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Es ist nicht an der Zeit, von Helden zu sprechen. Lasst mich erzählen
von einer Katze! Sollte sie gelegentlich einen schönen Charakterzug verraten,
so wird man, ohne Professor der Psychologie zu sein, die kluge Bemerkung machen
können, wie viel Menschliches sich zuweilen erkennen lässt an einem
Tier. Sollte aber dieser Katzenbalg die auf ihn gesetzten Erwartungen so sehr
enttäuschen, wie die Route Berlin-Bagdad den deutschen Zukunftskalkül,
sollte eine Fülle von Gemeinheit, von Hinterlist und Habgier, von kleinköpfiger
Selbstsucht und feiger Gesinnungslosigkeit aus diesem Vieh herausmiauen, so
wird das den deutschen Leser weniger schmerzlich berühren, als wenn er
so üble Dinge erführe von einem heimatlichen Staatsbürger, den
er in Liebe und Zuversicht für einen auserlesenen Menschen nahm, um ihn
schließlich mit Kummer rubrizieren zu müssen als unzuverlässigen
Wirrkopf, als quieksende Windfahne, als wehleidigen Schwächling, ferne
jeder Opferfreudigkeit und jedem getreuen Todesmut. Darüber müsste
man als Deutscher weinen. Drum ist es empfehlenswerter, lachen zu können
über eine Katze.
Das beklagenswerte Tier kam unverschuldet zu einer qualvollen Lebenstragödie.
Von Natur aus war es dazu veranlagt, sanft und wohlgelitten sein Dasein zu vollenden.
Es war ein liebes, nettes, völlig ungefährliches Kätzchen, so
gutmütig, als hätte es nicht die geringste Ahnung davon, dass es Raubtierinstinkte,
scharfe Krallen, spitzige Zähne und sonst noch mancherlei Eigenschaften
des Völkerneides gegen uns Deutsche besaß.
Wäre Napoleon ein Frauenzimmer gewesen, so wäre die Wende des 18.
Jahrhunderts vermutlich ruhiger verlaufen, als es in Wahrheit geschah. Die Weltgeschichte
hätte nur eine neue Pompadour von ausgeprägteren Formen und erfindungsreicherer
Beweglichkeit zu genießen bekommen, doch ohne aktive Beteiligung eines
französischen Königs. Im vorliegenden Fall erwies es sich als völlig
belanglos, dass dieses liebenswürdige Kätzchen ein Kater war. Bei
seiner Bildung hatte die Natur in überraschendem Grad alles männlich
Herbe gemildert. Überdies wirkte noch die Tatsache mit, dass das gute „Warmeli“
– der sonderbare, sehr unkätzliche Name mit dem Ton auf der ersten
Silbe wird noch seine Erklärung finden – im Juni das Licht der Welt
erblickte und zu Beginn seiner Leidenszeit wohl einen Sommer, Herbst und Winter,
aber noch keinen Frühling erlebt, noch niemals auf einer Dachkante oder
gar auf hohem Schornstein ein Lied der Liebe als strebsamer Katerpoet gesungen
hatte.
Was in einer jungen Katze den Charakter misstrauisch und bösartig gestaltet,
pflegt meistens der ausgiebige Verkehr mit munteren Kinderchen zu sein. Sich
stundenlang in unbequemster Lage hin und her schleppen zu lassen; auf Schwanz
und Pfoten getreten, zärtlich ausgerenkt und liebevoll gezwickt zu werden;
ein würgendes Bändchen am empfindlichen Hals zu fühlen, sei es
ein rotes oder blaues; glitschige Nussschalen an die Füße zu bekommen
und an die Schweifspitze einen unerwischbaren Papierschmetterling, bei dessen
tückischen Flatterbewegungen man unter dem Jubel der fröhlichen Kinder
verzweifeln möchte – solche Erziehungsmethoden können auf die
seelische Entwicklung einer jungen Katzenseele unmöglich von günstiger
Wirkung sein. Sie verbilden den Tiercharakter und führen naturgemäß
zu Temperamentskatastrophen, die ein unerschrockenes Kindergemüt in Tränen
zerfließen lassen und ihm die gänzlich unberechtigte Meinung beibringen:
Dass ein gutes Kätzchen ein böses Miezebiest wäre – ähnlich,
wie viele fremde Völker durch allerlei flatternde Papierwische zu der Ansicht
genötigt wurden, dass wir gutmütigen, leicht zu betrügenden Deutschen
grinsende Menschenfresser und tollwütige Bestien wären. Völker
kennen andere Völker so wenig wie sich selbst. Von anderen sagen sie mehr
Schlechtes, als begründet, von sich selbst mehr Gutes, als zulässig
ist. Nur ein einziges Volk auf Erden – das in einem Lied gesungen hat:
„Bundesbrüder sind Räuber“ – darf, seit es unser
Bundesbruder war, sich rühmen der tiefsten Selbsterkenntnis.
Also, wie gesagt: Unter einem die Nerven molestierenden Martyrium der Katzenjugend
hatte Warmeli während seiner Entwicklungsmonde nie zu leiden. In der schönen,
romantisch an einem Bach gelegenen, gut deutschen Luttermühle, die seine
Heimat war, gab es keine Kinder, oder doch nur ein einziges, ein sehr großes,
das über die Vorleibe für das Spiel mit einem Kätzchen schon
lange hinaus war. Dieses Kind hieß Nepomuk, ohne ein Sohn des zweischwänzigen
Löwen zu sein, und spielte lieber mit einem Scheibenstutzen, mit seiner
Geige, mit einer Silber beschlagenen Knasterpfeife und mit dem Schürzenbändl
gut gewachsener Mädchen. Auch die beiden Mühlgesellen und der Stallbursch
waren für Warmelis Jugendfrieden und Gemütsgestaltung völlig
ungefährlich. Außer diesen vier Mannsleuten gab’s in der Luttermühle
nur die schwerhörige Haus- und Kuhmagd Ottil, dazu noch eine hochbejahrte
Küchenjungfrau, die im Widerspruch zu ihrer erschrecklichen Länge
auf den kurzen Namen Stas getauft war, und die herzensgute, seit Jahren verwittibte
Luttermüllerin, welche Warmelis geliebter Abgott war, eine Neigung, die
auf Gegenseitigkeit beruhte.
Dass Frau Simonia Lutter in bedenklichem Grad an der Wassersucht litt –
an einem Leiden, das so Kräfte fressend und zersetzend wirkt wie die deutsche
Brudernörgelei – und dass die gute Müllerin in der unteren Hälfte
ihres Leibes bereits zu schönheitswidrigen Klumpformen gedunsen war, dafür
besaß das liebevolle Kätzchen – nicht das geringste Unterscheidungsvermögen.
Es hing mit so heißer Inbrunst an der Müllerin, wie einst wir Deutsche
an der sicheren Erwartung des Versöhnungsfriedens. Überdies hatte
das in die Breite wachsende Leiden der Müllerin für Warmeli sogar
noch unleugbare Vorzüge. Wahrhaftig, kein anderes Kätzchen der Erde
erfreute sich für seine Schnurrstunden eines Schoßes von so umfangreicher
Bequemlichkeit, wie ihn Frau Simonia ihrem Liebling zu bieten hatte. Das war
für Warmeli eine Welt mit Höhen und Tiefen, die sich niemals restlos
erforschen ließen und immer neue Überraschungen und Wohligkeiten
zu spenden vermochten. Dazu besaß die Luttermüllerin, vom kätzlichen
Standpunkt aus betrachtet, noch eine andere Köstlichkeit. Sie hatte zwei
prachtvoll kühle Hände, von denen gestreichelt und gekraut zu werden
für einen elektrisch durchfunkten Katzenkörper ein Behagen ohnegleichen
war.
Frau Simonia streichelte und kraute ihr Warmeli unermüdlich, Stunde um
Stunde. Sie tat es mit jener Liebe, von der ein missmutiger Philosoph behauptete:
Dass auch dieses edelste Gefühl der Menschen nichts anderes wäre,
als ein auf gegenseitigen Leistungen beruhender Tauschhandel. Die Ausdrucksform
dieser Weisheit ist brutal. Im Kern scheint die Sache zu stimmen. Was hat man
von der Liebe allein? Die Gegenliebe ist nötig. Wir Deutsche machten die
Nachbarvölker umso kühler gegen uns, je wärmer wir ihnen gaben.
Der Luttermüllerin, als deutsche Ausnahme, gelang die Sache besser. Je
kühler sie gab, umso wärmer empfing sie. Und da kann es nicht als
sonderbar erscheinen, dass ihre Dankbarkeit für den schnurrenden Liebling
den Kosenamen „Warmeli“ erfand. Nun könnte wohl ein nüchtern
urteilender Logiker der Meinung sein, dass Frau Simonia den gleichen, die Kälte
des nahen Todes auftauenden Dienst von einer ganz gewöhnlichen Wärmflasche
hätte empfangen können. Fehlgeschossen! Eine Wärmflasche pflegt
auszukühlen, Warmeli hielt die Wärme. Und Warmeli füllte sich
selbst, während eine Wärmflasche auf sehr umständliche Weise
immer neu gefüllt werden muss. Auch ist die Temperatur einer solchen Flasche
schwierig zu regeln, während Warmelis Wärme von einem konstanten Durchschnitt
war, an dem man sich nie die Finger verbrannte. Nicht zu vergessen: Alle Wärmeflaschen
rinnen. Zwar, in den ersten Lebensmonaten litt auch Warmeli an solcher missliebigen
Undichtigkeit, gewöhnte sich aber bald an zuverlässigen Verschluss.
Nicht durch technische Behelfe, sondern aus Wohlerzogenheit.
Ja, Frau Simonia hatte ihre guten Gründe, um häufig zu sagen: „Hätt
ich mein Warmeli nicht, so müsst ich erfreisen.“ Das ist ein ungemein
bezeichnendes Volkswort: erfreisen. Es bedeutet: Unter Schüttelfrösten
erstarren. Ungefähr gleicht es dem Schauer, den wir begeisterungsfähigen
Germanen bald nach Gründung des deutsch-ukrainischen Wirtschaftsverbandes
empfanden. Bei linder, unversiegbarer Wärme immer wieder die Kälte
des nahen Sensenmannes vergessen zu können, sei es auch nur an den Fingerspitzen,
das ist wertvoll. Kein Wunder, dass Frau Simonia ihrem Liebling ein Leben bereitete,
das nur angenehme Reize hatte, keine Widerlichkeiten. Warmeli leckte den süßesten
Rahm, Warmeli bekam die delikatesten Bissen, bekam die zartesten Backhühnerknöchelchen,
bevor Frau Simonia sie noch völlig abgenagt hatte, und Warmeli wurde gewaschen,
gekämmt und abgefloht wie ein Grafenkind. Nicht das geringste ereignete
sich, was Warmeli als menschliche Grausamkeit oder gar als mangelhafte Weltregierung
von Seite des lieben Gottes hätte empfinden können. Es erging ihm
auf Erden so erquicklich, dass sich keine Neigung zu philosophischem Nachdenken
in ihm regte. Die Optimisten – Warmeli war mit Berechtigung eine solcher
– sind allerdings nach Meinung der vom Leben schlecht besoldeten Berufsdenker
keine Philosophen, sondern unterwertige Dummköpfe. Daher entstand auch
das Sprichwort: Dass Glück nur die Dummen haben. Um weise zu werden wie
Schopenhauer oder Nietzsche, muss man chronisch hineinfallen oder zur Zufriedenheit
an sich selbst verurteilt bleiben. Warmeli – als wär’ es nicht
ein deutsches Kätzchen gewesen, sondern englischer Herkunft – fiel
immer ungefährlich auf seine vier Füße und hatte eine unverbitterte
Freude an vielen Dingen außerhalb seiner selbst. So konnte seine Seele
sich sanft und unbekindert1) entwickeln, seine Spielfreude konnte sich in harmloser
Fröhlichkeit gestalten. Und als sich in Warmeli jener Naturtrieb regte,
von dem es heißt, dass er das Mausen nicht lässt, kamen die Mäuschen
der Mehlkammer und der Mühlhalle zu der erstaunlichen Ansicht: Dass alle
Schauerdinge, die man in den Mauslöchern von der Bösartigkeit des
Katzengeschlechtes zu erzählen pflegte, stark übertrieben wären.
Warmeli fing die Mäuse, gewiss, sogar mit großer, blitzflinker Geschicklichkeit,
doch nur, um ein paar Sekunden mit ihnen zu spielen, so zart und vorsichtig,
wie Zar Ferdinand mit dem deutschen Bündnis jonglierte, oder wie das Kätzchen
mit den empfindlichen Wassersuchtsfingern der Frau Simonia zu spielen gewöhnt
war. Wer nie den Hunger kennen lernte, wer süßen Rahm, gezuckerten
Kuchen und Backhühnchen in Fülle zur Verfügung hat. Wird nicht
auf den so törichten, wie unappetitlichen Gedanken kommen: Mäuse zu
fressen, dazu noch ungebratene.
Bei solchem Lebensgang mag es begreiflich erscheinen, dass es auf Erden nichts
Entzückenderes, Gutmütigeres und wohlgerateneres geben konnte, als
dieses junge, liebe, deutsche, herzige, weiße Kätzchen.
„Weiß? Erlauben Sie!“, wirft in diesem Augenblick der unfreundlich
gewordene Leser ein. „Sie scheinen zu vergessen, Herr Chronist, dass Sie
Ihrer Geschichte den Titel gaben: Die grüne Katze.“
Gewiss! Das ändert aber nicht das geringste an der Tatsache, dass Warmeli
ein weißes Kätzchen war, so weiß, wie es keiner Unschuld zu
sein gelingt. Die Unschuld errötet. Kann sie das nicht mehr, so ist es
mit der Unschuld vorbei, und dann spielt diese schwer definierbare Sache alle
Farben, ausgenommen die weiße. Soll es ohne Vergleich schon nicht abgehen,
so bliebe nur der eine: Dass Warmelis fleckenloses Fellchen so weiß war
wie eine größere Ansammlung von kristallisierten Wasserdünsten.
Kürzer, doch auf etwas verbrauchte Art könnte man sagen: Wie Schnee.
Und hier – um bei verbrauchten Bildern zu bleiben – lag Warmelis
tragischer Hund begraben. Wäre Warmeli nicht weiß gewesen, sondern
grau, bräunlich getigert oder tintenschwarz, so wäre sein Leben wahrscheinlich
in klaglos miauendem Frieden hingeflossen – ebenso, wie das deutsche Volk
auch fernerhin eines wohltemperierten Weltfriedens genossen hätte, wenn
Bismarck nicht auf den unvorsichtigen Gedanken geraten wäre, ihm Achtung,
Macht und Größe vor allen Nationen der Welt zu erkämpfen. Nun
können die Gewitzten von heute sagen: Man muss Größe zu vermeiden
suchen, weil sie Neid erweckt und zu Leiden führt.
Warmelis Leidenszeit begann in jener kalten Märznacht, in der es zwischen
den Lehnen des großen, leer gewordenen Ledersessels eine ihm liebe, ihm
unentbehrliche Sache nicht mehr zu finden vermochte: Seine Welt mit Höhen
und Tiefen, den Schoß der in Gott selig gewordenen Frau Simonia.
Das war schnell gegangen. Um neun Uhr abends hatte die Luttermüllerin
nach mühsamer Bettbesteigung noch den heißen, vom Doktor streng verbotenen
Glühwein getrunken, und eine Viertelstunde später diagnostizierte
die lange Stas: „Jetzt ist ihr das Wasser hinaufgestiegen ins Herzkammerl
und hat ihr den Lebensfaden abgebissen.“ Die Stas schien nicht zu wissen,
dass das Wasser keine Zähne hat. Sie war eine gute Seele und vergönnte
jedem andere, was sie selbst in Überfluss besaß. Ihr Gebiss war so
vordringlich entwickelt, dass es im spannenbreiten Schnäbelchen der Stas
keinen Platz mehr hatte und wie ein beinernes Erkerdach ins Freie strebte.
Immerhin hatte die Stas eine gewisse Berechtigung, von den lebensgefährlichen
Wirkungen des Wassers zu sprechen, nachdem die Luttermüllerin kurz vor
ihrem jähen Heimgang einen reichlichen Schoppen verbotenen Glühweines
geschlürft hatte. Bei Gelegenheit eines berühmt gewordenen Wunders
wurde Wasser in Wein verwandelt. Zwischen Magen und Epidermis der Frau Simonia
vollzog sich die Metamorphose umgekehrt, und drum war’s kein Wunder, war
nur ein Vorgang, auf den alle Weinwirte sich verstehen. Die machen es aber in
der Stille. Unter dem Dach der Luttermühle vollzog sich die gesetzlich
verbotene Transformation unter jammervollem Geschrei der langen Stas. Warmeli
erwachte auf der Ofenbank, der Stallbursch, die Mühlknechte und sogar die
schwerhörige Ottil wurden munter, nur Nepomuk, der junge Luttermüller,
schlief so fest und gesund, dass er unter Anwendung von Gewalt aus den Federn
gerüttelt werden musste, wie man die Deutschen aufrütteln muss aus
ihrem schweren Vertrauensdusel der Vergangenheit, aus dem moralischen Gesinnungsbruch
und aller schwächlichen Verzagtheit der Gegenwart. Als Nepomuk blass und
erschrocken, barfüßig, nur in Hemd und Hose, an das Bett der sterbenden
Mutter gesprungen kam, konnte er noch ihre letzten Worte vernehmen.
Alle letzten Worte scheidender Menschen sind ein Spiegel und Siegel ihres
Wesens, ein Dokument ihrer Seelengröße, eine Quintessenz vom tiefsten
Inhalt ihres Lebens. „Mehr Licht!“ Man weiß, wer diese letzten
Worte sprach. Wohl hat die neueste Forschung bewiesen, dass Goethe diese beiden
letzten Worte nie gesprochen hat, oder doch in wesentlich anderer Form. Aber
sind sie nicht ein Abbild seines ganzen Denkens und Strebens? Dazu noch bei
allem erschöpfenden Gehalt diese künstlerische Knappheit! Nur zwei
Worte! Und alles war gesagt. So kurz vermochte Frau Simonia sich nicht zu fassen.
Sie benötigte das Doppelte, bei literarhistorischer Zählung aller
Silben sogar das Vierfache. An die Hand des erschrockenen Sohnes geklammert,
sagte sie mit erlöschendem Hauch: „Mein – Warmeli – recht
– gut – halten –“ Dann war ihre Seele drüben in
jener noch unerforschten Gegend, von der man zu glauben liebt, dass sie besser
wäre, als alle mit Hypotheken belastbaren Gründe dieser Erde.
Welch ein guter Sohn der junge Müller Nepomuk Lutter im Kern seines Wesens
war, bewies er weniger durch seinen untröstlichen Schmerz, weniger durch
seine ehrlichen Tränen, als durch die innige Zärtlichkeit, mit der
er, zum ersten Mal seit Warmelis Geburt, das befremdete Kätzchen an seine
nasse Wange presste und unter leisen Stammelworten liebkoste, als wäre
in dem linden weißen Fellchen ein Stück Leben seiner Mutter noch
auf Erden zurückgeblieben. Warmeli aber erinnerte sich sehr wohl der Tatsache,
dass Nepomuk sich früher niemals viel um das haarige Wärmefläschchen
seiner Mutter gekümmert hatte, und empfand mit Unbehangen, dass der junge
Müller keine kühlen Hände hatte, sondern brennend heiße.
Kläglich miaute es nach dem entbehrten Schoß, begann trotz allem
liebevollen Zureden auf eine Art zu zappeln, wie es sonst nicht seine Gewohnheit
war, und widerstrebte auf das heftigste, als Nepomuk den durch das letzte Mutterwort
ihm heilig gewordenen Liebling mit hinauf nahm in seine Schlafstube. Die lange
Stas, die bei ihrer verzeihlichen Antipathie gegen jede Erscheinungsform des
von der Geisterwelt umschwirrten Todes möglichst rasch und jedenfalls noch
vor Mitternacht aus der Sterbekammer herauskommen wollte, hatte die lebensweise
Bemerkung gemacht: „Das Absterben bleibt allweil ein hartes Bröckerl,
aber was lebendig ist, muss seine trosthafte Ruh haben. Und morgen muss der
Mensch wieder schaffen.“ Sie selbst fand während der restlichen Nachtstunden
keinen Schlummer. Nepomuk, erschöpft von seinen Tränen, fand ihn,
mit der Wange am Fell des so pflichtgetreu wie krampfhaft festgehaltenen Warmeli.
Aus diesem Gegensatz der Erscheinungen darf nicht geschlossen werden, dass die
Stas eine aufopferungsfähige, trostlose Magd und Nepomuk ein pietätloser,
rasch getrösteter Sohn gewesen wäre. Es war so: Dass in dem langen,
klapperigen Knochengerüst der Stas das Alter wachte, während in dem
festen, gesunden Körper des Nepomuk die Jugend schlief. Und noch etwas
anderes kam hinzu. Die abergläubische Stas ließ die ganze Nacht das
Licht brennen und graulte sich trotzdem aus Gespensterfurcht so schrecklich,
dass sie zitterte wie ein Müllersieb, in dem das Mehl von der Kleie geschieden
wird; in der Stas aber wurde kein Kuchenmehl durch das alte Leder abgesondert,
nur kalter Schweiß. Nepomuk hingegen lag mit heißen Augen in der
Finsternis, dachte vorerst mit keinem Gedanken an den kalten, unheimlichen Tod
im Haus, erinnerte sich aller lieben, guten Eigenschaften der Mutter und streichelte,
getreu nach ihrem verhauchenden Testament, das linde Katzenfellchen so lange,
bis der schmerzmüde Jugendschlaf ihm die Hände löste und Warmeli
sich endlich aus dieser neuen, widerwillig ertragenen Lebenslage befreien konnte.
Es war ihm verhältnismäßig schnell gelungen. Wie lange werden
die Deutschen brauchen?
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