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Eine Stunde hatte Haimo in der Nacht zu wandern, um seine Hütte zu erreichen.
Als er dem Blockhaus näher kam, gewahrte er staunend, dass durch die halboffene
Tür der rötliche Schein eines Herdfeuers leuchtete. Wer war zu Gast
gekommen? Er beschleunigte den Schritt und trat in das Blockhaus.
Ein kleiner Raum. Die Balkenmauern des Hauses waren auch die Wände der
Stube; mit dürrem Moos waren die Ritzen zwischen den Balken verstopft.
Neben der Tür durchbrach ein winziges Fenster die Blockwand. Der niedere,
aus Felsbrocken roh gemauerte Feuerherd nahm fast den vierten Teil des Raumes
ein; an der Wand neben dem Herde stand das plump gezimmerte Bett, angefüllt
mit Heu, darüber eine Wolfsdecke, ein Kissen aus Rehfell und ein großes,
rauhaariges Stück Loden; rings um die freien Wände lief eine Balkenbank,
und in der Ecke neben dem Fenster stand der klotzige Tisch. An der Wand noch
ein kleiner Schrein zur Aufbewahrung des Mundvorrates, über dem Herd zwei
gekreuzte Stangen zum Trocknen der durchnässten Kleider, neben der Tür
zwei Holzzapfen für die Armbrust und das Wehrgehänge, ein Brett mit
mancherlei Geschirr, und in der Ecke über dem Tisch ein Kreuz, dessen welker
Blumenschmuck ebenso gebräunt war wie alles Gebälk; denn der Rauch
des Herdfeuers hatte immer ein langes Weilen in der Stube, bis er durch die
Ritzen der Blockwand und des Daches seinen Weg ins Freie fand.
Vor dem Herd, auf dem ein knisterndes Feuer flackerte, stand, mit der dampfenden
Pfanne beschäftigt, der Laufbube des Klosters, ein etwa fünfzehnjähriger
Bursch, hager, mit einem verschmitzten stülpnasigen Gesicht, die braunen
Haare kurz geschoren; er war mit einem rauhaarigen Wams bekleidet, das in Schnitt
und Länge fast einer Kutte glich.
Als Haimo unter die Tür trat, grüßte ihn der Bub mit einem
Kopfnicken und einem blinzelnden Blick. Vom Heubett erhob sich eine rundliche
Gestalt, ein Mönch in der weißen Brudertracht der Augustiner, das
wohlgenährte Bäuchl umschlungen von breitem Ledergurt; die genagelten
Bundschuhe, die schon am Feuer zum Trocknen standen, hatte er durch Strohpantoffeln
ersetzt. Er trat auf Haimo zu, die Fäuste in die Hüften gestemmt;
seine kleinen Augen zwinkerten, der Mund bewegte sich kauend, und über
der knopfigen Nase und den kugeligen Backen lag eine Purpurglut, wie sie der
Widerschein des Herdfeuers allein nicht erzeugen konnte.
"Willkommen, ehrwürdiger Pater!", grüßte Haimo und
zog die Kappe.
Walti, der Laufbub, kicherte zu diesem Gruß; der Mönch aber lachte:
"Also du bist der Haimo, unser neuer Jäger?"
"Ja!"
"Glaub ich nit! Du? Was? Du willst ein Jäger sein? Ui jei! Mit
dir hat Herr Heinrich was Schönes aufgegabelt. Ein Jäger muss Augen
haben! Verstehst du? Aber du hast Augen wie eine Blindmaus. Sonst tätst
du mich nit für einen Pater halten."
Und Walti, den fettglänzenden Eisenlöffel schwingend, schrie dem
Jäger ins Ohr, als hätte er einen Tauben vor sich: "Das ist ja
nur der Frater Severin, unser Gärtner!"
O Spott des Namens! Severinus, das heißt zu deutsch der 'Strenge', der
'Ernsthafte' - und dieses Gesicht dazu und dieses Bäuchl, das vor Lachen
wackelte, dass Frater Severin sich auf die Holzbank niederlassen musste, um
Atem zu finden!
"So? So? Ihr seid ein Frater?", sagte Haimo, sein Wehrgehänge
von den Hüften schnallend. "Nun, dann seid mir doppelt willkommen!"
Lächelnd streckte er seine Rechte hin.
Severin fasste sie mit der einen Hand, während er die andere drohend erhob:
"Du! Du! Wenn ich das dem Dekan verrate, dass dir ein Pater die halbe und
ein Frater die doppelte Freud macht, dann setzt es was!" Er wollte weiter
sprechen; doch aus der Pfanne, die über dem Feuer hing, stieg plötzlich
ein zischender Dampf. "Walti, du Rabenvieh!", rief der Bruder erschrocken
und sprang zum Herd. "Richtig! Lässt der Kerl uns das Futter anbrennen,
als wär's eine Seel, die der Teufel schmort! Her mit dem Löffel!"
Er riss dem Buben den eisernen Zinken aus der Hand und begann die rauchende
Speise mit einem Eifer durcheinander zu stoßen, dass ihm die Schweißtropfen
über die dicken Backen rannen.
Haimo sah ihm eine Weile zu, dann nahm er die Armbrust von der Schulter und
rieb mit einem Lederlappen die von der feuchten Luft erweichte Sehne so lang,
bis sie warm und trocken wurde. Als er die Waffe über den Holznagel hängte,
trug Frater Severin die dampfende Pfanne zum Tisch.
"So, ihr Knospen, her zum Futter!"
Sie reihten sich um den Tisch, dem das Herdfeuer genügend Helle gab, sprachen
ein kurzes Gebet, und Frater Severins Schmunzelgesicht wurde ernst für
eine Minute. Kaum aber hatte er das Amen von den Lippen, da war sein Löffel
der erste in der Schüssel.
Einige Bissen hatten sie gegessen, da legte Severin den Löffel nieder
und hielt den beiden anderen die Hände fest. "Halt! Wir haben das
Beste vergessen. Walti! Her mit der Güte Gottes!"
Der Bub sprang auf und holte flink aus dem Zwerchsack eine bauchige Tonflasche.
Bedächtig löste Frater Severin den Rindenpfropf und schob dem Jäger
die Flasche hin. "Sollst den ersten Schluck haben. Klosterbier!" Er
schnalzte mit der Zunge.
Haimo tat einen langen Zug. "Ja, Frater, da merkt man die Güte Gottes!"
Walti kicherte. Und Frater Severin lachte. "Hörst du, was er gesagt
hat? Güte Gottes!" Er gab dem Buben einen Puff in die Seite und vertiefte
sich in die Flasche. Dann wieder zu Haimo gewendet, lachte er: "Ich will
Dir's verraten! Weißt du, ich bin kein böser Mensch. Wenn ich in
meinem Chorstuhl knie, dann schlag ich an meine Brust und spüre, dass ich
ein armer Sünder bin. Aber in Garten, Keller und Küche, da redet man
auch gern wieder von irdischen Dingen. Dem Pater Dekan gefällt das nit.
Drum haben wir uns eine Sprach erfunden, weißt Du: ein fester Brotlaib,
der heißt bei uns 'eine gute Seel', solch ein Krug, das ist die 'Güte
Gottes', und eine alte Flasche, das ist 'des Himmels höchste Gnad'. Und
weißt du, was die 'wahre Andacht' ist? Eine gebackene Forelle! Und das
'Labsal der Betrübten'? Ein gesulzter Hecht! Ui jei! Du solltest den Pater
Dekan sehen, wie zufrieden er lächelt, wenn er uns von so frommen Dingen
reden hört. Wenn ich etwa sag: 'Heut wurde mir des Himmels höchste
Gnade zuteil'! Oder: 'Ach, wie bin ich erfüllt von wahrer Andacht'!"
So plauderten sie weiter, ließen die Flasche kreisen und taten sich gütlich
an ihrem bescheidenen Mahl. Als Walti den Tisch räumte, sagte Frater Severin
zu Haimo: "Neugierig bist du aber gar nit. Fragst nit einmal, weshalb wir
gekommen sind!"
"Ich freu mich, dass ihr da seid!"
"Du sollst morgen hinunter ins Kloster und deiner Christenpflicht genügen."
"Das tät ich gern. Wer aber hütet, bis ich wieder komm, meine
Gämsen und Steinböck?"
"Ich!"
"Ihr?", lachte Haimo.
"Ja, ich, was sagst du?", jammerte Frater Severin. "Herr Heinrich
meint, der faule Winter hätt mir zu wohl angeschlagen. Nun soll ich mir
ein paar gute Pfündlen aus der Kutt laufen. Das wird eine böse Sache!"
In banger Sorge befühlte er den Umfang seines Gurtes. "Aber du, du
kannst dich auch freuen, wenn du morgen hinunter kommst. Neulich, als der Walti
mit deiner Botschaft kam, da gab es ein Donnerwetter, ui jei! Weißt du,
Herr Heinrich ist ein frommer, guter Mann, aber wenn es sich um verlorene Seelen
und Steinböck handelt, kann er schelten wie ein Türk! Weißt
du, was er sagte? Er sagte: 'Zwei Böck in einer Woche? Wenn das so fortgeht,
steck ich den Burschen unter die Klosterknechte und schick einen anderen, der
wachsamere Augen hat und sich besser versteht auf die Hut des Gewildes'. Ja,
das sagte er."
Haimo erblasste. Das hatte ihn ins Herz getroffen. Er hing am Weidwerk und
an den schönen freien Bergen wie ein Blatt am Baum, das welken und sterben
muss, wenn es der Wind vom Aste reißt. Er brachte kein Wort hervor; nur
die Fäuste stieß er auf den Tisch und biss die Lippen übereinander.
Als Frater Severin gewahrte, was er angerichtet hatte, streichelte er dem Jäger
die zitternde Faust und sagte begütigend: "Nun, nun, so schlimm wird's
nit gleich werden. Herrn Heinrich brauchst du nit fürchten. Komm du morgen
nur hinunter, schau ihm frei ins Aug, und alles ist gut! Und wenn Herr Schluttemann,
der Klostervogt, ein Hagelwetter loslässt, so nimm es nit ernst und schüttel
den Pelz! Weißt du, der speit halt Feuer, weil im Frau Cäcilia gehörig
einheizt. In seiner Vogtstub hängt ein Bild. Hast du es gesehen? Der heilige
Georg, der den Drachen ersticht! Ich mein', da sollt eher ein Bildnis hängen:
Der Drache, der den heiligen Georg ersticht, aber nit mit der Lanze, sondern
mit einer Blutwurst!"
Er wollte weiter sprechen. Aber vom Herde klang die Stimme des Buben: "Frater
Severin!"
"He?"
"Wisst Ihr, wen ich heut gesehen hab in aller Gottesfrüh?"
"Wen?"
"Den Schwarzen! Drunten am See, unter einer Ficht hat er gesessen und
hat an einem Netz geflickt, als wär er nit der Pater Fischmeister, sondern
ein höriger Knecht. Und wie ich vorübergegangen, hat er Augen auf
mich gemacht wie Feuer, richtig zum Fürchten! Das ist einer!"
"Das ist freilich einer!", wiederholte Frater Severin. Und um den
Jäger von seinen trüben Gedanken loszureißen, fragte er: "Hast
du ihn nie gesehen, drunten am See?"
Haimo schüttelte den Kopf.
"Heuer um die Weihnachtszeit haben sie uns den hergeschickt aus Passau.
Warum? Ich weiß es nit! So was erfährt ja unsereiner nie. Er soll
aus fürstlichem Geblüt sein. Aber da drinnen -", er pochte auf
seine Brust, "da muss es finster ausschauen bei dem! Ganze Tage lang ist
er im verschneiten Klostergarten auf und ab gewandert wie ein Gespenst. Und
jetzt im Frühjahr, da haben sie ihn zum Pater Fischmeister gemacht und
an den See geschickt. Drunten, weißt du, wo es herauf geht über den
Wildbach, in dem öden Winkel zwischen Felsen und See, da haust er in seiner
Klause. Könnt es so gut haben in seiner Chorherrenstub! Und hockt da heraußen
in der Wüstenei! Mutterseelenallein! Freilich, umsonst heißt er nit
Pater Desertus, der 'Einsam'! Meinst du, er duldet einen Knecht in seiner Näh?
Draußen im Seedorf müssen sie sitzen und dürfen nur kommen,
wenn er sie ruft mit seiner Glocke."
Haimo hörte nur mit halbem Ohr. Als Frater Severin das merkte, rüttelte
er den Jäger am Arm. "Aber so red doch ein Wort! Das ist langweilig,
so stumm zu hocken wie ein Räupl im Kohl. Komm! Trink einen Schluck! Und
dann erzähl! Wo bist du denn eigentlich her?"
"Aus Sankt Benedikt Buren."
"Wo Herr Heinrich vor Wochen zu Gast war?"
"Ja. Er fand Gefallen an mir und nahm mich mit."
"Da hat er recht gehabt. Ich hätt es auch so gemacht. Sind deine
Eltern Klosterleut?"
Haimo senkte den Kopf. "Mein Vater war ein freier Mann, ein Falkner; bei
einem bösen Wetter hat ihn der Blitz erschlagen, und meine Mutter ist darüber
gestorben aus Gram."
"Armer Teufel!", murmelte Frater Severin und wollte des Jägers
Hand fassen.
Haimo erhob sich und verließ die Stube. Draußen umfing ihn die
Nacht. Lange stand er an den Stamm einer Fichte gelehnt, die unter dem stoßenden
Föhn erzitterte bis in die Wurzeln. Er blickte empor zu den Sternen. Aber
er sah ihr Funkeln und Leuchten nicht; die Bilder der Vergangenheit, traurig
und froh, zogen an seinen Augen vorüber; die stürmische Nacht, da
man den Vater brachte als einen stillen Mann; der Morgen, an dem man die Mutter
tot auf ihrem Lager fand; der schöne Abend, da ein Klosterknecht den zehnjährigen
Buben zum Pater Wildmeister in das Jachental brachte; die erste Bergfahrt, der
erste Schuss auf die Scheibe und der erste in das Herz eines jagdbaren Hirsches;
und dann die schönen Jahre hoch oben im freien Revier der Berge mit ihren
Jägersorgen und Jägerfreuden - bis zu diesem letzten Abend, an dem
das Mädchen mit den Schneerosen so plötzlich vor seinen Augen stand,
selbst einer Schneerose vergleichbar, schlank wie eine Elfe.
"Gittli?"
Sein Blick bohrte sich in die Nacht. Aber dort unten, wo der rauschende Bergwald
den Almenhang und jene Hütte umschloss, in der das Mädchen Schutz
für die Nacht gesucht, dort unten war Finsternis.
Schlief sie schon? Und fror sie nicht im Schlummer? Sennhütten sind nur
gebaut für den warmen Sommer: Handbreite Lücken klaffen in den roh
gefügten Balkenwänden, und es fährt der Sturm hindurch, zudringlich
und kalt. Da wäre der Schläferin ein wärmendes Fell, eine schützende
Decke willkommen.
Haimo sprang in die Hütte. Das Feuer auf dem Herd war fast erloschen;
nur eine dünne Flamme schlug noch aus den zerfallenden Kohlen. Im Herdwinkel
hatte Walti sich auf die warmen Steine gestreckt, und im Heubett schnarchte
Frater Severin auf dem Wolfsfell und hielt die Lodendecke bis übers Kinn
gezogen. Was der gute Frater wohl sagen möchte, wenn Haimo ihn weckte und
zu ihm spräche: "Gib das Fell her und die Decke, die kleine Gittli
friert!"
Haimo, leise, um die beiden anderen nicht zu wecken, ließ sich auf den
Herdrand nieder. Da sah er, dass der Laufbub die Augen noch offen hatte. "Walti!"
sprach er ihn flüsternd an. "Gelt, du kennst alle Leut im Klosterdorf?"
"Ja!", gähnte der Bub.
"Kennst du eine junge Dirn mit Namen Gittli?"
"Wohl. Das ist die Müllertochter am Seebach drunt, ein festes Weibsbild
mit blonden Zöpfen, dick wie mein Arm."
"Die mein' ich nit. Eine andere."
"Halt! Ja! die Krämerdirn? Haimo, die hat Moos und kriegt ein Haus.
Aber schielen tut sie und einen Buckel hat sie auch. Pfui Teufel!"
"Die mein' ich auch nit. Eine andere."
"Eine andere? Gittli? Ich weiß keine mehr."
"Besinn dich!"
"Wie soll sie denn ausschauen?"
Haimo neigte sich über den Herd; seine Augen leuchteten, und von seinen
Wangen wieder strahlte die Glut der Kohlen: "Schlank und fein wie ein junges
Lärchenstämml, flink wie ein Reh, ein Gesicht, so weiß wie die
Schneerosen, und Augen so schön und so tief wie der See."
Walti glotzte den Jäger an und schüttelte den Kopf. "Nein, die
kenn ich nit. So eine gibt's gar nit bei uns im Dorf. Die müsst man draußen
in der Salzburg suchen oder im reichen Hall, in den Herrenhäusern."
Er ließ sich gähnend zurücksinken in den Winkel, richtete sich
aber gleich wieder auf. "Halt! Eine fällt mir noch ein. Ja, die heißt
auch Gittli. Aber das ist noch gar keine Dirn. Die ist mit mir in die Klosterschul
gegangen. Ein kleberes Ding. Hat Augen wie ein Wildkatz und Haar, so schwarz
wie des Teufels Großmutter. Die kannst du nit meinen."
Haimo lächelte. "Nein, die mein' ich freilich nit! Wer ist denn ihr
Vater?"
"Sie hat keinen. Bei ihrem Bruder haust sie. Das ist einer! Dem geh ich
aus dem Weg. Neulich, wie die Glock zum Essen läutet, hab ich sein Kindl
umgerannt. Da hat er mir die Ohren schier aus dem Kopf gerissen. Der Teufel,
der ungute! Ist ein Auswärtiger. Vor zehn Jahren ist er zu uns gekommen,
weiß nit, woher. Drunten im Salzhaus ist er Sudmann, und sein Haus ist
ein Klosterlehen. Jaaa!" Laut gähnend drehte sich Walti auf die Seite.
Haimo saß gegen die Blockwand gelehnt, flocht die Hände um das aufgezogene
Knie und träumte mit offenen Augen.
Auf dem Herd erlosch die Glut, Frater Severin schnarchte, und draußen
stürmte der Föhn um das kleine Balkenhaus, dass es zitterte in allen
Fugen.
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