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Nach allem Seelensturm des verflossenen Morgens lag die Sonnenstille des Mittags
über dem leeren Haus des Meisters. Die heimgekehrten Schwalben umflogen den
First, bauten an ihren Nestern oder saßen rastend auf den geschnitzten Holzzierraten
des Giebels.
Die Elfuhrglocke hatte schon geläutet, als Meister Niklaus herüberkam
vom Leuthaus. Die Sus, mit dem großen leer gewordenen Korb über den
Zöpfen, betrachtete immer wieder in Sorge den wortlos vor sich hinbrütenden
Mann an ihrer Seite. Von der Freude, mit der er die Hände seines verständig
gewordenen Kindes geküsst hatte, war nichts mehr na ihm zu merken. Auf
den Erlösungsjubel, den ihm das offene Bekenntnis seines Glaubens in die
Seele gegossen, war ein drückender Stein gefallen. Seiner Einzeichnung
in die Exulantenliste hatte man kein Hindernis bereitet, hatte auch der Sus
keine Schwierigkeiten gemacht, als sie ruhig und entschlossen ihre paar Buchstäbchen
dicht unter den Namen des Meisters kritzelte. Wegen seines Kindes erklärte
die Kommission: Die Jungfer Zechmeister wäre als notorische Katholikin
in zureichenden Jahren, um selbst über ihr Schicksal entscheiden zu können.
Des weiteren müsse der Meister bedenken, dass man einen so geschickten
und notablen Künster nicht über die Landesgrenze zeihen lassen könne,
auf die Gefahr hin, dass er die berchtesgadnische Holzschneidekunst im Ausland
verbreite, zur Schädigung der Heimat und zum Nutzen der Augsburgischen,
der Nürnberger oder gar der preußischen industria. Die Entscheidung
der Kommission hatte einige Ähnlichkeit mit dem vom Grafen Saur über
den Mälzmeister gefällten Urteil: "Glaub er, was er wolle, und
brau er uns auch fürderhin eine so bekömmliche Biersorte wie bisher."
Wenn der Meister sein illustres Kunstvermögen der Heimat treu erhalte,
wolle man ihm in Glaubenssachen keine fühlbaren Diffizilitäten bereiten;
wäre aber sein Entschluss zur Exulation ein unabänderlicher, so könne
sein Auszug nur erfolgen unter zureichender Kautionsstellung für allen
Schadenersatz und nach Ablegung eines heiligen, von zwei Bürgern unterstützten
Eides: Dass er im Ausland für alle Lebenszeit auf jede Betätigung
seiner Kunst verzichte. "Ihr Herren, das heißt mein Leben erwürgen!"
Ein Achselzucken war die Antwort.
Vor seiner Haustür bleib Meister Niklaus in der Sonne stehen, beugte den
Kopf und bedeckte die Augen mit der linken Hand. Die Sus wurde bleich bis in
die Mundwinkel. Aber sie hatte doch die Kraft, um ruhig zu sagen: "Ich
mein', der Meister sollt sich zu seiner schönen Arbeit stellen. Da ist
ihm noch allweil jedes harte Ding ein trägliches worden. Ich schaff derweil,
dass der Meister nit warten muss auf die Mahlzeit."
Er nickte. "Ja, gute Sus! Vergiss auch nit, dass der Hochwürdige
und seine Schwester zum Essen kommen. Da ist noch Zeit, dass ich reden kann
mit dem Kind. Wir müssen's nehmen, wie es ist. Heut haben wir so viel an
Seelennot und Elend umlaufen sehen, dass wir nit klagen dürfen, wenn uns
ein schmerzhaftes Steinl hineingedruckt wird in den eigenen Leib." Er öffnete
die Tür seiner Werkstätte. "Kind?" In dem großen Raum
blieb es still. Der Meister rief in den Flur hinaus: "Das Kind muss droben
in seinem Stübl sein. Gelt, sag ihr, sie soll zu mir herunterkommen, gleich!"
Draußen huschte die Sus über die Stiege hinauf. Der Meister vertauschte
den Gassenrock mit dem leichten Arbeitskittel und band das lederne Schurzfell
um. Eine Weile stand er unbeweglich und betrachtete sein fast vollendetes Werk:
die 'heilige Menschheit'. Schon dieses stille, halb zufriedene, halb misstrauisch
forschende Sinnen schien ihm die drückende Seelenlast des Augenblicks zu
erleichtern. Er hörte nicht, dass droben die Sus ein paar Mal den Namen
seiner Tochter schrie. Aufatmend griff er nach dem schweren eisernen Schlägel
und wollte unter den vielen Meißeln das Hohleisen aussuchen, das er brauchte,
um eine Gewandfalte zu vertiefen. Da sah er das umgeworfene Spinnrad und ging,
um es aufzuheben. Von der weißen Spinnbank leuchtete ihm die rote Schrift
entgegen, der Glücksbrief seines ausgewanderten Kindes. Er las. In der
Faust den eisernen Schlägel, stieß er einen tonlosen Laut aus der
Kehle.
Da stürzte die Sus mit entfärbtem Gesicht in die Werkstatt: "Meister
-" Die gleichen Worte, die sie ihm hatte sagen wollen, schrie er selbst:
"Das Kind ist fort! Ist dem Glück und dem Leupi zugesprungen."
Auflachend und doch mit schwimmenden Augen, schleuderte Niklaus den schweren
Schlägel zur Werkbank hinüber. Und während die gewichtige Eisenmasse
gegen den bankförmigen Unterbau der Statue schmetterte, riss er das Schurzfell
herunter und sprang zur Türe.
"Das Gassenröckl!" Die Sus raffte den braunen Rock vom Sessel
und wollte dem Meister nach springen. Hinter ihr ein Knirschen, wie wenn ein
Brett in Splitter geht. Sus drehte das Gesicht und sah, dass die Statue der
'heiligen Menschheit' sich zu bewegen begann, als hätte sie jede Hoffnung
auf den Himmel verloren und möchte sich mit ausgebreiteten armen nieder
neigen zur treueren Erde. Der Stoß des Eisenschlägels hatte den Unterbau
schief gedrückt; das viele Zentner schwere Gewicht der Statue knickte das
schräge Brett, und die Bildsäule drohte vornüber zu stürzen.
"Meister!", schrie die Sus mit gellendem Laut, sprang gegen die Werkbank
hin, um das Unglück zu verhüten, und fing mit Brust und Armen das
fallende Bildwerk auf. Sei war ein festes, kraftvolles Mädel, die Sus.
Dennoch brach sie unter dem Stoß, mit dem die schwere Holzmasse gegen
ihren Körper schlug, auf die Knie hinunter. "Meister! Meister!"
Immer schrie sie, immer schwächer klang ihre Stimme. Mit dem Rest ihrer
schwindenden Kräfte hielt sie die Statue umklammert, um zu hindern, dass
die Bildsäule gegen den Boden schlüge und Schaden nähme. "Meister!"
Tiefer und tiefer wurde das tapfere Mädel gegen die Dielen niedergedrückt
und lag unter der pressenden Holzmasse ausgestreckt wie ein Weib, das in Leibe
den Mann empfängt. "Meister, ach, Meister -" Das waren Laute
des Schmerzes, bei erlöschenden Sinnen noch durchzittert von der Freude,
dass des Meisters Arbeit, die für den Glauben der Sus von allen Herrlichkeiten
des Lebens die herrlichste war, keinen Fehl und Makel erlitten hatte. Und schon
so matt und müde war dieser letzte Schrei, dass er nimmer hinaus klang
aus der Stille des sonnenlos gewordenen Raumes. In keuchenden Zügen ging
der Atme der Ohnmächtigen.
Vor dem Fenster, durch das der sonnige Himmel hereinblaute, klang zuweilen
ein feiner Schwalbenschrei.
Und drüben beim Leuthaus rannte Meister Niklaus über die Reichenhaller
Straße hinaus. Von einer Höhe konnte er das Gelände bis Bischofswiesen
überschauen. Die Straße war leer. Nur in weiter Ferne ließ
sich der neblige Dunst erkennen, der von der Staubwolke des Exulantenzuges zurückgeblieben
war.
"Gott mit Dir, mein Kind! Glück ist mehr als alles andre."
Der Meister wandte sich und ging vorüber am Leuthaus, gegen den Brunnenplatz.
Die Marktgasse war wie ausgestorben. Nur spielende Kinder. Nicht viele. Und
das Pflaster war bedeckt mit zerknickten Strohhalmen und mit dem Unrat, den
die ausgewanderten Tiere zurückgelassen hatten.
Vor dem Stiftstor trafen sie zusammen, Meister Niklaus und Pfarrer Ludwig.
"Nicki?" Ein erwartungsvoller Blick war in den Augen des Pfarrers.
"Das Kind ist fort."
"Also!" Lächelnd sah Herr Ludwig hinauf in das reine Blau. "Der
Ewige arbeitet doch verlässlicher, als ein Nürnberger Spielwerk."
"Mensch? Wahrhaftig? Dass mein Kind dem Leupi nach springen muss? Das
hast Du erwartet?"
"Drum hab ich mich doch bei Dir für heut zum Essen geladen. Dass
Du Dein Süppl nit allein verschlucken musst. Und komm! Wir müssen
das gleich der Mutter Agnes bringen. Die verzweifelt schier." Sie wandten
sich gegen das Stiftstor. "Guck, Nicki! Eine Parabel der Zeit!" Der
Pfarrer deutete auf die Fülle des Unrates, der das Pflaster bedeckte. "Das
bleibt der Regierung vom heutigen Tag. Sie wird nit lernen davon. Statt den
nutzbaren Mist für einen Acker zusammenzukehren, wird sie ihn vornehm liegen
lassen, bis ihn der nächste Regen verwässert. Staatskunst, Nicki,
Staatskunst!"
Als Mutter Agnes die Botschaft vom Glück ihres Sohnes hörte, tat
sie einen Schrei, fiel auf die Mauerbank und wurde von einem so heftigen Zittern
der Beine befallen, dass die Absätze ihrer Schuhe auf dem Fußboden
ein flinkes Getrommel erhoben. Meister Raurisser, der vom Bräuhaus heimkam
und seien Frau so finden musste, fragte in Sorge: "Mutter, was hast Du
denn?"
"Freud - Freud - Freud -" Sonst brachte sie unter dem Sturz ihrer
frohen Tränen kein Wort heraus.
Pfarrer Ludwig, als er mit Meister Nick aus der Stube ging, deutete auf eine
ungefährlich gewordene Sache an der weißen Mauer. Und draußen
auf der Straße sagte er: "Der Dillinger Landschaden, der Grusdorf,
die überflüssigen Buchstaben, der Muckenfüßl und die Gottesaugenuhr
mit ihrem boshaften Teufel! Alles im Kehrichtfass der Vergangenheit! Nick, es
geht halt doch ein bissl aufwärts mit der Menschheit. Deswegen muss sie
nit grad eine heilige sein." Sie kamen zur Pfarrpfründe, und Herr
Ludwig klinkte an der Haustür, die er verschlossen fand. "Die Schwester
ist schon voraus zu Dir." Um den Weg zu kürzen, gingen sie hinter
den Häusern am gestutzten Hofgarten vorüber, dessen lächerlich
beschnittene Bäume unter Frühlingshilfe den Versuch begannen, aus
der Pariserei herauszuwachsen und sich wieder aufzustrecken zu natürlicher
Form.
Beim Plankentor des Meisters blieben die beiden stehen und lauschten. Im Haus
eine schreiende Stimme. "Meine Schwester!", stammelte der Pfarrer.
Sie sprangen in den Flur, sahen die Tür der Werkstatt offen und fanden
neben der schreienden Schwester Franziska die Sus, wie tot, von Blut umronnen,
die Arme noch immer um die Statue geklammert. Der Meister taumelte. Und Pfarrer
Ludwig brüllte der Schwester ins Ohr: "Zum Lewitter! Lauf, was Du
laufen kannst!" Nur mühsam gelang es den beiden Männern, die
schwere Statue vom Körper der Ohnmächtigen emporzuheben. "Ach,
Mädel, Du gutes!", schrie der Meister, hob die regungslose, von Blut
überströmte Sus auf seine Arme und trug sie über die Treppe hinauf.
Ohne zu denken, nur weil es von den Türen die nächste war, trug er
die Blutende in Luisas Kammer und rannte um Essig, um alles, was beleben konnte.
Nichts wollte helfen. Die geschlossenen Augen taten sich nicht auf, kein Herzschlag
war an der Sus zu spüren, kein Atemhauch vor den blassen Lippen, an denen
ein leises, unveränderliches Lächeln zu erkennen war. Nur das Blut
sickerte noch immer aus den Wunden, die das scharfkantige Holz in ihren Körper
geschnitten hatte.
Schwester Franziska und Lewitter mit seiner Tasche traten in die Kammer.
"Komm, Nicki!" Pfarrer Ludwig legte den Arm um den Hals des Meisters.
"Wir zwei sind überflüssig." Sie gingen hinüber in
die Wohnstube. Der Pfarrer stand am Fenster. Stumm und unbeweglich saß
Niklaus am Tisch. Nur seine Augen bewegten sich, wenn durch die Krippenwand
ein matter Laut aus der Kammer klang, oder wenn auf der Stiege draußen
die hastigen Täppelschritte der Schwester Franzisak zu hören waren.
Und plötzlich warf er das Gesicht auf die Tischplatte hin.
Der Pfarrer trat zu ihm und rüttelte ihn an der Schulter. "Nicki!
Bleib der Mensch, der Du bist! Tu Dich nit so verbohren in den Schreck! Tu reden,
Nicki!"
Meister Niklaus hob das blasse Gesicht. "Einsam werden ist das Grauenhafteste
des Lebens. Mein Weib versunken, mein Kind ins Kloster gesteckt - um Gottes
willen!" Er hob die hölzerne Hand und betrachtete sie. "Dass
ich es überleben hab können? Ich glaub, am Leben hat mich nur die
Hoffnung gehalten, dass ich doch wieder schaffen könnt - einmal. "Wieder
streckte er die künstliche Hand vor sich hin. "Das ist das Leichtere
gewesen." Er nahm den Kopf zwischen die Fäuste, und seine Stimme wurde
tonlos. "Das andere hat erst angefangen, wie ich gemeint hab, ich wär
schon wieder ein ruhiger Mensch. Fünf Jahr lang hab ich nimmer gewusst,
dass ich an Leib und Blut noch allweil ein Mannsbild bin. Und gählings
- wie ein schweres Leiden, das kommt, man weiß nit wie - hat's angefangen:
Die Ruhlosigkeit in den Nächten, am Tag das Nachschauen hinter den Weibsleuten,
das Händzittern, wenn mir ein junges Geschöpf in die Näh gekommen
ist. Nur Eine, die allweil bei mir war, hab ich nie drum angesehen. Sie ist
mir immer das kleine Mädel gewesen, als das sie zu uns ins Haus gekommen
ist. Und ist schon über die achtzehn Jahr gewesen. Im Frühling einmal,
da hat sie sich im Garten einen Dorn in den Finger gestoßen und ist gekommen:
Ich sollt ihr helfen. Und wie ich sie bei der Hand hab und frag: Tut's weh?
- und sie schüttelt den Kopf, da hab ich spüren müssen, wie sie
zittert. Ich schau sie verwundert an. Und gählings merk ich, wie schmuck
sie geworden ist. Mir ist der Teufel ins hungrige Blut gefahren -"
"Was für einer?", fragte der Pfarrer. "Der von der Gottsaugenuhr?"
Niklaus, ohne zu hören, redete vor sich in: "Ich bin erschrocken
über mich. Und hab sie fort geschoben. Und da brennt ihr Gesicht wie Kohlenglut.
Sie schaut mich an mit ihren treuen, barmherzigen Tieraugen und sagt: 'Was liegt
an mir? Der Meister muss Ruh haben'."
Zwei leise Worte: "Heilige Menschheit!"
Der andere schwieg. Nach einer Weile sagte er in Qual: "Sie hat sich um
meinetwegen zerschlagen mit Vater, Mutter und Geschwistern, hat ihr junges Leben
hingelegt vor meine Füß und hat gegeben, wie man ein Kräutl
gibt, das heilsam ist für Not und Trauer eines Menschen. Kann sein, es
ist ein Unrecht gewesen, dass ich genommen hab. Hungert einer, so stiehlt er
beim Bäcken. Nie hab ich sie lieb gehabt. Ich bin ihr nur gut gewesen,
nur dankbar." Er presste die Zähne übereinander. "Wie mein
Kind wieder im Haus gewesen ist, hab ich einen Riegel fürgeschoben und
hab die Sus nimmer angerührt. Allweil ist ihre treue Sorg um mich die gleiche
geblieben. Jedes andre - kann sein, ich selber - hätt heut in der Werkstatt
fallen lassen, was ich in Müh geschaffen hab. Die Sus hat helfen müssen.
Wie's zugegangen ist, das weiß ich nit. Ich weiß nur, die Sus ist
so. Sie muss dran sterben. Ich leb." Langsam hob er das Gesicht. "Pfarrer!
Tät man einen verblutenden Leib noch anbinden können an einen Lebendigen,
so müsst ich bitten: Du sollst mich trauen mit der Sus!" Er wandte
die Augen zur Krippenwand. "Jetzt hab ich sie lieb."
Schweigend trat der Pfarrer auf ihn zu und strich ihm mit der Hand übers
Haar. Dem Meister fuhr das Gesicht herum, weil er draußen einen Schritt
vernahm. Simeon Lewitter trat in die Stube. Und Niklaus, vom Sessel aufzuckend,
keuchte: "Ist Hilf?" Ohne die Antwort abzuwarten, sprang er auf die
Türe zu. Simmi breitete wehrend die Arme auseinander: "Nit! Tu bleiben!"
Er führte den Zitternden wieder zum Sessel und sprach zu ihm in seiner
sanften, halblauten Art. Der Pfarrer, schweigend, ging zur Holzverschalung der
Mauer und rückte auf den versteckten Knopf. Lautlos öffneten sich
die beiden Flügeltüren der Krippe. Die sonnige Fensterhelle leuchtete
hinein in die Nische, machte alle Farben der hundert Figürchen flimmern,
umglänzte die drei Gestalten unter dem Kreuz, gab dem Frühlingsbild
der zierlichen Landschaft einen warmen Schein - und ohne dass die kleinen Lampen
brannten, glitzerten die winzigen, aus Glassplittern gebildeten Fenster an Kirche
und Hütten, als wär's um die Morgenstunde, die einen strahlenden Tag
verspricht.
"Komm, Nicki! Oder wär's nit so in Dir, dass Du beten musst?"
Nun standen die drei Männer wortlos vor der Nische, jeder mit dem Arm
um den Hals des anderen. Dieses Schweigen war das verbrüderte Gebet ihres
duldsamen Glaubens, war das ungesungene Lied ihres gemeinsamen Harrens auf einen
Menschenmorgen, der kommen musste - nach Jahrhunderten, meinte der eine; nach
Jahrzehnten, glaubte der andere; bald, so hoffte der dritte.
Auf den Kirchtürmen schlugen die Glocken mit schwebendem Hall die erste
Mittagsstunde.
Das war die gleiche Stunde, in der die siebenhundert vom großen Jagen
aus dem Land Gepeitschten ihr letztes Gebet auf heimatlichem Boden zum Himmel
sangen.
Sie hatten die steigende Wegstreckte vor dem Hallturm erreicht. Alle Gesichter
der Wandernden waren der Ferne zugerichtet, der sie entgegen schritten. Nur
die Augen der Kranken, die, mit den Köpfen gegen die Zugtiere, gebettet
lagen im Wagenstroh, waren rückwärts gerichtet nach dem Land, das
sie verließen. Und plötzlich, während die lange Karrenzeile
schwerfällig hinaufkletterte über die Steigung, hob der hundertjährige
Jakob Aschauer die dürren, gichtisch verkrümmten Hände aus den
Strohhalmen, tat einen klagenden Schrei und griff mit zuckenden Fingern gegen
die blaue Heimat, die schon versunken war hinter Hügeln und Gehölzen
und noch ein letztes Mal heraufstieg mit gewellten Frühlingswiesen, mit
blitzenden Gewässern, mit samtgrünen Fichtengehängen, mit sonnbeglänzten
Dächern und Mauern, mit den erwachenden Almen und den kettengleich ins
Endlose geschichteten Silberkanten der noch von Schnee umschütteten Zinnen.
Und alles hinein gewoben ins reine Blau, alles umschmeichelt von warmer Sonne,
alles umgossen vom schönen Frieden der lautlosen Ferne. Wieder ein Klagelaut,
so schrill wie ein Falkenschrei. Und die mühsame Stimme des Hundertjährigen:
"Leut! Ihr Leut! Ach luget sell naus! Das Ländl! Das liebe Ländl!
Das Paradeis, aus dem sie uns alle verjagen!"
Das fasste einen um den anderen; alle Gesichter wandten sich; hundert Stimmen
rannen zusammen; der Zug der Wagen staute sich; die Viehtreiber ließen
die Stricke der Tiere fallen, um die Fäuste vor die Augen zu pressen; viele
Kinder fingen zu weinen an und klammerte sich an die Röcke, an die Hälse
der Mütter; Männer und Buben umschlangen sich mit den Armen, und die
siebenhundertfache Trauer und Liebe floss ineinander zu einem einzigen, machtvollen
Seelenschrei, der ähnlich war dem Brausen eines stürzenden Wildbachs.
Die Arme breiteten sie auseinander wie Gekreuzigte, sie schrieen verzückte
Laute in das Hallgewoge dieses hundertfältigen Schmerzes und griffen nach
der Erde, die sie verlassen mussten für immer. Kein Fluch und keine Verwünschung
war zuhören. Nur Segensworte, nur Laute der inbrünstigen Treue. Und
Leupolt Raurisser, um dessen Schultern die schwarzweißen Bänder des
Führers flatterten, hob neben dem Wagen des Hundertjährigen die Hände
gegen das Blau. Sein Gesicht war entstellt. Aus seinen Augen, die trocken geblieben
waren in der härtesten seiner Qualen, stürzten die Tränen, während
er mit klingender Stimme den Psalm begann:
"Aus tiefer Not schrei ich zu Dir,
Herr Gott, erhör mein Rufen -"
Die Siebenhundert fielen ein, auf den Wagenbrettern und im Staub der Straße
lagen sie auf den Knien, und ihr betendes Lied, ihr letztes auf dem Boden der
Heimat, schwamm in den Lüften wie das Feiertagsgeläut einer schönen,
heiligen Glocke.
Als sie zu tönen anfing, kamen aus einem Seitentälchen zwei alte
Leute, ein kleines Weibl mit kurzem Rock und ein langes, geselchtes Mannsbild
mit weißem Schnauzer. Vor einem schwer beladenen Karren, an den drei Ziegen
und ein Geißbock angebunden waren, hingen die beiden in den Zugriemen.
Beim Hall des Liedes blieben sie stehen und guckten, das Weib in Rührung,
der Lange auf eine verdutzte Art, als wäre ihm etwas unverständlich
an den Klängen, die ihm entgegenrauschten. Er riss die Augen auf und atmete
schwül. In seinem braunen Gesicht erwachte etwas, wie der Spiegelschein
eines erschrockenen Gedankens. Immer härter schnaufend, sah er sein Weibl
an. "Du! Schneckin!"
"Was?"
"Wir zwei gehören da nit dazu. Die Leut da müssen einen Glauben
haben als wie ein Baum. Der unser ist bloß ein Stäubl, geht hin und
her und wackelt bei jedem Wind. Wir zwei, verstehst, wir zwei gehören sell
hin, wo der Bockmist düftelt." Er hatte den Karren schon gewendet.
Die Schneckin begann zu weinen und der Hiesel knurrte: "Kreuzhöllementsverteufelter
Himmelhund, verstehst Du denn nit, Du Schneehas ohne Löffel! Das ist doch
kein Fürwurf." Immer bitterlicher weinte das Schneckenweibl. Da wurde
der grobe Hiesel barmherzig und legte den Arm um den kleinen, kurzröckigen
Stöpsel. "Schau, was Guts hat unsere Narrenschopferei halt doch gehabt.
Verstehst?" Das Weibl schüttelte kummervoll den grauen Kopf, und tröstend
sagte der Hiesel: "So sauber, wie jetzt, ist unser Geißstallerl seit
dreißig Jährlen noch nie gewesen." Die schwimmenden Aguen der
Schneckin wurden heller. So viel Anerkennung hatte sie in ihrem ganzen Leben
noch nie geerntet. Mit dankbarem Lächeln sah sie am Hiesel hinauf und flüsterte
wie ein schämiges Mädel: "Vergeltsgott, Schneck!" Der quieksende
Karren mit den Meckerzeigen verschwand hinter den Stauden, während auf
der Straße die fromme Glaubensglocke der Siebenhundert immer machtvoller
und inbrünstiger tönte:
"Ob bei uns ist der Sünden viel,
Bei Gott ist viel mehr Gnaden.
Sein Hand zu helfen hat kein Ziel,
Wie groß auch sei der Schaden.
Er ist allein der rechte Hirt,
Der Israel erlösen wird
Aus seinen Sünden allen."
Als das Lied zu Ende klang, war tiefe Stille über den siebenhundert gebeugten
Köpfen. Leises Schluchzen. Und der hundertjährige Aschauer bettelte
mit erloschener Stimme: "Ich kann nit fahren, so lang ich die Heimat seh,
ach Leut, ach Leut, ach lasst mich bleiben, so lang ein Aichtl Sonnlicht über
dem Ländl hängt. Wenn's finstert, will ich fahren von Herzen gern."
Das Wort lief hin über die lange Reihe der Karren, und hundert Stimmen
reifen: "Wie's der Älteste haben will, so muss man es machen."
Für jeden war's eine tröstende Freude, dass er die Heimat noch schauen
durfte einige Stunden lang und sie erst verlassen musste, wenn die Nacht sie
umschleierte.
Nach allem Gram und Kummer dieses Tages hörte man heitere Worte. Alle
bedrückten, müd gewordenen Herzen lebten auf, und die schmale Zeile
des Exulantenzuges löste sich in die Breite. Die Hirten trieben das Vieh
in den Laubwald, um es weiden zu lassen; die Frauen und Mädchen stiegen
von den Karren, um die Ziegen und Kühe zu melken, damit die Kinder ihre
Milch bekämen; und die Männer und Buben trugen Holz zusammen für
die Kochstätten. An die hundert kleine Feuer fingen zu brennen an, und
in der Windstille des milden Nachmittages stiegen die Rauchsäulen wie blaue
Bäume zum Himmel hinauf.
Die Sonne wurde Gold, die Berge im Osten brannten, die steilen Wälder
im Westen wurden eisenblau, und die jungen Buben begannen zu singen wie beim
Sonnwendfeuer, wie vor dem Fenster einer Almerin. Und gählings geschah
ein Ding, dass alle Leute verwundert die Köpfe streckten. Leupolt Raurisser
rannte gegen die Talstraße hinunter, so flink, dass die schwarzweißen
Bänder wagrecht hinter seinem Nacken standen. Weil er auf der mit Karren
voll gepfropften Straße nicht flink genug vorwärts kam, sprang er
im Zickzack zwischen den weidenden Kühen. Und als die Straße frei
wurde, fing er ein Rasen an, nochwilde rund schöner als zwischen den galoppierenden
Dragonergäulen. Weit vor ihm, in der Tiefe der Talstraße, kam ein
winziges Fuhrwerkelchen daher: Ein Schubkarren mit einem kleinen Koffer. Zwischen
der Gabel bewegte sich was Junges, hurtig Zappelndes, mit einem weißen
Federbusch auf dem spanischen Hut. Über dem Koffer lag der grüne Mantel,
schön gefaltet, weiß überpulvert vom Straßenstaub.
Leupolt schrie den Namen seines Glückes, dass von allen Wäldern ein
Echo kam.
Sei hörte den Schrei, setzte den Karren nieder und blieb unbeweglich.
Nun stand er vor ihr, heiß atmend vom jagenden Lauf, mit Augen, die wie
Sterne glänzten. Er streckte die Hände und wagte sein Glück nicht
zu berühren. Nach der ersten glühenden Scham tat Luisa einen frohen
Atemzug. Eine wundersame Ruhe überkam ihr Wesen. Sie sah zu ihm hinauf.
"Willst Du mich nehmen, Leupi? Ich kann nit leben ohne Dich. Gott wird's
verstehen. Der hat Dich geschaffen. Da muss er auch wissen, wie Du bist."
Er stammelte: "Jesus!" Und wagte zuerst nur ihre Hand zu fassen.
Als er den Druck ihrer Finger fühlte, kam's wie ein lachender Taumel über
ihn.
Der spanische Hut verlor seinen graden Sitz. Und erst eine sehr beträchtliche
Weile später konnte Luisa sagen: "Evangelisch kann ich nit werden.
Dass ich im Herzen bei meiner Wahrheit bleib? Tust Du mir das verstatten?"
"Bleib, wie Du bist, und allweil wirst Du die Richtige sein." Droben
auf der Straßenhöhe riefen viele Stimmen seinen Namen. "Die
brauchen mich. Komm, Bräutl!" Er wollte die Gable des Schubkarrens
fassen, richtete sich wieder auf und fragte in Sorge: "Dein Vater, Luisli?
Kann er denn schnaufen ohne Dich? Tut er mir denn mein Glück vergönnen?"
Sie sagte gläubig: "Der kommt uns nach. Heut hat er bekennen müssen
und ist eingeschrieben."
Ein heißer, frohseliger Jauchzer. Und der geduldige Schubkarren musste
noch eine Weile rasten. Hat man sein Mädel um den Hals, so kann man keine
Karrengabel in den Händen haben. Und als das Rädl wieder lief, blieb
Leupolt stumm. Weil er sinnen musste. Nun ein heiteres Aulachen. Hundert Schritte
vor dem ersten Exulantenwagen stellte er den Karren nieder, nahm den grünen
Mantel vom Koffer, schüttelte den Staub davon und fasste die Hand seines
Glückes. "Komm! Ich such Dir ein feines Plätzl." Zwischen
den Stauden fand er eines. "Schau nur, wie alles blüht um Dich herum!
Da musst Du warten ein Vaterunser lang." Er sprang davon, und der Karren
musste sausen, obwohl es aufwärts ging.
Auf dem Rücken eine Sesselkraxe, die er von einem Bauer geborgt hatte,
kam er wieder. "Schatzl? Gelt, Du hast keinen Wanderschein?"
Sei schüttelte den Kopf. "Weil ich nur Dich hab! Mir ist's genug."
"Aber den Grenzmusketieren nit!" Er konnte nicht ernst werden, immer
musste er lachen in seiner Freude. "Sie täten Dich ohne Loskauf, Pass
und Polizeiverlaub nit über den Schlagbaum lassen. Schatz, es geht nimmer
anders, ich muss Dich hinüberschwärzen in unser Glück. Aber Deine
Füßlen sollen keinen Weg nit machen, der ein Unrecht ist. Hab ich
die Freud, so muss ich auch die Schuld haben." Er ließ sich niederfallen
auf die Knie und flüsterte selig: "Komm! Steig auf! Und leg Deinen
Mantel auf die Krax! Da hast Du es linder."
Ein scheues Zögern, ein leises Auflachen.
Leicht erhob sich Leupolt mit seiner lieben Last. In der Rechten den Stecken,
die Linke nach oben gestreckt als Halt für Luisas Hände, so schritt
er flink zwischen den Stauden hin, auf versteckten Wegen, wie nur die Jäger
sie kennen. Im dämmrigen Fichtenwald verschwand er.
Eine Weile später ging die Sonne hinunter. Es finsterte schon und die
Sterne glänzten, als Leupolt wieder kam, mit der leeren Kraxe auf dem Rücken.
Nun war's lebendig in der Karrenzeile. An der Spitze des Zuges tönten
drei Rufe eines Alphorns. Dann fingen die Räder zu knattern an, und die
lange Wagenreihe kletterte in der Dunkelheit über den Rest der Höhe
hinauf zur fürstpröpstlichen Grenze. Kleine Lichter - wie Sterne,
die auf der Erde gefallen -waren ausgestreut über die ganze Länge
des Zuges: Die Wagenlaternen, und in zwei Reihen die Kienlichter, die von den
Jungbuben getragen wurden.
Das Passgeschäft beim Hallturm währte vier Stunden lang. Die Grenzmusketiere
nahmen es genau. Es war schon über Mitternacht, als hinter dem Scharwagen
mit knarrender Feierlichkeit der berchtesgadnische Schlagbaum herunterfiel.
Außerhalb der Grenze ordnete Leupolt den Zug. Und als die Lichterkette
sich in Bewegung setzte, sprang er durch den finsteren Hochwald davon. Bei den
alten, zerstörten Festungswerken der bayerischen Grenzhut stand er wieder
am Saum der Straße. Nicht allein.
Nun schritt er dem Zug voraus, den arm um Luisas Schultern geschlungen. Sie
hatte den Hut heruntergenommen und trug ihn am Gürtel.
"Luisli? Siehst Du den schönen Stern da draußen? Das ist der
Nordstern. Sell müssen wir hin. Dort ist das Land des gütigen Helfers."
Sie nickte stumm und schmiegte sich enger an seine Brust. Beugte er sich ein
bisschen nieder, so standen seine Lippen ihr lindes Haar. Und hob sie das Gesicht,
so sah er beim Sternschein einen Glanz in ihren Augen, ohne die Tränen
zu sehen, die ihr von den Wimpern fielen. Die einzige, die nasse Wangen hatte,
war sie nicht. Viele weinten in der Finsternis; die Frauen und Mädchen,
die auf den Karren saßen; und alle Mütter, auf deren Schoß
und deren Brüsten die müden Kinder schliefen oder die furchtsamen
wachten.
Ein Rauschen in der Nacht. Man wusste nicht, wo. Bald klang es ferne, bald
wieder nah.
Die Viere, die hinter Leupolt an der Spitze des Zuges schritten, fingen zu
singen an. Die Stimmen der Wandernden fielen ein. Sie sangen das Stablied der
Evangelischen, von dem man erzählte: Dass es der gadnische Bergmann Josef
Schaitberger ersonnen hätte, den man vor vierzig Jahren aus der Heimat
trieb.
"Jesu, mein Wanderstab, mit Dir kann ich sorglos ziehen
Aus meinem lieben Land! Mit Dir kann ich fliehen,
Wenn mich des Feindes List aus meiner Ruhstatt jagt!
Du bleibst mein bester Freund, wenn Pharao mich plagt.
Jesu, mein Wanderstab, auf dich kann ich mich lehnen,
Ach, sieh meine Flucht und zähl meine heißen Tränen,
Ich weiß, Du zählst sie, Du hältst sie in Deiner Hand,
Sei Du mein Himmelreich und mein neues Heimatland!
Jesu, mein Wanderstab, mein Licht, das nie sich neigt,
Hilf Deinem müden Knecht, der bittend sich beugt!
Bleib bei mir, bleib bei mir, bleib jetzt und für und für,
Der Tag hat enden müssen, es ist die Nacht vor mir.
Jesu, mein Wanderstab, die Heimat bleibt dahinten,
Mein Blick ist nass und sucht und kann sie nit finden.
Herr Jesu, kühl mir die Augen mit Deiner Hand,
Wo Du bist, Herr, da ist Heimat und Vaterland!"
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