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Unbeweglich stand der junge Müller im Stiegenflur, mit dem Arm vor den Augen.
Plötzlich streckte er sich und ging die Treppe hinunter, schob in der Wohnstube
den Leuchter auf den Tisch und schritt auf die Kammertüre zu, aus der ein
kirchenhafter Glanz und Wohlgeruch herausströmte. Stas hatte hier vor dem
Schlafengehen unterschiedliche, Geister bannende Räucherkräuter verbrannt
und an den vier Ecken des Bettes geweihte Wachskerzen angezündet, von denen
ein weihnachtsartiger Lichtschimmer ausging. In seinem Zitterschein sah die selige
Frau Simonia zwar nicht ganz, aber doch annähernd wie ein auf geblümten
Kissen schlafender Engel aus, wenn er durch eins ehr konveres Vergrößerungsglas
betrachtet wird. Man hätte sie auch mit der in Ohnmacht gefallenen Germania
eines unbekannt gebliebenen Meisters vergleichen können. Die kreuzweise übereinander
gelegten Hände schienen im kalten Schlummer gewachsen zu sein, und das Gesicht
war schon verändert zur Unkenntlichkeit. Dennoch sah der Sohn die Mutter
so, wie sie aus gesunden Jahren in seiner Erinnerung lebte, sah ihren gütigen
Blick, sah ihr munteres Lächeln aus jener Zeit, in der sie die lustige, barmherzige,
gern schenkende, bei allen Leuten beleibte Müllerin gewesen war. Schwer hinfallend
auf die Knie, presste Nepomuk seine Stirn über die kalten Hände und
bettelte: „Verzeih mir’s, Mutter!“ So lag er eine Weile regungslos;
dann erhob er sich, wie zerbrochen an allen Gliedern, zog einen Sessel neben das
Bett und blieb als Totenwache bei der Schlafenden sitzen, die Hände zwischen
den Schenkeln verkrampft, die nassen Augen auf eine der züngelnden Kerzenflammen
gerichtet.
Aus der kleinen, flackernden Lichtseele, die von Strahlen umgeben war, wuchsen
ihm die Bilder vergangener Dinge heraus, die Bilder einer Geschichte von mehr
als zwanzig Jahreskapiteln, in denen Frau Simonia mit einer einzigen Entgleisung
– wer ist vollkommen auf Erden? – immer die Heldin war, die man
lieben musste. Die tollfrohe Kinderzeit beim Bachgeplätscher, beim Mühlradrauschen,
beim Mahlsteinrollen und Siebgerüttel, das man immer spürte in allen
Räumen des großen Hauses! Dann die Schuljahre mit den täglichen
Wanderungen ins Dorf. So oft er heimkam aus der Schule, bei Sonne, Regen oder
Schnee, immer stand die Müllerin wartend vor der Haustür. Die drei
früher Geborenen und den Mann hatte sie verloren, hatte ihr fünffältige
Liebe für diesen Einen gesammelt, der in seiner lachenden Spielzeit nicht
ahnte, wie viel Mühseligkeit in Haus und Blut die Mutter auf sich nahm,
um die drei Silben ‚Stiefvater’ von ihrem Jungen fern zu halten.
Ihre weiteren Jahre waren nur noch ein Leben für den Sohn. Und ihr schwerstes
Opfer war es, als sie sich das abrang, drei Jahre einsam zu bleiben, um den
Jungen die Gewerbeschule in der Stadt besuchen zu lassen, wo er neben viel überflüssigen
dingen auch ein paar nützliche lernte und sich ein halbes Hochdeutsch angewöhnte.
Die Stadt bescherte ihm etwas äußerlichen Schliff, doch innerlich
– Frau Simonia sagte: „Gott sei Dank!“ – blieb er der
gleiche, gesunde, grade und reinliche Mensch, als der er die Mühle verlassen
hatte, in seinem Wesen gemischt aus heiter blickendem Verstand und junger Torheit,
aus werdendem Mannsbidl und bleibendem Kind. Niemals, seit seiner Kinderzeit
bis in die Jünglingsjahre, war in ihm das Gefühl erwacht, dass die
Mutter ihn erzog und formte. Das machte Frau Simonia ganz unmerklich. Und Nepomuk
flatterte durch seine Jugend, wie ein Maikäfer fliegt, der immer an seine
Freiheit glauben kann, weil das feine Seidenfädchen, an das er gebunden
ist, viel höher reicht, als Maikäferflügel sich zu schwingen
leiben. Oft sagten die Leute: „Schrecklich, wie die Müllerin ihren
Buben verzieht, alles lässt sie ihm hingehen.“ So sah es auch wirklich
aus. Aber das war eben die aus Klugheit und Liebe gepaarte Erziehungskunst der
Frau Simonia. Sie machte es nicht wie die dummen Gärtner, die ein junges
Bäumchen mit Bleidraht an einen groben, eigensinnigen Pfahl binden, sondern
machte es wie die Erfahrenen mit den sanften Gärtnerhänden, die rings
um das Stämmchen drei elastische Stäbe stecken, nicht zu eng und nicht
zu weit. Da glaubt das Bäumchen zu wachsen, wie es will, biegt aus, wenn
es dem fremden Anstreif empfindet, wird gradschlächtig und behält
doch seine Eigenart, ohne Rindenquetschung durch den starren Pfahl, ohne Striemen
durch die würgenden Drahtschlingen. Mit Spaß und Necken, mit allerlei
schmunzelnden Geheimmittelchen wusste Frau Simonia das Lebenshäutl ihres
Buben so unverletzlich und dauerhaft auszugerben, dass alles Üble der Stadt
von ihm absickerte.
Die Gesellenzeit erledigte er in der eigenen Mühle. Auch hier wusste
ihm die Mutter durch allerlei lustige Spöttereien das beizubringen, dass
der Lernende sich als künftiger Meister fühlte und vor den Mühlknechten
seinen Respekt gewann, nicht nur deshalb, weil er der Haussohn war. Dann sollte
er Soldat werden. Und da geriet die kluge Frau Simonia in eine verdrehte Angst
vor der Kaserne, mehr noch vor den kleinen, unsauberen Gässelchen, die
in der Nähe aller Stadtkasernen zu liegen pflegen. In diesen Winkelgassen
sollten die Militärbehörden sauber machen, oder doch für gesunden,
lustreinen Durchgang sorgen. Dass sie es hier zuweilen an der schönen Sache
fehlen lassen, die man bis Anno 1917 als deutsche Gründlichkeit und germanisches
Pflichtgefühl zu registrieren liebte, war für unzählbare Heldenmütter
ein ausreichender Grund, zu denken, wie die Luttermüllerin dachte: „Der
Staat hat so viel tausend Soldaten, da könnte er doch diesen einen entbehren.“
Auf der Suche nach einem Ausweg vergrübelte Frau Simonia Tage und Nächte.
Aber es half nichts, dass sie ihrem Sohn alle möglichen Leiden andichtete
und eine Woche lang sein Frühstück mit Tropfen mischte, die ein ungefährliches
Herzklopfen erzeugen. Auf das, was Rekrutengesundheit ist, verstand sich der
Regimentsarzt besser, als die Luttermüllerin vermutete. Um ein haar wäre
sie wegen versuchter Bestechung des Dorfarztes in ‚des Königs vergitterte
Stub’ gewandert. Die Müllerin war eine der brävsten und redlichsten
Frauen, war aber eine von jenen Müttern, die ein rettendes Verbrechen für
ihr bedrohtes Kind als göttliche Eingebung ansehen. Drum fühlte sie
sich schuldlos und betrachtete den Untersuchungsrichter als einen Henker des
Lebens. Weher noch als die ‚amtsschimmelige Ungerechtigkeit’ tat
ihr der Zorn des Sohnes, der das versuchte Erlösungswerk der Mutter als
harten Stoß gegen sein Ehrgefühl empfand. War es die Kränkung
über den Erbitterungsausbruch des Buben, oder war es die lange Trennung
von ihm, oder war’s die Folge der Aufregungen, die ihr die ‚Gerichtsnarretei’
verursachte – sie erkrankte schwer. Und da nahm sie schließlich
ihr lebensgefährliches Leiden als eine Art von göttlicher Hilfe, weil
es Ursache wurde, dass man den Sohn vor Ablauf seines Soldatendienstes zur Führung
des väterlichen Geschäftes beurlaubte. Die Mühle ist eine der
staatserhaltenden Kräfte; Brot will auch ein König essen, sogar der
Präsident einer Republik, nicht nur der hungernde Landstreicher. In ihren
quälenden Schmerzen konnte die Luttermüllerin lächelnd sagen:
„Jetzt hab ich es doch durchgesetzt! Der wird sich schön giften,
der Untersuchungsrichter. So ein Schöps, so ein narrischer! Der muss keine
Kinder haben!“ In diesem unverständig erscheinenden Ausspruch der
Frau Simonia war ein Stück ewiger und heiliger Mutterlogik. Und doch war’s
ein Irrtum, wenigstens soweit die Sache den Untersuchungsrichter betraf, der
vierzehn Kinder hatte. Wie die Schulmeister, die protestantischen Pastoren und
die Briefträger sind auch häufig die Gerichtspersonen durch reichlichen
Kindersegen begnadet. Das Bewusstsein, für die geistige Entwicklung, für
den Aufstieg und die Moral der Menschheit zu wirken, scheint geheimnisvolle
Kräfte zu verleihen.
Nepomuk war wieder daheim, trug das hechtblaue Müllergewand, hatte den
Streit mit der Mutter vergessen, war herzlich und nett zu ihr, war in der Mühle
fleißig und fröhlich. Frau Simonia, obwohl ihr Leiden sich nicht
besserte, schien aufzuleben von Tag zu Tag, fand ihren Humor wieder, den sie
halb verloren hatte, und gab sich selber einen drolligen Spitznamen. Wegen der
vielen Wasserzapfungen, die man an ihr vornehmen musste, nannte sie sich ‚das
Brünndl in der Stub’. Sie selber wusste nicht, wie viel schöner
Ernst hinter diesem munteren Wort ihrer Galgenlaune steckte. Mutter sein, so,
wie es Frau Simonia war, heißt immer: Brunnen in der Kinderstube werden,
immer geben, bis man sein Letztes gab.
In der Mühle ließ sie den Sohn nach seinem Willen schalten. Er
machte als junger Meister seine Sache gut. Da war nichts dreinzureden. Doch
Abend für Abend musste der Meister bei der Mutter wieder als Lehrling in
die Schule gehen, als Lehrling in der Leutbehandlung, als Lehrling im Kundenverkehr,
als Lehrling in der Hauswirtschaft, als Lehrling im Sparen. Bei jeder Unüberlegtheit,
die sie an ihm wahrnahm, wusste sie flink mit einem hilfreichen Kurmittelchen
einzuspringen. Immer machte sie es so, dass das brennende Eisen nicht viel zu
spüren war. Es zischte ein bisschen, und ehe Nepomuk aufschreien konnte,
lachte er schon wieder. Und da war es merkwürdig, dass Frau Simonia ihrem
Jungen alles beizubringen suchte, nur eines nicht: Die Elementarkenntnisse der
Ehestandsschule. Hatte sie in der eigenen Ehe zu wenig gelernt, um wieder lehren
zu können? Oder war sie in diesem Punkt nicht die selbstlose Mutter, wie
sonst in allem? Wollte sie den Sohn so lange wie möglich für sich
allein behalten? Oder war ihr keine im Dorf gut genug für ihn? Nie sprach
sie mit einer Silbe vom Heiraten. Eher schien es, als möchte sie den Sohn
ein bisschen zu wahllosem Leichtsinn erziehen. Sie lobte jedes Mädel, von
dem er zu reden anfing, lobte so dick, dass er immer misstrauisch wurde. Manchmal
– sie sagte: Um in ihrem langweiligen Lehnstuhlkerker ein bissl aufzumischen
– lud sie sich die ganze Stube voll mit jungen Zöpfen. Nach Kaffee
und Guglhupf gab’s immer süßen Likör. Dabei wurde das
Mädelvolk so munter und zutunlich, dass es für Nepomuk keiner sonderlichen
Verführungskünste bedurfte, um die ganze Gesellschaft der Reihe nach
lustig abzubusseln, jede für sich allein in einem Winkel der Mühle.
War eine vom Kaffeetisch verschwunden, und kam sie wieder, dann entdecke Frau
Simonia regelmäßig einen Mehlfleck an ihr, und um den Tisch herum
gab’s ein Geschrei und Gelächter, das sich aus Duldung und Eifersucht
mischte. Wurde der junge Meister verlegen oder gar ein wenig ärgerlich,
dann streichelte und kraute Simonia das schnurende Warmeli in ihrem breiten
Schoß und blickte mit sonderbar spöttischem Schmunzeln über
die blonden, braunen und schwarzen Mädelschöpfe hin. Und Nepomuk,
der so viele in seine hechtblauen Arme nahm, fand nie die Zeit, sich eine genauer
anzuschauen, so dass sie ihm besser hätte gefallen können als alle
anderen. Hätte die Luttermüllerin das erreichen wollen, dann hätte
sie es nicht schlauer anstellen können. Schließlich musste sie aber
doch bemerken, dass sich eine Ausnahme aus der leckeren Gewohnheit herauszudrängen
begann. Es kam allmählich so, dass Nepomuk die anderen sparsamer abbusselte
und immer länger und lieber mit einer schwatzte, die sich nicht küssen
ließ, nie aus der Kaffeegesellschaft verschwand, also auch nie einen Mehlfleck
am Ärmel oder sonst wo hatte. Das war die dreiundzwanzigjährige Vron,
die Tochter des Altbürgermeisters, eine gut gewachsene, hübsche Blondine
mit dunklen, gescheiten Augen. Sie ging in der Dorftracht, sondern kleidete
sich städtisch, weil sie vergangenes Jahr die Kochschule der Provinzstadt
besucht hatte. Zwischen ihr und dem jungen Meister schien sich allem süßen
Likör zum Trotz was Ernstliches anzuspinnen. Immer überschwänglicher
lobte Frau Simonia. Und diesmal geschah es nicht, dass Nepomuk wie sonst zu
ihr sage: „Mutter, du übertreibst! Ein netter Käfer, ja! Aber
was du in ihr siehst –“ Diesen halben Satz pflegte ein Kopfschütteln
zu beenden, und Frau Simonia konnte schmunzeln. Diesmal hieß es: „Ja,
Mutter! Du hast du recht, das ist ein famose Mädel.“ Und die Luttermüllerin
wurde sehr verdrießlich. Sie bekam so kalte Hände, dass Warmeli seine
Welt mit den Höhnen und Tiefen fast immer verlassen durfte. Allmählich
verwandelte sich Frau Simonias Lob in immer schärferen Tadel, der zuletzt
so bitter wurde, dass Nepomuk als richtiger Deutscher sich irren und gründlich
widersprechen musste: „Die Vron? Mutter, jetzt bist du ungerecht. Die
Vron ist von der ganzen Bande die einzige, in der was Richtiges steckt. Die
lässt sich nicht packen wie die anderen. Der ist es nicht um ein lustiges
Bussel zu tun, sondern um den ehrbaren Respekt, den sie verdient.“
„Bub? Bist du denn blind? Die tut nur so, weil sie angelt. Die hängt
dir das Futterkörbl hoch, damit du den Hupf machen sollst, den sie haben
möcht. Ich bitt’ dich, Mucki, mach die Augen auf! Die Zeit kommt
schon, wo du den Unterschied merken wirst. Für dich lauft was Besseres
auf der Welt herum. Nur Geduld musst du haben. Das Knöspl muss erst ein
Rössl werden.“
Er guckte verwundert. „Was meinst du da?“
Bekam Frau Simonia einen Anfall von Schwäche? Oder simulierte sie ihn
nur, um nicht weiterreden zu müssen? Und Nepomuk, in seiner Sorge um die
nach Atem ringende Mutter, vergaß jeder weiteren Frage.
Das Rätsel des Wortes, das die sonst so vorsichtige Luttermüllerin
unvorsichtig aus ihrem Ärger herausgeschwatzt hatte, blieb ungelöst.
Es war ein paar Stunden vor dem verwichenen Abend gesprochen worden, an dem
sich der verbotene Glühwein nach Meinung der Stas in mörderisches
Wasser mit beißenden Zähnen verwandelt hatte.
So waren die Dinge in Wirklichkeit gewesen. Aber so sahen die Bilder nicht
aus, die für den blassen, regungslosen Totenwächter herausstrahlten
aus der Lichtseele der geweihten Kerze. Er sah keinen jungen Zopf, kein Schürzenbändel,
keine Kaffeegesellschaft, keinen süßen Likör, keinen Winkel
in der Mühle und keinen Mehlfleck. Auch nicht die Vron, die keinen hatte.
In diesen lautlosen, Licht durchschimmerten Stunden, die aus der Nacht hinüberschauerten
in den Märzenmorgen, war er Kind, sonst nichts, und sah nur die Mutter,
ihren treuen Blick, ihr gütiges Lächeln, ihre Liebe. Und war als Kind
von Reue darüber durchwühlt, dass er die Todesnacht der Mutter entweiht
hatte durch solch einen Stasischen Unsinn. Dabei fühlte er gegen das verwünschte
Warmeli einen Zorn, in dem schon die Keime des Hasses waren. Immer sah er das
wieder: Wie dieser weißliche Gespensterschreck vom Fenster durch das Dunkel
gegen ihn hergesprungen kam. Wäre das Warmeli eine schwarze Katze oder
doch wenigstens eine graue, so hätte er nicht sehen können, was ihn
so stasdumm schreien machte, während drunten die Mutter zwischen vier brennenden
Kerzen lag.
Er konnte die zuckenden Flämmchen nimmer ansehen, musste das Gesicht
in die Hände drücken. Und jetzt, da es ihm schwarz vor den Augen dunkelte,
sah er wieder den lächelnden Mund und den liebevollen Blick der Mutter.
So gut, wie bei diesem Schauen in die Finsternis, glaubte er in seinem ganzen
Leben die Mutter noch nie verstanden zu haben. Je wertvoller die deutschen Jungen
sind, umso unzutreffendere Schlüsse pflegen sie zu machen. Sogar die schreckliche
Sache mit dem Hundertmarkschein für den Doktor meinte er jetzt zu begreifen.
Den Sohn ehrlos machen? Nein! Das konnte die Mutter doch nie gewollt haben.
Sie wusste eben damals nicht, was sie tat. Da hat die gescheite Mutter eben
auch einmal so eine fürchterliche Dummheit gemacht, wie er in der Kammer
droben, als dieses Weiße auf ihn zusprang. Stolpert man selbst, so versteht
man erst, dass auch deren stolpern können. Wie gut begriff er das jetzt!
Er hatte damals so wenige Recht zu harten, zornigen Worten, wie am Nachmittag
zu seiner verwunderten Frage: „Was meinst du da?“ Jetzt wusste er’s.
Ein Knöspl, das erst noch ein Rössl werden muss? Das war doch nur
so allgemein gesagt. Ein Bild für etwas Kommendes, das noch nicht da ist.
Eine sprichwörtliche Redensart, wie die Mutter sie gern gebrauchte. Mehr
war nicht dahinter. Ganz gut verstand er das. Und alles begriff er an der Mutter,
alles – nur eines nicht.
In der Tat, das war sonderbar, war eine schwierig zu knackende Lebensnuss.
Eine Mutter, die ihr Dasein erschöpfte in Liebe für ihren Sohn! Und
findet in der Todesstunde keinen Hauch dieser Liebe mehr, kein zärtliches
Wort für ihn, keinen mütterlichen Segen! Nur noch ein Wort der Führsorge
für eine Katze! In Nepomuks wühlendem Gedankenwirbel hieß er
natürlich nicht: Für eine Katze – da hieß es: „Für
so einen vermaledeiten Seelenschreck, für so ein schneehaariges Vieh!“
Man lasse doch einen großen Denker kommen, um diese sonderbare Sache
logisch zu erläutern! Möglich, dass er sagen wird: „Das letzte
Wort der Frau Simonia war ein mechanischer Fieberlaut, aus dem nicht mehr der
Geist herausredete, nur noch ein körperliches Gewohnheitsempfinden, gleichsam
ein Wärmesehnsucht der ‚erfreisenden’ Hände.“ Kann
auch sein, er sagt: „Diese Frau in ihrer mütterlichen Affenliebe
heilt den Sohn fürs Leben so gründlich vorgeschult, dass er keines
Hebelstoßes mehr zu bedürfen schien. So konnte sie beim erlöschenden
Atemzug noch dankbar für das Kleinere sorgen, ähnlich, wie Könige,
wenn sie ein Reich vergaben, noch die Leibrente festsetzen für einen treuen
Kammerlakai.“ Aber denkbar ist es auch, dass der Weise spricht: „Diese
ahnungsvolle Frau verzweifelte, weil sie den törichten Sprössling
rettungslos dem halbstädtischen Unwert der schlauen Vron verfallen sah.
Er wird zum Weib gehen und die Peitsche nicht mitnehmen. Erledigt! Dieses Kamel
verdient es nicht besser. Lohnender war die Sorge für eine Katze.“
Mit diesen drei Varianten wären die Lösungsmöglichkeiten noch
lange nicht erschöpft. Frau Simonia und ihr letztes Wort – ein Preisrätsel
für Psychologen!
So sehr verwirren sich die Dinge, wenn man in überflüssigem Maß
denkt. In dem von Trauer, Vorwurf, Schmerz und Reue gezwiebelten Gehirn des
jungen Müllers sah das Problem viel einfacher aus, man könnte sagen:
natürlicher. Er nahm das schwer verständliche letzte Wort der Mutter,
wie es war – fragte nicht: Warum und wieso? – Und fühlte nur,
dass er das Vermächtnis der Mutter wohl am vergangenen Abend hatte erfüllen
können, dass er es aber nicht mehr erfüllen konnte am Morgen, nach
einem Erlebnis, bei dem das weiße Mistvieh ihm alle Trauer um seine gute
Mutter verwüstet hatte. Diesen Nachtschreck noch einmal zärtlich an
sein Herz nehmen? Nein! Das konnte er nicht.
Wieder beugte er, vor Kälte schauernd, die Stirn auf seiner Mutter eisige
Hände. Und wieder sagte er: „Tu mir’s verziehen, Mutter!“
Jetzt war es anders gemeint, war nicht mehr Reue, sondern war die Unheil kündende,
durchaus nicht rosenfingerige Morgenröte von Warmelis aufsteigendem Jammerschicksal.
Man denke deswegen nicht an das Sprichwort, dessen unheimliche Verlässlichkeit
sich in fünfthalb Jahren etwas fünfzehnmillionen Mal bewahrheitete:
„Morgens rot, abends tot.“ Warmeli – trotz aller schauerlichen
Erlebnisse, die ihm in den Sternen verzeichnet waren – wird das Ende dieser
Geschichte erleben, teils um der unantastbaren Wahrheit willen, teils aus kunsttechnischen
Gründen. Ein Held, besonders ein deutscher, muss durchhalten können.
Dass Siegfried vorzeitig um die Ecke ging, wird von Fachmännern als eklatanter
Kunstfehler des Nibelungenliedes bezeichnet. Viele Laien scheinen anderer Meinung
gewesen zu sein, besonders jene, die mit unzureichender Kenntnis der Sache in
jüngst vergangenen Zeiten häufig von Nibelungentreue sprachen. Dabei
dachten ihre brave Seelen an Sieg und schöne Zukunft. Ein verhängnisvolles
Missverständnisses! Nibelungentreue halten, heißt bluten und erliegen
durch Schuld der Ungetreuen. Alle Redlichen werden in kommenden Zeiten sich
immer des durch den Weltkrieg rektifizierten Sprichwortes erinnern müssen:
„Wie ich dir, so du mir nicht.“
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