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Eine stille, kalte Dezembernacht lag über dem Bergdorfe Lenggries. Die beschneiten
Berge schnitten scharf in das tiefe Nachtblau des Himmels, aus dem die Sterne
mit ruhigem Glanz herunterblickten in das lange, schmale Tal. Dick lag der Schnee
auf Flur und Weg, auf den starrenden Ästen der Bäume und auf den breiten
Dächern der Häuser, hinter deren kleinen Fenstern das letzte Licht schon
vor Stunden erloschen war.
Nur die Wellen der Isar, deren raschen Lauf auch die eisige Winternacht nicht
zum Stocken brachte, sprachen mit ihrem eintönigen Rauschen ein Wort in
die alles umfangende Stille; und zwischendrein noch klang von Zeit zu Zeit der
Anschlag eines Hundes, dem die Vergesslichkeit oder das harte Herz seines Herrn
die Tür verschlossen hatte, und der nun aus seiner fröstelnden Ruhe
unter der Hausbank auffuhr, wenn vor dem Hofgatter die Tritte des Nachtwächters
im Schnee vorüberknirschten.
Langsam machte der Mann dieses einsamen Geschäftes seine Runde im Dorf,
eine hagere, noch junge Gestalt, eingehüllt in einen weitfaltigen, bis
auf die Erde reichenden Mantel, dessen Pelzkragen aufgeschlagen war; eine dicke
Pudelmütze war tief über den Kopf gezogen, so dass zwischen Mantel
und Mütze nur der starke, eisbehauchte Schnurrbart hervorlugte. Die Hände
des nächtlichen Wanderers staken in einem Schliefer aus Fuchspelz. Mit
dem Quereisen in den Ellbogen eingehakt, hing unter dem rechten Arm der hellebardenähnliche
„Wachterspieß“, dessen Holzschaft lautlos nachschleifte im
fußtiefen Schnee.
Plötzlich hielt der Wächter inne in seiner Wanderung. Vor ihm stand
ein kleines Haus, dessen Giebelseite bis dicht an die Straße reichte,
von der es durch einen schmalen eingezäunten Raum getrennt wurde. Wenn
man sich ein wenig streckte, konnte man mit der Hand über den Zaun bis
ans Fenster greifen. So tat der Einsame, und zwei Mal klirrte unter einem schwachen
Klopfen das letzte der drei Fenster. Nach einer Minute klopfte er wieder, etwas
stärker. Wieder wartete er, klopfte von neuem und immer wieder. Hinter
dem mit Eisblumen bedeckten Fenster wollte nichts lebendig werden.
„Heut hört’s wieder amal gar nix, dös Teufelsmadl!“,
brummte der Wächter, während er zusammenschauerte und mit den Lippen
schnaubte, dass ihm die Eistropfen vom Schnurrbart flogen. Eine Weile besann
er sich, ob er gehen oder bleiben sollte. Dann schlug er mit der ganzen Hand
an die Scheibe, die bei dieser groben Misshandlung so heftig klirrte, dass auch
ein stocktauber Schläfer hätte erwachen müssen. Und wirklich,
in der Stube ließ sich ein Geräusch vernehmen, als würde ein
Stuhl gerückt; gleich darauf zitterte die Fensterscheibe, öffnete
sich um ein paar Fingerbreiten, und durch den Spalt fragte eine gedämpfte
Mädchenstimme: „Was is denn? Was für einer is denn schon wieder
da?“
„Ich bin’s, der Veri!“, klang leise die Stimme des Wächters.
„Geh, Punkerl, mach a bissl auf! Ich muss schier sterben von Kält
und Langweil.“
„Was hast gsagt?“
Veri neigte den Oberkörper so weit als möglich über den Zaun.
„Dass ich a bissl fensterln möchte bei dir!“
„Was dir net einfallt!“, lautete die unwillige Antwort des Mädels.
„Es scheint, du bist noch net gscheid auf deine dreißg Jahr? Meinst,
ich stell mich bei so einer Kälten im Hemmed daher ans offene Fenster?“
„Kannst ja in a Rock einischlupfen.“
„Ah na! Gut Nacht! ’s warme Bett is mir lieber.“
Das Fenster schloss sich, und alles war still.
„So, so? An andersmal mag ich halt nimmer. Weißt was? Steig mir
am Buckel auffi!“ Diese Worte schienen den Ärger des Abgeblitzten
beschwichtigt zu haben. Gleichmütig, als wäre nichts Kränkendes
geschehen, schritt er wieder die Straße dahin.
Die Langeweile machte ihn gähnen. In der ersten Hälfte der Nachtwache
hatte er von Stunde zu Stunde auf den Glockenschlag passen können, um seinen
Wächterspruch in die Nacht hinein zu singen. Das letzte seiner Lieder war
längst erledigt:
„Ös Mannder und Weibsleut, lasst senk sagen,
Die Glock am Turm hat zwei Uhr gschlagen!
Bewahrt das Feuer, bewahrt das Licht,
Das enk an Leib und Seel kein Schaden gschicht!“
Nun war ihm auch sein Gesangsvergnügen genommen, weil ihm von dieser Stunde
an die Gemeindevorschrift das Absingen des Wächterspruches untersagte.
Ein nächtliches Unheil, das um zwei Uhr morgens noch nicht geschehen ist,
kann warten, bis es Tag wird und bis sich die Bauern den Schlaf aus den Augen
reiben. So schritt der Wächter seines Weges, sich damit unterhaltend, dass
er von den Stangen der die Straße geleitenden Zäune mit dem Schaft
seines Spießes den Schnee wegstreifte. Von dem vielstündigen Umherwandern
ermüdet, setzte er sich auf einen der dicken Holzpflöcke, die an Stellen,
wo von der Straße ein Fußpfad durch die Gärten führt,
zum leichteren Überstiegen der Zäune dienen.
Veri machte sich’s bequem, scharrte von dem Fleck, wo seine Füße
standen, den Schnee fort und betrachtete das ihm gegenüberliegende Gehöft
des Meierbauern. Es war ein hölzernes Haus: Wohnraum, Stallung und Scheune
in ein Ganzes zusammengebaut und alles überdeckt von dem lang gestreckten,
weit über die Holzmauern vorspringenden Schindeldach, über dem sich
der Schnee mit fester Decke gelagert hatte. Es war kein großer, reicher
Bauernhof, aber Veri wäre glücklich gewesen, sich im Besitz eines
solchen Gütls zu wissen; vielleicht wäre dann das verfrorene Punkerl
vor einer halben Stunde weniger empfindsam gegen die Kälte gewesen.
Beim Meierhofer ging Veri häufig ein und aus, als Freund und „Spezi“
des fünfundzwanzigjährigen Lenzl, der mit den Eltern und seinem dreijährigen
Stiefschwesterchen Modei1), einem Kind aus zweiter Ehe, hier wohnte. Es war
ein bisschen Neid gegen Lenzl, was Veri empfand, als er sich dachte, wie hübsch
es wäre, wenn er mit Punkerl, nein, mit einem anderen, mildherzigen und
warmblütigeren Mädel durch diese schmale, niedere Haustür einziehen
könnte als Mann und Frau. Er dachte sich mit einem junge, fröhlichen
Weiberl in die geräumige Wohnstube, die mit der Küche den Raum zu
ebener Erde einnahm; die große Bodenkammer, die über dem Stalle lag,
an der Langseite ein Dachfenster hatte und den beiden alten Leuten als Schlafraum
diente, erschien ihm in seinen Träumen von Glück und bettwarmer Liebe
als die gemütlichste Ehestube; für die kleine Kammer, deren einziges
Fenster nach der vorderen Giebelseite ging und in welcher Lenzl mit dem Schwesterchen
schlief, hätte sich im Lauf der Zeit wohl auch eine passende Verwendung
gefunden, meinte Veri. Und nun gar der schöne Stall mit den acht Kühen!
Und die große Scheune, dick voll gepfropft mit dem besten Heu!
Aber Veri war ein armer, heimatloser Bauernknecht, der, um sich ein paar Kreuzer
zu verdienen, jede Nacht für irgendeinen faulen und schläfrigen Burschen
die von Haus zu Haus wechselnde Nachtwache übernahm. Ein Seufzer hob seine
Brust, während sein Blick über das stille Gehöft glitt. Da bemerkte
er auf dem Dach eine schwarze, schneelose Fläche, die ihm früher nicht
aufgefallen war. Je schärfer er hinsah, desto deutlicher kam es ihm vor,
als würde dieser Fleck immer größer; nun schwand auch an anderen
Stellen der Schnee, und es klang dabei wie das Klatschen fallender Tropfen.
Kam Tauwetter? Veri hauchte kräftig in Luft. Als er im Dämmerschein
des Schneelichtes den feinen Eisstaub gewahrte, zu dem sein Atem in der Kälten
gerann, schüttelte er nachdenklich den Kopf und sah wieder hinauf zu den
rätselhaften Flecken, die sich erweitert hatten und schon hinaufreichten
bis zur Schneide des Daches. Nun war es ihm, als kräuselten sich da oben
kleine, weiße Dampfwölkchen in die Luft; nun kam es dicker, nun grau,
nun in schwarzen Wolken – nun barst das Dach, und eine Funken sprühende
Feuergarbe schoss gegen den Himmel.
„Feuerjo! Feuerjo!“
Gellend hallte der Schreckensruf in die Nacht.
Veri stürzte auf das Haus zu und sprengte das verschlossene Gartenpförtchen.
In hallenden Schlägen fuhr der Schaft seines Spießes gegen die verriegelte
Haustür. Nichts regte sich da drinnen; nur im Stall war es unruhig; dort
rasselten die Ketten, und dumpf brüllten die Kühe durcheinander. Immer
wieder schlug Veri gegen die Tür und schrie den Feuerruf. Das war es ihm,
als hätte er im Haus ein Poltern und Rufen vernommen; hastig sprang er
auf die Straße hinaus, und in keuchendem Laufe rannte er hinunter durch
das Dorf, vorüber an den Häusern, deren Fenster sich zu erleuchten
begannen.
„Feuerjo! Feuerjo!“
Die Fenster klirrten, die Türen wurden aufgerissen. „Jesus, Mar’
und Joseph!“, klang es. „Wo brennt’s?“ Und der Schreckensruf
des Wächters fand in hundert Kehlen ein kreischendes Echo. Wenige Minuten,
und das stille Dorf war Leben und Aufruhr. Lärmend liefen die Leute zum
Unglückshaus.
Der ganze Dachstuhl war schon umwirbelt von Flammen, die das brennende Heu
und Stroh in dicken Bündeln mit sich hinaufrissen in die Lüfte und
einen sprühenden Funkenregen niedergossen über die Nachbarhöfe.
Und immer noch standen die Türen geschlossen. Aus der Stallung klang ein
Poltern, Klirren, Stampfen und Brüllen, dass es zum Erbarmen war. Und immer
noch standen die Türen geschlossen.
„Wo is der Bauer, die Bäuerin? Wo is der Lenzl?“, scholl es
um das brennende Haus. „Heiliger Herrgott! Helfts! Um Gotteswillen, helfts!
Schlagts alle Türen und Fenster ein!“
„Da her, Mannder, da her!“, schrie im Hintergrund des Gartens eine
Stimme. „Da liegen zwei Zaunpfosten, da können wir d’ Haustür
einschlagen!“
Wer in der Nähe stand, griff zu, die Balken wurden herbei getragen, dröhnend
schlugen sie gegen die Haustür. Einige Sekunden noch, und krachend flog
die Tür in den Flur zurück. Ein paar der Mutigsten versuchten einzudringen.
Eine stickende Rauchwolke schlug ihnen entgegen, und im Dunkle des Flures leuchtete
das vom Luftzug ermunterte Feuer. Alles da drinnen war altes, hundertjähriges
Holz, an das die Flamme nur zu rühren brauchte, um Nahrung zu finden.
Ein Jammern ging durch das Gedränge der Leute; die Weiber fingen zu beten
an, und vom Kirchturm klang das schrille Wimmern der Feuerglocke.
Plötzlich hörte man laute Hilferufe von der Giebelseite des Hauses.
Die Leute rannten dieser Stimme nach.
„Heilige Maria! Helfts! Helfts! Mein Vater verbrennt und d’ Mutter!“
An dem kleinen Fenster der Giebelkammer stand Lenzl, in den Armen das Schwesterchen,
dessen herzzerreißendes Geschrei sich in die Hilferufe des Bruders mischte.
Über seinem Kopfe qualmte der Rauch durch das Fenster, steig an der Holzwand
in die Höh und verschwand in den Flammen des Firstes. Eine wilde Aufregung
bemächtigte sich der Leute, die zu dem grauenvollen Bild hinaufsahen. „Lenzl,
spring aussi!“, rief ein Bauer. „Bringts Leitern!“, schrie
ein zweiter. Ein dritter: „Tragts Betten her, dass er draufspringen kann!“
Ein anderer wies auf einen großen, mit Brettern überdeckten Heuhaufen,
der im Hof eines Nachbarn stand. Männer und Burschen sprangen hinzu, rissen
die Bretter fort und schleppten das Heu herbei, das sie unter dem Fenster auf
die Erde warfen, während die anderen zu Lenzl hinaufschrieen: „Spring,
Bub! Jesus, Maria! Spring!“
Lenzl schien nicht zu sehen, was unten vorging. Mit erwürgter Stimme schrie
er immer hinein in die Tiefe des Hauses: „Vater! Mutter! Vater! Mutter!“
Da scholl aus dem Innern des Hauses ein dumpfes Krachen. Hoch schlugen über
dem Dach die Flammen auf und leckten über den First gegen die Wände
des Giebels. Es war höchste Zeit für die beiden Menschen dort oben
am Fenster. Der ausströmende Rauch zeigte schon eine rote Färbung,
die vom Feuer im Innern herrühren musste. Und immer noch wollte Lenzl nicht
springen. Das schreiende Kind an seine Brust gedrückt, neigte er nur manchmal
den Oberkörper heraus über die Fensterbrüstung, wenn der Rauch
stärker anschwoll. Dann klangen wieder seine Jammerrufe: „Vater!
Mutter!“
„Er springt net! Und verbrennt mitsamt dem Kind!“, flüsterte
einer der Bauern dem Pfarrer zu. „Ich bitt Ihnen, rufen S’ auffi
zu ihm, dass der Vater und d’ Mutter schon heraußen sind.“
„Seid ruhig“, gebot der Pfarrer den Leuten, „damit er mich
hören kann!“ Dann hob er die Stimme: „Lenzl! Spring herunter!
Dein Vater und deine Mutter sind nicht mehr im Haus!“ Ein wilder Freudenschrei
gellte droben von den Lippen des Burschen; hastig schwang er sich auf die Fensterbrüstung
und sprang herunter in das aufgeschüttete Heu, das über ihm zusammenschlug.
Alles drängte auf den Heuhaufen zu, aus dem sich Lenzl herauswühlte.
Das Hemd und die kurze Lederhose war alles, was er am Leibe trug, und an der
Brust hielt er das Kind umklammert, eingewickelt in eine Lodenjoppe.
„Wo is der Vater? Wo is d’ Mutter?“, fragte er mit bebender
Stimme, zitternd an allen Gliedern. Er hörte keine Antwort von den Leuten,
die still und bleich den Geretteten umstanden. „Wo is der Vater? Wo is
d’ Mutter?“, schrie Lenzl wieder. Ein Schauer rieselte über
seine Gestalt. Da trat der Pfarrer auf ihn zu und legte ihm die Hand auf die
Schulter: „Fasse Mut! Wir alle sind sterbliche Menschen. Der Tod ist nur
ein Übergang zu besserem Leben. Dort oben im Himmel wohnt ein Gott –“
Er konnte seine Trostrede nicht zu Ende bringen. Mit weit geöffneten, verglasten
Augen hatte ihm Lenzl auf die Lippen gestiert. Nun fuhr er auf, stieß
mit harter Faust den Tröster von sich und schrie: „Ich will kein’
Herrgott jetzt! Ich will den Vater haben! Und d’ Mutter!“ Scheu
wichen die Leute vor ihm zurück, als er mit taumelnden Knie auf sie zuwankte.
Er irrte durch Garten und Gehöft, im Kreis um das brennende Haus. Jedem
Menschen spähte er ins Gesicht. „Vater! Mutter!“, klang immer
wieder sein Geschrei. Und wenn das Kind in seinen Armen zu wimmern begann, neigte
er das Gesicht zu ihm und flüsterte: „Sei stad, liebs Modei, sei
stad! Ich find ihn schon, mein’ Vater! Und die’ Mutter! Sei stad,
sei stad!“
Er fand sie nicht.
Gewaltsam musste man ihm den Weg zur Haustür verlegen, aus der schon die
Flammen lohten. Mit geballter Faust schlug er auf die Burschen ein, die ihm
den Zugang verwehrten, dann wankte er nach der Giebelseite des Hauses, trat
wie ein Irrsinniger auf den Pfarrer zu und schrie ihm ins Gesicht: „Anglogen
hast mich, Pfarrer! Sag mir’s, du! Was für a Herrgott is denn der
deinig? Einer, der d’ Leut verbrennt? Mein Vater und d’ Mutter –“
Seine Worte verloren sich in ein schweres Stöhnen.
Da drängte sich durch den Kreis der Leute eine alte Bäuerin und fasste
den Schluchzenden am Arm. „Komm, Lenzl! Dein Schwesterl kunnt verkranken
in der Kält.“
Lenzl starrte in das vom Feuerschein gerötete Gesicht der Alten. „Grüß
dich, Gold! Bist auch da? Weißt es schon?“ Tränen erstickten
seine Stimme. „Der Vater und d’ Mutter –“
Es waren nicht übermäßig kluge Worte, die das alte Weibl in
Lenzls Ohr flüsterte, aber es waren Worte, die aus einem fühlenden
Herzen kamen. Lenzl hörte nur den warmen Klang dieser Worte, nicht ihren
Sinn. Seine Kraft war zerbrochen. Willenlos folgte er der Alten, die ihn mit
sich fortzog, hinaus aus dem Hofraum, ein Stück entlang die Straße
und durch die niedere Tür ihres kleinen Hauses. Als sie mit ihm in die
enge, vom Abend her noch wohl durchwärmte Stube trat, die von dem durchs
Fenster hereinfallenden Feuerschein und von einer kleinen, auf dem Tische stehenden
Öllampe rötlich erleuchtet war, stieg ein achtjähriger Knabe
von der Fensterbank. „Grüß Gott, Ahnl“, sagte er schüchtern,
„wo is denn der Vater und d’ Mutter?“
„Draußen sind s’ und helfen löschen. Geh zu, Friederl,
hol a paar Kissen aussi aus der Kammer, und warme Decken! Geh, tummel dich!“
Der Bub warf einen scheuen Blick auf Lenzl und auf das klagende Kind, dann sprang
er davon und verschwand in der Kammertür.
Nun nahm die Alte das Kind aus den Armen des Burschen, der wie geistesabwesend
vor sich hinstarrte, und zog ihn zum Tisch. „Geh, setz dich a bissl nieder!“
Sie drückte ihn auf die in das Mauerwerk eingelassene Bank; willenlos ließ
Lenzl alles mit sich geschehen; dann kreuzte er die Arme über dem Tisch,
und stöhnend vergrub er das Gesicht. Mit zitternder Hand fuhr ihm die Alte
ein paar Mal über das kurze, struppige Haar.
Da kam der kleine Bub. Er trug zwei große weiße Bettkissen und
schleifte eine wollene Decke hinter sich her. Mit der freien Hand ergriff die
Alte die beiden Kissen und legte sie, jedes ein wenig aufschüttelnd, über
die niedere Lehne des neben dem Ofen stehenden Ledersofas. Dann wickelte sie
das Kind aus der Joppe heraus, legte es in die Kissen, zog ihm das Hemdchen
glatt, breitete ihm über die nackten Füße die Joppe und darüber
die doppelt gefaltete Decke. Als sie das Kind noch auf dem arm getragen, war
es schon eingeschlafen, und regungslos lag nun das Köpfchen mit den heißroten
Wangen in den Kissen; die halb geöffneten Lippen zitterten unter stockenden
Atemzügen, und von Zeit zu Zeit flog ein Zucken über die geschlossenen
Lider.
Während die Alte sich in Sorge über das Kind beugte, fühlte
sie ein leises Zupfen am Rock. Als sie aufsah, hingen die großen Augen
des Buben angstvoll an ihrem Gesicht. „Ahnl, was is denn?“, fragte
er scheu die Großmutter. „Is denn ’s kleine Maderl krank?“
„Gott soll’s verhüten!“, lautete die flüsternde
Antwort. „Geh, Friederl, bet a Vaterunser! Dem armen Kindl is der Vater
und d’ Mutter verbrennt.“
Die Tränen schossen dem Buben in die Augen, und erschrocken faltete er
die Händchen über der Sofalehne.
Die Alte ging zum Tisch hinüber. Lenzl rührte sich nicht, als sie
halblaut seinen Namen rief. Sie glaubte, dass auch ihn nach Aufregung, Schmerz
und Ermattung der Schlaf überkommen hätte. Liese schlich sie durch
die Stube und kauerte sich beim Ofen nieder, um das Feuer anzuschüren.
Während sie langsam, jedes Geräusch vermeidend, die kurzen, dürren
Holzscheite unter dem Ofen hervorzog, murmelte sie einen Feuersegen und bekreuzigte
sich. Von draußen leuchtete noch immer mit wechselnder Helle die Lohe
des brennenden Hauses in die Stube.
Friederl hatte, als die Großmutter hinter dem Ofen verschwunden war,
die Hände unter das Kissen geschoben. Immer betrachtete er das schlafende
Mäderl. Jetzt kam die eine Hand wieder zum Vorschein und glitt über
das Kissen, bis sie das Kind berührte. Ein Zittern überflog die schmächtige
Gestalt des Buben; nun neigte er das Gesicht und küsste schüchtern
die heiße Wange des Kindes.
Da scholl von draußen ein dumpfes Krachen, begleitet von hundertstimmigem
Geschrei. In der Stube zitterte der Boden, und die Fenster klirrten.
Lenzl fuhr auf und blickte verstört um sich.
Da fiel ihm der Feuerschein in die Augen. „Heilige Maria!“, schrie
er. „Vater! Mutter! Es brennt!“ Dann sprang er zur Tür und
stürzte hinaus. „Wo brennt’s denn? Jesus, wo brennt’s
denn?“, scholl von draußen seine Stimme.
„Lenzl!“, jammerte die Alte, während sie sich aufrichtete
und dem Burschen nachrannte. „Lenzl!“, schrie sie über die
Straße hinaus. „Lenzl, wo bist denn?“ Sie sah und hörte
nichts mehr von dem Burschen. So schnell, als ihre alten Füße sie
zu tragen vermochten, lief sie hinüber zur Brandstätte.
In sich zusammengestürzt lag das Haus; glühend, glimmend und rauchend
kreuzten sich auf der Erde die eingesunkenen Balken und Sparren; nur auf der
Stelle, wo der Stall gewesen, prasselte noch eine helle, gelbe Flamme, und zugleich
mit ihr wehte ein dicker Dampf und ein widerlicher Fettgeruch in die Lüfte.
Vor dem Gluthaufen, im Hofe, stand die Feuerspritze des Dorfes und sandte stoßweise
ihren dünnen Wasserstrahl zwischen das eingestürzte Gebälk. In
zwei langen Reihen standen die Leute bis hinunter an die Isar, und die leeren
und wieder gefüllten Wassereimer wanderten durch hundert Hände hin
und zurück. Diese Arbeit ging schon träge vonstatten; das verschüttete
Wasser hatte in der scharfen Kälte die Hände der Leute starr gemacht;
auch sahen sie ein, dass hier nichts mehr zu retten und für die Nachbarhäuser
ein Schutz nimmer nötig war. Die einen und anderen waren schon, aus der
Reihe getreten, die Hände reibend und behauchend oder die Arme um die Brust
schlagend.
Bei allen Gruppen, überall hatte die Alte nach Lenzl gefragt; niemand
konnte ihr Bescheid geben, niemand hatte den Burschen gesehen.
„Mich sollt’s gar net wundern“, sagte ein Bauer, „wann
der arme Kerl mitten eini gsprungen wär ins Fuier oder am End gar in d’
Isar. Vater und Mutter verlieren! Und so a schöns Anwesen! Dös is
kein Spaß. Mich dauert er schon recht, der Lenzl!“
„Und erst die armen Küh!“, jammerte ein anderer. „Die
dauern mich am meisten. So viel dumm is so a Viech. Wann’s brennt und
man macht ihm d’ Stalltür auf, meinst, es lauft aussi? Na! Erst recht
rennt’s mitten eini ins Fuier!“
„Jesus! Da ist der Lenzl!“, scholl die Stimme der Alten aus einer
Ecke des Gartens. Die beiden Bauern und mit ihnen noch ein paar andere liefen
der Stimme nach. Lang ausgesteckt ,die Arme gespreizt und unbeweglich, lag Lenzl
mit Brust und Gesicht im Schnee. Wie es schien, hatte er den Zaun überklettern
wollen und einen bösen Sturz getan. An seiner Seite kniete die Alte, rief
seinen Namen und schüttelte seine Schulter. Und bettelte: „Mannder,
so helfts mir doch a bissl! Und hebts ihn auf! Und tragts ihn ummi zu mir! Ich
fürcht, ich fürcht „
Vier Männer hoben den Lenzl au fund folgten mit ihrer Last der Alten.
Eine Schar von Neugierigen geleitete den Zug; ein Teil von ihnen kehrte auf
halbem Wege wieder um, denn die Leute mussten nun auch daran denken, die ausgefrorenen
Glieder zu wärmen und an die Arbeit zu gehen, die der Morgen brachte.
Längst schon hatte sich das Dunkle des Himmels abgetönt in das fahle
Grau des werdenden Wintertages, und über die Spitzen der Berge fiel das
erste Frührot.
Als die Alte mit den Männern, die den Ohnmächtigen trugen, in die
Stube trat, fand sie den kleinen Friedl vor dem Sofa auf den Knien liegen. Sein
Kopf ruhte auf den Kissen, und schlummernd hielt er ein Händchen des Kindes
an seinen Mund gehuschelt.
Das Öllicht auf dem Tische musste eben erst erloschen sein; von dem rußigen
Dochte stieg noch ein dünner Qualmfaden gegen die Stubendecke.
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