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Am zweiten Februar des Jahres 1733, am Lichtmessabend, peitschte der stürmische
Westwind ein dick wirbelndes Schneetreiben durch die Gassen von Berchtesgaden.
An den Häusern waren alle Flurtüren versperrt, alle Fensterläden
geschlossen. Obwohl die Polizeistunde noch nicht geschlagen hatte, war auf der
Marktgasse kein Mensch mehr zu sehen.
Das dunkle Häuserschweigen in dem weißen Gewirbel hatte trotz allem
Lärm des Sturmwindes etwas Friedliches. Dieser Friede erzählte von
sorglosen Menschen in gemütlichen Stuben. Eine grauenvolle Lüge! In
Erregung, in Zorn und Sehnsucht pochten hinter den verriegelten Türen Hunderte
von verstörten Herzen. Zwischen den stillen Wänden wohnte die Ratlosigkeit
neben Hass und Angst, feiges Misstrauen neben dem Mut, duldende Stärke
neben der hämischen Bosheit, nicht immer geschieden durch Tür und
Mauer. Kampf und Erbitterung schwelte, wie zwischen Nachbar und Nachbar, auch
zwischen Mann und Weib, zwischen Bruder und Schwester, zwischen Vater und Sohn.
An allem Fürchterlichen, das sich einsperrte in die Stuben, brauste der
wirbelnde Schnee vorüber.
Auf den Türmen des Stiftes und der Franziskanerkirche schlugen die Glocken
im Sturm die neunte Stunde. Unter dem Rauschen des Windes war es ein milder
Hall. Wie eine warme Gottesstimme sprach er zu dem frierenden Leben, das nur
lauschte auf den eigenen Zorn und die eigene Sehnsucht. Dann wieder die stumme
Gassentrauer unter dem wehenden Flockenfall.
Aus dem Häusergewinkel, das die nördliche Stiftsmauer umzog, kämpfte
sich ein schwarz gekleideter Mensch heraus, den Kopf mit der Pelzkappe gegen
den Wind geschoben, die Arme unter dem Radmantel. Immer dicht an den Häusern
hin und rasch in eine Gasse. Ein Pfiff, wie der Schlag einer Amsel. An einem
schmalen Steingebäude, das sich von den Nachbarhäusern auffällig
unterschied, öffnete sich die Tür ein bisschen und eine greise Stimme
fragte im Hausdunkel: "Hochwürden?"
"Komm!" Auch diese Stimme klang nimmer jung.
Eine kleine Mannsgestalt in zottigem Fuchspelz mit dicker Kapuze huschte aus
dem Haus und schloss die Türe, die von innen verriegelt wurde. Wortlos,
der Kleine neben dem anderen, der groß und hager war, schritten die beiden
quer über das Ende der Marktgasse, vorüber am neuen Pflegeramt, vorüber
an den Stallungen des alten Leuthauses. In der halb bebauten Straße, die
zur Franziskanerkirche führte, traten sie in einen mit hohen Bretterplanken
umzäunten Garten. Auch hier öffnete sich die Haustür wie von
selbst. Aus der Finsternis des Flures sprach eine Mädchenstimme: "Gelobt
sei Jesus Christus und die heilige Mutter Maria!"
Der Kleine im Fuchspelz antwortete zaghaft: "Von nun an bis in Ewigkeit,
Amen!" Und der andere sagte, als er in das Dunkel hinein trat: "Schau
nur, Luisa, wie gut Du den Bekenntnisgruß zu brauchen weißt!"
Seine Stimme hatte einen heiteren Ton. "Jetzt hast Du wieder dreißig
Wochen Ablass gut! Tust Du denn in Deinem jungen Leben des Bösen so viel,
dass Du Deine künftige Fegfeuerzeit so fleißig verkürzen musst?"
"Hochwürden, ich mag das nit, wenn Ihr so redet!" Das junge
Mädchen verriegelte die Haustür. "Ein geweihter Priester sollt
ernst nehmen, was heilig ist."
"Luisichen! Oft wohnt von allem Ernst der tiefste hinter einem hilfreichen
Lachen."
Der Kleine hatte den Pelz abgelegt. Jetzt nahm auch der Geistliche den Mantel
herunter, und da quoll ein Lichtschein auf, als hätte Luisa die Blechmaske
an einer Blendlaterne gehoben. Der helle Strahl überglänzte die beiden
Männer. Der Kleine trug das berchtesgadnische Bürgerkleid mit der
Bundhose über den weißen Strümpfen und mit dem braunen Faltenkittel,
über dessen Kragen sich die weiße Hemdkrause herauslegte. Ein scharf
geschnittener Judenkopf mit blassem Gesicht. Der Spitzbart so weiß wie
die hohe Stirn. Unter dem Lederkäppchen quollen graue Locken heraus. Zwei
stille, heiß glänzende Augen. Das war der aus Salzburg nach Berchtesgaden
zugesiedelte Arzt und Handelsmann Simeon Lewitter, der vor fünfzehn Jahren
bei einem Judenkrawall das Weib und seine zwei Kinder verloren und in der Verstörtheit
dieser Gräuelnacht die Taufe empfangen hatte. Für die Bauern galt
er noch immer als der Jud, genoss aber als Leibarzt des Fürstpropstes zu
Berchtesgaden leidliche Sicherheit. Nur die Trauer seiner Augen erzählte
von den Schmerzen einer vergangene Zeit. Der schmale Mund unter dem weißen
Bart hatte das Lächeln einer Stein gewordenen Geduld.
Neben diesem scheuen Greis sah der katholische Priester, der seit sieben Jahren
emeritierte Stiftspfarrer Ludwig, fast wie heitere Jugend aus, die sich als
Alter vermummte. Schon ein bisschen gebeugt, war doch in seinem sehnigen Körper
noch lebhafte Beweglichkeit. Er machte auch eine gute Figur in dem geflügelten
Schwarzrock mit den weißen Bäffchen, in der seidenen Bundhose mit
Strümpfen und Schnallenschuhen. Den geschnörkelten Lockenbau, der
bei den Herren Mode geworden, verschmähte er. Glattsträhnig hingen
die aschfarbenen Haare um das rasierte Gesicht, in dessen Fältchen ein
Spiel von freundlicher Spottlust zwinkerte. Er hatte zwei braune haarborstige
Warzen, die halb entstellend wirkten und halb wie eine drollige Parodie auf
die Schönheitspflästerchen der vornehmen Damen waren: Eine kleine
auf dem linken Nasenflügel, auf der rechten Wange eine große, die
sich sonderbar verschob, so oft der Pfarrer lachte. Wenn er ernst war, bekam
sein Gesicht durch diese Warzen etwas Grausames und Hexenmeisterhaftes. Das
verschwand aber gleich, sobald seine Augen heiter wurden, diese hellblauen Augen,
die im Gesicht des Siebzigjährigen noch wie die Augen eines lebensgläubigen
Jünglings glänzten.
"Luisichen?", fragte er munter. "Warum beleuchtest Du mich so
scharf? Magst Du nit lieber Dich selber illuminieren? Zum Erquicken unserer
müden Männerseelen?" Lachend nahm er die Blendlaterne aus Luisas
Hand und richtete den Lichtkegel auf ihr Gesicht.
Eine Achtzehnjährige von herber Schönheit, über ihr Alter gereift
in einer Zeit, in der die Redlichen ein härteres Leben hatten als die Gewissenlosen.
Braunblonde Zöpfe lagen gleich einem schweren Seilgeflecht um die Stirn.
Der Mund war wie ein strenges Siegel dieses jungen, schon geprüften Lebens
und zeigte doch das Rot einer Kirsche, die reifen will. In den dunklen Augen
war ein fast ekstatischer Glanz. Oder kam das vom Widerschein des blendenden
Lichtstrahls? Der zeigte auch das rote, mit Silberblumen bestickte Mieder, aus
dem sich die weißen Glocken der Spitzenärmel herausbauschten. Eine
zarte Gestalt, in der sich das junge Weib zu formen begann.
Auf der Wange des Pfarrers hüpfte die große Warze. "Luisischen?
Hast Du Dich für uns zwei Alten so wohlgefällig gemacht? Oder hat
Dein schmucker Abend einem Jüngeren gegolten?"
In Unmut zog das Mädchen die Brauen zusammen: "Ob jung oder alt,
das frag ich nit. Mir gilt: Getreu oder schlecht, Christ oder Gottesfeind. Und
heut am Morgen hab ich den heiligen Leib genossen. Da trag ich mein bestes Gewand,
bis ich schlafen geh. Man muss sich innen und außen unterscheiden von
den Gottlosen."
Der Pfarrer blieb stumm. Aus seinen Augen sprach Erbarmen mit dieser freudlosen,
von aller Härte der Zeit gegeißelten Mädchenseele.
Droben ein Schritt. Licht fiel über die Stiege herunter. "Seid ihr's?",
fragte eine erregte Stimme. "Ich hab schon geforchten, ihr könntet
ausbleiben, wegen des schiechen Wetters."
"Meister, da kennt Ihr uns schlecht." Der Pfarrer lachte, nicht ganz
so froh, wie eine Minute früher. "Wir kommen zu unserem lieben Abend,
da kann es schneien oder lenzen, Mistgabeln oder Kapuziner regnen."
Die beiden wurden droben von einem Fünfundvierzigjährigen empfangen,
der ähnlich gekleidet war wie Lewitter. Ein mähniger Kopf mit langem
Bart, dessen helles Braun schon Silberstriche hatte. Unter den Brauenbogen fieberten
zwei dunkle Augen mit dem Trauerblick einer gequälten Menschenseele. Es
waren die gleichen Augen, wie die Tochter sie hatte, das einzige Kind des Bildhauers
Nikolaus Zechmeister. Die Nähe der Gäste ließ den Hausherrn
aufatmen, als käme jetzt eine bessere Stunde seines Lebens. Und es war
ein seltsamer Gruß, den die drei einander zuflüsterten: "Mensch
bleiben!" Den Händedruck musste Meister Niklaus mit der Linken erledigen.
Vor siebzehn Jahren hatte man ihm zu Hallein die Schwurhand auf dem Block vom
Arm geschlagen, weil er gegen seinen Untertaneneid zwei evangelischen Inkulpaten,
hinter denen die Soldaten Gottes her waren, zur Flucht verholfen hatte. Sein
Weib war gestorben vom Schreck. Und das Kind hatte man dem der Irrlehre Verdächtigen
weggenommen und zu gutchristlicher Erziehung in ein Kloster gegeben. Erst seit
dem verwichenen Herbst war Luisa wieder daheim - als Wächterin des Vaters,
um ihn zu behüten vor einem Rückfall in den evangelischen Wahn.
Am rechten Arm trug Meister Niklaus in braunem Lederhandschuh eine künstliche
Holzhand, die er durch einen sinnreichen Mechanismus zur Mithilfe bei seiner
Arbeit belebt hatte. Zwölf Jahre lang, bis die linke Hand sich zu schulen
begann, war er seinem Beruf entzogen. Um Arbeit zu haben, hatte er in dieser
Zeit für die Schnitzereien der berchtesgadnischen Heimarbeiter ein Verlegergeschäft
begründet, bei dem er, ein wohlhabender Mann, für die Notstillung
seiner Dienstgesellen oft mehr verbrauchte, als er von ihrer Ware für sich
selbst gewann. Seit fünf Jahren gehörte Meister Niklaus wieder seiner
Werkstätte, in der sich Kunst und Handwerk miteinander verschwisterten.
Aber so fröhlich, wie er als junger Mann gewesen, wurde er nimmer. Und
seit der Heimkehr seiner Tochter schien er ernster, als er es je in der Zeit
seines Leidens war.
Während Lewitter in die helle Stube trat, rief Niklaus über das Stiegengeländer
hinunter: "Gelt, Luisa, bring uns nur gleich den warmen Trunk!"
"Wohl, Vater!"
Der Meister blieb über das Geländer gebeugt, als hätte er Sehnsucht,
noch ein Wort seines Kindes zu hören. Da legte ihm Pfarrer Ludwig die Hand
auf die Schulter: "Niklaus? Wird's besser mit Euch beiden?"
Der andere schüttelte den Kopf. "Sie glaubt nit, dass ich glaub."
Der Pfarrer bekam das grausame Gesicht. "Viel Ding im Leben hab ich verstanden.
Eins versteh ich nimmer: Wie der Herrgott es dulden kann, dass man in seinem
Namen die Seelen der Menschen frieren macht? Kann sein, dass Gott sein heißt:
In alle Ewigkeit für uns Menschen ein Rätsel bleiben."
Ein bitteres Lächeln zuckte um den Mund des Meisters: "Hätt
mein Mädel das gehört, so tät sie nach dem Klosterbüchl
ausrechnen, wie viel Jahrhundert Fegfeuer das wieder kostet."
Die beiden traten in die Stube. Als die Tür geschlossen war, legte Pfarrer
Ludwig herzlich den Arm um die Schultern des Hausherrn: "Du?" Wenn
die drei allein waren, duzten sie einander. "Glaubst Du, dass ich die Menschen
kenn?"
"Aus dem Beichtstuhl hast Du tief hinuntergeschaut in ihre Seelen."
"Noch tiefer in der Sonn, die ich außerhalb der Kirch gefunden.
Und ich sag Dir das voraus: In Deinem Mädel wird das rechte Leben noch
blühen, wie am Johannistag die Rosen in Deinem Garten."
"Gott soll's geben!"
"Was für einer?" Die große Warze tänzelte. "Der
meinige, der Deinige, der seinige?" Bei diesem letzten Wort deutete Pfarrer
Ludwig auf Lewitter, der die Brust an den warmen Kachelofen presste und dieses
Kunstwerk des hilfreichen Menschengeistes mit den Armen umschlang, schauernd
vom Gassenfrost, frierend in der Kälte seines alten, einfachen Lebens.
Unter dem reich besteckten Kerzenrad stand auf rundem Tisch ein Schachbrett
und daneben ein Körbchen mit den geschnitzten Beinfiguren. Während
der Meister das Spiel zu stellen begann, warf er lauschend einen Blick zur Tür
und fragte flüsternd: "Hast Du Botschaft aus Salzburg?"
Der Pfarrer nickte. "Seit das große Jagen begonnen hat, sind's nach
der letzten Zählung dreißigtausend und siebenhundert, die man aus
dem Land getrieben."
"Ist das nit Irrsinn?", stammelte Niklaus.
"Nein, Bruder!" Die große Warze kam in Bewegung. "Wie
mehr man die Zahl der Fresser mindert in einem Land, um so fetter werden die
Erben. Das ist die fromme Rechnung unserer Zeit. Wie länger ich das mit
anseh, um so lustiger macht es mich."
"Mensch! Wie kann man das heiter nehmen?"
"Anders tät man den üblen Brocken nit schlucken. Die Zeit ist
so schaudervoll, dass man sie nur als eine Narretei des Lebens beschauen kann.
Wollt einer sie ernst nehmen, so müsst er an der Menschheit verzweifeln.
Wie mehr man lacht über ein böses Ding, um so ungefährlicher
wird es."
"Still!", mahnte Lewitter. "Das liebe Mädel kommt."
In seiner Art, zu sprechen, war kein jüdischer Klang. Er sprach, wie Herren
reden, die unter Bauern wohnen. Hastig trat er auf den Tisch zu, stellte die
letzten Schachfiguren und sagte: "Heut seid ihr beide am Spiel. Da hab
ich für Euch einen Anfang ausgesonnen -"
Luisa trat in die Stube. Auf einer Zinnplatte brachte sie drei Becher, in denen
der Würzwein dampfte.
"So! Und so!", sagte Lewitter. Er machte von jeder Seite des Spiels
fünf Züge. "Wie gefällt Euch das?"
Meister Niklaus, seine Erregung verbergend, nickte: "Das ist neu."
"Aber schön!" Der Pfarrer ließ sich lachend auf den Sessel
nieder. "Was man nit allweil behaupten kann von Dingen, die neu sind."
Luisa hatte die Becher ausgeteilt. "Gott soll's den Herren gesegnen."
Lewitter antwortete: "Gott soll Dir's danken, lieb Kind." Und der
Pfarrer redete fröhlich weiter: "Wie fein das duftet! hast Du das
im Kloster gelernt?"
Ein Zornblick. "Die frommen Schwestern haben Wasser getrunken."
"Wenn Du dabei gewesen bist. Was haben sie geschluckt, wenn Du's nit gesehen
hast?"
Niklaus, der ein strenges Wort seiner Tochter zu befürchten schien, sagte
rasch: "Ich dank Dir, Kind! Weiter brauchen wir nichts. Tu Dich schlafen
legen!"
"Ich muss noch schaffen." Sie maß den Vater mit einem Sorgenblick.
"Auch beten muss ich. Heut mehr als sonst." Ihre Augen glitten über
die beiden anderen hin. Dann ging sie.
Lewitter flüsterte: "Sie hat Misstrauen gegen uns."
"So? Meinst Du?" Der Pfarrer schmunzelte. "Dann hat sie ein
Näsl, das so fein ist wie nett."
Ein bisschen unwillig sagte der Meister: "Warum tust Du sie auch allweil
reizen?"
"Weil's hilfreich ist. Wie soll ein stilles Wässerlein sich bewegen,
wenn man keinen Stein hineinwirft? Aber komm, da steht ein schöner Gedanke
auf dem Schachbrett. Wir wollen uns freuen dran! Was Leben und Welt heißt,
soll uns weit sein bis um Mitternacht." Der Pfarrer fasste den Becher.
"Her da! Wärmt den Herzfleck! Lasst uns anstoßen als treue Bundesbrüder
des duldsamen Glaubens! Auf alles Gesunde in den Menschen! Aller dürstenden
Hoffnung zum Trost! Auf den Glauben an die gute Zeit! Auf das totgeschlagene
und noch allweil nit wiedergeborene Deutschland! Auf das kommende Reich, das
neu und schön sein wird!"
Die drei Becher klirrten über den Schachfiguren gegen einander und Niklaus
sagte: "Wann wird das kommen, dass unser Volk und Reich den ersten Schrei
seines neuen Lebens tut?"
Simeon verlor das steinerne Lächeln. "Am Erlösungsmorgen nach
einer harten, tiefen und gewaltigen Not."
Der Meister nickte. "Dann haben wir Hoffnung, dass wir es noch erleben.
Härter und tiefer ist nie eine Not gewesen als die von heut!"
"Hart und tief!" Die Warze im Gesicht des Pfarrers bewegte sich munter.
"Bloß das Gewaltige fehlt. Wohin man schaut, alles läppisch
und erbärmlich. Das neue Reich erleben wir nimmer. Komm, lass uns Freud
haben am schönen Spiel der Stunde! Du, Nicki, mit den Weißen hast
den ersten Zug!"
Niklaus rückte eine Figur. "So, mein' ich, wär's am besten."
Die beiden vertieften sich in das Bild des Schachbrettes. Und Simeon verfolgte
aufmerksam die Züge. Als Pfarrer Ludwig eine Wendung fand, die den Sieg
zu seinen Gunsten vorbereitete, nickte Simeon und erhob sich. Beim Geschirrkasten
füllte er zwei langstielige Tonpfeifen mit Tabak, brannte sie an einer
Kerze an und brachte sie den beiden Spielern. Er selber rauchte nicht. Um außerhalb
des Qualmes zu bleiben, den die beiden Spieler hinbliesen über die Schachfiguren,
rückte er ein Stück vom Tisch weg. Und als das Spiel dem Ende zuging,
streifte er einen Schuh herunter und zog unter der eingelegten Filzsohle ein
dünnes, eng beschriebenes Blatt hervor.
"Was Gutes?", fragte der Pfarrer.
"Seit langem hab ich Tieferes nit gelesen. Ich hab mir auch schon überlegt,
wie ich's für Euch übersetzen muss."
"Hebräisch? Aus Deinem Talmud?"
"Was Besseres."
"Wenn Du das sagst, so muss es eine neue Offenbarung sein." Pfarrer
Ludwig schob das Schachbrett beiseite.
"Neu? Was in dem Brief da steht, ist bald an die hundert Jahr alt. Mir
ist's neu gewesen. Das Gute in der Welt hat einen langsamen Weg."
"Wer hat's geschrieben?"
"Erst musst Du es hören. Man soll nit den Namen vor das Werk setzen,
sondern das Werk vor den Namen." Lewitter begann mit leiser Stimme zu lesen,
während auch Meister Niklaus etwas Heimliches aus dem Unterfutter seines
Kittels herausholte. Nach einer Weile schlug die alte Kastenuhr die zehnte Stunde.
Sie hatte einen tiefen, dröhnenden Ton. Dabei überhörten die
drei, dass an der Haustür jemand pochte, nicht laut, doch ungeduldig.
Luisa und die Magd, beim Spinnen in der Küche drunten, vernahmen das Pochen.
Die Magd erschrak. Es war ein dreißigjähriges, weißblondes
Mädel, das einen wohlgeformten Körper und träumende Augen hatte,
doch kein frohes Gesicht. Mit dreizehn Jahren, bei Luisas Geburt, war die Sus
als Kindsmädel in des Meisters Haus gekommen. Nach dem Tod seiner Frau,
als ihm die Tochter um des reinen Glaubens willen genommen wurde, hatte die
Sus getreu bei dem Einsamen ausgehalten und hatte um seinetwillen ihre Jugend
versäumt, sich zerschlagen mit Eltern und Geschwistern, die es ihr nie
verziehen, dass sie atmete unter dem Dach eines Verdächtigen.
Beim Hall der pochenden Schläge war sie bleich geworden und hatte vor
Schreck das Spinnrädl umgeworfen.
"Bleib, Sus! Ich geh schon!", sagte Luisa. "In Dir ist Angst,
in mir ist Gott. Drum hab ich nit Ursach, mich zu fürchten."
Der da draußen musste die Stimme des Mädchens vernommen haben. Das
ungeduldige Pochen wurde still.
"Jesus!", stammelte Sus. "Ob's nit die Schergen sind?"
"Die kommen zu schlechten Menschen, nit zu uns." Luisa entzündete
die Blendlaterne. "Mag sein, man holt den Lewitter zum gnädigsten
Herrn. Dem ist zuweilen in der Nacht nit gut. Die ihn verleumden, sagen: vom
vielen Wein. Ich sag: Von seiner schlaflosen Sorg um den reinen Glauben."
Sie ging zur Haustür und schob den Riegel zurück.
Der da draußen wollte hastig eintreten. Weil die Tür noch an einer
Kette hing, öffnete sie sich nur um einen schmalen Spalt. Während
die Schneeflocken hereinwehten, flüsterte in der Nacht eine erregte Jünglingsstimme:
"Lieb Mädel! So tu doch auf!"
Obwohl sie die Stimme gleich erkannte, fragte sie: "Wer pocht so spät
in der Nacht an meines Vaters Haus?" Es klang wie Zorn aus ihren leisen
Worten.
"Einer, der es gut mit Deinem Vater meint."
"Mein Vater kann bauen auf Gottes Hilf. Menschenhilf braucht er nit."
Der da draußen schien die Geduld zu verlieren. "Sei doch verständig,
Mädel! Ich will Deinen Vater warnen."
"Der ist kein Treuloser und Unsichtbarer."
"Bei Christi Leiden! Da steh ich in der Nacht und spiel um mein Leben,
weil er Dein Vater ist!"
"Kannst Du spielen um Dein Leben, so wird es so viel nit wert sein."
Ein zerbissener Laut der Sorge. Dann ein wunderlich wehes Auflachen. "Tust
Du Dich fürchten? Vor mir?"
"Fürchten? Weil auf heiligen Kirchgang Deine Augen mich beschimpft
haben? So bist Du. Fürchten tu ich Dich nit." Die Türkette klirrte,
und Luisa trat in die Nacht hinaus. Mit der Linken hielt sie die Türe fest,
damit der Schnee nicht hineinwehen möchte in den Flur, mit der Rechten
hob sie die Laterne.
Das Licht umglänzte einen Sechsundzwanzigjährigen in verschneiter
Jägertracht. Ein junger blonder Bart umkrauste das feste, kühne Gesicht,
das so braun von der Sommersonne war, dass drei Wintermonate diese Wangen nicht
hatten bleichen können. Wie hundert kleine silberne Mücken flogen
die beglänzten Schneeflocken um sein im Winde wehendes Haar und um die
weit geöffneten Augen, in denen Sorge und Sehnsucht brannten.
Die beiden schwiegen eine Sekunde lang. Dann die strenge Mädchenstimme:
"Du bist das Licht nit wert. Es hilft Dir lügen und macht Dich anders
als Du bist! Man hat mir gesagt, Du wärst ein Unsichtbarer, wenn die Sonn
am Himmel scheint. Da bleib Du auch unsichtbar in der Finsternis!"
Das Licht erlosch. Nur noch ein schwarzer Schatten stand in dem weißen
Gestöber, und die ernste Jünglingsstimme klagte: "Bist du ein
lebiges Ding mit warmem Blut? Du bist wie zur Winterszeit ein kalter Stein in
Deiner Kirch!" Ohne zu antworten, wollte Luisa zurücktreten in den
Flur. Da sprang er auf sie zu, umklammerte mit seiner Stahlfaust ihren Arm,
hielt sie fest, wie heftig sie sich auch wehrte, zog sie so dicht an seine Brust
heran, dass sie seinen heißen Atem empfand, und flüsterte: "Willst
du Deinem Vater die Hausruh wahren, so sag ihm: 'Es ist ein heilig Ding, da
wird ein Messer durchgestoßen, noch heut in der Nacht!' Er drehte das
Gesicht, als hätte er ein Geräusch gehört. Da draußen,
im Dunkel, beim Leuthaus drüben, glomm es wie ein matter, gaukelnder Lichtschein
auf. Kaum erkennbar war es. Doch die Nacht gewohnten Augen des Jägers erkannten,
was da kam. "Hinauf! Zu Deinem Vater!" Mit Sätzen, wie ein gehetzter
Hirsch sie macht, verschwand er.
Luisa stand im weißen Gewirbel. Nun war die Sus bei ihr und zog sie in
den Flur zurück, verriegelte die Tür, gebärdete sich wie eine
Verstörte und bettelte: "Tu nit Zeit verlieren! Das musst Du dem guten
Herren sagen! Und tust Du's nit, so spring ich selber hinauf -"
Die Stimme der Magd war so laut geworden, dass man sie droben vernommen hatte.
Niklaus kam aus der Tür gesprungen und rief über das Geländer:
"Was ist da drunten?"
"Ich komm, Vater!" Luisa huschte über die Treppe hinauf. "Einer
hat gepocht an der Haustür -" Ein kurzes Zögern. "ich mein',
es ist von den Söhnen des Mälzmeisters Raurisser der Älteste
gewesen, der Leupolt."
"Sag's doch!", klang die angstvolle Stimme der Magd. "So sag's
doch dem guten Herrn!"
Der Name, den Luisa genannt hatte, und die Mahnworte der Magd schienen den
Meister in Sorge zu versetzen. Er zog die Tochter über die Stubenschwelle
und verschloss die Tür. Auch im Blick der beiden andern war Unruh. "So
red doch, Kind! Was ist mit dem Leupolt?"
"Das ist ein sündhafter und schlechter Mensch."
"Der Leupold?", fragte Pfarrer Ludwig verwundert. "Den prächtigen
Buben kenn ich seit den Kinderschuhen."
"Er hat gottferne Augen und hat unsittig zu mir geredet."
Niklaus wurde ungeduldig. "Red doch, Kind! Was hat er gesagt?" Er
meinte: Jetzt, an der Haustür.
Luisa dachte an den sündhaft gewordenen Dreikönigstag. "Auf
heiligem Kirchgang hat er zu mir gesagt: Ich tät ihm gefallen."
Aus Simeons Gesicht verschwand die Ängstlichkeit, und Pfarrer Ludwig begann
zu lachen. "Was für eine Zeit ist das! Ein junges Mädel! Und
hält es für gottwidrig, wenn sie einem festen Buben gefällt!
Alle Natur verdreht sich in Unvernunft. Jedes Wörtl wird überspreizt.
Keiner redet mehr, wie es menschlich wär und wie Herz und Blut es begehren
müssten. Alles wird aufgeblasen. Jeder lustige Erdenfloh muss sich verwandeln
in einen Höllendrachen."
Auch Meister Niklaus schien aufzuatmen. "Und da ist der junge Raurisser
zur Haustür gekommen? Weil er gern mit Dir einen Heimgart gehalten hätt?"
Ein Zornblick funkelte in Luisas Augen. "Das nit. Ich hätt es ihm
auch nit verstattet. Er hat sich frech und unnütz aufgespielt. Du bist,
wie Du bist, Vater! Da braucht nit einer warnen. Und braucht nit sagen: 'Für
Deinen Vater spiel ich um mein Leben.' Und muss nit sagen: 'Es ist ein heilig
Ding, da wird ein Messer durchgestoßen, noch heut in der Nacht.'"
Über die Stirn des Meisters ging ein Erblassen, und Lewitter machte eine
erschrockene Handbewegung gegen das Schachbrett hin, während Niklaus stammelte:
"Kind! Warum hast Du denn das nit gleich gesagt?"
Luisas Stimme bekam einen fremden Klang. "Vater? Ist Dein Gewissen nit
rein vor Gott?"
Zur Antwort blieb dem Meister keine Zeit mehr. Lärmende Rufe im Sturm
der Nacht, dröhnende Schläge an der Haustür, ein dumpfes Krachen,
Gesplitter von Holz und das gellende Angstgeschrei der Magd. Als der Meister
die Stubentür aufriss, hörte man im Flur befehlen: "Ein Vigilant
zur Haustür! Einer in loco jujus vor das Kuchlmensch! Einer hat Vigilanz
bei der Stieg! Die drei anderen mit mir! Citissime!"
Heiter tätschelte Pfarrer Ludwig die Schulter des vor Schreck wie zu Stein
geworden Mädchens: "Fein, Luisichen! Kindlich über alle Maßen!
Den Vater ins Rattenloch bringen! So hat's Dein heiliger Gott den Kindern befohlen!
Viertes Gebot!"
Mit erwürgtem Aufschrei jagte Luisa zur Stubentür. Kaum hatte sie
dem Tisch den Rücken gewandt, da riss Lewitter unter dem Schachbrett das
hebräisch beschriebene Blatt und ein anderes hervor, das zwischen enger
Schrift einen Holzschnitt zeigte - ein Blatt aus dem Nürnberger Sendschreiben
des vor achtundvierzig Jahren aus Berchtesgaden ausgetriebenen evangelischen
Bergmannes Josef Schaitberger. Hurtig quetschte Simeon die Blätter in zwei
kleine Knäuel zusammen, die er verschlingen wollte.
"Halt, Bruderherz!" Pfarrer Ludwig riss ihm die Knäuel vom Mund
weg. "Papier ist untauglich für einen Menschenmagen. Gib her! Ich
hab ein gutkatholisches Versteck." Während die große Warze tanzte,
zerrte der Pfarrer die Bäffchen vom mageren Hals weg und ließ hinter
ihnen die zwei Papierknäuel verschwinden. "So! Gleich mit dem ersten
Ruck ist Dein Spinoza und des Niklaus Schaitbergischer Sendbrief hinuntergerutscht
bis in die Magengrub. Außerhalb der Gedärm ist's weniger ungesund."
Zu diesem heiteren Flüsterworten klangen vom Stiegenflur die aufgeregten
Fragen des Meisters, das Weinen der Magd, die Stimmen und das Schrittgetrampel
der Soldaten Gottes.
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