Kapitel 1
Mit rotem Laub, in der klaren Sonne, standen die herbstlichen Ulmen und
Buchen rings um das kleine Blockhaus her und sperrten mit dem Netzwerk ihrer
tausend Äste und dem Flammengewirr der farbigen Blätter alle Fernsicht. Man
sah nur den blauen Himmel in der Höhe, in weiter Runde nur die weißen Spitzen
der Berge.
Über jene steilen Zinnen war, ein Vorbote des nahenden Winters, schon
der erste Schnee gefallen, während auf den tieferen Gehängen noch die letzten
Blumen des Herbstes blühten. Der kalte Nachtreif hatte die zarten Spitzen ihrer
Blätter schon versengt, doch in ihren Kelchen war noch Honig. Die Bienen, deren
Stöcke unter dem vorspringenden Moosdach des Blockhauses geborgen standen,
flogen emsig ab und zu. Dieser stete Immensang, gepaart mit dem Murmeln eines
dünn laufenden Brunnens, umschwebte wie leise Musik das niedere Dach und alle
Balkenmauern des kleinen, grau verwitterten Hauses, welches einsam stand,
menschenferne, versunken im Bergwald.
Das Haus eines Jägers. Neben dem Brunnen waren Wildfelle zum Trocknen über
Stangen gespreizt, und über der Türe, zu beiden Seiten eines hölzernen
Kreuzes, waren gebleichte Luchsköpfe und Bärenhäupter an die Balken genagelt.
Vor der steinernen Schwelle lag ein weiß und braun gefleckter Jagdhund in der
Sonne; blinzelnd und mit den Ohrlappen zuckend, hielt er in Wohlbehangen den
Hals auf die vorgestreckten Pfoten geschmiegt; manchmal hob er den Kopf, spähte
funkelnden Blickes in den Wald, als hätte er den Tritt eines ziehenden Wildes
vernommen, und blickte zu der alten Frau empor, die spinnend auf der Hausbank
saß. Die Greisin achtete des Hundes nicht. Sie spann und spann, mit
vorgebeugtem Haupt, so dass ihr die grauen Zöpfe über die Brust hingen. Faltig
umschloss eine Kutte aus blauem Hanftuch den von Alter gebeugten Leib. Das
Gewand ließ die hageren Arme nackt, und während die eine Hand den halb schon
abgesponnenen Rocken hielt, zog die andere ohne Rast den Faden und ließ in der
Luft die schwere Spindel tanzen.
Da klang über dem Moosdach ein ächzender Vogelschrei und lautes Flattern.
Langsam blickte die Greisin auf und sah einen Habicht mit der weißen Taube, die
er geschlagen, im Wald verschwinden. ”So fliegt der Tod um und frisst uns
auf!”
Als wollte das atmende Leben diesem trübseligen Worte widersprechen, tönte
in diesem Augenblick, vom spielenden Wildhauch halb verweht und doch getragen,
der klare Hall einer singenden Mädchenstimme vom höheren Wald herunter, jeder
Laut das Zeugnis einer Herzensfreude, die sich äußern muss, weil ihr die Brust
zu eng geworden.
Die Greisin hob lauschend das Gesicht. ”Dass die noch singen kann?”
Da ließ sich Geräusch im Haus vernehmen. ”So, Herr! Und jetzt das
Schießzeug noch!”, sagte eine Männerstimme. ”Die Bolzen sind
geschärft und neu gefiedert, sie fliegen über hundert Gäng. Nur gut
hinhalten! Und denk, dass der Hirsch im Zwielicht allweil näher steht, als
wie's den Anschein hat. Wenn du gut acht hast auf alles, mag's wohl gelingen,
dass du einen weidgerechten Schuss tust.”
”Den Schuss ins Herz, oder keinen!”, erwiderte eine jugendliche
Stimme von so versunkenem Klang, wie eine Glocke tönt, an die man sacht mit der
Hand geschlagen.
Schwere Tritte kamen zur Tür, und Hilpot, der alte Jäger, trat über die
Schwelle. Sein furchiges Gesicht versank in dem grauen Bart, der mit dem
struppigen Haar in eins verwuchs und gleich einer gestutzten Mähne den Kopf
umstarrte. Vom Fuchsfell, mit dem die stämmigen Beine umschnürt waren, hingen
zerrissene Lappen nieder, und das ärmellose Lederwams war schwarz und brüchig.
Eine klobige, schwer gebeugte Gestalt, verwittert vom Winter, vom Sturm der
Berge, verwildert in der Einsamkeit. Vor dreißig Jahren hatte Hilpot und Hanna,
seinem Weib, dieses im Wald verlorene Haus bezogen. Weil das Waldgeräumte, auf
dem es stand, sich von allen Gehängen des Göhl am weitesten hervor schob,
nannten es die Leute das ”Vorder Eck”. Und seit dreißig Jahren
hütete Hilpot die Gämsen und Hirsche, die in reicher Zahl die Felsen und
Wälder des hohen Göhl bewohnten, dessen Wildbann einst der Kaiser Rotbart dem
ungetreuen Bischof von Salzburg abgenommen und dem kaisertreuen Kloster zu
Berchtesgaden verliehen hatte. In diesen dreißig Jahren war Hilpot nur ins Tal
hinunter gestiegen, wenn er an hohen Kirchentagen die Messe hören musste, oder
wenn es einen Hirsch, der für Hilpots Söhne zu gewichtig war, in die
Klosterküche zu liefern galt - oder wenn er von seinen Buben einen auf dem
Totenbrett hinunter tragen musste zur geweihten Erde. Sechsmal in diesen dreißig
Jahren hatte Hilpot solche Last getragen. Das hatte mitgeholfen, um seinen
Rücken so tief zu krümmen.
Eine Weile stand er auf der Schwelle und spähte nach allen Seiten. Dann trat
er ein paar Schritte in das Gehöft hinaus. Hanna blickte zu ihm au fund sagte:
”Der Stößer hat uns das letzte Täubl davon. Du Jäger, du! Hütest für
ander Leut das Gewild und kannst deine eigene Taub nit hüten.” Sie nickte.
”Solche Jägersleut sind wir Menschen all miteinand!” Hilpot schien
nicht zu hören. Lauschend spähte er über den Waldsaum hin und rief dann gegen
die Tür: ”Komm nur, Herr! Nur die Mutter, sonst ist keine Menschenseel in
der Näh. Der Forst ist völlig still, nur droben in der Waldhut, neben dem
Gotteslehen, hört man das arme Mädel singen.”
Im Rahmen der Tür erschien eine hohe Gestalt, ein junger Jäger, der eben
die Armbrust hinter die Schulter nahm. Er war gekleidet wie der Alte, nur dass
das Gewand nicht so verwittert und verbraucht war. Dazu die Marderkappe mit der
Adlerfeder. Das Wams zog Falten, als wäre es nicht für diesen schlanken
Körper geschnitten worden. Und die schmalen Hände, wie auch die nackten Knie
waren weiß, als hätten sie die Sonne nicht oft gesehen. Nur wenig lugte das
kurz geschnittene Schwarzhaar unter dem Pelz der Mütze hervor. auf den bleichen
Wangen lag ein bläulicher Schimmer. Wie fein und scharf in diesem Gesicht alle
Züge! Die streng geschwungenen Lippen geschlossen wie in trotzigem Schweigen,
das die Rede hasst. Doch ungestüme Sprache leuchtete aus der Nacht dieser
großen Augen, über denen die schwarzen Brauen wie mit Kohle gezeichnet waren.
Der Jagdhund erhob sich beim Anblick des jungen Weidmanns und knurrte, als
stünde ein Fremder vor ihm. Mit zischendem Laut wies Hilpot das mürrische Tier
unter die Hausbank und näherte sich mit ehrfürchtiger Scheu. ”Die Weg
verlieren sich im Wald. Soll ich dich nit geleiten, Herr?”
Der andere schüttelte den Kopf. ”Ich will nicht, dass du Mühe hast um
meinetwegen.” Ein bitteres Lächeln zuckte um seinen Mund. ”Man
könnte sie dir übel lohnen. Ich danke dir schon den einen Dienst, den du mir
bietest gegen deine Pflicht.” Den Bergstock fassend, den Hilpot ihm
reichte, trat er aus dem Schatten der Tür in die leuchtende Abendsonne. Bei den
letzten Worten, die er gesprochen, hatte die alte Frau einen ernsten Blick auf
ihren Mann geworfen. Nun wollte sie den Rocken niederlegen und sich aufrichten.
Der junge Jäger winkte mit der Hand. ”Bleib, Mutter Hanna! Deine Jahre
wollen rasten.” Die alte Frau nickte wortlos vor sich hin und brachte die
Spindel wieder in Schwung. Der andere stand vor ihr und betrachtete eine Weile
sinnend ihre Züge. Dann sagte er: ”Deine Spindel ist heute schwer
geworden. Gibt das ein Kleid zur Weihnacht?”
”Nein, Herr! Ein Hemd für meinen Buben. Für den letzten, den ich hab.
Derweil ich spinn, muss ich allweil sinnen, ob er das neue Hemd wohl tragen wird
zur warmen Hochzeit oder zur kalten Freit? Ja, Herr, ich hab viel gesponnen,
derzeit ich leb. Für sieben Buben. Sechs von ihnen haben mein schönes Leinen
hinunter getragen, mannstief unter den Wasen.” Hanna zog den Faden, während
Hilpot seufzend das graue Haar mit beiden Händen in die Stirne strich.
”Klag nicht um die Toten, Mutter! Denen ist wohl!”, sagte der junge
Jäger. ”Freu dich an dem einen, der euch geblieben ist.”
Hanna neigte die Finger. ”Was ist Freud, Herr? Was ist Weh? Schier weiß
ich's nimmer. Es ist mir so gekommen mit der Zeit, dass ich Weh und Freuden
allweil spür, als wär's ein gleiches.”
”Dann bist du eine weise Frau.” Der junge Jäger atmete tief.
”Das Leben halten auf ruhiger Hand? Schmerz und Wonne wie ein gleiches
wägen? Seit ich denke, quält ich mich um diese Kunst.”
Ein halbes Lächeln glitt um die welken Lippen der alten Frau. ”Hab nur
Geduld, Herr! Du stehst noch in der unrechten Lehr. Wieviel Jährlen hast du
über die zwanzig? Schau nur, schau! Der warme, grüne Mai will es dem Winter
neiden, dass er weiß und kalt ist.” Nickend sah sie an der hohen Gestalt
des jungen Mannes hinauf. Ihre Augen blieben an seinem ledernen Wamse haften.
”Das hat mein ältester Bub getragen am selbigen Tag, an dem der Baum ihn
erschlagen hat.”
Hilpot winkte seinem Weib, als wär' es ihm unlieb, dass Hanna solche Dinge
schwatzte; und ein Blick seiner scheuen Augen streifte das bleiche Gesicht des
jungen Jägers.
Der lächelte. ”Ich danke dir, Hanna, für dieses Wort! Es gibt mir für
meinen einsamen Weg einen stillen Gesellen, mit dem sich's plaudern lässt, ohne
dass ich reden muss.” Er nickte grüßend, und seine Stimme klang
freundlicher. ”Gehab dich wohl, gute Mutter! Dir zuliebe möcht ich
wünschen, du hättest deinen Buben noch und ein anderer läge, wo der Baum
gefallen ist. Dann wäre zweien geholfen.” Er wandte sich ab und schritt
den Bäumen zu.
Da trug der Abendwind den lieblichen Hall jener singenden Mädchenstimme
über den gold leuchtenden Wald herunter, deutlicher als zuvor. Man konnte die
Worte verstehen:
”Es lachet um und um der Wald,
Es blumet auf der grünen Hald,
Und nieder zu den Auen
Steigen die Maiden und Frauen.”
Der junge Jäger verhielt den Schritt und lauschte, während Hilpot zur
Hausbank trat und seinem Weib zuflüsterte: ”Weswegen hast du's ihm sagen
müssen? Jetzt wird er über die schiechen Wänd ein ungutes Steigen haben, weil
er allweil denken muss, er tragt einen Kittel, in dem schon einer verbluten hat
müssen. Es hat ihm kein anderes Wamset passen mögen. So schlachtig und hoch
ist er gewachsen. Und mein altes Schmierzeug kann ich doch so einem Herren nit
umhängen. Schau, Mutter, hättst es ihm doch verschweigen sollen!” Hanna
erwiderte kein Wort. Sie netzte die Finger und spann. ”Was hat er denn
sagen wollen mit dem stillen Gesellen?”, flüsterte Hilpot. ”Wen hat
er gemeint?”
”Den Tod.”
Der Alte schüttelte den grauen Kopf. ”Geh, Mutter! So ein junges Blut?
Und soll einen Gesellen suchen, vor dem alles ein Grausen hat, was lebt?”
”Du bist mir einer!” Hanna zog den Faden lang und lächelte.
”Sechsmal hast du den Tod schon getragen auf deinem Buckel. Und noch
allweil hast du ein Grausen vor ihm? Ein matter Seufzer schwellte die Brust der
Greisin. ”Mir grauset nimmer. So oft ich denk an ihn, seh ich allweil nur
ein Gesichtl, das mir lieb ist.”
Mit dem müden Geflüster der alten Frau vermischte sich der helle,
jugendfrohe Klang des Liedes, das über die leis bewegten, leuchtenden Wipfel
heruntertönte:
”Gegangen kommet Paar um Paar,
Und Blumen tragen all im Haar.
Sie heben an zu singen
Und schlingen
Den lieblichen Reien,
Und preisen all den Maien:
Huliadei!
Sei willkommen, süßer Mai!”
Der jubelnde Laut verschwamm im wachsenden Wehen des Abendwindes und ging
unter im Rauschen des Waldes, wie eine Kinderstimme versinkt, wenn raue Männer
zu reden beginnen. Aus seinem Lauschen erwachend, blickte der junge Jäger auf.
Sein Gesicht hatte sich warm gerötet. Oder war es nur die Glut des Abends,
deren Widerschein auf seinen bleichen Wangen lag? Er deutete auf einen Pfad, der
empor führte gegen die Waldhöhe, von der das Lied geklungen, und über die
Schulter blickend, fragte er: ”Geht hier mein Weg?”
”Nein, Herr!”, erwiderte Hilpot. ”Das Steigl führet hinauf
zum Gotteslehen. Den Weg zur Linken musst du nehmen.”
Der Jäger folgte dem schmalen Pfad, auf den der Alte ihn
gewiesen hatte und verschwand im farbigen Schatten des Waldes. Da klang aus der
Schlucht, zu der die talwärts sinkenden Waldgehänge sich verengten, ein heller
Jauchzer. Betroffen blickte Hilpot auf, und halb in Freude und halb verwundert
wandte er sich zu seinem Weib. ”Hörst du ihn, Mutter?”
Hanna nickte. ”Unser Bub!”
”Was kann ihn heraufführen, jetzt, wo er
Falkendienst haben muss einen Tag um den andern? Was meinst du, dass er
bringt?”
”Eine Sorg! Was sonst? Mit der Freud werden die
Kinder allweil selber fertig. Da brauchen sie nit zu Vater und Mutter
laufen.”
Eine kurze Weile, und unter den Bäumen trat ein junger
Bursch hervor, stämmig und gesund, ohne viel Gedanken im harmlosen Blick der
blauen Augen, doch mit der Farbe lachender Jugend auf den Wangen, um die sich
das Blondhaar ringelte. Er trug das bunte Falknerkleid, das über die Brust
herunter in der Farbe geteilt war, zur Hälfte rot und zur Hälfte grün. Der
spielende Wind rollte ihm das gezaddelte Tuch der langen Schlitzärmel um die
Hüften und machte die Strähne seines Haares wehen. auf der linken Faust, die
in grobem Handschuh steckte, trug er einen isländischen Weißfalken, dem der
Kopf mit der Falkenhaube bedeckt und die Schwingen mit der hirschledernen
Kreuzfessel gebunden waren, so dass er keine Feder bewegen konnte. Als Hilpot
den Falken sah, wusste er gleich, weshalb der Bub aus dem Tal heraufgestiegen
war. ”Tu dich nimmer sorgen, Mutter,” sagte er, ”ich denk, der
Falk hat eine Wann gebrochen, die ich spulen muss.”
Mutter Hanna atmete auf, während Hilpot seinem Buben
entgegen ging, den der Hund mit freudigem Gebell umsprang. ”Gottes Gruß,
Reinold!”, sagte der Alte und bot seinem Buben die Hand. ”Tust du dich
auch wieder einmal anschauen lassen bei uns daheim?”
Reinhold konnte den Gruß nicht erwidern, denn der Falke,
den das Gebell des Hundes unruhig machte, zerrte mit den gebundenen Schwingen an
der Fessel. Scheltend jagte Reinold den Hund zurück, nahm die Schwanenfeder vom
Käppl und strich sie dem Falken ein paar mal schmeichelnd über den Rücken.
Das schien dem Vogel wohl zu tun. Er wurde ruhig. Verschnaufend nickte Reinold
seinem Vater zu. ”Da schau, was ich bring! Mit dem hat mich der Herr
heraufgeschickt zu dir, weil keiner das Spulen so gut versteht wie du.”
”Hat er eine Wann gebrochen?” Hilpot nahm seinem
Buben den Falken von der Faust.
”Wenn's nur eine wär! Zwei Wannen sind wurzab, und
die dritte hat eine Letz gekriegt. Wie der Herr den Falken so gefunden hat, ist
ihm das Weinen nah gewesen.” Reinold wischte mit dem Ärmel über die
Stirn. Der rasche und steile Aufstieg hatte ihm warm gemacht. ”Ich sag
dir's, Vater, wenn du die Wann nimmer spulen kannst, so kriegen wir Trauerzeit
im Kloster und sehen bei unserem Herren kein Lachen nimmer, wer weiß wie
lang!” Reinold zog die beiden Daumen ein und spuckte über die Schulter, um
das gefürchtete Unheil zu beschwören. Dann ging er auf die Mutter zu.
”Grüß dich! Hast du allweil gute Zeiten?”
”Wie's der Tag bringt und nimmt.” Hanna legte
die Spindel in den Schoß und fasste Reinolds Hand. Matte Röte stieg ihr in die
verhärmten Wangen, als sie ihren Buben, den letzten von sieben, so vor sich
stehen sah in lachender Jugend, strotzend von Gesundheit. ”Und du? Wie
geht's dir?”
”Allweil gut! Bei einem Herren, der die Falken lieb
hat, haben die Falkner sieben Feiertäg in jeder Woch. Und Wein und Met und
Mahlzeiten, dass man auseinand geht wie Hefenteig in der Wärm.” Er schlug
sich lachend mit den Fäusten auf die Rippen und wandte sich an den Vater, der
den Falken zur Hausbank trug. ”Was sagst du?”
”Ein Falk, wie ich meiner Lebtag keinen zweiten
gesehen hab, so schön und stark und stolz! Ich kann's deinem Herrn nachspüren,
dass ihm der Vogel wie sein Leben gilt. Schau her, Mutter,” auf der Faust
hielt der Alte seinem Weib den Falken hin, ”hätten wir den Haufen Gold,
den der da gekostet hat, wir wären reiche Leut. Hundert Heimwesen wie das unsrige
könntest du kaufen dafür, und es tät dir noch allweil ein Herrengut
übrig bleiben.” Hilpot ließ sich auf die Hausbank nieder, nahm den Falken
auf den Schoß, löste ihm die Kreuzfessel und begann die gebrochenen
Schwungfedern zu untersuchen. Um den Flaken bei Ruhe zu erhalten, streichelte
ihm Reinold mit der Schwanenfeder den Rücken und plauderte dazu. Den Falken,
erzählte er, hätte Herr Friedrich, der Propst zu Berchtesgaden, auf billige
Weis erworben. ”Wie unser Kloster in alter Kaisertreu nach dem Fall des
Welfenfürsten Otto dem jungen Herren im deutschen Reich die Huldigung schickte,
hat der neue Kaiser unsere Stiftsherren gefragt: Wie heißt eurer Propst? Und
wie sie ihm gesagt haben: Friedrich, wie du! Da hat der junge Kaiser gemeint:
Wer Friedrich heißt, den müssen die Falken lieb sein, so wie mir! Und gut
getroffen hat er's.” Reinold lachte. ”Die Stiftsherren haben ihm sagen
können, dass es für unseren Fürsten liebere Kurzweil nimmer gäb, als Beiz
und Federspiel. Und da hat der Kaiser, um dem Kloster alle Treu zu lohnen,
unserem Propst den schönsten Eisländer aus seinem Falkenhof geschickt.”
”Den hat der Kaiser schon auf der Hand
getragen?”, fragte Mutter Hanna. ”Der Kaiser?”
Seltsam hörte das Wort sich an, auf diesen welken Lippen,
und hier, in der Öde des Waldes, in diesem verlorenen Winkel der Berge. Weit
draußen in der Ferne ging das wirre Leben einer stürmischen Zeit seinen
eisernen Schritt, und nur selten brandete eine schon halb verrauschte Welle
seines Lärmes in die verborgenen, von himmelhohen Felsen umschützen Täler.
Ein Wort aber hat zu allen Zeiten seinen Weg auch zur entlegensten Hütte
gefunden, wenn deutsche Herzen unter ihrem Dache schlugen.
”Der Kaiser!”
”Ja, Mutter!”
”Der mit dem roten Bart?”
”Aber Mutter! Der Rotbart ist doch lang schon
tot.”
”Tot?” Sinnend schwieg Mutter Hanna.
Da sagte Hilpot: ”Droben der Gotteslechner meint, das
wär eine Lug. Der Kaiser Rotbart tät noch allweil leben. Dass er gestorben
wär und im Judenland versunken in einem reißenden Wasser, das täten nur die
anderen sagen, die Schiechen, die den Unfried machen in der Welt. Die sollten
nur Acht haben, meint der Gotteslechner. Eh die schiechen Unfrieder sich
umschauen, wär der alte Kaiser wieder im Land und tät die guten Zeiten wieder
aufrichten und jedem geben, was sein Recht ist.”
”Geh, Vater, das ist unsinniges Gered. So was müssen
doch wir im Kloster wissen. Seit der alte Rotbart tot ist, haben wir schon den
dritten Kaiser im Land. Aber ich weiß schon, wie die Leut reden. Droben der
Gotteslechner sagt: der Rotbart. Und drunten im Tal die bäurischen
Dickschädel, die das rechte Frommsein noch allweil nit lernen wollen, die
sagen: der König Wute im Untersberg. Jeder möcht, dass einer Käm und tät ihm
helfen wider den Klosterzins. Und der Gotteslechner?” Mit einem Seufzer
spähte Reinold gegen den höheren Wald empor. ”Wenn der auf einen Helfer denkt, ich mein', der wird seine guten Gründ haben.”
Hilpot, der auf das Geplauder seines Buben nur halb
geachtet hatte, erhob sich und setzte den Falken auf Reinolds Arm. ”Ich
spul ihm die Wannen wieder und mach ihn wieder heil zum hohen Flug, dass
unser Herr seine Freud dran haben soll.” Er trat in die Hütte.
Freudensröte schlug über Reinolds Wangen. Er wusste,
dass ihm klingender Dank bevorstand, wenn er den verletzten Falken wieder
flugfähig hinunterbrachte ins Kloster.
Da fragte Mutter Hanna in Unruh: ”Was hast du sagen
wollen vom Gotteslechner?”
Reinold zögerte mit der Antwort. ”Ich fürcht, der
Gotteslechner ist Freibauer gewesen die längste Zeit. Morgen kommen sie und
büßen ihn um den Albenzins, als ob er ein höriger Bauer wär.”
”Der wird sich wehren.”
”Wie lang? Er sollt ein Einsehen haben.” Mit
scheuem Ernst, als ginge ihm das Schicksal nahe, das dem Gotteslechner
bevorstand, blickte Reinold wieder zur Höhe hinauf, um deren Wipfel das Gold
des Abends in leuchtenden Wogen brandete. ”Mutter? Wenn ich hinaufspringen
tät und gäb ihm heimlich eine gute Red, dass er sich fürsehen möcht?”
Erschrocken umklammerte sie Reinolds Arm. ”Bub! Bist
du gescheit? Willst du reden gegen deine Herrenleut? Tu deiner alten Mutter die
Lieb und lass deine Händ von aller fremden Sorg! Schau lieber, dass dir selber
kein widriges Steinl auf dienen jungen Weg fallt.” Sie erhob sich, und
leise Worte murmelnd, bekreuzte sie ihm die Stirne und den Mund.
”Der Gotteslechner möcht wohl den Schnabel halten,
wenn ich ihn warnen tät. Ich steh in linder Gunst bei meinem Herrn. Was könnt
den Übles kommen über mich?”
”Was über den lieben Tag kommt, wenn die Sonn
versinkt. Und was ich fürchten muss bei Licht und Finsternis, wenn ich denk,
dass ich sechs verloren hab und du der letzte bist.”
”Geh doch, Mutter!” Ein Schauer rann über
Reinolds Schultern. Dann reckte er lächelnd die jungen Glieder, hob den Falken
hoch und schüttelte das Blondhaar. ”Was tust du dich allweil sorgen? Ich
leb doch und lach.”
Kalter Schatten fiel über Gehöft und Hütte. Die Sonne
war über die Wälder nieder getaucht, und nur um die Höhe, auf der das
Gotteslehen stand, und um die beschneiten Berggipfel schimmerte noch der rote
Glanz. Verschwommen hörte man die singende Mädchenstimme. Lauschend blickte
Reinold auf. ”Hörst du, Mutter? Sie singt.” Sein blick begegnete dem
ihren, und da wurde er verlegen. ”Warum soll ich's hehlen? Was tät mich
der Gotteslechner kümmern! Aber mir bangt um das liebe Mädel!”
”Lieb und gut, ja, Bub, das ist sie. aber kannst du
ihr helfen?” Hanna legte den Arm um Reinolds Schulter. ”Sei gescheit,
Bub! Du hast lichte Augen, such dir eine lichte Freud!”
Reinold schwieg.
Zärtlich rüttelte ihn die Mutter. ”Bleib daheim und
schau dem Vater zu, wie er dem Falk die Wannen spult. Da lernst du was! Und
essen und trinken musst du auch. Hast du Hunger, Büebli?”
Reinold lachte schon wieder. ”Allweil, Mutter!”
”Sollst was haben!”, nickte sie ihm zu. Als sie
zur Tür gehen wollte, hörte man von der steilen Waldhöhe den polternden Fall
von Steinen. Im gleichen Augenblick trat Hilpot aus der Hütte.
”Sell droben steigt einer umeinand,” meinte
Reinold, ”da kriegen wir noch einen Haingart auf den Abend.
Der Alte schüttelte den Kopf, nahm den Falken und setzte
sich auf die Hausbank.
”Der kommt nit, Bub,” sagte Mutter Hanna auf der
Schwelle, ”heut nimmer, aber morgen wieder, wenn er müd ist von der
heimlichen Pirsch, zu der ihn der Vater gewandet hat.”
Reinold schien zu erraten, von wem die Rede war.
Erschrocken stammelte er: ”Vater! Wenn sie's merken drunten? Sie büßen
dich, weil du ihm hilfst.”
Der Alte schwieg.
Mutter Hanna trat mit schwerem Seufzer in die Hütte.
”Sie suchen ihn drunten schon seit dem Morgen,”
flüsterte Reinold dem Alten hastig zu, ”und wenn sie's ausspüren, dass du
ihm wieder geholfen hast, das könnt schief ausfallen. Keiner im Kloster mag ihn
leiden, alle Herren stehen im Zorn wider ihn.”
Hilpot nickte. ”Mir ist er lieb. Er hat Jägerblut.
Und geh's, wie's mag, ich muss ihm zu Willen sein. Er hat mir's angetan mit
seinen Glutaugen. Dem seine Seel ist kerzengerad gewachsen. Wenn ihn die anderen
schelten, tun sie's bloß, weil er besser ist als sie. Aber komm, Bub, tu mir
helfen und leg den Falken in Zwang.”
Scheu blickte Reinold noch einmal über den Waldhang
hinauf. Dann trat er zum Vater, fasste mit kundigem Griff den Falken an beiden
Fängen und schwang ihn, dass der Vogel mit dem Rücken auf Hilpots Schoß zu
liegen kam. Der Falke flatterte und wollte sich wehren. Reinold gab ihm den
Daumen und den kleinen Finger zwischen die greifenden Fänge und presste ihm die
drei Mittelfinger auf die Brust; nun lag der Vogel, ohne sich zu regen, nur die
Spitzen der gespreizten Schwingen zitterten leise. Hilpot lächelte. ”Recht
so, Bub! Das Zwingen hast du mir gut abgeschaut. Und jetzt pass auf, das
richtige Spulen musst du noch lernen!” Mit bedächtiger Ruhe begann er an
den gebrochenen Schwungfedern das Heilwerk, das in der ganzen Falknerei des
Klosters keiner so sicher zu üben wusste, wie der alte Hilpot.
Den Falken mit pressender Hand im Zwang erhaltend, kauerte
sich Reinold auf die Erde nieder. In stummer Achtsamkeit verfolgte er jeden
Handgriff des Vaters, der mit scharfem Messer eine der geknickten Schwungfedern
an der Bruchstelle entzweischnitt und die beiden Teile der Federspule mit schief
geschnittenen Rändern wieder aneinander fügte, indem er eine leichte, mit Wachs
überzogene Stahlnadel als Halt in das Innere der Spule schob.
”Gleich drei Wannen auf einmal!”, sagte Hilpot,
während er einen haarfeinen Leinenzwirn in eine dünne Nähnadel fasste und den
Faden, um ihn zäher zu machen, mehrmals durch einen geschmeidigen Harzbrocken
zog. ”Das ist viel, Bub! Wie ist denn das Unglück geschehen!”
”Wie's geschehen ist, weiß ich nit. Ich bin erst
dazu gekommen, wie Herr Friedrich den Falken schon wieder auf der Faust gehabt
hat. Und du kannst mir's glauben: Vor Kummer über seinen Liebling sind dem
Herrn die Tränen im Aug gestanden. Wer hätt auch denken mögen, dass die
heutige Freud ein so trauriges End nimmt? Die ganzen Wochen her, derweil der
Falk in der Mauser war, ist der Herr all Tag ein paar Mal in die Falkenstub
gekommen und ist vor der Stang gestanden, als hätt er drauf warten können,
dass dem Falk ein Federl wachst. Vorgestern hat unser Meister ihm melden können,
dass der Eisländer ausgemausert hat und wieder fertig ist zum Flug. In der
ersten Freud hat der Herr für heut im Untersteiner Moor auf Reiher und wilde
Schwän ein großes Beizen angesagt. In der Nacht noch haben wir hinaus reiten
müssen zu den Grenzburgen und die Burgherren und Frauen laden. Die frommen
Schwestern im neuen Klösterl haben Verlaub erhalten, dass sie mitreiten
dürfen. Gestern auf dem Abend sind von Salzburg die fahrenden Leut gekommen,
ein ganzer Haufen, und drei ritterliche Singer sind im Kloster abgestiegen,
jeder mit seinem Falken und seinem Spielmann. Da hat's im Refektori ein
Liedersingen und eine Kurzweil abgesetzt, dass der Bruder Glöckner aufs
Mettenläuten vergessen hat. Und draußen auf dem Untersteiner Anger haben die
Küchenbrüder schaffen müssen die ganze Nacht, haben die Zelt aufgeschlagen
und den Herd gemauert, und einen Karren um den andern haben sie hinausgefahren,
mit Fresswerk und Wein und Gutigkeiten zum Beizmahl. Heut in aller Gottesfruh
sind drunten im Kloster schon alle Leut auf den Füßen gewesen, Herr Friedrich
selber hat das große Hochamt abgehalten, und weil er seinem Lieblingsfalken
eine rechte Ehr hat antun wollen, hat er ihn vom Credo bis über das Sanktus
sitzen lassen zwischen Kelch und Messbuch.”
Hilpot brummte ein paar unwillige Worte in seinen Bart.
”Was meinst du?” Reinold sah verwundert auf.
”Ich mein', du solltest lieber schweigen und acht
haben, wie man die Spul bindet.”
Reinold schien den Ärger des Vaters nicht zu begreifen.
Wenn seine Aufmerksamkeit nicht durch den Duft des schmorenden Wildbrets abgezogen wurde, der aus Mutter Hannas Herdstube quoll, war er mit achtsamen
Augen bei der Sache. Er sah es wohl nicht zum ersten Mal, wie eine gebrochene
Wanne 'gespult' und 'gebunden' wird, aber ihm fehlte die Ruhe und die geschickte
Hand, um dem Vater dieses Falkner-Kunststück nachzumachen: Die Bindnadel so
sacht durch die Feder zu stechen, dass der Schaft nicht zersprengt wurde und
jeder Stich eine Öse der in das Inner des Kiels geschobenen Spulnadel traf; und
eine bindende Fadenschlinge so fest und gleichmäßig neben die andere zu legen,
dass die zerschnittenen Teile der Feder unverrückbar wieder aneinander
hafteten; und das klebende Harz so kundig zu mischen, dass es den Bart der Feder
nicht verpichte, sondern an der Luft eintrocknete, sobald die Fadenschlinge
gelegt war. Jedes kleinste Versehen machte die ganze Arbeit unnütz, und saßen
die gebundenen Federn nicht wie angewachsen, so steuerte der Falke schlecht im
Flug und war unbrauchbar für die Jagd.
Auf dem beschneiten Grat der Berge war der letzte
Sonnenschein erloschen, und es fiel schon die Dämmerung über den Wald, als
Hilpot die Arbeit vollendet hatte. Sich aufrichtend, hob er auf der Faust den
Falken empor, der mit ausgespannten Schwingen schlug, als möchte er das
Heilwerk seines Arztes erproben. ”Der Schlag ist gut und sicher,”
sagte der Alte, ”ich mein', dass ich nichts versehen hab.”
Während die beiden mit prüfenden Augen den flatternden
Falken musterten, ließ sich klirrender Hufschlag von einem steinigen Pfad des
Waldes vernehmen. Sie blickten auf, und erschrocken stotterte Reinold: ”Um
Gottes Lieb, Vater, da kommt der Herr!”
Auf bunt geschirrtem Maultier, das von einem Knecht am
Zügel geführt wurde und von der Mühsal des steilen Weges keuchte, kam Propst
Friedrich unter den Bäumen hervor geritten. Sein braunes Samtgewand, dessen
Säume mit dem zarten, goldgelben Pelzwerk von der Kehle des Edelmarders
verbrämt waren, glich einem ritterlichen Kleid, nicht der Tracht eines
Priesters, den nur das goldene Kreuz verriet, das an breitem Seidenband um den
Hals geknüpft war. Der Abendwind, der dem Reiter entgegenwehte, lüftete das
gestickte, von der Pelzkappe über die Ohren nieder hängende Nackentuch und
zeigte am Hinterhaupt den Halbmond einer spiegelglatten Glatze. Auch unter dem
Rand der Kappe stahl sich kein Häarlein hervor, die breite Stirn und die glatt
rasierten Wangen des runden, lebensfreudigen Gesichtes glänzten wie poliert,
und die kleinen flinken Augen blitzten in hellem Glanz. Klugheit und Erfahrung
redeten aus dem Blick dieses Fünfzigjährigen, der dem Heil seiner Seele mit
allen Mitteln gedient haben mochte, nur nicht mit Fasten und Pönitenz. Um die
leicht aufgeworfene Lippe lag der spöttische Zug des Mannes, welcher Welt und
Menschen kennt und nicht sonderlich viel von ihnen hält. Dennoch sah man es
diesem Gesicht an, dass es freundlich und in Nachsicht lächeln konnte. Jetzt
freilich war es gerötet von der Mühe des Rittes, jeder Zug war in Erregung um
das Schicksal des geliebten Falken. Diese ungeduldige Sorge hatte etwas von der
Unruh eines Kindes, das sich um ein zerbrochenes Spielzeug kümmert, weil es ihm
lieb gewesen. Noch ehe das Maultier hielt, ließ sich Propst Friedrich schon aus
dem Sattel gleiten. Ohne auf Reinold zu achten, der seinem Herrn mit scheuem
Gruß den Saum des Ärmels küsste, rief er dem alten Jäger zu: ”Wie steht
es, Hilpot? Wirst du ihn heilen können? Oder ist er verloren für die
Jagd?” Dabei streckte er nach dem Falken schon die Hände, die mit
blitzenden Ringen besteckt und so schlank waren, so weiß und wohl gepflegt wie
Frauenhände.
”Gottes Gruß, mein guter Herr!” Hilpot schwang
den Falken. ”Ich mein', er ist wieder heil zum hohen Flug.”
”Reinold!”, rief der Propst im heißem Eifer,
während er den Falken von der Faust des Jägers nahm. ”Gib ihm das
Spiel!” Der Falke drückte ihm die Fänge tief in das Fleisch der
ungeschützten Hand, doch Herr Friedrich achtete des Schmerzes nicht. ”Das
Spiel! Und wirf, was du werfen kannst!”
In Erregung hatte Reinold aus seiner Falknertasche das
Federspiel hervor gerissen - einen weißen Ball mit kleinen, bunten Flügeln -
und seine junge Kraft zusammennehmend, schleuderte er das Spiel hinauf in die
dämmerige Luft. Der wehende Abendwind erfasste das bunte Ding und trieb es den
Bäumen zu.
”Falko! Huliiih!” Mit diesem jauchzenden Ruf
nahm der Propst dem Falken die Haube ab und schwang ihn. Gellend tönte der
Schrei des Falken durch die Stille, mit hastig flatternden Schwingen stieg er
senkrecht empor, ein sausender Stoß, und ehe das Federspiel noch zwischen die
Wipfel der Bäume gaukelte, hatte der Falke schon seine Fänge in den Ball
geschlagen. ”Hilpot, das will ich dir danken!”, rief Herr Friedrich.
Er wollte einen der blitzenden Ringe lösen, doch vom Griff des Falken waren ihm
die Finger aufgeschwollen, dass die Ringe wie angewachsen saßen. Da fasste er
das goldene Kreuz auf seiner Brust, riss es vom Hals, dass das breite Seidenband
in Fetzen ging, und warf das Kleinod dem Jäger zu. ”Nimm!”
”Herr Jesus!”, stammelte Hilpot erschrocken und streckte
die Hände, denn er fürchtete, dass das Kreuz zur Erde fallen könnte. Er haste
es noch, bevor es den Boden berührte.
Mit hellem Lockruf war Herr Friedrich auf den Waldsaum
zugesprungen und hob dem nieder schwebenden Falken die Hand entgegen. Reinold kam
gelaufen und wollte helfen. Mit eigener Hand löste der Propst dem Falken das
Spiel aus den Fängen, stülpte ihm die Haube über den Kopf und nickte gnädig
dem jungen Falkner zu. ”Bleibe bei deinem Vater! Ich gebe dir freien Tag
für morgen.” Den Falken streichelnd und zärtlich mit ihm plaudernd,
wandte er sich seinem Maultier zu und ließ sich von dem Knecht in den Sattel
heben. Ohne Gruß ritt er davon.
Hilpot blickte ihm nach, und als er den Herrn im Wald
verschwinden sah, hob er scheu das Kreuz an seine Lippen und sagte leis:
”Komm, Bub, wir wollen's der Mutter zum Kuss hineintragen. Die hat vor
lauter Sieden und Braten gar nit gemerkt, dass der Herr gekommen ist.”
”Du!” Reinold hatte den Arm des Vaters
umklammert und flüsterte: ”Wenn sie hören drunten, dass du dem selbigen
da droben Gewand und Wehr gegeben hast, und sie wollen dich büßen, so sag dem
Herren: Ich hab dir den Eisländer heil gemacht! Und er bietet dir eine Gnad,
statt dass er dich büßt.”
Der Wind, der über die Wipfel der Bäume strich, drückte
den blauen Rauch zu Boden, der aus allen Lücken des Schindeldaches quoll, und
spannte ihn gleich einem dünnen Schleier über das ganze Gehöft. Stärker
hörte man die Bäche der höheren Berge rauschen, und von den Almen tönte ein
lang gezogener, dumpf murrender Laut - der ferne Schrei eines brünstigen
Hirsches.
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