte
in ihm: "Aber weißt du, der Magister liegt in der Truhe. Jetzt musst
du Doktor sagen."
"Gotts Teufel und Bohnenstroh!" Ein breites Lachen. "Da tu ich
Glück ansagen, Edel Herr Doktor Someiner!" Wieder dieses Lachen. "Sucht
sich ein Kind die richtige Mutter aus, so wird das Leben ein lustigs Aufwärtsschupfen."
Der Huftritt des Pongauers klirrte. Und von irgendwo aus der Luft klang eine
besorgte Frauenstimme: "Bub, bist du's? Bist du's?"
"Wohl, Mutter!"
"Endlich! Gott sei Dank! - Vater, so schau doch! Hast wieder umsonst gebrummt.
Der Bub ist doch lang schon da." Die Stimmer erlosch, und man hörte
das Geklapper eines Schubfensters, das herunterfiel.
Der Pongauer blieb vor einem dunklen Tor stehen, und der Reiter stieg aus dem
Sattel.
Lampert Someiner, Magister artium und Doktor des kanonischen und gemeinen Rechtes,
hatte das Haus seines Vaters erreicht, des Amtmanns zu Berchtesgaden.
Der eichene Torflügel rasselte auf. Ein Knecht mit einem Windlicht erschien
und nahm den dampfenden Moorle in Empfang. Und Lampert sprang über die
Schwelle mit dem flinken Schritt des Sechsundzwanzigjährigen, der sich
der Heimat freut und weiß: Jetzt hab' ich mein Tischlein Deckdich!
Ein Flur mit gewölbter Decke, erleuchtet von einer kleinen Hirschtalglampe.
Eine Tür - die Türe der Amtsstube - war schwer vergittert. Über
ein steiles, eng gemauertes Trepplein ging's hinauf. Und durch den gleichen
Flur, in dem diese Herrentreppe war, wurde der Pongauer zu seinem Stall geführt.
Oben auf der Treppe stand Mutter Someiner mit hoch erhobenem Leuchter, dessen
Teller einen schwarzen Schatten über die Frau herunterwarf. "Ach,
Bub, wie kannst du denn nur so lang ..." Da sah sie den Zustand seiner
Kleidung und erschrak. "Um's Himmels willen! Bub? Ist was geschehen? Dir?"
"Nichts, Mutter, nichts!" Er lachte. "Der Moorle und ich, wir
haben nur ein lützel durch schiechen Honig müssen. Süß
ist er nicht gewesen, aber gepickt hat er. Tu mich nicht anrühren, sonst
werden deine weißen Tüchlein grau." Lachend schob er sich an
der Mutter vorüber, sprang die andre Treppe hinauf und trat in eine kleine,
weiße, von zwei dicken Kerzen erleuchtete Stube. Die schwere, weiß
umhangene Bettstelle nahm fast ein Drittel des Raumes ein. In der Ecke ein kleiner
Tisch mit kupfernem Becken und kupferner Wasserkanne. die von der Handzwehle
bedeckt war. An der Wand eine große eisenbeschlagene Truhe. Darüber
ein Zapfenbrett mit Gewand und Waffen. Und dann ein Erker, der halb ein kleines,
vergittertes Fenster und halb eine niedere Tür war, die zu einer Altane
führte. Das Stübchen duftete herb. In das Wachs der Kerzen war Räucherwerk
eingeschmolzen, dessen strenger Wohlgeruch in dünnem Rauchfaden aus den
zuckenden Feuerherzen der beiden Dochte steig. Solche Kerzen goss man, seit
durch das deutsche Land der schwarze Tod gegangen, der jeden dritten Menschen
unter den Boden warf.
Drunten, auf der ersten Treppendiele, war die Amtmännin stehen geblieben,
bis sie vernahm, dass droben die Türe geschlossen wurde.
Nun betrat sie die Wohnstube.
Frau Someiner war in dunkles Braun gekleidet. Und dennoch war sie weiß.
Die leinenen Glockenschürze bildete eine Art von Übergewand, und weiße
Ellbogenschoner waren um die Ärmel gebunden. Ein rundes, aufgeregtes Muttergesicht
mit lebhaften Braunaugen. Und über dem leicht ergrauten Haar die weiße
Fältelhaube mit der Kinnbinde.
Der Tisch in der Wohnstube war schon gedeckt. Aber Frau Someiner hatte da noch
immer was zu richten, während sie von ihrem Buben schwatzte.
Der Amtmann nickte zu allem. Doch er sah dabei sehr aufmerksam auf das Schachbrett,
das in dem kleinen Erker auf einem spreizfüßigen Tischchen vor ihm
stand. Die untere Hälfte des Herrn Ruppert Someiner trug noch die Amtstracht:
Schwarze Strumpfhosen und rote Schuhe, während die Herzgegend des Gestrengen
in eine braune, pelzverbrämte Hausschaube gewickelt war. Graue Haarsträhnen
hingen schütter über die Wangen herunter. Herr Someiner, den der Bader
mit dem besten seiner Messer zu rasieren pflegte, hatte kein böses, nur
ein müdes Gesicht, das ein bisschen gelb war von stetem Ärger. Das
Schuldenwesen des Stiftes, dessen Wirtschaft er zu führen hatte, machte
ihm schwere Sorgen. Und bei dem vielen Handel und Wandel mit gefährlichen
und unbotmäßigen Menschen hatte Herr Someiner zwei kalte, ungläubige
Augen bekommen.
Neben der flinken, frohen Stimme der Amtmännin war in der Stube noch der
langsame, schwere Schlag eines Uhrwerkes. Bei jedem Schlag sagte die Uhr in
dem hohen Kasten: "Bau!" Dann tat sie für eine Sekunde lang einen
seufzenden Atemzug. Und sagte von neuem: "Bau!"
Ein Ungeheuer von grünem Kachelofen wuchs mit abgesessenen Bänken
aus der Wand heraus. Decke und Wände der Stube waren braun getäfelt,
nur oben herum lief ein weißer Streifen der Mauer. Fast so groß
wie der Ofen war der Anrichtkasten. Überall funkelte Zinn und Kupfer, überall
leuchteten weiße Tüchelchen mit mühsamen Stickereien. Und über
dem weiß gedeckten Tische brannten auf schwebendem Eisenreif vier Wachskerzen
mit dem gleichen herben Wacholderduft, wie er in Lamperts Schlafkammer war.
Der junge Doktor des kanonischen und gemeinen Rechtes betrat die Stube in der
schwarzen Tracht seiner akademischen Würde. Das lange Braunhaar war sorgfältig
gescheitelt, und in dem kräftigen, etwas erhitzten Jünglingsgesicht
mit dem dunklen Bärtchen auf der Oberlippe und dem sprossenden Kinnflaum
glänzten die gleichen Augen, wie Frau Someiner sie hatte. Ein zärtlicher
Blick des jungen Mannes überflog die Stube. Vor drei Tagen war Lampert
von der Prager Schule heimgekommen. Und noch immer hatte das alte elterliche
haus etwas Neues für ihn, jeder Blick entdeckte eine liebe Kostbarkeit.
Stolz betrachtete die Mutter den Sohn, während der Vater sagte: "Komm
her ein lützel! Der hochwürdigste Herr Dekan hat mir eine Schachaufgab
gestellt. Weiß zieht an und soll matt setzen nach drei Zügen. Aber
ich komm nicht drauf."
Lampert musterte die Stellung der Figuren. Dann griff er zu. "So, Vater!
Und so! Und so!"
"Richtig! Er hat's!" Herr Someiner lachte. "Bub! Wenn du im
Amt so flink und sicher zugreifen lernst, dann tut der Hof mit dir als neuem
Aktuario einen guten Fang. Und du kannst ihm die Schulden schupfen helfen."
Glückliche Freude glänzte in den Augen der Amtmännin.
Eine alte Magd brachte das Nachtmahl, und es kam eine gemütliche Tafelstunde.
Lampert erzählte von seinem Ritt zum Hallturm und zu der bayrischen Feste
Plaien. Das Abenteuer auf dem Hängmoos überspringend, erzählte
er von seinem Waldritt über den Bergsattel zum Taubensee. Dabei legte ihm
die Mutter reichlich vor. Und einmal fragte sie: "Schmeckt es, Bub?"
"Ja, Mutter! Allweil ist Mutters Tisch die beste Herberg. Und ich hab
einen gesegneten Hunger heimgebracht. Seit dem mageren Frühmahl, zu dem
mich der Hallturmer eingeladen, hab ich nur am Abend auf dem Hängmoos ein
Schöppel Milch getrunken."
"Milch?" Vater Someiner zog verwundert die Augenbrauen in die Höhe.
"Ist der Ochsenwirt auf dem Hängmoos solch ein Schlemmer, dass er
sich Milch auftragen lässt, bis von der Ramsau her?"
Lampert lachte. "Aber Vater! In der Käserhütt auf dem Hängmoos
brauchen sie doch nur zu melken."
"Auf dem Hängmoos steht kein Käser."
"Ich bin doch an der Hütt vorbeigeritten."
"Da musst du dich verschaut haben. Oder wo du gewesen bist, das war nicht
das Hängmoos."
"Wo der Sumpf ist, den die Jäger meiden? Hinter dem Taubensee droben?
Ist dort das Hängmoos?"
"Ja."
"Dort bin ich gewesen. Und die Hütt ist dagestanden. Und die siebzehn
Küh, die sie auf dem Hängmoos melken können, hab ich selber gesehen."
Der Amtmann runzelte die Stirn. Dann schüttelte er den Kopf. "Du
magst viel gelernt haben auf der hohen Schul in Prag. Aber mir scheint, du hast
dabei vergessen, wie sich die Kuh vom Ochsen unterscheidet?"
Lampert wollte erwidern. Doch die Mutter zwinkerte ihm heimlich zu. Sie erinnerte
sich der heftigen Meinungskämpfe, die es in früheren Ferienzeiten
zwischen Vater und Sohn gegeben hatte, kannte die strenge Rechtskrämerei
ihres Mannes und besorgte, dass ein unbehaglicher Wortwechsel entstehen könnte.
Doch Lampert schweig nicht nur, weil es die Mutter wollte. Er wusste, dass es
zwischen dem Stift und den Almholden immer Reibereien um die Deutung der Rechtsbriefe
gab. Und wenn nun irgendwas auf dem Hängmoos droben nicht in Ordnung war,
so wollte er nicht die Ursache werden, dass man der hilfreichen Jula einen stacheligen
Pfahl vor die Hüttentür setzen könnte. Drum schwieg er. Und es
bleib eine wunderliche Sorge in ihm zurück.
Mutter Someiner schwatzte eifrig von allem, was ihr gerade einfiel, war glücklich,
weil sie die dunkle Gefahr des Augenblicks überbrückt sah, und wollte
sich was erzählen lassen von Prag und dem übermütigen Studententreiben
in den Bursen. Lampert erzählte auch, doch er blieb zerstreut und kam nicht
in rechte Lauen. Auch der Vater war nachdenklich und wortkarg. Sogar der Würzwein,
der nach der Mahlzeit zum üblichen Schlaftrunk aufgetragen wurde, verbesserte
des Amtmanns Stimmung nicht. Und plötzlich murrte er: "Das Ding mit
den Kühne auf dem Hängmoos will mir nimmer aus dem Kopf. Ich muss
da auf reinen Tisch kommen. Sag mir -"
Die Mutter witterte gleich wieder eine Gefahr und unterbrach: "Geh, Ruppert,
lass die Sach heut gut sein! Ob Küh oder Ochsen -"
"Das verstehst du nicht."
"Aber ich versteh, dass unser Bub nach so einem schweren Ritt die Müdigkeit
in allen Knochen haben muss. Er soll zur Ruh gehen."
"Ja, Mutter!" Rasch erhob sich Lampert. "Gute Nacht, Vater!"
Er ging zur Türe. Als er schon die Klinke in der Hand hatte, zwang ihn
die wunderliche Unruhe, die in ihm wach geworden, zu einer Frage. "Vater?
Auf dem Heimweg bin ich durch die Ramsau gekommen. Und hab den Runotterhof gesehen.
Und hab vernommen, der Runotter wär wieder Richtmann in der Ramsauer Gnotschaft.
Was ist der Runotter für ein Mensch?"
"Das ist von den Verlässlichen einer!", sagte der Vater, dem
der seltsame Klang in der Stimme des Sohnes aufzufallen schien. "Viel Kummer
ist dem Mann ins Leben gefallen. Aber er ist ein Treuer und Redlicher geblieben."
Lampert atmete erleichtert auf. "Gute Nacht, Vater!"
"Bub?" Der alte Someiner erhob sich. "Die siebzehn Küh
auf dem Hängmoos? Hast du die wahrhaftig selber gesehen? Mit eignen Augen?"
Lampert sagte ruhig: "Ja, Vater! Wenn der Runotter so ein Redlicher ist,
da brauch ich doch nicht zu lügen."
Er ging. Und die Mutter in ihrer Sorge lief ihm nach und fragte draußen
auf der Treppendiele: "Was ist denn los?"
"Ich kenn mich selber nicht aus. Es ist mir gäh eine Sorg ins Herz
gefahren, ich weiß nicht, warum. Aber jetzt bin ich wieder ganz in Ruh."
"Gelt, ja!" Die Mutter streichelte dem Sohn die Wange. "Was
schieren dich am End die Ochsen oder Küh der Ramsauer Bauren?" Sie
lachte ihren Buben an. Doch als sie zurückkam in die Stube, wo Herr Someiner
nachdenklich auf und nieder schritt, sagte sie ein bisschen verdrießlich:
"Allweil musst du aus jedem Bläslein eine Blatter machen!"
"Das verstehst du nicht! Recht muss Recht sein, und Unrecht ist Unrecht.
Freilich, es könnt auch sein, dass ich selber mich irr. Ich hab den Hängmooser
Weidbrief schon lang nimmer angeschaut. Aber ich muss das wissen -" Während
dieser Worte hatte der Amtmann an einer Kerze des Deckenleuchters einen Span
entzündet. Er brachte das Licht einer kleinen Laterne in Brand.
"Aber Mann! Wo willst du denn heut noch in?"
"Hinunter in die Amtsstub, den Hängmooser Weidbrief nachlesen."
"Da ist doch morgen auch noch Zeit dazu."
"Unrecht soll keine Nacht überschlafen."
Während Frau Someiner seufzend den Kopf schüttelte, nahm der Amtmann
aus einem Wandkästlein des Erkers einen dicken Schlüsselbund heraus.
Drunten zu ebener Erde musste er drei Schlösser aufsperren, am Gitter,
an der Tür und an dem großen, schwer mit Eisen beschlagenen Aktenschrank
der Amtsstube. Aus einem Gewirr von Papieren und Pergamenten suchte der Amtmann
ein gesiegeltes Blatt heraus, den Hängmooser Almbrief. Und kaum hatte Herr
Someiner beim trüben Schein der Laterne zu lesen begonnen, da ließ
er im Zorn seine Faust auf das Schreibpult niederfallen. "Das ist eine
Frechheit ohnegleichen!"
Hier war es seit fünfundsechzig Jahren verbrieft und gesiegelt: Auf dem
Hängmoos durfte kein Käser stehen, keine feuerbare Hütte, nur
ein Wetterschlupf für den Ochsenhirten, und Milchkühe durften nicht
aufgetrieben werden, nur zwanzig zwiesömmerige Kalben und an mastbarem
Galtvieh sechzig Ochsen.
Und nun stand wider Recht und Fug auf dem Hängmoos eine Käserhütte!
Und Milchkühe wurden aufgetrieben! Wider Fug und Recht! Wohl litt das Stift
keinen rasch erkennbaren Schaden dabei. Aber Recht ist Recht. Und was die Ramsauer
da verübten, war unbotmäßiger Eigenwille und grobes Verbrechen
wider die Hoheitsrechte des fürstlichen Stiftes. So sah es für den
Amtmann Someiner aus, dem die anmaßende Willkür der Holden und Eigengütler
das Leben verbitterte. Seit das Stift um der Last seiner Schulden willen gezwungen
war, ein Schupflehen ums andre an vermöglich gewordene Bauern als Erbrecht
zu verkaufen, wurde der Untertanen Übermut und Anspruch ärger von
Jahr zu Jahr. Neben Herrenstand und Bürgertum begann sich als ein dritter
Stand die Bauernschaft empor zu strecken. Schon hatten sich in der Scheffau,
zu Bischofswiesen, in der Schönau, in der Gern und Ramsau die Erbrechter
und Eigengütler zu Gnotschaften zusammengetan, hatten Fürständ
und Sprecher gewählt. Und in den Zeiten der üblen Wirrnis, da das
ganze Berchtesgadener Land an das Salzburger Erzbistum verpfändet war,
hatten es die trutzbeinigen Bauernschädel durchgesetzt, dass man den Gnotschaften
Wort und Vertretung im Rat der Landschaft zubilligen musste. Und seit sie mit
schreien durften, meinten sie auch mitbefehlen zu dürfen, vermaßen
sich umzustoßen, was verbrieftes und gesiegeltes Recht war, und meinten
ihren Trutzwillen durchsetzen zu können wider des Fürsten Gebot und
Eigentum.
Was da nun wieder die Ramsauer gegen Wort und Meinung eines gesiegelten Weidebriefes
verübten, war ein grobes und übermütiges Crimen juris laesi.
Man musste da ein heilsames Exempel statuieren. Ohne Erbarmen! Oder Hoheit und
Besitz des Stiftes mussten an solcher Anmaßung und Schröpferei verbluten.
Während Amtmann Someiner beim trüben Laternenschein das alte brüchige
Pergament wieder im Schrank verwahrte, erwog er schon den Gedanken, den Ramsauern
am Morgen die bewaffnete Erekution über den frechen Hals zu schicken und
die siegelwidrig auf dem Hängmoos weidenden siebzehn Kühe pfänden
und davon treiben zu lassen.
Aber der Ramsauer Richtmann Runotter? Dieser Verlässliche und Redliche?
Wie kam es, dass der solch eine schreiende Rechtswidrigkeit geschehen ließ?
Konnten die Ramsauer vielleicht doch ein Fähnlein der Entschuldigung aushängen?
Und auf den Richtmann Runotter, der trotz schwerem Unrecht, das der Chorherr
Hartneid Aschacher ihm angetan, noch immer in Treu zu Stift und Recht gestanden,
musste man verdiente Rücksicht nehmen.
Als der Amtmann zu dieser wohlmeinenden Erwägung kam, hörte er draußen
auf dem Gassenpflaster den klirrenden Schritt der Stiftswache.
Er ging in den Flur, riegelte das Haustor auf und rief in die Nacht hinaus:
"Höi, Wachleut!"
Die beiden Spießknechte kamen gesprungen.
"Wer ist Wachführer?"
"Ich, Gestreng Herr Amtmann, der Marimpfel."
"Gut! Auf dich ist Verlass. Komm herein zu mir!" Herr Someiner hob
dem baumlangen Kerl, der in den Flur trat und mit dem Spieß salutierte,
die kleine Laterne gegen das Gesicht. Im Lichtschein funkelten des Knechtes
Armschienen, die Brustplatten und der blanke Eisenhut, der mit zerzauster Feder
über einem verwitterten, von Narben durchrissenen Bartgesicht saß.
Der Amtmann sagte: "Um Mitternacht lass dich ablösen und vergönn
dir ein lützel Schlaf. Doch eh der Morgen aufsteht, sollst du hinaus reiten
zum Taubensee und hinauf zum Hängmoos."
Der Knecht lachte. "Da muss ich acht haben, Herr, dass ich mein Rössel
nit in die graue Supp hinein reit."
"Wir haben nicht Spaßenszeit!", sagte der Amtmann streng. "Auf
dem Hängmoos zählst du die Kalben und Ochsen. Aber halte dein Maul
vor dem Hirten! Und tu ihm keinen Trutz an! Und siehst du auf dem Hängmoos
einen Käser stehen und tät es wahr sein, dass da droben Melkvieh weidet,
so bring dem Richtmann Runotter eine Ladung vor mein Amt."
"Soll ich Beistand mitnehmen? Wenn's nötig wär, dass man zugreift."
Someiner schüttelte den Kopf. "Der Runotter wird im guten kommen.
Er soll bei mir sein, morgen, solang noch Amtszeit ist."
"Wohl, Gestreng Herr Amtmann! Wird geschehn."
Als Marimpfel wieder draußen auf der Gasse war, tuschelte sein Kamerad
die Frage: "Ist was Lustigs los?"
"Ich schmeck, man will einen Baurenschädel zweifeln. Einen, dem ich's
gönn! Weil er die Nasenlöcher gar so weit auftut. Solcher Hochmut
wachst, seit die Herren zu gut sind. Wär ich der Propst, ich möcht
den Mistbrüdern einen Flohbeiß auf die Haut setzen, dass sie springen
müssten, wie man winkt."
Der so redete, war selber ein Ramsauer Kind und eines leibeigenen Bauern Sohn.
Was die Schärpenfarbe für üble Wunder wirkt! Geschworener Knecht
eines Herrn werden, eines Herrn Wehr und Farben tragen, und schlagen und stechen
müssen auf des Herrn Wink - das heißt: Ein Hofmann sein, und heißt:
Verachten dürfen, was tiefer steht, und heißt: Was Besseres werden,
denn man gewesen als seiner Mutter Kind.
Die beiden Spießknechte schritten über den Marktplatz gegen das
Stiftstor hin, vor dem das Pfannenfeuer brannte.
Im Widerschein der roten Loderflamme waren die Kauten des Gemäuers und
die Säume der steilen Dächer wie von rinnendem Blut übergossen.
Und hinter den dunklen Firsten steigen die Türme des Münsters und
der neuen Pfarrkirche in die sternschöne Nacht hinauf, gleich schwarzen,
himmelhohen Riesen, die sich in der Finsternis aus den Schlünden der Erde
erhoben hatten, um Ausschau zu halten über das Tun und Leben der kleinen
Menschen.
In des gestrengen Amtmanns Hause hatte Herr Someiner das Flurtor wieder fest
verriegelt. Und hatte die drei Hängeschlösser wieder gesperrt: Am
Pergamentkasten, an der Tür der Amtsstube, am eisernen Gitter.
Als er mit dem schwankenden Laternchen die enge steile Treppe hinaufstieg,
war er des redlichen Glaubens, dass er im Dienst seines fürstlichen Herrn,
des Erzpropstes zu Berchtesgaden, eine dringende Pflicht seines Amtes gewissenhaft
und mit klugen Bedacht erfüllt hätte.
In der Wohnstube war der Tisch geräumt. auf dem Eisenreif brannte nur
noch eine einzige Kerze. Die Hausfrau hatte die drei andern Lichter ausgelöscht.
Und leise sprach bei diesem sparsamen Zwielicht die Uhr in dem alten Kasten:
"Bau! Bau!"
Herr Someiner verwahrte den Schlüsselbund, löschte das Laternchen
und blies auf dem Eisenreif die letzte Kerze aus.
Nun war die Stube finster. Nur um die verbleiten Scheiben des Erkers zitterte,
vom Pfannenfeuer des Stiftes her, ein matter, rötlicher Schein.
Im Uhrkasten sagte die tackende Stimme unablässig: "Bau! Bau! Bau!"
Diese Uhr, deren Räderwerk kein lebendes Herz, nur stählerne Federn
und wirkende Gewichte hatte, war klüger, als Menschen sind. Immer wieder
sprach sie in der stillen Nacht ihr schlummerloses Mahnwort. Doch in dieser
stillen Nacht, in der ein Rechtsbeschützer seine Pflicht gewissenhaft erfüllt
zu haben wähnte, begann im Berchtesgadener Land ein sinnloses Zerstören
und grauenvolles Vernichten.
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