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Man folgenden Tag, in der Morgenfrühe, verwandelte sich die Trauerstille
der Luttermühle in erneutes Leben. Um sechs Uhr, bei Tagesanbruch, vernahm
man ein dumpfes Brausen. Man hatte das Wehr des Mühlbaches aufgezogen, und
das arbeitslustige Wasser stürzte sich mit fröhlichem Spektakel in die
Radschaufeln seines Tagewerks. Ein Spiel von gold blitzenden Tropfen war in der
Sonne rings um das kreisende Ungetüm, die Transmissionen surrten, die Mahlsteine
rollten, die Mehlsiebe schütterten, und dieses Lärmgezitter erfüllte
das ganze Haus.
Jedes in der Mühle stand bei seiner Arbeit, und am fleißigsten
schaffte der junge Meister, um seiner Trauer und seines Kummers Herr zu werden.
Nur Warmelius begann seine Existenz als zwecklos zu empfinden. Vor den Laubfrosch
hinzusitzen und sich zu ärgern? Das war keine Lebensaufgabe. Was anderes
fand sich nicht. Miauend, suchend, immer unglücklicher, schlich er durch
alle Räume. So oft er in die Stube wollte, wurde er davongejagt, nicht
aus Unbarmherzigkeit, sondern aus verständigen gründen. Es fehlte
ihm hierfür die feinere Differenzierungsgabe, und so empfand er die Sache
als rohe Gemeinheit, war gekränkt, kletterte auf den Apfelbaum seiner andauernden
Verständnislosigkeit und ließ sich die Sonne auf den weißen
Balg scheinen.
Den ganzen Vormittag scheuerten, lüfteten und räumten Stas und Ottil
in Stube und Kammer. Die letztere wurde in eine Art von Müllerstudio verwandelt,
weil Nepomuk meinte: In dem Raum, in dem die Mutter geatmet und verschnauft
hatte, könnten ihm nur gute Gedanken kommen. Der Wandel wurde auf einfache
Art vollzogen; man trug die Bettlade und das Nachtkästl der Frau Simonia
hinaus und rückte für den jungen Meister einen Tisch mit Löschpapier
und Tintenzeug an das Fenster. Vor das Gesims stellte die Stas sechs Blumentöpfe.
Weil die Stöcke noch nicht blühten, sorgte sie auf andere Weise für
Wohlgeruch, der auch noch den Zweck hatte, die bösen Bahrgeister aus dem
Haus zu treiben und die guten Lebenswichteln hereinzurufen. Sie füllte
eine kleine Pfanne mit glühenden Kohlen, schüttete eine Handvoll Wacholderbeeren
drauf, schloss alle Fenster und rannte nun mit dieser heftig qualmenden Sache
durch Stube und Kammer, durch Kammer und Stube, immer wedelnd wie der Messner
mit dem Weihrauchfass. Die zu Tränen gebeizten Augen konnte sie schließen,
die Nase konnte sie mit der linken Hand zudrücken, doch jeder Versuch,
die Lippen vor die Zähne zu bringen, misslang. Drum musste sie immer husten.
Auch Warmelius nieste einige Male kräftig mit, dazu noch seelisch bedrückt
von der aufkeimenden Erkenntnis seines reduzierten Daseins. Nicht nur Frau Simonia
und ihr Schoß waren unfindbar verschwunden, auch der Lehnsessel. Den hatte
man zum Sattler geschickt, der ihn neu mit Leder überziehen musste. Nur
das alte, unter entschwundenen Lasten sehr platt gewordene Kissen war zurückgeblieben.
Das hatte die Stas, gleichsam als Erbstück und Legat, für Warmelius
auf die Ofenbank gelegt. Er hatte sich auch nach längerem Schnuppern missmutig
draufgeseztt. Doch als der Wacholder zu stinken anfing, flüchtete Warmelius
mit zwei entsetzten Sprüngen unter den Ofen, ohne zu wissen, dass dieser
schwere Qualm sich senkt. Die immer rasender umhersausende Stas begann grau
in grau von unten her zu verschwinden, verlor die Beine, verlor das Mittelstück,
verlor die Gegend des nicht vorhandenen Busens, hatte schließlich nur
noch einen tränenden Kopf, stellte flink das Qualmpfänndl in die Ofenröhre
und flüchtete aus der Stube. Als Warmelius im Grau das Geräusch der
Türe vernahm, wollte er auf dem gleichen Rettungsweg entfahren, kam aber
zu spät. Draußen drehte sich schon der Schlüssel um. Miauend
kratzte Warmelius sehr hurtig an den Brettern, ohne dass draußen die fürchterlich
hustende Stas ihn hören konnte. Verzweiflungsvoll begann er im grau umherzusausen.
Es ist anzunehmen, dass es unter Flüchen und Verwünschungen auf die
Torheit der Menschen geschah. Er sprang auf die Wandbank, sprang auf ein Fenstergesims
und merkte, dass in dieser Höhe der Gestank ein bisschen erträglicher
war. Drum beförderte er sich mit einem Wahnsinnssprung auf den höchsten
Bord des Geschirrkastens, wo er zwischen Holz und Stubendecke ausreichenden
Luftraum fand. Von diesem erhabenen Standpunkt konnte er, wie ein Hochtourist
auf dem Montblanc, mit weinenden Augen ein seltsames Phänomen bestaunen.
Die ganze Stube war verschwunden, war verwandelt in ein aschengraues Meer, dessen
Oberfläche sich wellenförmig und Fäden spinnend bewegte, doch
leider auch immer höher stieg. Warmelius wäre bei lebendigem Leib
geräuchert worden, wenn er nicht auf den rettenden Einfall gekommen wäre,
die Schnauze unter den Schwanz zu stecken und Luft aus sich selbst zu saugen.
Immerhin ging ihm die gespensterscheue Desinfektionswut der Stas bis nah ans
Leben. Wer weiß, was geschehen wäre, wenn die lange Küchenjungfrau
nicht schon nach einer halben Stunde die Tür und alle Fenster in Stube
und Kammer aufgerissen hätte. Kaum merkte Warmelius den frischen Luftzug
und das Loch des Zimmermanns, als er wie verrückt hinausfuhr in Gottes
freie Natur. Immer schüttelte er in der Sonne den Pelz – man könnte
mit doppelter Berechtigung statt Pelz auch Rauchwerk sagen – ringelte
den Schweif zu pathologischen Wurmfiguren, lechzte mit vorgeschobenem Züngl,
soff eine schreckliche Menge Bachwasser und hatte links und rechts vom Schnäuzchen
die gelblichen Tropfsteingebilde seiner hart gewordenen Tränen. Gliederschwach,
von schwerer Übligkeit befallen, kletterte er auf seinen Apfelbaum und
achte schlecht von den Menschen.
So kann man danebengreifen, wenn man kritisiert. Denn die Stas wurde in der
Mittagsstunde von den Mühlgesellen, vom Stallknecht und von der schwerhörigen
Ottil sehr gelobt, weil die ausgeräucherte, gut gelüftete, von Sonne
durchglänzte Stube wie herber Frühling duftete. Dennoch gab’s
keine auflebende, sondern eine stille, schwermütige Mahlzeit. Nepomuk,
im hechtblauen Müllerkleid, mit einem weißlich bestäubten Flor
um den linken Ärmel, sprach kein Wort. Seit drei Tagen wieder die erste
Mittagsschüssel auf diesem Tisch! Und ohne die Mutter! Nach dem Dankbeten
ging der junge Müller in die Kammer – er sagte nicht: „In meine
Stub“, er sage: „In Mutters Zimmer.“ Dieser Name blieb.
Am offenen Fenster saß Nepomuk neben den Blumenstücken und presste
das Gesicht in die Hände, durchschüttert von heißem Schluchzen.
Am Grab der Mutter und inmitten des Leutegewimmels hatte er nicht weinen können.
Jetzt, in Mutters Zimmer, war ihm dieser Sturm seines Schmerzes auch eine Wohltat.
Als er ruhiger wurde, sah er mit nassen Augen an den Wänden umher und hing
mit zärtlichem Blick an jedem Gerät, das der Mutter Hände tausendmal
berührt hatten. „Alles muss so bleiben! So lang ich leb!“ Nur
die nötigsten von seinen Sachen sollten in die heilige Stube kommen dürfen.
Wo das Kopfstück des Bettes gestanden hatte, nagelte er ein Zapfenbrett
an die Wand, hängte seinen Hut und Mantel dran, den Zimmerstutzen, die
Scheibenbüchse, die Silber beschlagene Sonntagspfeife und seine Geige.
Das Einmachglas mit dem Laubfrosch fand bei den Blumenstöcken seinen Platz.
Und augenscheinlich durfte man andauernd auf gut Wetter hoffen. Beharrlich kletterte
der weißgrüne Prophet am Glas in die Höhe, doch weil es glatt
war, rutschte er immer wieder ins Moos hinunter. „Wart, Grünerle,
ich mach dir ein neues Leiterl! Gleich!“ Das war eine tröstende Zerstreuung.
Nach einer Stunde war die neue Froschleiter fertig, akkurat gebosselt, wie dem
jungen Müller alles aus den geschickten Händen ging. Kaum war die
Leiter im Glas, so fing der Prophet zu klettern an. Sein Leben, im Gegensatz
zum Warmelianischen Dasein, ging nach aufwärts und wurde auch gleich bereichert
um einen neuen Reiz. Nepomuk hatte den guten Gedanken, eine automatisch funktionierende
Fliegenfalle zu konstruieren. Er bohrte in den vielfach durchstoßenen
Holzdeckel drei größere Löcher, die er innen durch federnde
Papierblättchen halb verklebte. Dazwischen befestigte er ein mit Honig
getränktes Stück Zucker, das umschlossen war von einem Leinwandläppchen.
Als die fertige Sache in der Sonne stand, schien der Leiterphilosoph durchaus
nicht zu bemerken, dass hier ein Novum in sein leben trat und ein Welträtsel
sich auf angenehme Weise für ihn zu lösen begann. Es ist eine Eigenschaft
aller Philosophen, von maschinellen Einrichtungen wenig zu halten. Die kalkulierende
Intelligenz! Alles andere ist nebensächlich, ist inferior.
Je weniger der Laubfrosch seinen Denkapparat bemühte, umso aufmerksamer
beobachtete Nepomuk mit berechtigter Erfinderneugier den Verlauf der Dinge.
Wupps, war eine Fliege da, gelockt vom Geruch des Honigs. Sie lief nervös
auf dem Holzdeckel hin und her und schien nicht zu wissen, für welches
der drei Löcher sie sich entscheiden sollte. Endlich entschied sie sich
für das größte, vermutlich, weil sie dachte: „Da ist’s
am ungefährlichsten, da komm’ ich am leichtesten wieder heraus.“
Im Gegenteil: Hier kam sie am leichtesten hinein.
Nicht nur Nepomuk war gespannt, jetzt auch der Laubfrosch. Kaum vernahm er
das leise Gekribbel hinter dem zitternden Papierblättchen, da drehte er
sich auf der Leiter um und guckte. Es war ihm anzumerken, dass sein Geist keinen
Trugschluss machte. Sein Maul verbreiterte sich, seine Augen wurden spitzig.
An seinem Kehlhäutchen fieberte ein feines Zittern des spannungsvollsten
Erwartens. Ob Laubfrosch im Glas oder Tiger in den Dschungeln, ob Erbfeind in
der Schlacht oder dürstende Sehnsucht im jungen Blut – ’s ist
immer das gleiche.
Schon hatte die Fliege den Kopf zwischen Holzdeckel und Papierzunge durchgeschoben
und arbeitete aus Leibeskräften, um den süßen Honig so rasch
wie möglich zu erreichen. Der Philosoph verlängerte sich. Jetzt war
die Fliege frei und breitete die Flügel, um der Seligkeit entgegenzuschwirren.
Der Denker sprang, verschluckte die betrogene Seele in der Luft, hing auf der
anderen Seite seines Palastes am Glas, rutschte gemütlich herunter, kletterte
über die Leiter hinauf und setze sich wieder in Lauerpositur. Der junge
Müller dachte: „Jetzt hätt die Mutter ein bissl lachen können!“
Der Laubfrosch sah ungemein befriedigt aus. Mit Recht. Sonst war die Sache
ein bisschen monoton gewesen. Hatte er die paar Fliegen gefressen, die man für
ihn fing, so konnte er stumpfsinnig auf die unregelmäßige Stunde
der nächsten Fütterung warten. Aber jetzt! Wie anders! Nicht nur eine
amüsante Ernährungsmethode war ihm gegeben – noch mehr: Sein
Leben hatte geistigen Inhalt, hatte Pikanterie, hatte Sensationen. Und dazu
noch eine köstliche Schadenfreude – vorausgesetzt, dass er ihren
Wert auch klar zu erfassen verstand. Warmelius kam zum Fenster herein gesprungen,
lautlos. Nicht das geringste hatte Nepomuk vernommen, hatte nur, begleitet von
einer fliegenden Erinnerung, diesen weißen Gespensterhusch gesehen und
fuhr auf mit dem Zornwort: „Wirst du wohl –“ Er brauchte nicht
weiter zu sprechen. Der unglückselige Kater, zu Tod erschrocken, war schon
wieder verschwunden. Und hinter ihm klagen die dunklen Orakelworte: „Wart
nur! Morgen oder übermorgen kommt der Postbot!“
Nach diesem flüchtigen Erlebnis wurde Nepomuk gleich wieder und zwar
andauernd an das weiße Biest erinnert. Er hatte sich zu seinem Rechnungsbuch
gesetzt. Viel war einzutragen, auf der Seite, auf der die Ausgaben standen.
Geboren werden, ist relativ billig, sterben ist teuer, auch minder empfehlenswert
als das erstere. Weil Nepomuk die Bücher genau so weiterführen wollte,
wie die Mutter sie geführt hatte, vertiefte er sich in das Kontobuch des
vergangenen Jahres. Und da sprang ihm gleich mit der ersten Eintragung ein zärtlicher
Muttergruß ins Herz. Am 1. Januar war eingeschrieben:
„Für meinen lieben Buben in die Sparkass’ 100 M.“ Monat
für Monat, immer am Ersten, wiederholte sich dieser gleiche Posten. Und
im August, datiert vom zweiten, stand unter diesem Dokument der Mutterliebe
die rätselhafte Eintragung:
„Fürs liebe Warmeli . . . . . . . 50 M.“ Nepomuk betrachtete
diese Ziffer sehr verwundert. 50 M.? Für ein junges Kätzl? Das hatte
die Mutter doch nicht gekauft? Sie hatte es geschenkt bekommen von einer Bäuerin.
Der junge Müller ging in die Küche. „Stas? Ist Mutters Kätzl
im Sommer einmal so krank gewesen, dass man den Viehdoktor aus der Stadt hat
holen müssen?“
„Gott bewahr! Das Kätzl ist allweil gesund gewesen, wie der Fisch
im Wasser.“
„Muss man für Katzen Steuer zahlen?“
„Gott sei Dank, noch allweil nit. Aber kommen wird’ schon noch.
Was der Steuer auskommen möcht, das müsst unser Herrgott unsichtbar
erschaffen.“
Nepomuk wollte zurückkehren in Mutters Zimmer, trat aber vor die Haustürschwelle
und blickte nachdenklich über das sonnige Bachtal. Das Dorf war nicht zu
sehen, war verhüllt von Hügeln, verschleiert von einem Buchenwäldchen,
dessen laublose Kronen aussahen wie zarte Goldgespinste. Nur der Kirchturm stach
mit seinem Funkelknauf über alle versunkenen Dächter sichtbar hinauf
ins Blaue. Dort schlief die Mutter in kühler Tiefe. Dem jungen Müller
hob ein schwerer Atemzug die Schultern. Er hörte wieder das Poltern der
Schollen auf dem Sarg, fühlte wieder, wie eine liebe, tröstende Hand
die seine fasste – die Hand der Vron. So gut seine Mutter zu allen Menschen
war, gegen die Vron war sie ungerecht gewesen. Auch alle die anderen waren gekommen,
alle, von denen die Mutter immer so lobhaft geredet hatte. Aber ein Wort wie
das von den Guten, die allweil sterben müssen, war keiner eingefallen.
Die das zu ihm gesagt hatte, war auch im Kirchof gewesen. Einmal, hinter dem
Ring der guten Leute, hatte er das schmale, vom sonnigen Schnee gebräunte
Gesicht mit den trauervollen Glitzeraugen gesehen. Warum war sie nicht zu ihm
gekommen, um wieder so ein gutes Wort zu sagen? Die hatte wohl nicht viel Zeit?
Hatte flink wieder heim müssen zum hilflosen Stump-Hannesle?
Der junge Müller sah über die waldige Berghalde hinauf, in deren
Höhe ein paar graue Dachfirste hinausragten über das Gewirr der violetten
Buchenkronen.
Da rief ihn einer von den Gesellen. An einer Transmission war was zu richten.
Als der Schaden gebessert war, kam Nepomuk an der Küchentür vorbei.
„Du? Stas? Wenn der Warmelius eins kennt, so muss er’ doch ein paar
Mal gesehen haben? Ist denn die zu uns ins Haus gekommen?“
„Wer?“
„Dem Stump-Hannesle die seinig?“
„Wohl! Die ist oft bei der Mutter gewesen.“
„Die hab ich aber nie gesehen bei uns.“
„Weil sie allweil am Sonntag da gewesen ist. Die geht in die Frühmess.
Da hat sie, derweil wir alle im Hochamt waren, bei der Müllerin bleiben
können.“
„Warum denn?“
Die Stas sah den jungen Müller verwundert an. Sie schien nicht recht
zu begreifen, dass man vom Stump-Hannesles-Rüetle so viel reden konnte.
„Mein, sie wird’s halt nötig gehabt haben. Weißt doch,
wie die Müllerin gewesen ist. Da könnten viel was erzählen davon,
wenn sie möchten. Die Müllerin hat nie ein Wörtl drüber
geredt, Aber wenn ich heimgekommen bin vom Hochamt, hab ich’s in der Speis
und im Keller allweil merken können, dass wieder ein Körbl voll verschenkt
worden ist.“
„Ach so?“
„Ja!“ Es war der Stas anzumerken, dass sie über die allzu
große Gutmütigkeit der seligen Frau Simonia gern ein missbilligendes
Wort gesagt hätte. Sie verschwieg es aber mit Rücksicht auf die erst
kurze Klagzeit und beleckte nur das Gebiss wie eine Hirschkuh, wenn sie sich
ärgert.
Nepomuk kehrte in Mutters Zimmer zurück. Alles schien für ihn erledigt.
Dennoch hing ein Rätsel in der Luft, das sich in der nächsten Minute
noch weiter auswachsen sollte. Er fand im Kontobuch der Mutter durch weitere
sechs Monate den gleichen Posten eingetragen:
„Fürs liebe Warmeli . . . . . 50 M.“ Und am 4. März,
da heiß es gar:
„Fürs liebe Warmeli, auf alle Fäll 600 M.“ Unter dieser
Eintragung stand mit winziger Schrift noch die sonderbare Bemerkung:
„Meinem lieben Buben wird’s wieder hereinkommen, pf, pf, pf.“
Das scheinbar Dunkelste an dieser Sache war das Verständlichste. „Pf,
pf, pf“ – das bedeutete natürlich: „Dreimal draufspucken,
damit es nicht schief geht und sich wirklich erfüllt.“ Aber was?
Dass ihm die Leute, denen die Mutter Wohltaten erwies, gut und anhänglich
bleiben sollten? Eine andere Erklärung fand er nicht. Namen hatte die Mutter
nicht ins Buch schreiben wollen. Drum hatte sie alle Wohltätigkeitsbeträge
„für die Katz“ eingetragen. Und hatte sie ihren nahen Tod geahnt?
Hatte sie drum – „Für alle Fäll“ – einem jeden
der Bedürftigen das letzte Mal noch reichlich gegeben? Aber wenn es so
war? Was steckte dann hinter dem mit jedem Monat wiederkehrenden Posten ‚Allerlei’?
Das waren Beträge von 20 bis 40 Mark, manchmal auch drüber. Dieses
‚Allerlei’ ging zurück durch alle früheren Jahre. Aber
die Posten fürs ‚liebe Warmeli’ begannen erst im August des
vergangenen Jahres – damals, als die Mutter so schwer erkrankte. Hatte
sie von dieser Zeit an noch barmherziger gegeben, als früher? Alles zusammen,
Warmeli plus Allerlei, das gab jeden Monat eine nette Summe, noch ungerechnet
die vielen Körbchen, die aus Keller und Speis davongetragen wurden. Aber
wäre denn Wohltätigkeit ein Verdienst, wenn man nur gäbe, was
man leicht entbehrt? Nepomuk sah das lächelnde Gesicht der Mutter und sah
um ihre graue Zausfrisur und um ihre Hängebacken herum einen verdienten
Heiligenschein. Und wie es die Mutter gemacht hatte, so musste er’s weitermachen,
mit Verstand natürlich. Aber ins Buch wird er nicht hineinschreiben: ‚für
den geisterhaarigen Warmelius’ – er wird hineinschreiben: ‚für
Mutters liebe Seel.’
Einen solchen Posten konnte er noch vor dem Abend eintragen.
Das Nachtmahl nahmen die Müllerleut in der Küche ein, weil in der
Stube schon gedeckt war für die Dreißigergäste. Früher
war das so im Dorf, dass in einem Trauerhaus durch dreißig Abende gebetet
wurde. Die neue Zeit hatte einen Wandel gebracht, nicht wegen Mangel an Frömmigkeit,
sondern weil diese Fegfeuerhilfe sehr kostspielig war. Die arme Seele musste
sich mit den Rosenkränzen und Litaneien einer Woche begnügen. Der
Name ‚Dreißiger’ war geblieben.
Um acht Uhr kamen die Betgäste. Vron, so heiße Wangen sie von dem
hurtigen Weg bekommen hatte, war nicht die erste. Ein paar junge Zöpfe
von Frau Simonias Kaffeegesellschaften waren ihr zuvorgekommen. Mit allen Verwandten
und Freunden waren es an die vierzig Leute. Eine Stunde wurde gebetet, dann
saß und stand man in der Stube herum und begleitete die Liköre, den
Käs und das Geselchte mit freundlichen Lobreden auf Frau Simonias gute
Eigenschaften. Um zehn Uhr trat man den Heimweg an.
„Tust du mich heut heimführen?, fragte die Vron unter verheißungsvollem
Lächeln.
Nepomuk nickte und ging in Mutters Zimmer, um seinen Mantel zu holen. Im Dunkel
war es ihm, als stünde das Bett der Mutter noch da. Das Bett war schwarz,
aber das Gesicht der Mutter war weiß, ohne Augen, ohne Mund. Dennoch hörte
er sie sagen: „Bub? Bist du blind?“ Er machte erschrocken eine Handbewegung,
und das weiße Gesicht der Mutter flog zum Fenster hinaus, das noch offen
stand – Warmelius, der auf der Kommode gelegen hatte, weil ihm was Besseres
nicht zur Verfügung stand.
„Allweil wieder die haarige Bestie!“, knirschte Nepomuk, brachte
den Propheten in Sicherheit und riegelte das Fenster zu.
Auf dem Weg zum Dorf war er nicht besonders redselig. Auch passte von den
jungen Mädeln eines aufs andere auf, als wären sie alle in misstrauische
Gendarmen verwandelt. Mit der kameradschaftlichen Duldung, die man in der Zeit
der Mühlwinkelbusserln geübt hatte, schien es vorbei zu sein. Seit
Frau Simonias Heimgang hatte die Sache einen ernsten Charakter gewonnen. Im
schwarzen Schatten einer Fichtengruppe, deren Äste den Weg überspannten,
fühlte Nepomuk ein halbdutzend Hände an Armen und Fingern. In Zorn
sagte die Vron: „So was! Ich tät mich schenieren.“ Sie musste
aber doch selber zugegriffen haben, sonst hätte sie nichts gemerkt. Es
gab ein mehrstimmiges Gekicher, das nicht heiter klang. Aus Bosheit –
doch unter dem Vorwand, recht lang unter den schönen Sternen zu bleiben
– schlugen die Mädeln einen Weg ein, dass das Haus der Vron im Dorf
das erste war, zu dem sie kamen.
Die Fenster leuchteten. „Der Vater ist noch auf“, sagte die Vron
so leise, dass nur Nepomuk es hören konnte, „einen, der Bürgermeister
gewesen ist, kann man allweil was fragen.“
Er drückte ihre Hand, sehr fest, und sagte laut: „Deinen Vater,
Vronle, muss ich einmal was fragen. Gelt, wenn der Dreißiger vorbei ist,
darf ich kommen?“
„Bist gern gesehen beim Vater, jederzeit!“, antwortete sei heiser
und trat ins Haus.
Er ging mit den anderen noch ein paar Häuser weit, dann kehrte er um.
Während er neben dem rauschenden Mühlbach heim wanderte unter den
schönen Sternen, überlegte er sich die Sache sehr ernst und verständig.
Sie war eben doch von allen die Hübscheste, die Klügste und Respektabelste.
Und gut war sie ihm auch. Sonst wäre sie jetzt nicht so zu ihm, wie sie
nie gewesen. Wenn die Mutter merkt an seinem Glück, dass sie unrecht hatte,
wird sie noch ihre Freud dran haben. Und dass er nicht gleich zwei Sachen tut,
die gegen den Willen der Mutter sind, will er sich zwingen und will den Warmelius
so halten, wie es die Mutter haben wollte.
Wie ein heiliges Feuerwort der Zustimmung war es ihm, dass in diesem Augenblick
eine Sternschnuppe hinschoss über den stahlblauen Himmel und im Bogen hinuntertauchte
hinter die Vierdächler Berghöhe.
Freilich, das muss auch so bleiben, wie es die Mutter gemacht hat! Jeden Sonntag
ein Körbl voll für den notigen Stump-Hannesle. Und ein bissl ‚Allerlei’
dazu.
In der Mühle schlief schon alles. Für den jungen Müller hatte
die Stas eine brennende Kerze auf die Treppe gestellt. Er leuchtete in die Stube
hinein, sah Warmelius zusammengeringelt auf dem Kissen liegen, wollte ihm mit
der Hand über die Ohren streichen und sagte: „Ach, du armes Viecherl!“
Weil Nepomuk um des Dreißigers willen jetzt wieder die schwarzen Trauerkleider
anhatte, gab es ein Missverständnis. Fauchend sträubte sich Warmelius
mit dem Rücken gegen den Ofen auf und machte die Krallen kampfbereit. Augenscheinlich
fürchtete er, wieder in eine fliegende Taube verwandelt zu werden.
Erst ärgerte sich der Müller. Verkannte Liebe wirkt immer nachteilig
auf ein Menschengemüt. Dann bezwang er sich um der Mutter willen und sagte
freundlich: „No, no, no, es wird schon wieder alles recht werden.“
Warmelius blieb misstrauisch und legte sich erst wieder aufs Kissen hin, als
die Stube neuerdings erfüllt war von ungefährlicher Finsternis.
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