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Der Föhn brauste über die Schornsteine von Berchtesgaden und verbündete
sich mit der steigenden Sonne. Von allen Kanten der Hausdächer fielen Tropfen,
die wie Goldkörner funkelten. In der Gasse war kein allzu emsiges Leben.
Die Frauen, die aus den Kaufläden kamen, huschten flink an den Häusern
hin, und Mannsleute waren nicht viele zu sehen. Oft lenkte einer plötzlich
schräg über die Gasse hinüber. Immer war's wie der Wunsch, einem
andern nicht Gesicht in Gesicht zu begegnen. Und grüßte der andere
spöttisch: "Gelobt sei Jesus Christus und die heilige Mutter Marie!"
- dann guckte der Ausweichende über die Schulter und antwortete noch viel
lauter: "Von nun an bis in Ewigkeit Amen!" Man konnte, bevor man in
der Marktgasse vom Pflegeramt bis zum Brunnen kam, ein paar Jährchen Fegfeuer
von seiner Seele ablösen.
Meister Niklaus, in der Erregung, die ihn durchwühlte, vergaß ein
paar Mal des vorgeschriebenen Grußes. Er wollte schon in das Gässelchen
hinter der Stiftsmauer einbiegen. Da kam aus dem Stiftstor eine heiter schwatzende
Gesellschaft. Vier von den jungen, adeligen Domizellaren, in weltlicher Tracht,
umflattert von dem pelzverbrämten Seidenmänteln, mit dreispitzigen
Hütchen über den gepuderten Frisuren, begleiteten unter französischem
Scherzgeplänkel eine junge Dame, die zwischen den behandschuhten Händen
ein winziges Gebetbuch hielt. Auf hoch gestöckelten Schuhen trippelte sie
zierlich durch den Schnee. Der Föhnwind blähte den himmelblauen Samtmantel
auseinander und bewegte den reich gebänderten Steifrock wie eine Glocke.
Mit einem Busch aus Reiherfedern saß ein Pelzkäppl schief über
dem großen Lockenbau, von dem der Puder davonstäubte. Das reizvolle
Grübchengesicht hatte ein rosiges Kreuzermäulchen, hatte schwarz gezeichnete
Brauenbogen über den Veilchenaugen und trug zwei neckisch angebrachte Schönheitspflästerchen,
das eine neben dem linken Mundwinkel, das andere hoch auf der rechten Wange.
Vor dieser Dame salutierten die Musketiere mit den langen Feuersteinflinten.
Das fröhliche Fräulein, dem sie diese fürstliche Ehre erwiesen,
war die Nichte des Berchtesgadnischen Pflegers und Kanzlers v. Grusdorf, war
Aurore de Neuenstein, die "Allergnädigste", des Fürstpropstes
standesgemäße Freundin en titre.
Neben der französisch aufgeputzten Gesellschaft erschienen die Bürgersleute
in ihrer veralteten Tracht wie das Volk einer Zeit, die sich verspätet
hat um ein halbes Jahrhundert. Die Allergnädigste achtete bei ihrem heiteren
Gezwitscher aufmerksam darauf, ob auch jeder Vorübergehende mit genügender
Ehrerbietung grüßte und jede Bürgersfrau und jedes Mädchen
bis zu pflichtschuldiger Tiefe hinunterknickste. Meister Niklaus weckte bei
der jungen Dame ein munteres Verwundern. Hinter ihm herdeutend, zirpte sie mit
ihrem Kinderstimmchen in französischer Sprache: "Schon wieder von
den Rebellen einer, die ohne Ehrfurcht sind vor Gott und Obrigkeit!"
Der Meister strebte flink in die enge Gasse hinein. Als er atemlos in die weiße
Stube des Pfarrers trat, saß der Hochwürdige beim Frühstück
und tunkte die gerösteten Weißbrotschnitten in die Milch. "Herzbruder?
Sturm unter dem Haardach?"
Niklaus sah die Türen an. "Hört uns niemand?"
"Bei mir kannst Du schreien wie ein Jochgeier. Jeder Backofen ist feinhöriger
als meine Schwester."
"Weißt Du, wer uns den Muckenfüßl ins Haus geladen hat?"
"Das merkst Du erst heut?" Der Pfarrer lachte. "Die übermäßig
Frommen sind im Leben wie ein Pulverfäßl. Nie weiß man, wann
die Bescherung in die Luft geht."
Kummervoll nickte der Meister. "Mein töriges Mädel hat heut
den Namen des Leupolt ausgeschwatzt."
Der Pfarrer fuhr vom Sessel auf. "Das ist hart." Dann fragte er,
als wäre das eine Hoffnung. "Meinst du, sie war im Beichtstuhl?"
"Das weiß ich nit."
Pfarrer Ludwig riss eine Tür au fund brüllte: "Franziskaaa!"
Er kam zurück. "Meine Schwester wird's wissen. Jeden Morgen geht sie
beichten. Um mich unverdächtiger vor Gott und den Chorkaplänen zu
machen. Bei Gott gelingt es ihr, bei den Kaplänen nit."
Eine sechzigjährige Frau, halb Bäuerin, halb bürgerlich, kam
in die Stube. Ein bisschen misstrauisch grüßte sie den Meister und
sah erwartungsvoll ihren hochwürdigen Bruder an. Durch die Muschel der
Hände fragte der Pfarrer, ob das Luisischen heut wieder gebeichtet hätte?
Franziska schüttelte den Kopf. "Heut nit. Heut nach der Frühmess
ist sie zum Chorkaplan Jesunder in die Wohnung gegangen. Des Jesudners alte
Mutter hat am Fenster genäht. Gählings ist sie vom Fenster weg. Und
wie das Kind aus dem Haus war, hat des Jesunders Mutter flinke einen Weg gemacht.
Zum Pfleger." Eine tiefe Glocke schallte durch das Haus, so laut, dass
es auch die Schwester Franziska hörte. Erst guckte sie flink in der Stube
herum, ob da nicht irgend was Verdächtiges läge, dann ging sie, um
die Flurtür zu öffnen.
"Wenn's beim lieben Herrgott einmal auslasst mit der Allwissenheit,"
sagte der Pfarrer, "da braucht er nur meine Schwester fragen."
In Unruh stammelte der Meister: "Man muss dem Buben ein Wörtl schicken,
dass er sich fürsieht."
"Das wird nit helfen. Der Leupolt ist von den Graden einer, die vor Wasser
und Feuer nit ausweichen. Sonst könnt man ihm beibringen: Er soll sich
ausreden auf sein Wohlgefallen an Deinem Mädel, soll sagen, er hätt
die Warnung ausgesonnen, um einen Weg zum Luisischen zu finden. Aber der Bub
wird das Eisenköpfel schütteln und die Wahrheit sagen. Verschweigt
er was, so tut er es nur, um Dich nit auch noch einzutunken. So oder so, man
muss versuchen, ihm beizuspringen."
Da kam Franziska. "Der Höchwürdige soll zum Fürsten hinüber,
gleich!"
Der Pfarrer tat einen leisen Pfiff. "Herzbruder, die Kanon ist geladen."
Während er den Mantel nahm, schwatzte er lustig, um den Schreck der Schwester
zu beruhigen. Draußen auf der Stiege zischelte er: "Spring hinüber
zum Mälzmeisterhaus! Red mit des Leupolts Mutter!"
"Das ist doch eine gut Katholische?"
"Eben drum! Weil sie eine gute ist, drum hat sie das Herz auf dem rechten
Fleck. Aller Zwist im Glauben kommt von den Halben und Falschen her. Ob Heid
oder Jud, ob römisch oder evangelisch, was einer ganz und redlich ist,
das macht in ihm den Menschen besser und aufrechter. Dem braven, gottesfrommen
Weibl kannst Du Dich anvertrauen ohne Scheu. Dann such mich wieder auf!"
Der Pfarrer umfasste mit festem Druck die Hand des Freundes. "Mensch bleiben!
Und denk an den Amsterdamer Singvogel! Man ist nit schuldig seiner selbst, nur
schuldig seines falschen Wegs. Lass uns den rechten suchen!"
Mit hämmernden Herzen sprang der Meister hinter den Häusern in das
Staudenwerk der Berglehne. Hier konnte er gedeckt zum Garten des Mälzmeisterhauses
kommen, das an der Salzburger Straße lag. Die Hintertür stand offen,
und als der Meister in die Küche trat, fand er die kleine, rundliche Frau
Agnes beim Backofen beschäftigt. "Gelobt sei Jesus Christus und die
heilige Mutter Marie!"
"In Ewigkeit Amen!", antwortete die Mälzmeisterin, ohne sich
umzugucken. Auf flacher Holzschaufel zog sie ein großes Zopfgebäck
aus dem Backofen, bestrich es mit Eierklar, ließ es wieder in der duftenden
Backhöhle verschwinden und schob das kupferne, von Blankheit spiegelnde
Türchen zu. Auch alles andere Metall and en Wänden funkelte. Dieser
Küche entsprach die Hausfrau in dem reinlichen Braungewand und der blauen
Glockenschürze. Aus dem weißen Häubchen lugte das freundliche
Frauengesicht heraus wie ein heiteres Nonnenantlitz. Trotz der fünfzig
Jahre sah man in den zwei blonden Haarsicheln, die sich unter dem Häubchen
hervor schwangen, noch keinen grauen Faden. Ihre Augen waren ganz die Augen
des Sohnes, nur sanfter. "Soooo!", sagte sie und wandte sich. "Ooh,
der Meister Niklaus!" Ein leises Lächeln. "Durchs Hintertürl?"
"Deine muntere Stimm hören, tut wohl. Und da muss ich Dir als unguten
Danke ein Sorg bringen."
Ganz ruhig blieb sie. "Kram nur aus! Mit den Krabbelkäfern, die man
Sorgen heißt, bin ich noch allweil fertig geworden."
"Ist einer von Deinen Mannsleuten daheim?"
"Keiner. Der meinige mit den zwei Jungbuben ist im Bräuhaus, und
der Leupi ist am Königssee, in Barthelmä."
Niklaus atmete auf. Das gab Sicherheit für einen Tag. Solang die Sonne
schien, war der See nicht befahrbar, erst in der Nacht, wenn der Frost das Eis
wieder härtete. "Gott sei Dank!" Er zog die Gartentüre zu,
schloss auch die Tür zum Flur und wollte den Riegel vorschieben.
"Das nit!", wehrte Mutter Agnes. "Die Magd ist in der Tenn beim
Bohnenklauben. Gute Ohren hat sie freilich. Müssen wir halt ein bissl Lärm
machen." Im Glutloch des Backofens entzündete sie ein Reisigbündel,
legte die aufknisternde Flamme auf den offenen Herd und schichtete Latschenäste
drüber. Nun krachte das züngelnde Feuer, als würde in der Küche
der Mutter Agnes ein Musektenscharmützel ausgefochten. "Da ist ein
Bänkl. Tu Dich hersetzen! Und red!"
Mit den Lippen an ihrem Ohr, erzählte er, was Leupolt getan. "Mein
verstörtes Mädel ist beim Jesunder gewesen und hat's ausgeredet in
ihrer frommen Angst. Des Jesunders Mutter ist zum Pfleger gelaufen, den Pfarrer
hat man zum Fürsten geholt, und jetzt brennt in mir die Sorg um Deinen
guten Buben."
Mutter Agnes schwieg. Trotz aller Seelenstärke, die sie aus ihrem vertrauensvollen,
vom Zeithader unberührten Glauben schöpfte, war ein Erblassen über
ihr Gesicht geronnen. Vom Feuer angeflackert, saß sie auf dem Bänkl,
die verklammerten Hände im Schoß. Ihr Blick hing an den sternschönen
Lichtfunken, die jagend hinauffuhren in den großen Rauchtrichter des Schornsteins.
Wie dieser glühende Funkenzug, so flog ein Gebet ihres Herzens hinauf zu
dem Hilfreichen, an den sie glaubte. Sie wusste: Das Ausschwatzen eines Amtsbefehls
in Glaubenssachen wurde so streng gebüßt wie versuchter Landsverrat.
Den Kopf beugend, presste sie die Hände an ihre Schläfen. "Wir
armen Weibsleut! Wo wir hinfallen, ist allweil steiniger Boden. Wird eine nit
gesegnet, so verschrumpflte sie freudlos am Lebensbaum. Ist man Mutter, so bröckelt
man sein Leben in die Kindersupp."
Niklaus legte den Arm um ihre Schultern. "Weißt Du einen Rat?"
Sie trocknete mit den Handballen die Augen. "In der Nacht geht ein Bierschlitten
über den See. Da können wir dem Buben einen Zettel schicken. Den will
ich hineinbacken in einen süßen Krapfen, mit einem Kränzl aus
Zwibeben drauf. Da merkt der Leupi: Es ist eine Botschaft drin. Nur dass er
weiß, was ihm zusteht. Helfen kann bloß der Einzige, der wissen
muss, dass es der Bub nit schlecht gemeint hat. Dass er's tun hat müssen,
begreif ich."
"Weißt Du, warum?"
"Ich müsst keine Mutter sein, wenn ich's nit lang schon gemerkt hätt.
Aber ich sorg, es ist eine Mauer zwischen den beiden." Mutter Agnes hob
die flehenden Augen. "Sag mir's!"
"Was, Mutter?"
"Ist mein Bub -" Ihre Stimme brach. "Ist der Leupi schon ganz
da drüben?" Sie wollte sagen: "Auf der falschen Seit!" Weil
sie fürchtete, dass es den Meister kränken könnte, sagte sie:
"Wo die anderen sind, diem an nit sieht." Er schwieg. Da griff sie
nach seiner Rechten, fühlte unter dem Handschuh das Holz und erschrak,
als hätte sie etwas Glühendes berührt. "Sag mir's! Es soll
verschlossen bleiben in mir."
"Mit Sicherheit weiß ich es nit. Und wenn ich es wüsst, ich
dürft es nit sagen."
Aus ihren Augen fielen zwei Tränen, die im Rotschein des Feuers wie rinnendes
Blut erschienen. "Der Bub ist aufgewachsen zwischen meinen Händen.
Sein erstes Betsprüchl hat er mir nachgeredet mit seiner Kinderstimm. Ist
fromm und gläubig gewesen sein ganzes Leben lang. Ist ein redlicher Bub
geblieben. Und ist doch ein anderer worden, ich weiß nit, wie, und ich
weiß nit, wann! Wie kann das kommen über einen Menschen?"
"Wie dort die Funken fliegen auf Deinem Herd. Im Schornstein droben verlöschen
sie. In eines Menschen Herz ist Boden, wo sie weiter brennen. Das geht am leichtesten
in einer Menschenseel, die kein Unrecht sehen kann oder Unrecht leiden muss."
Er hob seine hölzerne Hand vor die Augen der Mälzmeisterin hin.
"Das hat nit der getan, der die Händ erschaffen hat."
"Ist Dir alles recht, was sie tun und predigen?"
"Es gibt auch Schuster, die schlechte Sohlen machen. Deswegen hab ich
noch nie den richtigen Weg verloren."
"Die den besseren suchen? Verwirfst Du die?"
Sie sah ihn mit großen Augen an. "Soll ich mein Kind verwerfen?
Ich? Die Mutter? Allweil sinn ich drüber und versteh's nit. Wie ich bin,
so muss ich bleiben. Von meinem Buben weiß ich, er ist ein guter Mensch.
Das bleibt er auch auf dem anderen Weg. Und die ihm als Brüder und Schwestern
gelten, können nit schlecht sein. Sonst tät's mein Bub nit halten
mit ihnen."
Der Meister nahm ihre Hand. "Täten alle denken wie Du, so wär
nit Streit und Hader um jeden Gottesweg. Wir zwei, Mutter, helfen zusammen,
gelt? Hast Du eine Bleifeder? So schreib ich den Zettel, der weil Du den Teig
für den Krapfen rührst."
"Wahr ist's: Helfen ist besser als reden." Frau Agnes sprang zur
Flurtür und verschwand. Gleich war sie wieder da, mit Blatt und Bleifeder.
"Kannst Du denn schreiben mit Deiner Linken?"
"Muss einer, so lernt er's."
Sie rückte einen kleinen Tisch vor den Meister hin, und während er
die steifen Buchstaben zu kritzeln begann, rührte Frau Agnes in einer hölzernen
Schüssel den Teig. Plötzlich stammelte sie erschrocken: "Ach,
Du barmherziger -" Sie riss das kupferne Türchen des Backofens auf
und zog den vergessenen Zopf heraus. Der roch sehr übel und war so schwarz
wie Kohle. Kummervoll sagte sie: "Der erste, der mir verbronnen ist!"
Frau Agnes lächelte ein bisschen. "Bin ich jetzt eine schlechte Hausfrau?
Jede Nachbarin tät's glauben." Si schob das verdorbene Gebäck
ins Herdfeuer, in dem es zu rauchen und zu glühen begann. "Man darf
die Leut nit einschätzen nach den Zöpfen, die sie verbrennen lassen."
Wie das gute Holz verwandelte sich auch das verdorbene Backwerk in fliegende
Feuerfunken. "So geht's mit einem Backofen! Und jedes Menschenkind hat
drei: Einen im Blut, einen in der Seel und einen im Hirnkästl. Ach, der
leibe Herrgott! Auf wie viel verbronnene Zöpf muss er herunterschauen!
Und nie noch hat er die Geduld verloren. Bloß auf der Welt verliert man
sie allweil, und am ungeduldigsten sind die Bäcken, die das Brot versalzen
und die meisten Wecken verrußen lassen!" Sie setzte sich auf die
Bank, nahm die hölzerne Teigschüssel zwischen die Knie und begann
mit beiden Händen hurtig zu rühren.
Meister Niklaus grübelte, um des Pfarrers Ausrede in Worte zu bringen,
die nichts verrieten und für den Leupolt doch verständlich waren.
Während er kritzelte, musste er immer an den Hochwürdigen denken.
Der hatte wohl jetzt im Fürstenzimmer des Stiftes eine gefährliche
Viertelstunde zu übertauchen? Was Meister Niklaus da vermutete, war ein
Irrtum. Und ein Irrtum war es auch, wenn Mutter Agnes ihren Buben in der düsteren
Jägerstube sitzen sah, bedrückt von Gewissenspein und Sorge. -
Leupolt war um diese Stunde von Sonne umglänzt, von blendendem Weiß
umfunkelt. Und Ruhe war in seinem braunen Gesicht, in seinen stahlblauen Augen.
Er stand auf dem Beinschlitten, hinter einem großen Sack, in dem er gedörrte
Rüben für das hungernde Hochwild zu dem Ufer bringen musste, das der
Fischmeisterei von Bartholomä gegenüber lag. Da hinüber war's
nur ein kurzer Weg, und dennoch musste Leupolt einen langen machen, um den durch
das Eis gerissenen Frageln auszuweichen, aus denen das geschwellte Seewasser
mit Gesprudel heraus quoll. Alle Kraft des Jägers gehörte dazu, um
gegen den Föhnsturm aufzukommen. Jetzt mit einer flinken Wendung ans Land,
den Sack auf die Schulter und über die weiße Böschung hinauf.
Von zahlreichen Hochwildfährten war der Schnee zertreten zu einem brösligen
Wirrwarr. Gleißende Lichter und blaue Schatten. Das beschneite Gezweig
der buchen war wie ein wundervolles Silbergespinst, das der Goldschmied Gott
verziert hatte mit Millionen farbig blitzender Edelsteine. Auf vierzig Schritte
standen im weißen Wald schon die Muttertiere mit ihren Kälbern und
warteten. Ein paar geringe Hirsche bei ihnen, und schlanke, feinbewegliche Jüngferchen.
Von den Gutgeweihten, die Leupolt zählen musste, war noch keiner zu sehen.
Scheu waren auch sie nicht. Die Not des Winters zähmt die Wildesten, aber
weil sie die Starken waren, konnten sie geduldig sein und der Schwäche
den Vortritt lassen.
In flinker Arbeit schleppte Leupold die Heubündel aus der Scheune, füllte
die Raufen und schüttete das Kernfutter in die langen Tröge. Dann
schlüpfte er am Ufer unter den kleinen verschneiten Hegerschirm, der einen
doppelten Ausguck hatte. Die eine Lucke guckte nach Bartholomä und zeigte
ein von Sonne umflimmertes Bildchen. Die kleine Kirche, halb weiß und
halb im Blauschatten; daneben der altersgraue Jägerkobel, ein Balkenhaus,
das unten Schiffhütte war und im Oberstock die Stuben der Jäger und
Fischer enthielt. Dahinter das lang gestreckte Jagdschlösschen der Stiftsherren,
umgeben von den Silbergestalten der verschneiten Bäume, als Hintergrund
die Kletterwände des Wazmann mit dem blauen Himmelsdach. Die andere Luke
des Hegerschirmes war gegen die Wildraufen gerichtet. Hier blieb's noch eine
Weile still. Wo die Sonne glänzte, blitzten viele von den farbig funkelnden
Edelsteinen durch die Luft herunter und versanken im Schnee. Nun sicherte langsam
ein Muttertier mit dem Kalb heran. Dann erschien ein Spießerchen im spanischen
Tritt und blieb noch eine Weile mutlos. Zwei Jungfern kamen herbeigetrippelt,
und als diese ersten mit den Äsern in die Futtertröge fuhren, galoppierte
das Kahlwild mit Geprassel von allen Seiten gegen die Raufen hin. Lächelnd
sah Leupolt diesem grau durcheinander drängenden Gewimmel zu und konnte
beim Schauen seine Gedanken wandern lassen. Sie gingen auch heute den gleichen
Weg, wie seit der Schneezeit an jedem Wintermorgen. 'Der Kirchgang ist lang
vorbei. Jetzt muss sie schon wieder daheim sein.' Er hat sie noch nie im Haus
und bei der Arbeit gesehen; und hätte sich das gerne ausgedacht. Doch immer
sieht er sie mit dem Federhütl und in dem dunkelgrünen Mantel, aus
dem die Rosenkranzperlen hervorgucken. Ihre Augen sind gesenkt. Leupolt sieht
in dem feinen Gesichtl nur den roten Mund, das zarte Näschen, die weißen
Lider und die Sicheln der Wimpern. Und wenn sie die Augen hebt, so sieht er
den Zorn in ihnen funkeln, die Verdammung des Unsichtbaren. Wie wunderlich das
ist: So oft er sie in Wirklichkeit so gesehen hat, war's immer ein Schmerz für
ihn, eine quälende Hoffnungslosigkeit. Und hier, im weißen Wald,
bei diesem stillen Träumen wird alles für ihn zu einem frohen und
zärtlichen Glück.
'Ob sie nit spüren muss, wie oft ich denk an sie? Bei Tag und Nacht!'
Mit dürstender Sehnsucht ist die Frage in seinem Herzen: 'Denkt sie wohl
auch an mich?' Ob sie nicht betet für ihn? Für seine Seele, die sie
für eine verlorene hält? Gibt es Frömmigkeit, die nicht barmherzig
wäre? Frömmigkeit, die nicht beten müsste für jeden, den
sie für einen Irrenden hält? Und wenn sie hinauf ruft zu einem ihrer
vielen Heiligen? Flüstert sie da nicht manchmal ein leises "Bitt für
ihn?" Wie eine Süßigkeit klingt es in seinem Ohr, in seiner
Seele:" Bitt für ihn - bitt für ihn -" Dabei sieht er sie
in der kalten Kirche Knien, ein bisschen frierend, mit dem braunen Hütl
über dem schönen Haar, in dem dunkelgrünen Mantel, aus dem die
Fingerspitzen der gefalteten Hände hervorlugen.
Tausend Gedanken denkt die Menschenseele in jeder Stunde. Einer ist halbe Wahrheit.
Die anderen sind Irrtum.
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