Das Kaser-Mandl
Zur Sommerzeit mag es wohl kaum ein schöneres
Flecklein Erde geben als den Rossmooserhof. Wenn einer aus dem Tal, in
welchem das Dorf gelegen ist, durch den steilen, dunklen Bergwald drei gut
gemessene Stunden emporsteigt, dann sieht er plötzlich die Bäume zu Ende
gehen, sieht das Berggehänge sich spalten und in zwei ragenden Felswänden
auseinander laufen, und vor seinen Augen öffnet sich ein weites,
herrliches Hochtal.
Wie grüner Samt leuchten die Wiesen, auf den Feldern
schwanken die gelben Ähren im sanften Wind, in den Gräben und Teichen
blitzt das Wasser wie blankes Silber, und an den hundert Obstbäumen
verschwindet beinahe das Grün vor all den reichlichen Früchten, welche sie
tragen. Über die runden Kronen der Apfelbäume hebt sich das stolze,
zweistöckige Bauernhaus empor mit schneeweißen Mauern, mit blinkenden
Fenstern und grünen Läden, mit geschnitzten Giebelzierraten und einem
schlanken Glockentürmlein auf dem steilen Dach. Hinter dem Hause liegt der
umzäunte Garten mit Lauben und Blumenbeeten, welche bunt schimmern von
blühenden Nelken, deren Duft sich vermischt mit dem süßen, alle Lüfte
erfüllenden Heugeruch; rings um den weiten Hofraum reihen sich, fast wie
ein kleines Dorf, die Gesindehäuschen, die Schuppen und Scheunen, die
Wagenremisen und die lang gestreckten Ställe, die im Sommer wohl nur die
Pferde und wenige Milchkühe zu beherbergen haben, da die übrigen Kühe und
die jungen Rinder, gegen achtzig an der Zahl, auf die Almen getrieben
sind. In weitem Bogen spannen sich um das schöne Tal die steilen Wälder
und hohen Felswände, als hätte der liebe Herrgott diese Riesenmauer eigens
geschaffen, damit nur ja der Nordwind kein raues Lüftchen herbrächte, das
den Wieswuchs verkümmern und den Blüten der Obstbäume schaden könnte. Hoch
über den Wäldern liegen im Sonnenglanz die Almen, von denen man bei
stiller Luft das Geläut der Herdenglocken und die Jodelrufe der
Sennerinnen und Hüterbuben hört. Gegen Süden, durch die breite
Bergscharte, sieht man über den nieder ziehenden Wald und über das von
blauem Duft umsponnene Tal hinweg auf die fernen Berge: Kette ist hinter
Kette gelagert, Kuppe reiht sich an Kuppe, bis in nebelhafter Ferne die
weißen Gletscher mit ihren zarten Linien den Horizont abschließen.
Freilich, dem schönen Sommer folgt im Rossmoos ein
gar harter Winter. Jede Verbindung mit dem Dorf ist abgeschnitten, und an
manchem Morgen liegt der frisch gefallene Schnee so hoch, dass man die
Haustür kaum zu öffnen vermag. Und vom Haus zu den Scheunen, von Stall zu
Stall müssen Gänge durch den Schnee gegraben werden, um den Verkehr zu
ermöglichen. Aber im Winter ist ja das Vieh daheim; da gibt es so viel zu
arbeiten, dass die schweren Tage rasch verfliegen. Auch bringt die Mitte
des Winters zuweilen so helle, sonnige Wochen, dass der Schnee sich setzt
und die Luft so lind wird wie im Frühjahr.
Solch ein schöner Dezember war eben jetzt vergangen.
Die milden Tage hatte sogar den hoch verschneiten Weg ins Dorf hinunter
wieder gangbar gemacht. Das war dem Rossmooser lieb; nun stand für den
Weihnachtstag der Weg in die Kirche offen, und was das Wichtigere war
jetzt konnte er aus dem Dorf eine neue Köchin rufen lassen. Die
Rossmooserin selig vor drei Jahren war sie gestorben hatte ihren Mann
gar sehr verwöhnt in der Kost; nach ihrem Tode war eine alte Hauserin in
die Küche eingezogen; die führte ein scharfes Zünglein, und vom Morgen bis
zum Abend hörte man im Haus und Hof ihre schrille Stimme. Nun war sie vom
Zipperlein befallen und musste seit einer Woche unter Pein und Schmerzen
das Bett hüten. Eine nach der andern hatten die Stalldirnen ihre
Kochkünste versucht, doch über dem Geschlader, das sie auf den Tisch
brachten, kam dem verwöhnte Rossmooser das Grausen an; jeden Mittag und
Abend stand er mit vollem Ärger und leerem Magen von der Mahlzeit auf. Da
es mit einer Besserung bei der Hauserin kein Absehen hatte, schickte er
endlich, zwei Tage vor Weihnacht, den Obersenn ins Dorf hinunter, um eine
neue Hausdirn ausfindig zu machen. Gut kochen müsse sie können, das wäre
die Hauptsache; ein stilles, sanftes Wesen sollte sie haben, brav und
fleißig sein und dazu noch sauber anzuschauen, damit dem Rossmooser nicht
schon der beste Appetit verginge, wenn die Dirn mit der Schüssel in die
Stube träte.
Der Obersenn, als er diese Bedingungen hörte,
kratzte sich hinter den Ohren. Da wär leichter eine Nadel im Heu gesucht,
meinte er, als solche ein Dirn gefunden. Bei grauendem Morgen machte er
sich auf den Weg; doch der Tag verging, ohne dass er zurückkehrte.
Erst am folgenden Nachmittag, am Vorabend des
Weihnachtsfestes, kam er durch den verschneiten Bergwald vom Dorf
heraufgestiegen. An der Seite des alten, klug und freundlich blickenden
Mannes schritt eine kaum zwanzigjährige Dirne. Mindestens eine von den
Bedingungen des Rossmoosers, die vom schmucken Ansehen, war redlich
erfüllt: Eine schlanke, fast zarte Gestalt, in einem braunen, schon etwas
abgetragenen, aber sauber gehaltenen Kleid, dessen Leibchen die
jugendlichen Formen knapp umschloss; über den vollen, aschblonden Zöpfen
saß ein schwarzer Filzhut mit breiter Krämpe und niederem Deckel, von
einem vergilbten Band umzogen; der Hut beschattete ein schmales
Gesichtchen mit sanften, fast noch kindlichen Zügen; aber die blauen Augen
blickten gar traurig, und die geröteten Lider bewiesen, dass der Abschied
vom Elternhaus reichliche Tränen gekostet hatte; waren doch jetzt die
Augen noch feucht, und manchmal zuckten die Lippen wie unter mühsam
verhaltenem Schluchzen. In der einen Hand führte die Dirne den Bergstock,
in der andern trug sie ein weißes Bündel, und so stapfte sie neben dem
Senn durch den Schnee empor, immer still vor sich nieder blickend, immer
wieder leise seufzend.
Der Alte gab sich alle Mühe, das Mädchen durch sein
Geplauder zu erheitern, erzählte, wie schön es auf dem Rossmooserhof im
Sommer wäre, versicherte, dass der Bauer das beste Herz auf der Welt, bei
guter Kost auch allweil einen guten Humor hätte, und dass man ihn bei
richtiger Behandlung um den Finger wickeln könnte.
Sind Kinderln auch da? Das war nach langem
Schweigen die erste, schüchterne Frage des Mädchens.
Kinderln?, lachte der Senn. Wohl wohl, ein Bub is
da. Aber ich mein, mit dem wirst nit viel zu schaffen haben
der hat
schon seine fünfundzwanzig Jahrln. Kennst ihn denn nit, den
Rossmooser-Toni?
Das Mädchen schüttelte den Kopf.
Der Senn aber machte ungläubige Augen. Geh! Schauen
doch alle Madln nach ihm aus! Er lachte. Oder hast dich leicht noch gar
nit umgeschaut auf die Buben?
Ich hab auf mein krankes Mutterl schauen müssen,
erwiderte das Mädchen mit leiser Stimme.
Ein freundlicher Blick traf sie aus den Augen des
Sennen. Eine Weile stiegen sie schweigend weiter. Dann sagte der Alte:
No, ich mein, du wirst mit dem Haussohn auch dein friedlichs Auskommen
haben. Ist ein ahndsamer, waxer Bub, der Toni, und der Rossmooser könnt
allweil seine Freud an ihm haben, wenn nur eins nit wär
Der Alte
blickte um sich, als fürchte er, es könne ein Lauscher in der Nähe sein;
dann stieß er das Mädchen mit dem Ellenbogen an und kicherte: Weißt, der
Bub hat halt die Gamserln so viel gern.
Das Mädchen lächelte müde. Mein, das ist doch
allweil noch keine Todsünd!
Für einen armen Häuslerbuben freilich nit. Aber für
den reichen Rossmoosersohn wärs halt doch eine schenierliche Sach, wenn
man ihn umeinander zarren tät beim Gricht, und er müsst brummen ein paar
Monat. Im letzten Herbst hat eh nimmer viel gefehlt, dass ihn der Jager
packt hätt. Der Bauer hat Müh gehabt, bis die Sach vertuschelt war, und
hat laufen und blechen müssen, dass ihm die Schwarten kracht haben. Und
Standali
und Spiktakl hats gegeben im Haus grad genug. Heut noch, wenn der Bauer
dran denkt, wird er völlig blau vor Zorn und Gift. Der Bub freilich, der
hat die Sach schon lang verschwitzt und tät sich auf Neujahr gern wieder
ein Gamsbart holen, recht ein saubern Wachler.
Aber der Alte passt auf wie ein Haftlmacher, ja, und weil er gemeint hat,
der Bub könnt leicht über die Feiertag ein Streich machen, hat er
geschaut, dass er ihn fortbringt ausm Revier und hat ihn vor drei Täg
schon in d Stadt geschickt, Einkäuf zu machen. Der Toni hat ein Gesicht
aufzogen wie neun Tag Regenwetter, aber da hat ihm kein Herrgott geholfen
fort hat er müssen! Der Alte blinzelte nach seiner Begleiterin. Du?
Mir scheint ja gar, du mirkst gar nit auf, was ich red?
Das Mädchen erwachte aus ihren Gedanken und
stotterte errötend: Wohl wohl, ich hör schon! Vom Rossmooser hast geredt?
Oder nit?
Da lachte der Senn. Dir wär gut ein Gheimnis
verzählen. Da brauchet eins nit fürchten, dass dus weiter tragst.
Das Mädchen sah ihn mit bittenden Augen an. Schau,
ich muss halt viel sinnieren, es liegt halt gar so viel auf mir
musst
nit harb sein! Eine Zähre fiel ihr auf die Lippen.
Geh, du Hascherl, du!, tröstete der Senn und legte
den Arm um die Hüfte des Mädchens. Harb sein! Was dir nit einfallt! Wie
kann denn dir eins harb sein! Ein paar Schritte noch taten sie, dann
erreichten sie den Saum des Waldes. Schau, da draußen steht der Hof!
Still und öde lag das weite Rossmoos. Überall Schnee
und Schnee, rötlich blinkend im Schein der schwindenden Sonne, die steilen
Wälder stumm und tot, wie erdrückt von der Last des Winters, die hohen
Felswände verschneit und vereist; das Haus mit seinem schneebedeckten Dach
und seinen weißen Mauern war kaum zu unterscheiden, nur die verwitterten
Balkenwände der Schuppen und Scheunen lugten gleich finsteren Schatten
durch das kahle Gezweig der Apfelbäume.
Das Mädchen stand, mit zitternden Händen den
Bergstock umklammernd, und blickte mit feuchten Augen nach dem dunkeln,
fremden Ziel, dem ihr Weg entgegenführte.
Gelt, er schaut sich im Winter ein bissl einödig
an, der Hof?, sagte der Senn. Aber wart nur, bis der Auswärts
kommt, da wirst deine Freud erleben im Rossmoos, und s Bleiben wird dir
so lieb werden, dass gar nimmer fort magst. Wenn nachher die Hauserin
wieder auf die Füß kommt und du magst nimmer schaffen in der Kuchl,
nachher zeihst mit hinauf zur Alm. Ja, und wenn du gescheit bist, haltst
dich zu mir; ich hab die schönste Alm und den besten Kaser.
Wo treibst denn allweil auf?
Auf der Waiz-Alm.
Erschrocken sah ihn das Mädchen an. Auf der Alm, wo
das Kaser-Mandl haust?
Wohl wohl, nickte der Senn.
Die Augen des Mädchens wurden immer größer. Tust
dich denn da nit fürchten?
Warum denn fürchten? Unser Kaser-Mandl ist ja von
die ungfahrlichen Geister einer, der noch keim Menschen was Übels nit
antan hat. Und wann ich auftreib, ist er nimmer beim Zeug und kommt erst
wieder, wann ich abtreib! Da haust er nachher den ganzen Winter im Kaser,
bis ihn der erste Föhn wieder auskehrt. Und wird doch all Jahr die Hütten
frisch eingesegnet vom geistlichen Herrn! Warum denn nachher fürchten?
Reizen muss ihn halt keiner und nit sein Possen treiben mit ihm. Nachher
tut er eim nix.
Das Mädchen atmete tief und lispelte: Hast ihn
schon einmal gsehen?
Gott bewahr! Noch nie nit! Sonst hätt ich ihn
leicht schon erlöst, den armen Geist. Gsehen nit, aber ghört hab ich ihn
schon! Wohl wohl!
Geh! Ja wie war denn das?, stammelte das Mädchen.
Zwölf Jahr mags her sein. Da hats im Spätsommer
über Nacht ein schierlichen Schnee geworfen und gahlings hab ich abreiben
müssen. Ja, und wie ich mitm Vieh nunterkomm ins Holz und stehen bleib
und s letzte Mal zruckschau über die verlassene Alm, da hör ich auf
einmal von droben her die Almglocken läuten, hör Geißelschnöller und ein
Juchezer um den andern. Wohl wohl, Dirndl, das war s Kaser-Mandl, das
einzogen ist auf der leeren Alm. Ghört hab ich alles, aber gsehen hab ich
nix.
Und hat ihn noch keiner nit gsehen, gar keiner?
Wohl wohl. Ein meiniges Ahnl hat ihn gsehen, vor
die sechzig Jahr!
Geh! Und wie schaut er denn aus?
Wie ein Senn schaut er aus. Aber ein baumlanger
Kerl mit kohlschwarzem Gsicht und fuirige Augen!
Ein Schauer ging über den Nacken der Dirne; eine
Weile schweig sie, dann fragte sie flüsternd: Weswegen, meinst denn, dass
er waizen muss?
Almgut wird er halt verlottert haben. Denn weißt,
Dirndl, auf der Alm ist alles heilige Sach, jedes Bröserl Schmalz und
jedes Tröpferl Milch. Nit einmal so viel, als schwarz unterm Nagel ist,
darf eins vernachlässigen oder veruntreuen auf der Alm. Was herunten
lasslich
Unrecht ist, wird droben zur schweren Sünd, weil der Senn sein eigener
Wehrer und Aufpasser sein muss, bald ihn der Glust ankommt, dass er sich
vergreifen möchte an fremdem Gut. Wann der Senn die heilige Gottesgab nit
in Ehren halt, Milch verschütt, Salz und Mehl verbröselt, schmalz
verschladert und verschlampt, wann er gfraßig und gnaschig ist, oder gar,
wann er vom Almnutzen heimlich verschleppen tut, so kann ers auf der Alm
wohl treiben ohne Furcht und Straf, denn der Bauer ist weit und kann nit
merken, was er an Schaden hat. Aber einer merkts halt doch
der sell da
droben. Und wann ein solchener Senn die ungute Seel aushaucht, nachher
kriegt er woltern
was zu spüren! Waizen muss er in der gluhheißen Pein bis zum Jüngsten Tag,
wann ihn ein frommes Leut nit ehnder erlöst, und auf der Alm muss er
hausen, wo er gsündigt hat, muss Salz und Mehl stäuberlweis zsammenklauben,
die alten Schmalzflecken aufputzen, die Milch, was er verschütt hat, muss
er tröpferlweis wieder eintun in die Geschirr und muss Butter schlögeln
und kasen, bis aller Schaden wieder gutgmacht ist. Wohl wohl, Dirndl, so
einer ist nit zum neiden, ein solchener Geist.
Sie hatten den Hofzaun erreicht. Der Senn öffnete
das Gatter und ließ seine Begleiterin eintreten.
Gelobt sei Jesus Christus!, sagte sie leise.
In Ewigkeit, Am!
Mit gesenkten Augen und kurzen Schrittlein ging das
Mädchen quer durch den Hofraum neben dem Senn einher. Unter den Stalltüren
erschienen Knechte und Mägde, betrachteten die Fremde mit wägender Neugier
und flüsterten untereinander. Aus der Wagenremise klang eine singende
Stimme. Von den Ställen hörte man das Rasseln der Ketten und das dumpfe
Muhen der Kühe. Glucksend trippelten die Hühner im Hof umher und scharrten
im Schnee. Der große schwarze Hofhund fuhr aus seiner Hütte, zerrte an der
Kette und bellte, dass die Berge widerhallten.
Vor der Haustür sagte der Senn: Jetzt wart nur ein
bissl, bis ich mit dem Bauer geredt hab. Er trat in den breiten tiefen
Flur, in welchem es schon dunkelte, und dann in die Stube. Das war ein
großmächtiges Eckzimmer mit drei Fenstern nach der einen und zwei Fenstern
nach der andern Seite. Die weißen Mauern waren bis in Mannshöhe mit
rötlichem Zirbenholz getäfelt, ein großer Geschirrkasten stand neben der
Tür; fast um die ganze Stube, auch rings um den großen Kachelofen, zog
sich eine feste Holzbank. In der Fensterecke, die mit einem kleinen Altar
und einem von geweihten Palmzweigen überschatteten Kruzifix geschmückt
war, stand der lange Gesindetisch. In der Ecke hinter dem Ofen stand ein
kleiner Tisch vor einem Ledersofa; neben diesem Tisch, in einem mit
blanken Messingnägeln beschlagenen Lehnstuhl, saß der Bauer, eine massive
Gestalt in Hemdsärmeln, in kurzer Lederhose und blauen Kniestrümpfen. Das
Haar war schon ergraut, aber das breite, glatt rasierte Gesicht zeigte
eine gesunde Röte, welche verriet, dass sich der Rossmooser nichts abgehen
ließ. Er hielt die Beine gestreckt, schmauchte in behaglicher Ruhe sein
Pfeiflein und drehte, als der Senn in die Stube trat, nur langsam die
Augen nach der Tür.
Grüß Gott, Bauer!
Grüß Gott auch! Hast eine gfunden?
Wohl wohl. Aber in drei Dörfer hab ich umlaufen
müssen. Jetzt mein ich aber doch, ich hätt eine richtige Dingin gfunden,
wie mans gern hausen hat unter jedem christlichen Dach.
Kanns aber auch kochen?
Wohl wohl! Sie hats von ihrer Mutter glernt, die
in ihrer Dirnzeit Pfarrersköchin gwesen ist.
Der Bauer schmunzelte und strich die Pfeifenspitze
über die Lippen; das war eine gute Verheißung. Ists aber am End nit
recht eine fahrige Hex? Was?
Der Senn lächelte. Da hörst ehnder eine Flieg
kreisen
als ein Spitakl von dem Dirndl!
Und mit der Bravheit, wie stehts denn da?
Umgefragt hab ich überall. Aber es hat ihr kein
Mensch was Übels nit nachreden können.
Das will viel sagen. Und so ein Dirndl ist gleich
auf der Stell zum haben gwesen und ist gern gangen?
Gern freilich nit, und s Zährenhaferl ist
übergelaufen, schier nit zum stillen. Aber dem Dirndl seine Mutter ist
eine arme Witib und ist marod, und da hat ihm halt s Dirndl denkt, es
könnt ihm was versparen fürs kranke Mutterl.
Schau, das gfallt mir, nickte der Bauer. Aber wo
bleibt denn s Dirndl?
Der Senn verließ die Stube. Als er unter die Haustür
trat, sah er das Mädchen auf der Steinbank sitzen und mit träumenden Augen
emporblicken zur Waiz-Alm, deren welliges Gelände, von rosiger
Abenddämmerung umflort, hoch über dem verschneiten Bergwald lag.
Denkst noch allweil ans Kaser-Mandl?, lächelte der
Senn. Aber geh, komm jetzt, der Bauer wart!
Das Mädchen erhob sich und folgte dem Alten in die
Stube. Mit gesenktem Köpfchen, in der einen Hand das Bündel, mit der
andern Hand an der Schürze nestelnd, stand sie vor dem Bauer, der sie
stumm betrachtete und dem Senn mit blinzelnden Augen zuwinkte, als wollte
er sagen: Eine saubere Dingin! Er legte sich behaglich in den Lehnstuhl
zurück, paffte ein Rauchwölkchen gegen die Decke und fragte: Wie heißt
denn eigentlich?
Hornegger Mali.
Mali? So? Also, jetzt red, was kannst kochen?
Was halt der Bauer schafft.
Alles?, staunte der Rossmooser. Das glaub ich
aber schier nit. Und mit ernster Wichtigkeit stellte er ein scharfes
Examen an, in welchem er der Reihe nach all seine Leibspeisen nannte. Es
war eine lange, lange Reihe. Auf keine Frage blieb ihm Mali die Antwort
schuldig, und als sie ihm gar noch eine schöne Zahl neuer Gerichte nannte,
die auf der Tafel des Herrn Pfarrers, bei dem ihre Mutter vor zwanzig
Jahren im Dienste stand, stets das Wohlgefallen aller zu Besuch kommenden
geistlichen Amtsbrüder erweckt hatten, da schnalzte der Bauer mit der
Zunge und streckte dem Mädchen vergnügt die Hand entgegen.
Schlag ein, Dirndl, wir bleiben beinander! Hundert
Mark Lohn im Jahr, an Ostern ein neues Gwand, an Weihnächten ein richtigs
Präsent und in der Zwischenzeit diemal
ein bissl was nach meiner Zufriedenheit. Bist einverstanden?
Eine dunkle Röte flog über Malis Gesicht. Was ihr
der Bauer bot, war doppelt mehr, als sie hatte erwarten dürfen. Da konnte
sie ihrer Mutter alljährlich ein schönes klingendes Säcklein
hinunterschicken. Wär nur das erste Vierteljahr vorbei und morgen schon
der Zahltag! Die kranke Horneggerin hätts brauchen können! Malis Augen
wurden feucht, als sie ihre Hand in die Rechte des Bauern legte.
So, jetzt bist die meinig, sagte er. Halt Fried
unter meim Dach, wahr Feuer und Licht, und hab mein Sach in acht, als
wärs dein eigens; nachher soll unser Herrgott dein Eingang segnen! Jetzt
lass dir vom Senn dein Stüberl zeigen, und tummel dich nur, dass du bald
in die Kuchl kommst. Völlig ausgehungert bin ich die ganzen Tag her. Was
kochen wir denn heut gleich? Was meinst? Wie wärs denn mit einer
Omalattisuppen?
Wohl wohl, Bauer, lächelte Mali.
Und nachher wart, lass mich ein bissl bsinnen
was meinst, wie wär denn ein eingemachtes Hendl mit Griesnockerln?
Wohl wohl, Bauer.
Und Weihnächten ist doch auch! Da wär eine richtige
Mehlspeis auch nit zu viel. Auf was hättst denn Schneid? Jetzt red zur
Abwechslung du einmal! Was meinst denn?
Mali zeigte ein ernstes Gesicht und grübelte;
langsam blickte sie zum Rossmooser auf: leicht ein Millirahmstrudl?
Der Bauer machte zwei Fäuste und hob die Arme. Millirahmstrudl!
Kruzitürken! Den hab ich nimmer kriegt seit der Rossmooserin selig ihrer
besten Zeit! Millirahmstrudel mit Zibeben! Tummel dich, Dirndl, und fang
nur gleich an auf der Stell! Mach weiter! Weiter! Weiter! Er schob das
Mädchen und den Senn zur Tür hinaus, ging mit breiten Schritten in der
Stube auf und nieder, guckte nach dem Geschirr im Katen, zog die
Schwarzwälderuhr auf, rieb vergnügt die Hände, schlug sie klatschend
ineinander und stopfte sich schmunzelnd eine frische Pfeife.
Nach einer Weile war Mali in der Küche schon bei der
Arbeit; sie hatte das Leibchen mit einem schwarzen Mieder vertauscht, eine
weiße Schürze vorgebunden und war in dieser Haustracht gar freundlich
anzusehen; das Herdfeuer strahle eine rosige Glut auf ihr Gesicht und ihre
nackten Arme. Einmal kam der Bauer aus der Stube, blieb unter der
Küchentür stehn und schaute dem Mädchen zu, wie es mit Geschick und
stillem Eifer schaffte. Brav, brav!, nickte er, und als er wieder in die
Stube zurückging, rief er der Magd, die fürs Gesinde kochte, über die
Schulter zu: Gelt, du, dass mir keins die Mali stören und behindern tut!
Die kocht für mich!
In der Stube, in der es trotz der fünf Fenster nun
auch schon dunkel geworden, zündete er die zwei Petroleumlampen an, die
von der Decke niederhingen. Jetzt musste er die Bescherung fürs Gesinde
richten. Er deckte ein weißes Tafeltuch über den langen Tisch und stellte
auf den Platz jedes Knechtes und jeder Magd einen Teller, der mit Äpfeln,
Nüssen, Lebkuchen und gedörrten Zwetschen angehäuft wurde; obenauf kam das
Geldgeschenk, in ein weißes Papierchen gewickelt. Auch für Mali stellte
der Rossmooser einen Weihnachtsteller auf den verlassenen Platz der
Hauserin.
Schlag sieben traten die Sennen, Knechte und Mägde
in die Stube, schweigend, ohne Gruß. Rings um die Stube knieten sie
nieder, stützten die Ellbogen auf die Holzbank und sprachen mit murmelnden
Stimmen das Abendgebet: Der Engel des Herrn brachte Maria die Botschaft
Nur der Bauer stand während des Gebetes inmitten der Stube. Nach dem
Amen erhoben sich die Gesindleute und sagten alle miteinander: Guten
Abend, Bauer!
Guten Abend auch!, erwiderte der Rossmooser. So,
jetzt kommt her, Leut, und schaut euch auf eure Präsenter um. Ich hoff, es
wird ein jedes zufrieden sein; ich bin mit euch auch zufrieden gewesen das
ganze Jahr. Seid ihr alle beiander? Wo ist denn die Mali?
Das Mädchen wurde aus der Küche geholt. Ich bitt,
Bauer, stotterte sie in hellem Eifer, ich hab Eil, der Strudl ist in der
Hitz!
Da lachte der Rossmooser. Aber so viel Zeit wird er
dir doch lassen, dass dein Weihnächten nimmst. Verdient hast es noch nit,
bist ja heut erst eingestanden. Aber weißt, es ist zur Aufmunterung. Schau
her, da stehts.
Mali wurde rot bis unter die Haare, nahm verlegen
ihren Teller auf den Arm, sagte ein leises Vergelts Gott und eilte zur
Tür, um wieder in die Küche zu kommen. Mit wohlgefälligem Lächeln blickte
ihr der Bauer nach: Das Dirndl hat halt den richtigen Geist zur
Kocherei!
Als Mali in der Küche das weiße Papierchen öffnete,
blinkte ihr ein Zehnmarkstück entgegen. Vor Freude schossen ihr die Zähren
in die Augen. Zehn Mark zwei sorgenlose Wochen für ihre Mutter!
Die Magd kam in die Küche, um das Nachtmahl für
Gesinde aufzutragen. Für den Bauer wurde der Extratisch gedeckt; die
Hängelampen leuchteten ihm nicht hell genug, er verlangte noch eine
brennende Kerze für seinen Tisch. Heut muss ich mir genau anschauen, was
ich krieg, sagte er. Als Mali die Suppe brachte, heilt er schon den
Löffel wie ein gezücktes Schwert in der Hand. Gott gesegn es!, sagte sie
leise und ging, um das Hendl mit Grießnockerln zu holen. Erst als sie den
Millirahmstrudel aufgetragen hatte, setzte auch sie sich an den
Gesindetisch. Schüchtern griff sie zu, aber bei jedem Bissen schielte sie
hinüber nach dem Extratischlein; doch konnte sie kein böses Anzeichen
gewahren. Die Tellerfuhren, die der Bauer in seine Scheune heimste, waren
gut beladen, und immer nickte er schmunzelnd vor sich hin und murmelte:
Brav, brav! Von der Suppe ließ er kein Tröpflein, vom Hendl nur die
Beinchen, und vom Strudl keine Zibebe übrig. Mit dem weißen Hemdärmel
wischte er sich die Lippen, erhob sich, klatschte die Hände auf das
Bäuchlein und kam zum Gesindetisch.
Dirndl, bei deiner Kocherei war heut gleich fürs
erste Mal ein mordsmäßiger Fehler!
Mali blickte erschrocken auf.
Nach mehr hats geschmeckt!, lachte der Bauer und
klopfte das Mädchen freundlich auf die Schulter. Pflichtschuldig lachte
das ganze Gesinde zu diesem Spaß. Eine Magd begann den Tisch zu räumen,
und die Knechte wollten sich erheben. Aber der Bauer sagte: Heut ist
Weihnächten, Leut, heut bleiben wir noch ein bissl beinander auf einen
guten Trunk! Jedem Knecht zwei Maßl Most und ein Stamperl Enzian! Weiter,
Dirndl, die Spinnradln her, und dass der Faden besser netzt, kriegt jede
zum Lehzelten
ein Glasl Ligori.
Der Obersenn rückte zur Seite, um dem Bauer am
Gesindetisch Platz zu machen. In steinernen Krügen wurde der Äpfelmost aus
dem Keller geholt, Enzian und süßer Likör in Gläschen ausgeteilt, und der
Bauer fassten den Weihnachtszelten, der gebracht wurde, machte über den
riesigen Laib mit der Messerspitze drei Kreuze und schnitt dann Stück um
Stück herunter, rings um den ganzen Laib. Die Knechte steckten ihre
Pfeifen in Brand, die Mägde holten die Spinnräder, eins auch für Mali,
setzten sich rings um den Ofen und ließen die Räder schnurren; während sie
den Faden zogen, brachen sie zuweilen ein Stücklein von dem auf der Bank
liegenden Lebkuchen und netzten den Bissen mit einem Schluck Likör. Zum
Schnurren der Spinnräder tickte die Schwarzwälderuhr, und in dünnen,
bläulichen Streifen zog sich der Pfeifenrauch durch die ganze Stube, dass
die Lampen wie unter einem Schleier brannten.
Vor den Bauer hatte man ein geschliffenes Glas und
einen Krug mit rotem Tiroler gestellt. Als er den ersten Schluck getan,
blickte er lächelnd in der Stube umher, legte die Arme breit auf den Tisch
und sagte: So, meine Leutln, so gfallts mir!
Schad, dass der Toni nit daheim ist!, meinte der
Obersenn.
Der Bauer nickte. Es hat halt sein müssen! Sonst
hätt ich ihn eh nit fortgeschickt. Am Feiertag kann ich ihn doch nit zur
Arbeit schaffen, und der Bub ist wie ein junges Ross: Wanns nit
eingespannt ist, schlagts allbot aus und macht ein Streich.
Der Senn schmunzelte. Meinst nit, er macht seine
Streich auch in der Stadt?
Gewiss auch noch! Es müsst der Toni nit sein!,
lachte der Bauer. Aber meinetwegen. Da mögen sich ander Leut drüber
giften
ich nit! Was eins nit weiß, macht ihn nit heiß. Aber was ich
fragen will: Was macht denn heut der marode Huiser?
Der Obersenn gab Antwort, und das Gespräch rollte
weiter. Außer den beiden beteiligten sich nur noch die beiden Jungsennen
am Dischkurs. Die Knechte und Mägde hörten schweigend zu, sie durften
nur sprechen, wenn eine Frage an sie gerichtet wurde. Nicht nur der
Hofsaal, auch die Bauernstube hat ihre strenge Etikette.
Immer lebhafter plauderte der Bauer, und je mehr er
plauderte, desto häufiger trank er; und je fleißiger er das Glas füllte,
desto lauter wurde seine Stimme; seine Augen glänzten, und in dunkler Röte
brannten seine Backen. Allerlei Späße gab er zum besten, nahm der Reihe
nach die Knechte und Mägde in die Zwickmühle seiner Spottlaune und
rekapitulierte alle Narrenstreiche und Dalkereien, die das ganze Jahr
über auf dem Rossmooserhof vom Gesinde geleistet worden waren. Helles
Gelächter füllte die Stube; nur immer der Knecht oder das Mädchen, dem der
Spaß gerade galt, machte einen schiefen Kopf und verdrehte die Augen.
Was ist denn mit dir, Seppl?, rief der Bauer einen
Hüterbuben an. Weswegen steckst denn dein Kopf gar so tief ins
Mostkrügel? Meinst leicht, es ist der Geißbock drin, der dich selbigs Mal
auf der Waiz-Alm gstößen hat in der Nacht?
Der Bub wurde rot bis über die Ohren. Alle andern
aber lachten hell auf, denn sie erinnerten sich wohl noch jener drolligen
Geschichte, in der ein boshafter Geißbock die Rolle eines Gespenstes
gespielt hatte. Am lautesten lachte der Bauer. Das vergess ich meiner
Lebtag nit! Nur dran denken brauch ich, so seh ich den Buben schon wieder
dahergesaust kommen über Stempen und Steiner, wie er Zetermordio schreit,
käsweiß im Gesicht und zittrig am ganzen Leib, als wär der Leidige hinter
ihm oder s Kaser-Mandl. Wie wärs denn, Seppl heut machts grad wieder
so eine lichte Nacht tätst dich nit nauftraun auf d Waiz-Alm?
Vielleicht steht derselbige Geißbock noch allweil droben. Findst ihn aber
nit, so könntst ja gleich nachschauen, was unser Kaser-Mandl macht?
Aber, Bauer!, stotterte der Bub erschrocken. Auch
den Dirnen verging die Lustigkeit; nur ein paar Knechte lachten noch.
Der Rossmooser leerte das Glas. Also, Seppl, traust
dich oder traust dich nit? Geh, tus mir zlieb. Schau, völlig plagen tut
mich die Neugier, was der Almgeist treibt in der heutigen Nacht.
Jetzt zeigte auch der Obersenn ein ernstes Gesicht.
So was sollt eins nit reden, Bauer! Er hat gar ein weites Ghör,
derselbige auf der Alm droben!
Tät er denn was Unrechts hören?, lachte der Bauer.
Weißt, ich hab halt ein gutes Gmüt, ich sorg mich halt, obs Kaser-Mandl
heut auch sein Weihnächten hat! Also? Wills keiner nit wagen?
In der Stube war es mäuschenstill geworden; nur die
Uhr hörte man ticken und die Spinnräder schnurren. Der Obersenn erhob sich
und verließ die Stube; er wollte und konnte solche Reden nicht hören.
Den schau an, der lauft jetzt gar davon!, lachte
der Rossmooser und überflog wieder mit blinzelnden Augen sein Gesinde.
Also, wie stehts? Hat keiner die Schneid, dass er sich nauftraut? Nit
umsonst! Eine Kuh aus mein Stall solls gelten!
Der Bauer hatte gut versprechen in der Stube
rührte sich kein Laut; die Dirnen duckten die Köpfe und machten scheue
Augen, die Knechte guckten verlegen in die Pfeifenglut oder in die
Mostkrüge.
Es war nit im Spaß geredt!, beteuerte der Bauer,
dem vor Lachen schon die Tränen kamen. Noch einmal sag ichs: Ders wagt
und naufgeht in Kaser und bringt mit den Muslöffel runter zum Zeugnis,
dass er droben war
die schönste Kuh soll er haben aus meim Stall! Also?
Er wartete, doch keine Antwort kam. Da schlug er die Faust auf den Tisch.
Gar keiner? Nit ein einziger hats Kuraschi? Ihr seid mir schöne Hasenfüß
übereinander!
Aus Malis Fingern war der Faden gefallen und ihr
Spinnrad stockte. Mit zitternden Händen fuhr sie sich über Stirn und
Schläfe. Eine Kuh aus des Rossmoosers Stall! Die hatte einen Buckel wie
ein Walfisch. Solch eine Kuh galt ihre fünfhundert geschlagene Mark! Jesus
Maria! Fünfhundert Mark! Davon hätt ihr Mutterl zwei ganze Jahr zu
leben. Und könnt sich was Guts antun, und könnt sich pflegen, dass sie
wieder gesunden müsst
Ein Schauer rann über Malis Glieder, es wurde ihr
eiskalt ums Herz, aber sie erhob sich, ging hastig zum Tisch und sagte mit
schwankender Stimme: Bauer
ich wags.
Mar und Josef!, kreischte eine der Dirnen und all
die andern starrten Mali an, als wäre sie selbst ein leibhaftiges
Gespenst. Auch dem Bauer war das Lachen vergangen; erschrocken blickte er
zu dem Mädchen auf, dessen Gesicht so weiß war wie das Linnen auf dem
Tisch, und stotterte: Ja Dirndl, bist denn narrisch worden?
Ich tus nit aus Spott oder Übermut, lispelte
Mali, ich tus, weil ich muss.
Der Rossmooser fuchtelte mit den Händen und
schüttelte den Kopf. Nix da, Dirndl! Nix, nix! Das lass ich nit zu!
Malis ah ihn mit großen Augen an. Ich hab gemeint,
der Bauer hätt im Ernst geredt! Und Bauernwort hat doch allweil noch sein
richtiges Gewicht, mein ich. Dem Rossmooser verschlug es die Rede; aber
während er sich auf ein vernünftiges Wort besann, ging Mali schon zur Tür.
Ich richt mich zum Gang, Bauer!
Als sie die Stube verlassen hatte, erhob sich hinter
ihr ein wirrer Spektakel von schreienden Stimmen. Sie drückte die
zitternden Hände über die Ohren, lief in die Küche, riss die weiße Schürze
herunter, fuhr in die genagelten Schuhe, zog das warme Leibchen an und
wickelte ein wollenes Tuch um Kopf und Schultern. So kehrte sie in die
Stube zurück, in der es bei ihrem Eintritt plötzlich wieder still wurde.
Die Spinnräder waren verlassen, die Mägde standen auf einem Knäuel
beisammen, die Knechte hatten sich vom Tisch erhoben nur der Bauer saß
noch auf seinem Platz. Sein kleines Räuschlein schien jählings verflogen,
denn seine Augen blickten ernst; aber die Röte auf seinem Gesicht war
dunkler geworden.
Ich bin geschickt,
Bauer, sagte Mali. Um ein Laterndl tät ich halt bitten.
Der Bauer erhob sich; es schien ihm schwer in den
Knien zu liegen. Schau, Mali, die ganzen Gesindleut reden mir zu, ich
soll dich nit gehen lassen.
Wohl wohl!, fiel der Chorus ein.
Aber das Wort ist einmal geredt
ich hätts nit
sagen sollen, denne s war ein Übermut
aber gesagt ist gesagt, und jetzt
muss ichs einlösen. Was tät denn noch gelten in der Welt, wenn nit
Bauernwort? Es müsst ja rein ausschauen, als obs mich reuen tät wegen der
Kuh
grad recht geschieht mir, wann ichs hergeben muss. So wünsch ich
halt nur noch das einzig, dass die schieche Sach gut ablauft
für dich,
Dirndl! Seine Stimme schwankte und dir kein Fahrnis nit ankommt.
Ich tu mich nit fürchten, Bauer, sagte Mali mit
gezwungenem Lächeln. Der liebe Herrgott geht mit mir und die heilige
Mutter Marie.
Ja, Dirndl, ja, das ist eine gute Geleitschaft.
Aber weißt denn auch den Weg? Freilich, er ist ja nit zum fehlen
führt
ja vom Rossmoos der breite Almweg nauf bis zum Kaser. s Laterndl! Wo ist
denn s Laterndl? Der Hüterbub lief aus der Stube, um die Laterne zu
holen. Und hast denn auch ein gweihten Wachsstock? Nit? Hol eins den
meinigen aus der Kammer
der ist doppelt gweiht, der brennt lichter!
Der Wachsstock wurde gebracht, in der Laterne
befestigt und angezündet.
So, Dirndl. Und jetzt packs halt an in Gottes
Namen! Der Bauer fasste Mali bei der Hand, führte sie zur Tür und
besprengte sie mit Weihwasser. Schau, das wird dir auch gutun und wird
sein Kraft nit verleugnen! Jetzt komm halt
bist ein braves Dirndl
ich
weiß schon, warum dus tust
und ich bin ein grauslicher Kerl
Dem
Rossmooser war schier das Weinen nahe. Als er in den dunkeln Flur trat,
fuhr er sich schnell mit den Ärmel über die Nase und flüsterte in Malis
Ohr: Wirst sehen, es ist gar keiner nit droben, kein Geist nit.
Mali atmete schwer auf und trat mit dem Bauer ins
Freie. Wispernd und zischelnd drängten sich die Mägde und Knechte hinter
den beiden her.
Still und dämmerig lag die Winternacht über den
Bergen; kein Lufthauch rührte sich; in hellem Glanze funkelten die
abertausend Sterne.
Mali bekreuzte sich mit zitternder Hand und fasste
ihren Bergstock, der neben der Steinbank noch an der Mauer lehnte.
Jetzt geh ich halt! Gelobt sei Jesus Christus.
In Ewigkeit, Am!, sagte der Bauer und die Knechte
und Mägde sprachen es ihm nach.
Langsamen Ganges, in der einen Hand den Bergstock,
in der andern die schwankende Laterne, schritt Mali in die Nacht hinaus.
Schweigend blickte ihr der Bauer nach, während hinter ihm die Gesindleute
erregt durcheinander flüsterten.
Der Hirtenbub zog vor Gruseln den Kopf zwischen die
Schultern, dass die langen Ohren fast verschwanden. Die kommt nimmer
heim! s Gnack dreht er ihr um
der selige!
Ah na!, lispelte eine der Mägde. Unser Herrgott
wird das Dirndl nit verlassen.
Das ist eine!, murmelte eine andere Stimme. Die
hat Hosen an!
Und Haar auf die Zähn!
Unwillig drehte sich der Bauer um. Dass mir keins
nit spotten tut über die Mali! Wenn eins von euch was reden will, solls
sagen, es lasst das Dirndl nit allein gehen auf dem gfahrlichen Weg. Das
wär eine Red, die ich gern hören tät! Lautlose Stille folgte diesen
Worten. Gelt? Jetzt könnts den Schnabel wieder halten?
Da kam der Obersenn von den Ställen her über den
Hof. Er machte große Augen, als er die Leute vor der Haustür stehen sah.
Ja was gibts denn?
Als er hörte, was geschehen war, schlug er
erschrocken die Hände über dem Kopf zusammen. O du grundgütiger Heiland!
Bauer, was hast denn da jetzt angestift!
Der Rossmooser wusste keine Antwort und strich nur
die zitternde Hand über das graue Haar. Ein paar Mägde wollten sich
davonschleichen, aber der Senn vertrat ihnen den Weg.
Nix da! Heut geht mir keins nit schlafen! Alles
bleibt in der Stuben und hilft den Rosenkranz beten!
Wohl wohl, der Senn hat recht, sagte der Bauer.
Und nun gings in die Stube. Rings um die Bänke
knieten sie alle nieder, und der murmelnde Klang ihrer betenden Stimmen
füllte den Raum.
Die Stimme des Rossmoosers hörte man aus allen
andern heraus. Wenn er das Gesicht ein weinig hob, konnte er aus dem
Fenster blicken: Dann sah er weit draußen im Schneefeld den zitternden
Schein der Laterne
Nun erlosch das Licht. Mali hatte den Wald betreten.
Auf dem breiten Almweg hatte sie ein gutes Gehen,
denn der Schnee war niedergedrückt von den Kufen der Holzschlitten. Im
Wald herrschte lautlose Stille; nur manchmal fiel ein Klumpen Schnee mit
sachtem Klatschen durch das Gezweig. Die Laterne warf um Mali einen
lichten Kreis, den ihr eigener gaukelnder Schatten schwarz durchbrach.
Eine spärliche Helle fiel noch in den Wald, so dass die nahem Baumstämme
und Wurzelstöcke in mattem Licht aus dem Dunkel hervortraten, um gleich
wieder unterzutauchen in der Finsternis.
Mali blickte nicht zur Rechten, nicht zur Linken;
die Augen auf den Weg gesenkt, stieg sie gleichmäßigen Ganges empor über
den steilen Waldhang. Jede furchtsame Regung, die in ihr aufsteigen
wollte, unterdrückte sie durch den Gedanken an die Mutter, und dabei
sprach sie mit flüsternder Stimme ein Vaterunser um das andere.
Einmal aber zuckte ihr doch ein kalter Schreck durch
alle Glieder. Sie hörte ein Schleichen und Rascheln im Wald, sah einen
finsteren Schatten gleiten und auf dem Weg erscheinen. Alle guten
Geister!, stammelte sie und riss die Laterne in die Höhe. Wenige Schritte
vor ihr stand mitten auf dem Weg ein Reh und starrte in den Lichtschein
der Laterne. Als sich Mali nun bewegte, machte das Tier ein paar flüchtige
Sätze, blieb wieder stehen, blickte sich um, schüttelte die Lauscher und
trollte über den Weg, in der Finsternis lautlos verschwindend.
Da hat sich jetzt eins vor dem andern gforchten!,
dachte Mali und atmete tief auf. Neuer Mut erwuchs ihr aus dem glücklich
überstandenen Schreck. Sie war ja nicht allein in Nacht und Wald! Und all
die Rehe, Hirsche und Gämsen, wie könnten sie denn leben und hausen auf
der Welt, wenn nicht jedes auf Schritt und Tritt seinen guten und starken
Schützer hätte? Warum sollte der nicht auch ein Erbarmen haben mit ihrem
unschuldigen Menschenleben? Und nun gar in dieser heiligen Nacht, in
welcher Er den einzigen Sohn aus Liebe zu den Menschen auf die Welt
geschickt!
Freilich, wenn sie an das Ziel ihres Weges dachte,
kam ihr Mut wieder bedenklich ins Wanken. Aber hatte denn nicht der Senn
gesagt: Das Kaser-Mandl ist ein ungfahrlicher Geist, der noch keinem was
Übels nit antan hat? Weshalb sollte er gerade ihr ein Leid zufügen? Und
überhaupt, wer weiß
vielleicht ist die Gschichte mit dem Kaser-Mandl gar
nur eine fromme Red, eine Vermahnung für die Almleute, rechtschaffen und
brav zu sein? Vielleicht hatte der Rossmooser recht, als er sagte: Wirst
sehen, es ist gar keiner nit droben, kein Geist nit! Doch nein! Der Ahnl
des Sennen hat das Kaser-Mandl ja gesehen! Aber vor sechzig Jahr! Was kann
in sechzig Jahren nicht alles geschehen! Wärs denn nicht möglich, dass in
dieser langen, langen Zeit ein frommes Menschenkind den armen, schwer
gestraften Geist schon längst erlöst hätte? Dann müsste sie den Kaser leer
und dunkel finden, dürfte nur den Muslöffel von der Wand nehmen und hätte
die schöne Kuh verdient, so leicht, wie im Spiel.
Dieser neue Gedanke nahm ihr einen schweren Stein
vom Herzen und weckte eine ermutigende Hoffnung in ihrer Brust. Rascher
stieg sie empor, aber mit dem Beten setzte sie nicht aus. Das wäre für
alle Fälle, meinte sie.
Der Bergwald ging zu Ende, das offene Almenland
begann, und nun kam für Mali ein hartes Stück Arbeit. Sie musste sich
empor mühen durch tiefen, ungebahnten Schnee. Eine halbe Stunde plagte sie
sich, dass ihr die Kräfte fast versagen wollten und dabei gewann sie nur
eine Strecke kaum von der Weite eines Steinwurfs. Erschöpft und keuchend
hielt sie endlich inne und hob die Laterne, um zu sehen, ob in der Nähe
aus dem Schnee nicht ein Felsblock hervorstünde, auf dem sie rasten
könnte. Da gewahrte sie auf dem Schneegrund einen dunklen Streif. Hastig
watete sie darauf zu und fand einen ausgetretenen Pfad. War es ein viel
begangener Gemswechsel oder der Schneesteig eines Jägers? Das fragte sie
sich nicht lange sie war nur froh, den Pfad gefunden zu haben. Er führte
über einen steilen, kahlen Hang empor; dort oben musste sie ebenen Grund
finden.
Sie stieg und stieg; kaum aber tauchte sie mit den
Augen über die Höhe des Hügels empor, da stockte ihr der Herzschlag, und
sie stand wie erstarrt vor eisigem Schreck. Der Bergstock entfiel ihrer
Hand und kollerte lautlos über den Schnee.
Kaum hundert Schritte vor ihr, im ebenen Almfeld
stand der Kaser mit hell erleuchteten Fenstern und mit offener Tür, durch
welche ein roter Feuerschein einen grellen Lichtstreif hinauswarf über den
verschneiten Grund.
Jetzt war es richtig
oder vielmehr: Es war nicht
richtig! Der Senn hatte recht behalten. Das Kaser-Mandl hauste auf der
Waiz-Alm!
Unter einem zitternden Atemzug begann in Malis Brust
das Herz wieder zu schlagen, immer hastiger und stärker, dass ihr das
jagende Blut die Pulse fast zersprengen wollte. In einem Augenblick war
ihr, als stünde sie in Glut versunken, im andern brach ihr wieder der
aktle Angstschweiß aus allen Poren. Sie wollte sich bekreuzigen und konnte
den Arm nicht rühren; sie wollte beten und konnte nur noch lallen.
Als sie fühlte, dass die Erstarrung ihrer Glieder
sich löste, wandte sie sich zur Flucht und stürzte hinunter über den
steilen Schneehang. Hinter ihr versank der Kaser mit seinen roten Fenstern
und seiner leuchtenden Tür. Als sie einen scheuen Blick über die Schulter
zurückwarf, sah sie nur noch den nachtgrauen Schnee und den Himmel mit all
den funkelnden Sternen. Doch nein
noch etwas anderes sah sie: Ein
kleines, armseliges Stübchen, an dessen Fenstern alle Scheiben gefroren
waren, denn der Ofen hatte das bisschen Wärme längst verloren; im
gebrechlichen Lehnstuhl saß eine alternde Frau mit kränklichem Gesicht und
geduldigen Augen; sie war in Tücher und dicke Kotzen gehüllt, und dennoch
zitterte sei vor Kälte und schwäche; ihr zu Füßen, auf einem Schemel, saß
ein zwölfjähriger Bub und rieb mit seinen Fingern die kalten Hände der
Mutter, damit sie sich erwärmen möchten; als er müde wurde, drückte er das
Gesicht in den Schoß der alten Frau und begann zu weinen: Zärtlich
streichelte ihm die Mutter das Kraushaar und lispelte: Wart nur, Hansi,
wart nur ein bissl noch
es dauert nimmer lang
die Mali, weißt, auf die
kann man sich verlassen.
Das Bild zerrann in den Tränen, mit denen sich Malis
Augen füllten. Ein Schluchzen rang sich aus ihrer Brust. Mein Gott,
Mutterl, mein Gott, wärs nur nit gar so ein schiecher Gang!
Aber sie floh nicht weiter. Sie stand und blickte in
ratloser Angst über den Bergwald hinunter in das graue Tal. Wie ein
schwarzes Flecklein lag der Hof im Rossmoos, und aus dem Schatten blinkten
wenige Sternlein
die erleuchteten Fenster.
leicht beten s für mich?, dachte Mali. Sie
atmete tief auf und wandte das Gesicht. Langsam, Schrittlein um
Schrittlein, stieg sie über den Schneehang empor
und wieder lag der
Kaser vor ihr mit hellen Fnstern und roter Tür.
Alle guten Geister loben Gott den Herrn!,
stammelte sie, begann mit bebender Stimme das Vaterunser zu beten und ging
dem Kaser zu. Schon hörte sie das Prasseln des Herdfeuers, das Klappern
schwerer Tritte, und das Geräusch einer Hantierung. Als sie sich der
offenen Tür bis auf wenige Schritte genähert hatte, konnte sie in das
Innere der Hütte blicken. Neben dem lodernden Feuer stand ein baumlanger
Kerl, gekleidet wie ein Senn, mit schwarzem Haar und noch schwärzerem
Gesicht.
s Kaser-Mandl!
Mali stand wie versteinert, mit gläsernem Blick. Nur
langsam kam ihr die Besinnung. Es musste doch wohl ein guter Geist sein,
der im Kaser hauste, sonst hätte sie ja den Geruch von brennendem Pech und
Schwefel verspüren müssen, denn ohne einen solchen gehts niemals ab bei
höllischen Gespenstern. Auch hatte das Kaser-Mandl schon weiße Hände,
es
hatte also wohl schon einen großen Teil seiner Sünden abgebüßt. Denn je
länger die Geister büßen, desto weißer werden sie
von unt auf.
In Mali erwachte ein Gefühl, fast wie Mitleid und
Erbarmen. Noch einmal murmelte sie den bewährten Spruch: Alle guten
Geister
Dann nahm sie den Wachsstock aus der Laterne, machte über
Stirn, Mund und Brust das Zeichen des Kreuzes, hielt das brennende
LIchtlein zwischen den gefalteten Händen und trat in die Hütte. Mit ihrem
starren Blick und dem totenblassen Gesicht, das vom lauteren Glanz des
Wachslichtes überschimmert war, hätte man sie selbst für ein unirdisches
Wesen halten mögen, das in menschlicher Gestalt erschien.
Das Kaser-Mandl musste wohl gleich den Duft des
geweihten Wachses verspürt haben Geister besitzen ja für solche Dinge
eine gar feine Nase denn es fuhr erschrocken zusammen und stand, an
allen Gliedern zitternd, in der einen Hand einen hölzernen Napf, in der
andern den Muslöffel. Die weit offenen Augen, in denen sich der rote Glanz
des Herdfeuers spiegelte, funkelten wie glühende Kohlen und hingen wie
gebannt an Mali, die sich mit regungslosem Körper und kaum merklichen
Schritten langsam an der Wand entlang zur Bank schob, auf welche sie sich
lautlos niederließ.
Da wandte sich das Kaser-Mandl wieder zum Feuer, und
seltsam: Dabei machte der Geist mit der Hand, die den Muslöffel hielt,
eine Bewegung nach dem Gesicht, als ob er sich bekreuzigen wollte. Der
Duft des geweihten Wachses war ihm wohl scharf in die Nase gegangen. Eine
Weile hantierte er am Herd, als wäre er allein in der Hütte und Mali nur
Luft für ihn. Krampfhaft rührte er mit dem Muslöffel den Teig
durcheinander, der den hölzernen Napf fast bis zum Rand erfüllte; manchmal
räusperte er sich, als wäre ihm die Kehle trocken, und ein scheit um das
andere legte er ins Feuer, dass die Flamme immer höher loderte. Nun
stellte er den Napf auf den Herdrand und nahm eine eiserne Pfanne von der
Wand; dabei schielte er mit hastigem Blick nach dem Mädchen, welches, das
brennende Wachslicht zwischen den gefalteten Händen, noch immer regungslos
auf der Bank saß, die starren Augen auf den Muslöffel gerichtet, den das
Kaser-Mandl nicht aus der Hand legte.
Aus einer Holzschachtel stach der Geist mit dem
Löffel ein faustgroßes Stück Schmalz heraus und gab es in die Pfanne;
dabei fiel ein Bröcklein, wie eine Bohne, auf die Erde. Mali erhob sich
und ging lautlos zum Herd; scheu wich das Kaser-Mandl vor ihr zurück; aber
sie sah es nicht, sie bückte sich mit gesenkten Augen, hob das Bröcklein
Schmalz von der Erde, blies den Staub davon und legte es in die Schachtel.
Es ist Gottesgab
und Almgut!, sagte sie mit
leiser Stimme und setzte sich wieder auf ihren Platz.
Das Kaser-Mandl stand wie eine steinerne Säule und
starrte aus seinem schwarzen Gesicht heraus mit glühenden Augen nach dem
Mädchen, das den brennenden Wachsstock neben sich auf die Bank gestellt
hatte und die gefalteten Hände im Schoße hielt. Endlich wandte sich der
Geist unter einem schweren Atemzug wieder zum Herd, setzte die Pfanne über
das Feuer, und als das zerrinnende Schmalz zu zischen begann, ließ er den
Teig in die Pfanne laufen; er legte noch ein paar Scheite nach und setzte
sich auf den Herdrand; während er den Muslöffel zwischen den Knien baumeln
ließ, blickte er bald in die Pfanne, bald ins Feuer, bald wieder zur Tür.
Mali saß regungslos und bewegte nur in stillem Gebet
kaum merklich die Lippen.
Sacht brodelte die kochende Speise, das Feuer
knisterte, und manchmal strich ein kalter Lufthauch zur offenen Tür herein
und machte die Herdflamme rauschen.
Endlich schien dem Geist das lange Schweigen nicht
mehr zu behagen; er streifte Mali mit einem schielenden Blick und fragte:
Kommst von weit her?
Von drunt herauf, sagte das Mädchen mit tonloser
Stimme.
Das Kaser-Mandl fragte nicht weiter; es schien genug
zu wissen.
Eine Dampfwolke stieg aus der Pfanne; der Geist
sprang auf und stocherte hastig mit dem Muslöffel die qualmende Speise
durcheinander. Nun plötzlich wandte er sich mit jähem Ruck vom Feuer ab
und trat mit zwei langen Schritten dicht vor Mali hin, die sich vor
Schreck zusammenduckte wie ein Vogel vor dem Geier.
Jetzt muss ich einmal wissen, wie ich dran bin mit
dir!, sagte das Kaser-Mandl mit rau und heiser klingender Stimme. Bist
ein Menschenkind, oder bist eine Salige?
Ich bin die Hornegger-Mali, lispelte das Mädchen.
Das schwarze Gesicht des Geistes wurde lang und
länger. Wer bist?
Die neue Hausdirn im Rossmooserhof.
Im Rossmoos?, rief das Kaser-Mandl staunend und
riss Mund und Augen auf. Ja seit wann denn?
Seit heut am Abend.
Verwundert schüttelte der Geist den schwarzen Kopf.
Aber so sag mir nur grad, was schaffst denn da heroben in Nacht und
Schnee?
Dem Mädchen versagte die Stimme.
So red doch!
Mali schöpfte tief Atem, und mit angstvollen Augen
zu dem Unheimlichen aufblickend, stotterte sie: Der Bauer hat
hat eine
Red getan
er tät eine Kuh dafür geben, wenn eins sich herauftrauen tät
auf die Waiz-Alm und
und
und nachschauen
Was das Kaser-Mandl macht?, schrie der Geist mit
klingender Stimme und brach in helles Gelächter aus. Mali zitterte an
allen Gliedern; das Kaser-Mandl aber lachte und lachte, fuchtelte wie
närrisch mit dem Muslöffel in der Luft herum und schlug die Fäuste auf die
Schenkel, dass es klatschte. Und immer wieder, unter Lachen und Lachen
schrie der Geist: So was! So was! Ah, da hört sich aber doch alles auf!
Wer weiß, wie lange er noch fortgelacht hätte! Aber
aus der Pfanne ließ sich ein verdächtiges Zischen hören. Das Kaser-Mandl
sprang zum Herd, rüttelte die Pfanne, warf mit dem Löffel emsig die Speise
durcheinander und blickte schmunzelnd immer wieder über die Schulter
zurück nach dem Mädchen. Nun kam es und setzte sich neben Mali auf die
Bank; erschrocken rückte sie zur Seite; das Gespenst aber lachte: Musst
dich nit fürchten vor mir! Was ein richtiger Geist ist, weißt, der tut
einem braven Dirndl nix Übels nit an!
Mali blickte mit scheuen Augen au fund atmete ein
klein wenig leichter. Gespenster lügen nicht das wusste sie ganz genau.
Also, lächelte das Kaser-Mandl, die Kuh hast du
dir verdienen wollen?
Nit aus Geiz, stammelte Mali hastig. Ich hab ein
kranks Mutterl daheim. Alle Angst und Liebe ihres Herzens zitterte in
diesen Worten.
Das Kaser-Mandl rückte näher; es lachte nicht mehr;
schweigend saß es, die Ellenbogen auf die Knie gestützt, mit vorgeneigtem
Gesicht, und hing mit stillen, freundlich blickenden Augen an Malis Zügen.
Das Feuer hörte zu knistern auf und brannte mit
ruhiger Flamme, in der Pfanne verstummte das Brodeln, und fast lautlose
Stille war in der Hütte. Ganz leise, kaum noch vernehmbar, kamen
windverwehte Klänge aus dem fernen Tal herauf geschwommen durch die Lüfte.
Man läutete im Dorf mit allen Glocken zur Weihnachtsmette.
Plötzlich erhob sich das Kaser-Mandl; tief
aufatmend, wie aus einem Traum erwachend, strich es den Rücken der Hand
über die Stirn und trat zum Herd. Es hob die Pfanne vom Feuer, stellte sie
auf den Herdrand und legte ein paar frische Scheite über die Kohlen;
prasselnd wuchs die versinkende Flamme wieder.
So, sagte der Kaser-Mandl, holte zwei zinnerne
Löffel aus der Lade und setzte sich neben die Pfanne. Jetzt komm her und
halt mit, du brave Dingin, du schneidige!
Mali schien über diese Einladung nichts weniger als
erfreut. Aber da gab es kein Weigern. Zitternd erhob sie sich und kam zum
Herd geschlichen, um das höllische Nachtmahl des Gespenstes zu teilen. In
der Pfanne sah sie etwas grauslich Schwarzes liegen, denn der hohe Rand
des Bleches warf seinen Schatten über die Speise. Mali freilich schrieb
diese Schwärze einer ganz andern Ursache zu; während sie sich auf den
Herdrand niederließ, machte sie schnell und heimlich das Kreuzzeichen
gegen die Pfanne, und als sie nun mutig zugriff, lag auf dem Löffel der
schönste goldgelbe Schmarren, welcher durchaus nicht nach der Apotheke des
Teufels roch, sondern ganz angenehm nach irdischer Küche duftete.
Schweigend aßen die beiden; Mali hielt die Augen
gesenkt, während das Kaser-Mandl keinen Blick von ihr verwandte. Nach
einer Weile fragte das Gespenst:
Sag noch einmal, wie heißt?
Mali.
Mali? Der gfallt mir, der Nam! Und bist daheim?
Sie nannte ihr Heimatdorf. Das Kaser-Mandl stellte
Frage um Frage. Mali gab Antwort, und so hatte sie blad die ganze kleine
stille Geschichte ihres Lebens erzählt. Ihre Mutter war aus der Fremde in
den Pfarrhof gekommen und hatte als Köchin bis nah an ihr vierzigstes Jahr
gedient; dann hatte sie einen Schachtelmacher geheiratet und von ihren
Ersparnissen ein kleines Häuschen im Dorf erworben; Mali wurde geboren,
und ein paar freundliche Jahre hielten Einkehr unter dem beschiedenen
Dach. Da kamen die schweren Zeiten: Zwei Kinder starben, das jüngste, ein
Bub, kränkelte mehrere Jahre lang, Malis Vater verunglückte bei einem
Hochwasser, und die arme Witib musste schaffen wie ein Ross, um mit ihren
Kindern nur ein leidliches Auskommen zu finden; nun war es aber seit Jahr
und Tag mit der Kraft der alten Frau zu Ende, und es kam an Mali die
Reihe, die Sorge für Mutter und Bruder zu tragen.
Es war nicht viel zu hören an dieser Geschichte, und
dennoch lauschte das Kaser-Mandl so aufmerksam, als würde ihm die
merkwürdigste Sache von der Welt erzählt. Das reine, kindliche Gemüt des
Mädchens überleuchtete diese stille, kleine Geschichte, so wie ein
Sonnenstrahl auch das engste, armseligste Stübchen mit Licht und Glanz und
Wärme füllt. Dazu die bange Scheu, das Zittern und Stammeln, mit welchem
Mali jedes Wörtlein vorbrachte! Da hätten Rührung und freundliches
Wohlgefallen auch ein schlimmeres Gespenst überkommen müssen, als das
Kaser-Mandl eines war!
Die Pfanne stand geleert. Vergelts Gott!,
flüsterte Mali, erhob sich und blieb mit gesenkten Augen, unschlüssig, vor
dem Herde stehen.
So, jetzt hast gessen, und jetzt willst wieder
fort, gelt?, schmollte der Geist.
Mali blickte nur ein klein wenig auf, doch sie wagte
keine Antwort. Das Bedauern aber, welches so unverhohlen aus den Worten
des Gespenstes sprach, erschien ihr begreiflich. Wer Nacht um Nacht
vielleicht seit vielen hundert Jahren schon in der menschenfernen Einöd
einsam geistern muss, dem mag zuweilen eine kleine Ansprach gar nicht
unwillkommen sein. Sie hatte völlig Erbarmen mit dem armen Gespenst. Aber
bei allem Mitleid gingen ihre Gedanken doch immer nach der Tür. Und
dennoch fand sie nicht den Mut, sich von der Stelle zu rühren.
Das Kaser-Mandl hatte die beiden Zinnlöffel in die
Lade zurückgelegt und die Pfanne an die Wand gehängt. Lächelnd blieb es
vor Mali stehen und fragte: Warum gehst denn nit?
Weil
weil
stotterte sie mit versagender
Stimme, weil ich den Muser mitbringen sollt
als Zeichen.
No also, da hast ihn halt!, sagte der Geist und
reichte ihr den eisernen Löffel.
Zögernd griff sie zu, denn sie meinte nicht anders,
als dass ich der Löffel anfühlen müsse wie glühendes Eisen. Aber sie
spürte kaum eine gelinde Wärme. Tief aufatmend schob sie den Löffel mit
zitternden Händen hinter das Miederband und wandte sich zur Bank. Jäher
Schreck befiel sie, als sie gewahren musste, dass der geweihte Wachsstock
niedergebrannt und erloschen war
nur ein schwarzes Stümplein Docht und
ein Fleck zerschmolzenen Wachses waren noch übrig. Nun war sie ihrer
besten Waffe wider alle Mächte der Dunkelheit beraubt!
Auch der Geist schien gemerkt zu haben, dass er
jetzt der Stärkere war. Er trat dicht vor Mali hin. Was tätst denn sagen,
wann ich dich jetzt nit fortlassen möchte? Doch als er ihr Zittern sah
und ihr blasses Gesicht, lenkte er wieder ein. Geh, tu dich nicht
fürchten
ich kann dich nit halten, wann nit selber bleiben magst. Aber
ich mein halt doch, dass wir zwei nit s letzte Mal beinander waren. Ich
muss dir halt einmal erscheinen. Nun lächelte der Geist sogar. Aber
gelt, dem Bauer mach nur ein bissl heiß, und sag ihm, er sollt keine so
übermütige Red nimmer tun! Ein anders Mal könnts leicht nit so gut
ausgehen wie heut!
Gut ausgehen! Mali klammerte sich an dieses
verheißungsvolle Wörtlein wie der Ertrinkende an den rettenden Balken, den
eine erbarmungsvolle Welle ihm zugeworfen.
Und wegen der Kuh
ich mein, die hast dir redlich
verdient
wegen der Kuh kannst ihm sagen: Er soll dir die braune Liesl
geben und keine andere nit! Und wenns ihm leicht nit recht wär, so sagst
ihm: Ein schönen Gruß von mir, und er hätts mit mir zu tun.
Mali brachte keine Silbe über die Lippen; sie nickte
und nickte nur immer, und alles schwamm ihr vor den Augen, während sie
Schrittlein um Schrittlein zurückwich gegen die Tür.
Das Kaser-Mandl schwieg; aber es verwandte keinen
Blick von Mali; nun tat es gar einen Seufzer, völlig wie ein Mensch, dem
das Herz recht schwer geworden, und sagte: In Gottes Nam, jetzt geh halt
und schau, dass gut heimkommst, gelt? Aber die Hand könntst mir doch geben
zum Bhüt Gott
oder nit?
Gelobt sei Jesus Christus!, wollte Mali stammeln;
aber das fromme Sprüchlein blieb ihr in der Kehle stecken. Sie streckte
die zitternde Hand, das Kaser-Mandl griff mit beiden Händen zu, und da
spürte sie einen Druck, so heiß, als hätte sie die Hand in helles Feuer
getaucht. Durch die Arme, durch den ganzen Körper rann ihr die seltsame
Glut bis hinein ins Herz. Erschrocken zog sie die Hand zurück und
taumelte fast, als sie sich zur Tür wandte.
Da schien dem Gespenst ein Einfall zu kommen; es
sprang in einen Winkel der Hütte, dort hing neben andern, recht irdisch
aussehenden Dingen eine Lodenjoppe an der Wand; das Kaser-Mandl griff in
diese Joppe, eilte dem Mädchen nach, und just, als Mali hinauswankte zur
Tür, ließ das Gespenst etwas Schweres in ihre Rocktasche gleiten und
flüsterte: Schau, da hast was für dein kranks Mutterl! Und bhüt dich
Gott, Mali! Bhüt dich Gott!
Mali wusste kaum, wie ihr geschah; alles wirbelte
vor ihren Blicken; sie taumelte hinaus ins Freie, und erst, als ihr die
eisige Nachtluft ins Gesicht schlug, kam sie halb zur Besinnung. Fort, nur
fort! Das war ihr erster und einziger Gedanke. Sie dachte nicht an die
Laterne, die sie mitgebracht, nicht an den verlorenen Bergstock. Geraden
Weges, in überstürztem Laufe, rannte sie talwärts durch den tiefen Schnee.
Sooft sie einen scheuen Blick zurückwarf über die Schulter, sah sie die
rot leuchtenden Fenster der Almhütte und die schwarze Gestalt in der
offenen Tür. Endlich, endlich tauchte der unheimliche Kaser unter in der
finsteren Nacht. Erschöpft hielt Mali inne und drückte die zitternden
Fäuste auf ihre atemlose Brust. Dann plötzlich fuhr sie mit der rechten
Hand vor die Augen es war die Hand, die sie dem Gespenste gereicht
hatte. Aber sie konnte an den Fingern keine Spur eines Brandmals gewahren.
Freilich, es war stockfinstere Nacht; aber sie spürte auch keinen Schmerz,
und die Hand war anzufühlen, als wäre sie unversehrt.
Aufatmend schlug Mali ein Kreuz und begann in
stammelnden Lauten zu beten. Als sie nun wieder zu laufen anfing, fühlte
sie an ihrem Röcklein etwas Schweres baumeln. Hastig fuhr sie mit der Hand
in die Tasche und griff ein ledernes Beutelchen: Ein heißer, freudiger
Schreck befiel sie; es fehlte ihr der Mut, das Beutelchen hervorzuziehen,
aber mit zitternden Fingern fühlte sie, dass es kugelrund war, dickvoll
von großen, schweren Münzen; nun plötzlich fielen ihr auch die letzten
Worte ein, die das Gespenst zu ihr gesprochen: Schau, da hast was für
dein kranks Mutterl!
Die Tränen schossen ihr in die Augen, und wie ein
peinigender Schmerz zuckte es durch ihre Seele. Sie hatte genommen, was
der gute Geist gegeben, und nicht einmal an ein Vergeltsgott hatte sie
gedacht! Und noch ein anderer Gedanke blitzte in ihr auf. Wie gut und
freundlich war das Kaser-Mandl zu ihr gewesen! Nicht das geringste hatte
es ihr zu leid getan, hatte an ihre kranke Mutter gedacht und hatte sie
reichlich beschenkt! Und weshalb das alles? Wohl nur deshalb, weil es
gehofft hatte, dass jetzt die Stunde seiner Erlösung gekommen wäre. Ein
Wörtlein, nur eine einzige Frage hätt es sie gekostet, und der gute
Almgeist wäre ledig gewesen all seiner heißen Pein und Buße! Sie aber
hatte in ihrer blinden, unfrommen Angst den günstigen Augenblick ungenutzt
vorübergehen lassen, hatte ein gutes, christliches Werk versäumt, eine
schwere Sünde auf ihr Herz geladen und der arme, gute Geist musste nun
hundert lange Jahre warten und weiter büßen, bis wieder solch eine
günstige Stunde käme!
Aber war diese gute Stunde denn wirklich schon
vorüber?
Wär es nicht jetzt noch Zeit?
Sie besann sich nicht länger. Wohl zitterten ihr
alle Glieder, wohl lag über ihr die kalte Angst, dass ihr fast die Zähne
klapperten, doch ohne Zögern, in keuchender Hast, begann sie wieder über
den steilen Schneehang emporzusteigen. Da lag der Kaser vor ihr mit roten
Fenstern, sie erreichte die Tür, einen Augenblick hielt sie inne, als
befiele sie ein Schwindel, dann trat sie in die Hütte.
Das Kaser-Mandl saß neben dem erlöschenden Feuer auf
dem Herd und hielt das schwarze Gesicht in die Hände vergraben, wie in
Schmerz und Trauer.
Alle guten Geister loben Gott den Herrn!
Betroffen blickte der Geist beim Klang dieser Worte
auf. Mali du?, rief er mit freudig klingender Stimme und sprang auf das
Mädchen zu.
Mali stand regungslos, mit gefalteten Händen. Im
Namen Gott des Vaters, stammelte sie, Gott des Sohnes und Gott des
heiligen Geistes
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Begehr? Wie kann ich mich erlösen?
Verwundert starrte der Geist das Mädchen an; dann
plötzlich lachte er lustig auf, aber gleich wieder wurde er ernst; er
schien zu begreifen, dass es sich um seine Erlösung handle, und das war
für ihn doch gewiss eine höchst wichtige Sache. Lange, lange besann er
sich.
Mit schwacher Stimme wiederholte Mali die Frage:
Was ist mein Begehr?
Da blitzten die Augen des Geistes, und es zuckte
ganz merkwürdig um seine schwarzen Lippen. Ein Bussel von einem braven,
saubern Dirndl, ich mein, das tät schon was ausrichten bei mir!
Mali erschrak, dass ihr die gefalteten Hände
auseinander fielen.
Das Kaser-Mandl seufzte. Hab ich ein bissl zu viel
verlangt? Weißt, ein sündhaftigen Geist erlösen, das ist halt allweil eine
schwere Sach. Aber schau, du wärst die richtige, du könntst mir helfen
ein Bussle von dir, und meine arme Seel ist im Himmel!
Ein kalter Schauer rann über Malis Schultern; dann
drückte sie die Augen zu. Im gleichen Augenblick fühlte sie sich von zwei
starken Armen eng umschlungen, sie hörte einen hellen Jauchzer, so hell,
dass die Wände der Hütte klangen, und nun plötzlich regnete es heiße,
ungestüme Küsse über ihre Lippen und Wangen. Sie wollte um Hilfe schreien,
aber ihre Worte erstickten, sie wollte sich wehren, doch die Arme des
Kaser-Mandls hielten fest, und ihre Kraft erlahmte. Sie ließ die Arme
sinken und lag mit taumelnden Sinnen an der Brust des Gespenstes, das im
Küssen ganz unersättlich schien. Wenn jeder Kuss der Loskauf für eine
Sünde war, wie viele Sünden musste das Kaser-Mandl auf dem Gewissen haben!
Endlich schien es erlöst und reinen Herzens zu sein;
denn es hielt inne im Küssen
Und ganz deutlich zeigten sich weiße
Flecken in seinem schwarzen Gesicht. Wie aber sahen Malis Lippen und
Wangen aus! Als wäre ihr ein Schornsteinfeger ins Gesicht gefallen! Mein
Gott, Dirndl, mein Gott, stotterte das Kaser-Mandl ganz erschrocken,
jetzt hab ich dich aber schön zugerichtet! Geh, komm her, lass dich ein
bissl sauer machen! Das Gespenst lief hinter den Herd und zog einen mit
Wasser gefüllten Zuber hervor.
Mali aber sah und hörte nicht. Sie fühlte nur, dass
sie frei war, und da streckte sie die beiden Hände nach der Tür und wankte
ins Freie.
Hinter ihr in der Hütte klang ein helles Lachen und
ein Geplätscher von Wasser.
Mit erlöschenden Kräften watete Mali talwärts durch
den Schnee. Aber sie kam nicht weit, da hörte sie hinter sich eine rufende
Stimme, und der rötliche Schein einer Fackel glitt über den Schnee, die
finstere Nacht erhellend. Mali fing zu laufen an; doch das Kaser-Mandl
hatte flinkere Beine. Jetzt stand es an ihrer Seite, fasste ihre Hand und
sagte mit zärtlichem Klang der Stimme: Geh, weswegen wartest denn nit?
Das kannst dir doch denken, dass ich dich jetzt nit allein gehen lass in
der Nacht! Schau, wie leicht könnt dir was gschehen!
Mali wusste nicht, was sie wach, oder war das alles
nur ein Traum. Bald heiß und bald wieder kalt überlief es ihre zitternden
Glieder. Und unter ihrem Mieder hämmerte das Herz, als wäre plötzlich dem
kleinen, ungebärdigen Ding die junge Brust zu eng geworden! Und dieser
seltsame Schreck, der sie durchfuhr, als sie mit scheuem Zögern
aufblickte! In der Hand eine lodernde Kienfackel, so stand as Kaser-Mandl
neben ihr und schaute sie lächelnd an. Und es hatte ein weißes Gesicht mit
roten Lippen und hellen, lustigen Augen und einen Schnurrbart! Wie doch
das fromme Werk der Erlösung solch ein armes Gespenst zu seinem Vorteil
verwandeln kann! So wie jetzt, so hatte das Kaser-Mandl wohl einstmals
ausgesehen
weiß Gott, es musste zu seinen irdischen Lebzeiten ein
schmucker Bursch gewesen sein!
Komm, Schatzerl, komm!, sage der erlöste Geist.
Hast ja noch ein weiten Weg bis heim! Leuchtend hob er die Fackel und
leitete das Mädchen an der Hand zu einem ausgetretenen Pfad. Wenn das
Gehänge steiler und er Schnee tiefer wurde, legte er, um Mali besser
stützen zu können, den Arm um ihre Hüfte, und sie wehrte sich nicht, sie
hielt die Augen geschlossen und ließ sich führen.
Als sie den Saum des Bergwaldes erreichten, klang
plötzlich aus dem Gehölz herauf eine schreiende Stimme: Mali, Mali!
So schön, da kommen ja Leut!, brummte das
Kaser-Mandl, halb erschrocken, halb ärgerlich. Jetzt hats aber Zeit,
dass ich verschwind! Die Fackel des Gespenstes fuhr in den Schnee,
zischend erlosch die Flamme, und Mali stand in schwarzer Finsternis. Zwei
ungestüme Arme umschlangen sie, ein heißer Kuss brannte auf ihren Lippen,
sie hörte noch ein unterdrücktes Lachen, das sich entfernte, dann war sie
allein. Mit wirbelnden Sinnen taumelte sie über den Schnee und schlug, in
krampfhaftes Schluchzen ausbrechend, die Hände vor das Gesicht.
Mali! Mali!, klang es drunten im Wald.
Sie richtete sich auf und lauschte.
Mali! Mali!
Nun erkannte sie die Stimme; es war der alte Senn.
Die Leute im Rossmoos hatten wohl Angst um sie bekommen und hatten den
Senn geschickt, um sie zu suchen. Als sie nun wieder seine rufende Stimme
hörte, antwortete sie mit gellendem Schrei und rannte talwärts auf dem
breiten Almweg, bis ihr der Atem verging. Mit brennendem Spanlicht kam ihr
der Senn entgegen. Er musste sie in den Armen auffangen, sonst wäre sie
niedergestürzt vor seine Füße.
Gott sei Dank, mein Dirndl, weil nur wieder da
bist!, stammelte der Alte und stütze die Wankende, während er sie mit
sich fortzog
Durch den Wald herauf schimmerten vom Rossmoos her
schon die erleuchteten Fenster des Hofes.
Drunten, vor der Haustür, stand der Bauer und
starrte über das weite Schneefeld gegen den finstern Bergwald, während aus
der Stube die murmelnden Stimmen des betenden Gesindes klangen. Die Kälte
schüttelte den Bauer, aber er wich nicht von seinem Posten. Unruhig
stapfte er auf der Schwelle hin und her, schlug die Arme um die Hüften,
hauchte in die Hände, stampfte mit den Füßen, spähte hinaus in die Nacht
und seufzte immer wieder. Manchmal räusperte er sich und griff an die
Kehle. Das Zäpflein war ihm hinuntergefallen, wie die Leute von einem zu
sagen pflegen, den die Angst um alle Fassung brachte.
Endlich meinte er draußen im Schneefeld zwei näher
kommende Gestalten zu erkennen. Mali!, schrie er mit heiserer Stimme.
Hui huuup!, klang der lang gezogene Ruf des Sennen
durch die Nacht zurück.
Gottlob! Gottlob!, stotterte der Bauer und rannte
in die Stube. Leut! Leut! Die Knechte und Dirnen brachen mitten im
Vaterunser ab und sprangen auf. Er kommt schon! Und s Dirndl muss er
gfunden haben, weil er gehupet hat.
Nun lief der ganze Schwarm in den Hof hinaus und dem
Zaun entgegen, der Bauer allen anderen voran. Draußen im Schneefeld
tauchte der Senn mit Mali in der Helle auf, die aus den Fenstern fiel. Mit
wirrem Geschrei wurde das Paar empfangen und umringt. Mali hing am Arm des
Sennen, erschöpft und schluchzend, mit zerrauftem Haar, das starre,
schwarzfleckige Gesicht von Zähren überronnen.
O mein Gott!, stammelte der Rossmooser und schlug
vor Schreck die Hände ineinander.
Sie hat den Muser!, schrie einer der Knechte. Da,
schau her, Bauer, am Miederbandl hängt er! Ein Dutzend Hände griffen nach
dem eisernen Löffel.
Mar und Joseph!, kreischte eine Dirne und deutete
entsetzt in Malis Gesicht. Wie das Dirndl ausschaut!
Gelt? Gelt? Hab ichs nit gsagt!, grölte der
Hüterbub. Ins Gsicht ist er ihr gsprungen, der Höllische! Jessas! Jessas!
Immer wieder warf er die Arme über den Kopf. Jessas! Jessas!
Aber Dirndl1, stotterte der Bauer. So red doch!
Red!
Mali brachte kein Wort über die Lippen; mit bangen
Augen blickte sie auf all die brennenden Gesichter, stockendes Schluchzen
erschütterte ihre Brust, und große Tränen rollten ihr über die schwarz
gefleckten Wangen und den zuckenden Mund.
Ich bitt nur grad, lasst mir das Dirndl in Ruh!,
mahnte der Senn und trieb die Neugierigen, die nicht weichen wollten, mit
zornigen Worten zurück. Er führte Mali zur Haustür und rief eine Magd.
Komm her, Zens, und schau nur, dass das Dirndl hinaufkommt in ihr Kammerl.
Und lass mir keine Seel nit hinein zu ihr. Das arme Hascherl muss Ruh
haben, wenns nit gfahrlich verkranken soll!
Geschäftig schlang die Magd ihren Arm um Mali und
führte sie ins Haus; das Gesicht der Dirne leuchtete vor Neugier und
Freude: Nun war sie ja die erste, welche Näheres über Malis Abenteuer
erfahren sollte; ihr gruselte schon im Vorgefühl all der schauerlichen
Dinge, welche sie zu hören hoffte.
Die Knechte und Mägde wurden ins Gesindehaus
geschickt, eine Anordnung, der sie sich nur widerwillig fügten. Der Senn
trat mit dem Rossmooser in die Stube; hier legte er den eisernen Muslöffel
mit Nachdruck auf den Tisch und sagte: Das Dirndl hat die Kuh verdient,
Bauer.
Wohl wohl!, meinte der Bauer und kratzte sich
seufzend hinter den Ohren.
Der Senn machte ernste Augen. Und die braune Liesl
wirst ihr geben müssen!
Was? Die braune Liesl? Unser beste Kuh!, fuhr der
Rossmooser auf. Was dir nit einfallt!
Wird aber doch so sein müssen. Der Senn trat auf
den Bauer zu und flüsterte: Der selbige da droben hat ihr graten, sie
soll die braune Liesl verlangen
und wenn dirs nit recht wär, so hättst
es mit ihm ztun, hat er gsagt!
Der Rossmooser rührte unbehaglich die Schultern
unter der Joppe. No, no, no, sagte er beschwichtigend, man wird doch um
sein Sach noch reden dürfen! Mit langen Schritten ging er in der Stube
auf und ab und blieb wieder stehen. Der kennt sich aber aus in meinem
Stall, das muss ich sagen. Er versuchte ein gezwungenes Lachen. Die
braune Liesl! Mein ganzer Stolz und Staat! Die schönste Kuh
und mit dem
Kalb geht s auch! Zwei fette Fliegen auf ein Schlag!
Der selbige da droben wird wohl wissen, warum er
dir das antut! Und ein schönen Gruß lasst er dir sagen, du sollst keine so
übermütige Red nimmer tun
ein anders Mal könnts schiecher ausfallen!
Jetzt lass mich aber aus, du!, brummte der Bauer,
warf sich in den Lehnstuhl und machte wütende Augen. Plötzlich kam ihm ein
rettender Gedanke. Meinst am End nit, das Dirndl lasst uns blau
anlaufen!
Der Senn nahm den Muslöffel vom Tisch und hielt ihn
dem Rossmooser unter die Nase. Da hat den verlangten Zeugen! Im übrigen,
was die Mali sagt, da kannst drauf wetten, wenn dirs Schwören zwenig
ist!
So meinst, sie hat ihn richtig gsehen, den
selbigen?
Der Senn machte große Augen zu diesem Zweifel. Wie
soll ihns Dirndl denn nit gsehen haben? Sie ist doch nauf
und er ist
doch droben
die zwei müssen zsammtroffen sein!
Aber so red doch, erzähl, wie war denn nachher
alles?
Der Senn zuckte die Schultern. Was ich weiß, das
hab ich gsagt. Mehr hab ich vom Dirndl nit erfahren. Und fragen hab ich
nit mögen. Denn weißt, bei so was ist s Reden allweil eine heikle Sach.
Ein Wörtl zviel, und es kann verspielt sein um Leib und Seel!
Der Bauer atmete tief auf, aber er fragte nicht
weiter.
Nach einer Weile sagte der Senn: Wenn nur das arme
Dirndl nit vom Schrecken was davontragt und dran leiden muss ihr ganz
Leben lang!
Um Gottes willen!, stotterte der Bauer, sprang
auf, durchmaß ein paar Mal die Stube, warf sich wieder auf die Bank und
schlug die Faust auf den Tisch. Wann ich mir nur gleich die Zung abbissen
hätt, vor ich eine so dalkete Red hab tun müssen!
Wohl wohl, nickte der Senn und strich sich die
Hände über das weiße Haar.
Es war still in der Stube; nur die Schwarzwälderuhr
tickte leise und eintönig.
Umso lauter ging es drüben in der Gesindekammer zu;
in einem Winkel hockten sie alle beisammen, keins dachte ans
Schlafengehen; und je weniger sie wussten, desto mehr hatten sie zu reden.
Es währte nicht lange, so war eine ganz schauderhafte Geschichte
ausgekocht, in welcher haargenau berichtet wurde, wie Mali mit dem
höllischen Almgeist um den Muslöffel gerauft hatte.
Diese Geschichte wurde von jenen, die vor Tag zur
Frühmesse ins Dorf hinunter stiegen, von Haus zu Haus getragen.
Gegen sieben Uhr morgens machte sich auch der
Rossmooser auf den Weg, um das Hochamt zu besuchen. Er ging allein, in
Sinnen und Brüten versunken. Als er sich dem Dorf schon näherte, kamen ihm
Schritte entgegen; er blickte auf und sah einen jungen Jäger bergan
steigen.
Ja, was ist denn mit dir?, rief er ihn an. Du
wirst doch nit am heiligen Weihnachtstag auf die Gamspirsch ausgehn?
Unwillig schüttelte der Jäger den Kopf. Nit einmal
am Feiertag hat unsereiner seine Ruh! In aller Gottesfruh hab ich ein
Schuss droben fallen hören! Aber wann ich den erwisch, den Lumpen, dem
soll unser Herrgott gnaden! Der Jäger stieg weiter, aber schon nach
wenigen Schritten wandte er sich wieder um. Was ich fragen will: Warum
bist denn allein? Wo ist denn der Toni?
Mein Bub? Der ist seit drei Tag schon in der Stadt
drin.
So?, brummte der Jäger und stieg seines Weges
weiter.
Lachend blickte ihm der Rossmooser nach. Jetzt bin
ich aber auf den Tod froh, dachte er, dass ich den Buben fortspediert
hab über die Feiertag! Sonst hätt ich keine ruhige Sekund nimmer.
Kopfschüttelnd wanderte er dem Dorf entgegen. Na, na, der Bub wird aber
lachen, wann er heimkommt! Ist der Jung nit daheim, so macht der Alte die
Streich!
Noch knapp zur rechten Zeit erreichte der Bauer die
Kirche. Als er auf seinen Betstuhl zuging, merkte er, dass ihn alle Leute
mit scheuen Augen betrachteten. Die Geschichte vom Kaser-Mandl war wohl
schon ins Laufen gekommen! Und nach dem Hochamt, zuerst in der
Gemeindesitzung und dann im Wirtshaus fielen die Fragen über ihn her wie
die Bienen über den Weisel. Er ließ das halbe Essen stehen und rannte
fuchsteufelswild davon.
Gegen zwei Uhr nach Mittag erreichte er das
Rossmoos. Beim Zaun begegnete er dem Hüterbuben. Wie stehts denn mit der
Mali?, fragte er.
Jessas, jessas!, jammerte der Bub. Das Dirndl
liegt noch allweil und kann sich schier nit erholen vom Schrecken. Und
kein Wörtlein bringt man nit raus aus ihr, sagt die Zens! Und allweil
tuts heinen,
nix als heinen! Wirst sehen, Bauer, das Dirndl geht drauf!
Eine schallende Ohrfeige war der Dank für diese
freie Meinung. Mit brennrotem Gesicht schlich der Bub davon, und der Bauer
trat ins Haus. Da kam gerade die Zenz über die Treppe heruntergestolpert;
sie schien es gar eilig zu haben; als sie den Bauer in der Stube
verschwinden sah, rannte sie ihm kreischend nach: Da schau, Bauer, da
schau, was er ihr gschenkt hat!
Wer? Wem? Was?, knurrte der Rossmooser.
s Kaser-Mandl! Der Mali! Ein ganzes Sackl voll
Kronentaler hat er ihr gschenkt
fürs kranke Mutterl!, stotterte die
Dirne in fast atemloser Erregung und hielt dem Bauer auf der flachen Hand
ein rund strotzendes ledernes Beutelchen hin.
Der Rossmooser machte einen langen Hals und starrte
mit großen Augen das Säcklein an.
Grad jetzt hat die Mali das erste Wörtl geredt
davon, berichtete die Magd, und sie tät halt bitten lassen, wenn einer
nunter ging und tät das Geld ihrem Mutterl bringen! Was sagst, Bauer! So
was! So was kann auch noch passieren! Heutigen Tags!
Der Bauer schien auf die Worte der Dirne nicht zu
hören. Jetzt das ist aber gspassig!, murmelte er, griff zögernd nach dem
ledernen Beutel und betrachtete ihn kopfschüttelnd vona allen Seiten. Er
wog ihn mit der Hand und setzte ihn auf den Tisch; er nahm ihn wieder auf,
kratzte mit dem Fingernagel an dem Leder und roch daran; er öffnete den
Zug, stierte die blanken Silbermünzen an und nimmer, immer wieder
schüttelte er den Kopf. So was! So was! Jetzt das ist aber gspassig!
Plötzlich warf er den Beutel auf den Tisch und fuhr auf die Magd los, dass
sie erschrocken vor ihm zurückwich. Marsch, sag ich! Und hinauf zum
Dirndl! Und richt der Mali aus, sie soll aufstehn, sie soll runterkommen
auf der Stell. Der Bauer wills haben!
Wortlos schlich die Zenz der Tür zu; aber ihren
großen, kreisrunden Augen war wohl abzulesen, dass ihr Verständnis für die
Situation auf dem Gefrierpunkt angelangt war.
Als die Tür sich geschlossen hatte, stapfte der
Bauer zum Tisch, stemmte die Fäuste in die Hüften und blinzelte wieder den
ledernen Beutel an. Jetzt weiß ich nit, bin ich von allen der Dümmst,
oder bin ich der einzig Gescheite? Er stand mit gerunzelter Stirn;
schwere Gedanken schienen sich unter seinem borstigen Haarwald im Kreis zu
wälzen. Aber er mochte ihnen wohl nicht glauben, denn heftig schüttelte er
den Kopf, wie ein störriger Gaul, den das Kummet drückt. Naj, na, es ist
ja nit möglich! Es kann ja nit sein! Er ist ja doch in der Stadt drin und
Die Gedankenreihe des Rossmoosers riss jählings ab;
ein neuer Einfall war ihm dazwischengefahren. Als gält es, einen Dieb zu
fangen, so hastig eilte er in das anstoßende Zimmer es war die Stube
seines Buben riss an einem bunt bemalten Kasten beide Türen auf und
wühlte die hängenden Kleider auseinander. In einem Winkel dieses Kastens
pflegte sonst eine doppelläufige Büchse in heimlichem Verwahr zu stehen.
Jetzt war der Winkel leer.
Da hört sich aber doch alles auf!, stotterte der
Rossmooser in Zorn und Verblüffung. Im gleichen Augenblick hörte er einen
schlag am Fenster und das Klirren fallender Glasscherben. Er drehte sich
um und stand wie versteinert. Draußen vor dem Fenster sah er einen Kopf
mit tief in die Stirn gedrücktem Hut eine Hand griff durch die
zerschmetterte Scheibe herein, drehte den Reiber, stieß das Fenster auf
und in die Stube schwang sich ein junger, schlanker Bursch, angetan wie
ein Senn in Arbeitstracht.
Toni! Ja Bub, ja was ist denn?, stammelte der
Bauer und schlug die Hände über den Kopf zusammen.
Keuchend, atemlos, keines Wortes mächtig, stand der
Bursche vor seinem Vater. Bis an die Hüften war er mit Schnee behangen.
Das Gesicht brennend rot wie vom angestrengten Lauf; auf Stirn und Wangen
perlender Schweiß. Und seltsam an den Ohren, unter dem kecken
Schnurrbart und in den Augenwinkeln zeigten sich schwarze Rußflecke, als
wäre er mit dem Gesicht in einen Kohlenmeiler gefallen und hätte sich in
der Eile schlecht gewaschen. Aber in schmucker Sauberkeit, im reinlichsten
und reichsten Sonntagsstaat und in der heitersten Laune einer ruhigen
Stunde hätte der Bursche keinen wohlgefälligeren Anblick gewähren können
als gerade jetzt, in diesem verwitterten und verwüsteten Gewand, in dieser
stürmischen, atemlosen Erregung. Er sah sich an wie ein urwüchsiges Bild
von Gesundheit, Leben, Kraft und jenem jugendlichen Leichtsinn, der einen
blinden Sprung in die lockende Gefahr getan und jetzt das steigende Wasser
an den Lippen spürt.
Der Rossmooser freilich hatte in diesem Augenblick
gar wenig Sinn für das malerische Bild seines Buben. Kreuz Teufel noch
einmal!, schrie er ihn mit zornbebender Stimme an. Jetzt red, sag ich!
Toni drückte die Fäuste auf die nach Atem ringende
Brust und keuchte: Vater
der Jager
ist hinter mir!
Kalkweiß wurde der Rossmooser im Gesicht und
taumelte zurück, als hätte er einen Faustschlag vor die Stirn bekommen.
Der jähe Schreck schien ihm die Zunge und alle Glieder gelähmt zu haben.
Kaum aber hatte er einen scheuen Blick durch das Fenster hinausgeworfen,
da kam ihm das Leben wieder. Er stürzte auf Toni zu, packte ihn mit beiden
Händen an der Brust und ehe sichs der Bub versah, lag er schon im
Kasten zwischen den Kleidern. Der Bauer schlug die Türen zu, drehte den
Schlüssel um, zog ihn ab und stieß ihn in die Tasche.
Vater! Aber Vater! Ah, so was
das lass ich mir
nit gfallen!, klang Tonis halb erstickte Stimme aus dem Kasten.
Haltst dich still oder nit! Du Malifizbub, du
gottvergessener!, knirschte der Rossmooser. Steht ja der Jager schon
draußen!
Im Kasten wurde es mäuschenstill.
Der Bauer atmete tief und blies die Backen auf; dann
eilte er in die Stube, öffnete ein Fenster, legte sich breit in die
Brüstung und guckte hinaus in den sonnscheinigen Wintertag, so harmlos,
als wäre der Bestand des schönen Wetters seine einzige Sorge.
Über das Schneefeld kam der Jäger einher gerannt.
Vor dem Zaun des Rossmooserhofes blieb er unschlüssig stehen und spähte
nach allen Seiten. Jetzt sah er den Bauern im Fenster liegen.
He! Du!, rief er ihn an. Hast nit ein
vorbeilaufen sehen beim Hof?
Vorbeilaufen? Das Wort schien dem Rossmooser zu
gefallen. Was für einer solls denn gewesen sein?, rief er zurück.
Vielleicht einer im braunen Janker, im zwilchenen Pfaid
und mit Kniehösln?
Wohl wohl, es ist schon der Richtige!
Ja, du, so einer ist grad da drüben hinterm Stall
vorbei und nunter gegen s Dorfstraßl. Er muss schon im Wald sein! Da
darfst du dich aber tummeln, wann den noch einholen willst!
Der Rossmooser hatte noch nicht ausgesprochen, da
war der Jäger schon hinter dem Stall verschwunden. Lang streckte der Bauer
den Hals nach einer Weile sah er den Jäger hinter dem Gesindehaus wieder
zum Vorschein kommen, überstürzten Laufes dem ausgetretenen Schneepfad
folgen und im Wald verschwinden.
Schwer atmend richtete sich der Rossmooser auf und
schloss das Fenster. Wart, Büberl, wart!, murmelte er und ballte die
Fäuste. Jetzt wachsen wir zwei aneinander! Mit langen, schweren
Schritten stapfte er in die Kammer hinaus, sperrte den Kasten auf und
öffnete die Türen.
Mit aufgezogenen Beinen, die Arme um die Knie
geschlungen, hockte Toni zwischen den Kleidern und blickte mit halb
misstrauischen, halb lustigen Augen zum Vater auf.
Der Rossmooser streckte die Hände; er schien nicht
übel Luft zu haben, seinem Buben mit allen zehn Fingern ins krause Haar zu
fahren. Doch er besann sich und trat einen Schritt zurück. Als aber Toni
nicht die geringste Miene machte, sein Asyl zu verlassen, wurde der
Rossmooser krebsrot im Gesicht und schrie: Wirst bald schauen, dass du
raus kommst oder nit?
Pressierts denn?, meinte Toni. Das hätt halt der
Vater gleich sagen sollen! Er griff in die hängenden Kleider, zog sich in
die Höhe und stolperte aus dem Kasten.
So? So? Spötteln willst auch noch?, kreischte der
Bauer und machte eine höchst verdächtige Handbewegung. Als aber sein Blick
den blitzenden Augen des Burschen begegnete, wandte er sich zornig ab,
spuckte energisch in einen Winkel und ging in die Stube hinaus.
Toni blickte ihm lächelnd nach, strich die Hände
über das Haar und folgte dem Vater bis unter die Tür. Breitspurig blieb er
auf der Schwelle stehen und legte die Arme hinter den Rücken, um die böse
Suppe, die schon fertig gekocht am Feuer stand, geduldig über sich
ausgießen zu lassen.
Der Rossmooser trabte in der Stube auf und nieder
wie ein Löwe in seinem Käfig; dazu noch wie ein böhmischer, der zwei
Schweife hat; denn die beiden langen Flügel des Feiertagsrockes flatterten
und ringelten sich hinter dem Bauer her, als hätten sie Leben, als möchten
sie warnen vor dem Sturm, der dem Ausbruch nahe war.
Einmal blieb der Rossmooser vor seinem Buben stehen,
Toni duckte schon den Kopf, als sollte nun ein Platzregen von Scheltworten
über ihn ergehen, aber der Vater sah ihn nur mit zornig funkelnden Augen
an, kehrte ihm den Rücken und nahm seine Wanderung durch die Stube wieder
auf.
Dabei schien sich im Rossmooser eine unerwartete
Wandlung zu vollziehen; denn als er nach einer Weile wieder vor seinem
Buben stehen blieb, erschrak dieser und blickte mit beklommener Sorge in
das Gesicht des Vaters; dem Bauer zuckten die Lippen, seine dicken Backen
zitterten, und helle Zähren standen ihm in den Augen.
Aber Vater!, stotterte Toni.
Der Rossmooser holte tief Atem. Vater, ja, Vater!
Lügen muss er, der Vater! Lügen! Lügen muss er, damit nur der feine Herr
Sohn seine Streich recht unscheniert treiben kann! Ich, der Rossmooser,
ich muss lügen! Bei jedem Wort schlug der Bauer die Faust an die Brust.
Ich, der Rossmooser, von dems meiner Lebtag geheißen hat: Sein Wort ist
Stahl und Stein und klar wie Wasser! Ich, der Rossmooser, ich muss mit
Lügen den Jager vexieren, dass er nit reinkommt unter mein Dach und packt
den Hallodri, den er sucht, und führt ihn hin ans Gricht und verschandelt
mein ehrlichen Nam! Der Bauer brach die Stimme.
Aber
aber Vater
stammelte Toni.
Vater, ja, Vater! Der Rossmooser schluckte und
würgte an den aufsteigenden Tränen; um ihrer Herr zu werden, schüttelte er
die Arme und schrie: Du Malefizbub, du elendiger! Und wieder stampfte er
durch die Stube. Als er von der Tür zum Tisch zurückkam, versetzte er mit
beiden Fäusten der Eichenplatte einen krachenden Schlag. Ja sag mir nur,
wie bist denn du aufs Gamsjagern verfallen? Ich hab dich ja doch zum
Einkaufen in d Stadt nein gschickt?
Wohl wohl, aber ich bin nit gangen, lächelte Toni,
auf den der polternde Zorn des Vaters viel weniger zu wirken schien als
der stillere Vorwurf jener Zähren. Ins Ort bin ich nunter
und da ist
der Kaser-Sepp, mein Kamerad, statt meiner fort in d Stadt zum Einkaufen
und ich hab sein Gwandl anzogen, hab mirs Gsicht mit Ruß verstrichen,
dass mich keiner nit kennt, und bin über alle Berg aus.
Da hört sich aber doch alles auf!, platzte der
Bauer los in heller Wut. Und ich sitz daheim und denk mir, der Bub ist in
der Stadt
und denk mir, jetzt kann ich doch einmal ruhig schlafen über
ein Feiertag und brauch mich nit sorgen um mein rechtschaffenen Nam. Und
derweil wildert mir der Bub auf alle Berg umeinander, hußt
mir den Jager ins Haus, bringt Schand und Spott über mich! Ja Bub, ja hast
es denn ganz vergessen, was mir versprochen hast bei der letzten Gschicht,
wo nimmer viel gfehlt hat, dass man dich eingsperrt hätt? Dem Rossmooser
sein Buben! Hast mir nit in d Hand versprochen, dass du kein Stutzen
nimmer anrühren willst? Aber wart nur, wart! Wann dich s Vaterwort nit
bessern kann
drohend hob der Rossmooser die Fäuste und schrie, dass
alle Fensterschieben zitterten, nachher soll dich was anderes zügeln!
Heiraten musst mir! Heiraten! Red nit
da gibts keine Widerred! Heiraten
musst mir! Und über vier Wochen muss Hochzeit sein, dass ich endlich
einmal meine Ruh hab. Und wenn dir keine Braut nit weißt
meinetwegen
nimm dir die Mindest im Ort, meinetwegen lass dir eine ausbacken aus m
Schmalz
aber her muss eine! Und über vier Wochen muss gheirat sein
und
wann nachher drinhockst im Grillenhäusl, pass nur auf, nachher wird dir s
Wildern schon vergehn! Du Hallodri, du gottvergessener! Dem Rossmooser
ging der Atme aus; blasend und schnaufend, zitternd vor Wut, fiel er neben
dem Tisch auf die Holzbank nieder.
Mit langsamen Schritten kam Toni näher und sagte in
lächelnder Ruhe: Weswegen schreit denn der Vater so? Hab ich denn gsagt,
dass ich mich wehr gegen s Heiraten? Aber Gott bewahr! Ich heirat ja gern
wanns der Vater positivi haben will!
Der Rossmooser riss Mund und Augen auf. Ja weißt
dir denn eine?
Wohl wohl. Es zuckte um Tonis Lippen, als könnte
er ein helles Lachen nur mit Mühe unterdrücken.
Jetzt da schau her! Und der Rossmooser schlug die
Faust auf den Tisch. Ja wie lang hast es denn schon mit ihr, du
Duckmauser, du?
Noch gar nit lang. Und wenn ich das Dirndl krieg,
Vater
ich versprichs auf Ehr und Seligkeit
nachher gibts für mich im
Leben kein Gamsl mehr und kein Stutzen nimmer!
Und was wär denn das für eine?
Ich mein, der Vater müsst das Dirndl ja kennen
er
hat mirs ja selber gschickt.
Was?, rief der Rossmooser staunend.
Wohl wohl
heut in der Nacht
auf die Almhütten
nauf!
Da sprang der Bauer in die Höhe, als wäre Feuer auf
der Bank entstanden. Mit steifen Augen starrte er seinen Buben an, langsam
drehte er den Kopf, und als ihm der lederne Beutel, den er im eifer des
Gefechts völlig vergessen hatte, wieder in die Augen fiel, da schien ihm
in dieser dunklen Geschichte plötzlich ein Lichtlein aufzugehen, und er
stieß wars Überraschung, Zorn oder Freude? Einen lang gezogenen
kreischenden Laut aus, der mit dem Schlachtgeheul eines Indianers eine
nicht allzu entfernte Ähnlichkeit besaß. Er wollte auf seinen lachenden
Buben zustürzen; aber auf halbem Wege heilt er inne, denn er sah, dass die
Stubentür sich öffnete.
Mali trat ein; sie hielt die Augen gesenkt und ließ
das blasse Köpfchen hängen, als wärs eine geknickte Lilienblüte. Lautlos
drückte sie hinter sich die Tür zu, nestelte an der Schürze und sagte mit
leiser, zitternder Stimme: Der Bauer, hat die Zenz gesagt, tät mit mir
reden wollen?
Das war nun freilich richtig; aber dem Rossmooser
schien es die Rede verschlagen zu haben. Schweigend stand er, mit schief
gehaltenem Kopf, und musterte das Dirnlein mit wägendem Blick von den
Fußspitzen bis zum Scheitel; dabei wurde sein Gesicht immer freundlicher,
sein Mund immer breiter.
Toni lächelte. Mir scheint, das Dirndl gfallt dem
Vater?
Beim Klang dieser Stimme rann ein Zittern über Malis
Glieder. In Scheu und Bangen hob sie die Augen, und als sie an der Seite
des Rossmoosers den jungen Burschen gewahrte, stockte ihr der Herzschlag,
mit zuckenden Händen griff sie in die Luft, und ein erstickter Schrei
löste sich von ihren bleichen Lippen.
Sie wankte, sie drohte umzusinken, aber Toni war
schon auf sie zugesprungen, und fing sie auf in seinen Armen. Er führte
sie unter zärtlichem Stammeln zur Ofenbank, setzte sich an ihre Seite, zog
die halb Ohnmächtige an seine Brust und küsste ihr die Stirn, die Augen,
die Wangen und den Mund.
Mit gespreizten Beinen, die Fäuste in die Hüften
gestemmt, stand der Rossmooser inmitten der Stube und guckte mit runden
Augen das Pärchen an. Durch seinen Kopf ging es wie ein Wirbel, aus dem
sich nur langsam die klaren Gedanken lösen wollten. Nun wusste er, welche
Bewandtnis es mit dem Kaser-Mandl hatte, dem er in der Weihnacht mit
seiner übermütigen Red das Mädel in die Arme geschickt hatte. Eine
schöne Bescherung das! Ein Blutarmes Dirndl als Schwiegertochter im
Rossmooserhof! Arm? Freilich. Aber der Geldsack des Rossmoosers war ja
groß genug der brauchte sich keinen Buckel mehr aufzuschnallen. Ein
armes Dirndl! Aber kreuzbrav und bildsauber dazu! Und an der richtigen
Schneid fehlte es auch nicht, das hatte die Mali in der vergangenen
Nacht bewiesen. Und eine, die den Teufel nicht fürchtet, die wird wohl
auch mit einem Mannsbild fertig werden, dem wie der Rossmooser meinte
mehr dumme Streich im Kopf stecken als gescheite Gedanken. Und blieb die
Mali im Hof, so brauchte die braune Liesl den Stall des Rossmoosers nicht
zu verlassen. Und
der Millirahmstrudl mit Zibeben!
der gab den
Ausschlag.
Schmunzelnd ging der Bauer auf das Pärchen zu und
stieß dem Buben, der mit Küssen kein Ende finden wollte, die Faust hinters
Ohr. Hörst nit auf? Oder schenierst dich denn gar nit vor deinem Vater?
Schenieren soll ich mich auch noch?, lachte Toni.
Oder ist mir der Vater vielleicht neidisch drum? Er wollte seine
angenehme Beschäftigung mit Eifer wieder aufnehmen.
Aber Mali wand sich aus seinen Armen. Sie schien
noch immer nicht zu fassen, was mit ihr vorging. Ihre Lippen zuckten,
Tränen hingen an ihren Wimpern, Röte und Blässe wechselten auf ihren Zügen
und mit traumverlorenen Augen starrte sie bald den Bauer an, blad wieder
den Unheimlichen an ihrer Seite. Und da sie aus dem Wirrsal ihrer
dämmernden Gedanken keinen besseren Ausweg fand, schlug sie die Hände vor
das Gesicht und brach in krampfhaftes Schluchzen aus.
Jesus Maria!, stotterte der Rossmooser
erschrocken.
Aber Toni schob den Vater zurück, zog die Weinende
an seine Brust und sagte: Schau, Vater, sei doch gescheit, lass mich ein
bissl allein mit dem Dirndl, lass mich reden mit ihm!
Meinetwegen, so red halt!, sagte der Bauer, stieß
die Hände in die Hosentaschen und stapfte der Tür zu. Bevor er die Stube
verließ, blickte er mit blinzelnden Augen noch einmal zurück. Ein schönes
Reden, das!, meinte er, als er merkte, dass die Zwiesprach seines Buben
in nichts anderem bestand als in ungezählten Küssen.
Draußen, unter der offenen Haustür, blieb der Bauer
stehen. Behaglich und zufrieden, als hätte er nicht nur ein gutes, sondern
auch ein kluges Werk gestiftet, wiegte er sich in den Knien, schnalzte mit
den Lippen und ließ sich dabei die laue Wintersonne auf das Bäuchlein
scheinen.
Da sah er den Altsenn aus der Stalltür kommen. He,
du!, rief er ihm zu. Du weiß kopfeter, du! Da komm her ein bissl!
Mit bedächtigen Schritten kam der Alte durch den
Schnee einher gewatet.
Was meinst?, fragte der Bauer mit vergnügtem
Kichern. Was meinst, wer drin ist in der Stub?
Wer soll denn drin sein?
S Kaser-Mandl
mit seiner Saligen!
Der Altsenn runzelte die Stirn. Geh, Bauer, das
weißt doch, dass ich kein Spaß nit vertrag über solchene Sachen. Der
Bauer schmunzelte. Wenn dus nit glaubst, so schau halt durchs Fenster
nein!
Der Alte blinzelte den Rossmooser von der Seite an
und schüttelte den Kopf; aber seine Neugier war doch größer als sein
Misstrauen; zögernd näherte er sich dem Fenster und guckte durch die
Scheibe. Betroffen fuhr er zurück; aber gleich wieder drückte er die Nase
an das Glas und dann brach er in helles, lustiges Gelächter aus. Er
schien den Zusammenhang des Bildes, das er in der Stube gewahrte, mit dem
Abenteuer der vergangenen Nacht zu ahnen. Der Toni? Der Toni wars?
Ja, was sagst! Gamsjagern ist er gwesen, der
Hallodri!
Und hat ein Täuberl gfangt! Aber ein liebs, das
muss ich sagen!
Meinst nit auch: Aus der Mali wird eine richtige
Bäuerin?
Wohl wohl! Die lauft ja um eine Kuh dem Teufel in
Rachen!
Nun lachten sie alle beide.
Drin in der Stube saß Mali wortlos an der Seite des
Burschen, der sich doch endlich Zeit zum Reden genommen hatte. Ihre Wangen
glühten und ihre Augen leuchteten vom Glanz des Glückes, das in ihrem
jungen Herzen aufgegangen war.
Also magst mich oder nit? Mit dieser Frage schloss
der Bursche sein sprudelndes Bekenntnis. Aber haben musst mich, wie ich
halt bin, mit Haut und Haar, gut und schlecht. Bist einverstanden?
Mit schüchternem Lächeln blickte ihm Mali in die
Augen. Einverstanden?, lispelte sie. Ich glaub, ich hätt sterben müssen
an der heutigen Nacht, wenns nit so kommen wär.
Sie wollte noch weiter sprechen; aber Toni umschlang
sie mit glückseligem Jauchzen und schob ihren Lippen einen dauerhaften
Riegel vor.
Endlich löste sie sich aus seinen Armen und erhob
sich. So viel Glück! So viel!
Aber schau, Toni, jetzt hätt ich halt
eine Bitt.
Was denn, Schatzl? Red doch!
Schau, ich trau mich nit freuen von Herzen, solang
ich denken muss, dass meine Mutter eine Nacht in Sorg verschlaft. Tu mir
den Gfallen, Toni, geh mit mir nunter zu meinem Mutterl! Magst?
Ja, Schatzl, aber ja! Auf der Stell!
Ein letzter Kuss, dann gingen sie Hand in Hand zur
Tür.
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