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Ich erwachte. Vom fernen Dorf tönten, wie etwas Nahes, die Glockenschläge
der dritten Morgenstunde. Ging die Turmuhr falsch? Denn es war schon heller, veilchenblauer
Tag um mich her. Aber seltsam! Noch immer glänzten viele Sterne am Himmel.
Großer, als ich sie in der Nacht gesehen. Alle wie strahlende Fackeln –
jeder so stark und feurig, wie sonst nur der Morgenstern im Hochsommer brannte.
Und welch ein Leben in dieser wundersamen Morgenhelle! Welch ein Storm von
köstlichen Düften! Welch ein Stimmengewirr im Wald, in der Tiefe des
Tales, auf den Höhen der Berge, in der Erde und in den Lüften! Hatten
denn alle Bäume eine Stimme, jedes Kraut, jeder Faden des Mooses? Und dieses
herrliche Klingen aller Bäche! Und dieses glockenschöne Gesumm, das
in der Luft zu fliegen schien? Was war denn das? Spielte da irgendwo ein unsichtbarer
Musikus auf einer Cellosaite? Immer näher kam es. Nun flog ein großer
Nachtschmetterling an mir vorüber und verschwand. Was ich vernommen hatte,
war das Geschwirr seiner Flügel.
Und gleich wieder ein anderer Laut, bei dem es mich heiß durchzuckte.
Seltsam! Ich kenne doch den Falzgesang der Spielhähne – weiß
auch, dass man den Walzertakt ihres Grugelns weit zu hören vermag. Doch
wenn sie blasen, das hört man nur auf drei-, vierhundert Schritte. Gibt
es denn Spielhähne, die so kräftig blasen, dass man sie über
eine ganze Wegstunde von der verschneiten Falzalm herunter hört bis in
den tiefen Talwald?
Falzalm? – Ich lauschte schärfer, mit vorgelegten Ohren. Und die
Sache stimmte: Der Hahn, den ich falzen hörte, blies und grugelte da droben
auf dem fernen, steilen Schneefeld! Und – Herrgott! – Das war doch
mein Hahn! Den ich heut in der Morgenfrühe schießen wollte?
Wo bin ich denn nur? Wo ist denn das Feuer, die Felsgufel, der Festl? Ich
wollte vom Boden aufspringen. Doch mein schwerer Leib blieb ruhig liegen und
tat nicht, was ich wollte. Nur mein Kopf erhob sich, und die klapperden Ohren
scheuchten eine schrillende Mücke fort, die mir ans Auge wollte.
Wieder machte ich einen krampfhaften Versuch, mich zu erheben. Es gelang mir
nicht. Warn meine Glieder gelähmt? Und hatte ich keinen Willen mehr? Nur
noch ein kraftlos denkendes Gehirn?
Was ist denn nur mit mir? Und dieser wunderflüsternde Wald, in dem ich
wohlig ruhe? Wie bin ich denn nur vom Schneefeld da droben eine ganze Stunde
weit da herunter gekommen in diesen zaubervollen Wald?
Und der Festl in der Felsgufel, vor den Kohlenstrünken des erloschenen
Feuers, nicht weit vom falzenden Hahn? Wie der Festl suchen wird? Und sich sorgen,
wenn er mich beim Erwachen nimmer an seiner Seite findet? Er wird nicht wagen,
meinen Namen zu schreien – um den Hahn nicht zu vergrämen. Und immer
an meine Frau denken – weil er doch weiß, wie ängstlich sie
bei aller Herzenssorge um die Ihrigen ist! Und wenn der Festl im ersten Schreck
etwa heimrennt und sagt zu meiner Frau: „Der Doktor geht ab!“
Herr, du mein! Da muss ich doch gleich hinauf! Und muss dem Festl sofort ein
Zeichen geben, wo ich bin!
Ich wollte juchzen. Aber es quoll kein Laut aus meiner Kehle. Ich spannte
alle Kräfte, um mich zu erheben. Mein Leib blieb liegen. Und obwohl ich
an allen Gliedern das Gefühl eines köstlichen Wohlbehagens hatte,
war doch eine dumpfe, an Verzweiflung grenzende Stimmung in mir, und durch meine
wirbelnden Sinne zuckte die unklare Erinnerung an grauenvolle und dennoch schöne
Träume, deren schleierig huschende Bilder ich nicht halten, nicht fassen,
nicht deutlich schauen konnte.
Da stand ich plötzlich auf. Das war eine heiße Freude. Ich wollte
mich vollends aufrichten. Doch ich blieb mit den starren Fäusten auf der
Erde. Ich wollte schreien, wollte hastig bergaufwärts steigen – doch
stumm und ruhig zog ich im veilchenblauen Morgen quer durch den lebenden Wald
hinüber. In aller Haut meines Körpers war ein feines Jucken. Und ich
wusste: Um dieses Jucken zu kühlen, wanderte ich zu meinem Morgenbad. Und
immer blieb dieses unfassbar Zwiespältige in mir: Das ruhige, behagliche
Fühlen und Handeln meines kraftvollen Körpers, und daneben diese taumelnde
Verstörtheit meines gequälten, ratlosen, jeder Willensregung beraubten
Geistes.
Es war ein weiter Weg, den ich auf tief versteckten Waldwegen wanderte, unter
einem Strom von Düften, umflüstert und umlärmt von hundert Stimmen,
die mir verständlich waren und dennoch fremd. Und immer stärker wurde
der Wohlgeruch der großen Wasserfläche, der ich entgegen zog. Ich
näherte mich dem Waldsaum, und starke Lichter blitzten. Der Morgen war
schon so hell geworden, wie sonst der Mittag ist. Und es konnte doch die Sonne
noch nicht gestiegen sein? Denn am weiß glänzenden Himmel funkelten
noch fein die letzten, klein verblassten Sterne.
Eine weite Freiung im Wald. Und zwischen summenden, plaudernden Bäumen
lag ein schöner, spiegelklarer, gleißender, süßen Wohlgeruch
hauchender See.
In Durst, in zärtlicher Sehnsucht nach der kühlen Flut, begann ich
flink zu traben, blieb stehen, spähte lang und vorsichtig umher und prüfte
sinnend jeden Duft, den ich empfand. Keiner missfiel mir. Ruhig schritt ich
auf das flache, sandige Ufer zu. Dieser schöne See war mein Besitz!
Ein namenloses Wohlgefühl durchrieselte meinen Körper, als ich die
Kehle streckte und die Lippen von den Zähnen zog, um den reinen, wundervollen
Trunk zu schlürfen. Mit langen, schier unersättlichen Zügen sog
ich den kühlen, duftenden Lebenswein, der meinen Leib erquickte. Doch meinen
Geist befiel ein marterndes entsetzen. Denn meine Augen sahen in der klaren
Wasserfläche nicht das Abbild meines menschlichen Gesichtes, sondern das
Spiegelbild eines mächtigen Hirschhauptes mit den rührsamen Lusern
und den plumpen, schon gegabelten Kolben des sprossenden Geweihes – das
Spiegelbild eines kraftvollen, herrlichen Tierkörpers mit schlanken, stahlfesten
Läufen, umzottet vom grauen Winterhaar, das sich in Wulsten herausschob,
um dem rostroten Sommerkleid Platz zu machen.
Nach dem ersten taumelnden Entsetzen meines Geistes kam ein Wirbel jagender
Gedanken. Nun verstand ich. Und alles wusste ich wieder, was in der Nacht geschehen
war.
Unklug hab’ ich einen der „Ewigen“ geleugnet. Er strafte
mich dafür. Und nun bin ich einen Hirsch verwandelt – nein –
in einen Hirsch gebannt. Ich kann noch fühlen und denken als Mensch, und
muss zugleich alles empfinden, was dieses Tier empfindet, in dem ich wohne.
Doch über sein Tun und Treiben hab’ ich keine Macht. Und der Hirsch
hat keine Ahnung von der verwunschenen Menschenseele, die sein Leib beherbergt.
Denn während ich so reflektierte und der schrecklichen Wahrheit auf die
Spur kam, tat der Hirsch, um meine Seelenstimmung völlig unbekümmert,
eine Sache, die zu meiner augenblicklichen Gemütsbewegung gar nicht passte.
Er warf sich mit dem ganzen Körper ins Wasser, wälzte sich über
den Rücken hin und her, schlug mit den Läufen die kristallene Flut
zu hohen Sprühbrunnen auf und fühlte sich unglaublich wohl. Ich teilte
dieses kühle Behagen mit ihm – er aber teilte mit mir die Ängste
meiner gebannten Seele nicht. Und als ich – nein – als er sich aus
dem See erhob, da schüttelte er sein triefendes Fell, und dann guckte er
forschend um sich herum – und wo er auf dem Wasser ein schwimmendes Flöcklein
seiner ausgegangenen Winterhaare gewahren konnte, tat er flink einen Schnapp
und fraß es auf. Das war für mich kein appetitliches Frühstück.
Aber ich wusste sofort: ich tat das – nein – er tat das, nicht aus
perverser Gourmandise, sondern aus natürlicher Klugheit, um Capillarstoff
zu konsumieren und dadurch das Wachstum seiner Sommerhaare zu befördern.
– Sobald ich wieder Mensch werde, soll es keine Glatzen mehr geben; ich
werde jedem, der oben zu wenig hat, den Rat erteilen: Zum Frühstück
aufzuspeisen, was ihm der Bader unten wegrasiert.
Ich schritt dem Wald zu, als die letzten Sterne am grell glänzenden Himmel
erloschen. Eine Ringdrossel flötete frühlingsselig von ihrem Nest.
Ich wäre gern geblieben und hätte diesem kunstvollen Lied gelauscht.
Doch er schritt weiter. Und ich musste ihm Recht geben, denn ich hatte den gleichen
Hunger wie er. Und da wurde jeder Schritt ein Genießen in träumender
Sehnsucht. Jeder süße Kräuterduft, der mir entgegenströmte,
versprach mir einen Leckerbissen, den der Frühling ersonnen.
Nun ein Glasten, Gleißen und Glänzen von Licht, obwohl die Sonne
noch immer nicht gekommen war! Hätt’ ich meine menschlichen Augen
noch besessen, ich hätte nur graue Morgendämmerung gesehen. Doch für
die Augen, die ich jetzt besaß, war das Frühlicht dieser offenen
Lawinengasse, die breit den Wald durchbrach, schon eine Orgie von zauberhaftem
Glanz. Gleich blitzenden Diamanten hing der Tau an dem leuchtenden Grün
der jungen Gräser. Erikablüten brannten wie Rubine; die gelben, berauschend
duftenden Kelche der Bergaurikel strahlten wie Goldtopase. Jedes winzige Laubherzchen
der Birken war wie ein geschliffener Smaragd, und die weiße Rinde der
schlanken Stämmchen schillerte wie poliertes Silber. Dazwischen lagen die
Latschenbüsche mit dunklem Samtschimmer, jeder Felsblock flimmerte gleich
einem riesigen Perlengebilde, jeder jung begrünte Rasen leuchtete von Licht
wie eine grüne Himmelsau, und von den wunderlich gezackten Schneeflecken,
die noch viele Gräben und Klüfte füllten, ging ein so starkes
Gleißen aus, als läge schon grelle Sonne drauf.
In aller schönen Trunkenheit, mit der mich dieser Farbenzauber des frühen
Morgens erfüllte, fiel mir etwas Sonderbares auf. Die Verhältnisse
und Maße der Dinge waren völlig anders, als ich sie kannte. Die Berge
waren niedriger, die Bäume dicker, als ich sie noch gestern mit meinen
Menschenaugen gesehen hatte. Alle Dinge schienen über Nacht an Breite gewonnen,
an Höhe verloren zu haben. Kam das so, weil ich jetzt anders gestaltete
Augen hatte, als die Menschen sie besitzen – Augen mit breiten, schlitzförmigen
Pupillen? Doch wenn die Gestalt der Dinge abhängig ist von der Bildung
des Auges, das sie betrachtet – was ist dann Wirklichkeit? Was ist Wahrheit?
Es blieb mir keine Zeit, diesem Gedanken nachzuhängen. Denn ich fing
– nein – er fing schon behaglich zu äsen an. Dabei konnte er
mit den Augen bei anderen Dingen sein. Nase und Lippen verrieten ihm alles,
was er zur Auswahl seines Mahles wissen musste. Und diese feinen Kräutchen,
die er wählerisch pflückte, schmeckten uns beiden besser, als mir
je im Leben die Meisterwerke eines französischen Koches gemundet haben.
Da hörte ich plötzlich ein Geräusch, das mir missfiel. Ich
hob mit einer strengen Bewegung das Haupt und äugte, windete und lauschte.
Der Lufthauch des Morgens zog von mir fort, talwärts, der Stelle zu, von
der ich das Geräusch vernommen hatte. Mein schärfster Sinn, die Klugheit
meiner Nase, versagte. Das machte mich unruhig – oder um es mit einem
menschlichen Wort richtig zu sagen: nervös! Doch das Ohr beschwichtigte
meine Sorge. Ich hörte einen Schritt und wusste: Es kam da irgendwo von
meinen Brüdern einer.
Und richtig! Über vierzig Gänge schoben sich auf erhöhtem Rain
die leuchtenden Stauden auseinander, und es erschien ein junges, vom Winter
übel zugerichtetes Herrchen, das noch die dünnen, morsch gewordenen
Spieße vom letzten Sommer trug. Es schien ihm nicht willkommen zu sein,
mich sehen zu müssen. Das schlanke Kerlchen schien Angst zu haben, verzog
in schnellem Mienenspiel die Lippen und schob den linken Vorderlauf nach rückwärts.
Ich hatte bei dieser Bewegung keinen Laut vernommen – und dennoch hatte
der magere Knabe gesprochen! Und hatte meinen Namen genannt. Und da wusste ich
nun, wie ich hieß in meinem neuen Leben – nein, wie er hieß,
in dessen Leib ich wohnte. Als ich in meinem menschlichen Geist, der mir geblieben
war, das sprechende Mienenspiel des ausgehungerten Jungen nachzuahmen versuchte,
hatte ich die Vorstellung eines dreisilbigen Wortes: „Lu–maar–u.“
Und ich wusste gleich, dass dieses Wort bedeutete: „Der hochbejahrte,
mächtige Herr aus dem edelsten Geschlecht des Lebens.“ Oder man könnte
auch übersetzen: „Der große, kraftvolle Vater, die Krone der
Schöpfung.“ Es scheinen also die Hirsche genau so überhebungsvoll
von ihrer Spezies zu denken, wie wir Menschen von der unseren.
Ich drehte – nein – Lumaaru drehte sich halb und machte mit dem
Haupt eine ruhige Bewegung. Das sagte: „Armer Schwächling! Sättige
dich auf meinem Weideplatz! Doch komme mir nicht zu nahe! Das Beste hier ist
mein.“
Aber das magere Herrchen schien dem Landfrieden, der ihm da verkündet
wurde, nicht zu trauen. Hurtig verschwand es hinter den Stauden. Und da war
in Lumaaru ein Gefühl unsäglicher Verachtung alles Lebens, das kränklich,
furchtsam und kraftlos ist.
Er schüttelte sein Fell und begann zu äsen. Und da kam nun eine
Stunde, die von wundersamer Schönheit war. Alle Verstörtheit, die
seit der Erkenntnis meiner Verwandlugn noch in meinem Bewusstsein zitterte,
verwandelte sich in wohliges Behagen, in köstliche Sättigung, in ein
ruhiges Genießen dieser zaubervollen Morgenstunde, in ein frohes Zusammenwachsen
mit dieser heiligen, von märchenhaften Farben durchleuchteten, von geheimnisvollen
Klängen durchrauschten Frühlingseinsamkeit. Bedächtig schmausend,
mäßig und zufrieden, wählte ich aus der Fülle der jungen
Kräuter mein duftendes Mahl. Jeder Bissen wurde mir gewürzt von einem
Strom der Wohlgerüche, die dem plaudernden Wald entströmten und aus
den Knospen der sprossenden Blumen quollen. Immer sagte mir der feine Sinn meiner
Nase: „Dieses Kräutlein nimm, es ist dir zuträglich …
jenes andere lass stehen, es ist dir schädlich.“ Mein Hunger gehorchte
diesem Rat wie ein wohlerzogenes Kind – und ich erkannte: Dass die Tiere
der Wildnis vernünftig speisen, und dass wir Menschen sinnlos fressen.
Und während ich aß – verständiger, als ich mich jemals
in meiner Menschenzeit gefüttert hatte – umfunkelten mich die gesteigerten
Farben des Morgens, und in der weiten Runde plauderten und sprachen, jubelten
und rauschten die Stimmen des hundertfältigen, allgegenwärtigen Lebens,
das fröhlich und hoffnungstrunken der steigenden Maiensonne entgegendürstete.
Sonst, mit meinen menschlichen Sinnen, wenn ich solchen Morgen in den Bergen
sah, empfand ich: Das ist Stille, in der die Bäche murmeln, die Wipfel
flüstern und die Vögel zwitschern. Doch was ich jetzt erlauschte,
mit Lumaarus feinhörigen Ohren, das war wie eine wogende Symphonie, bei
der sich unzählbare Stimmen, mächtige und zarte, träumerische
und jauchzende ineinander woben. Das Springen und Lachen der hurtigen Gewässer,
bis in weite Ferne, war wie Orgelklang und Glockenläuten, der Zug des frischen
Morgenwindes wie das Brausen eines nahen Meeres. Die felsigen Wände der
Berge tänten und knisterten, die stürzenden Steine sangen und dröhnten.
Jeder alte Baum des Waldes summte das Lied seiner hundertjährigen Schönheit,
und die kleinbegrünten Birken kicherten vergnügt wie junge Mädchen
in neuen Kleidern. Gleich dem schwirrenden Gesumse einer großen, fernen
Menschenmenge war das Zirpen und Geraschel des winzigen, nach tausend Arten
zählenden Getiers, das unter Moos und Gras erwachte. Und überall das
Brummen und Klingen des Käferfluges, überall das jubelnde Morgenleid
der Finken, das Meisengelächter und der flötende Drosselschlag –
ein Lied voll Kraft und Schmelz und Wohllaut ohnegleichen. Und eine staunende
Ahnung ließ mich fühlen, dass alle diese Stimmen des schönen
Morgens das gleiche jubelten: „Ich lebe, lebe, und ich freue mich!“
Lumaaru speiste mit gemächlichem Behagen. Er sah und hörte alle
Dinge dieses Morgens so, wie ich sie hörte und sah. Doch während in
meinem menschlichen Bewusstsein ein schönheitstrunkenes Staunen über
den klingenden und leuchtenden Zauber dieser Frühlingsfrühe zitterte,
war in Lumaaru eine ruhige Zufriedenheit, in der keine zwecklose Neugier rege
wurde. Er fragte mit keinem Gedanken: „Wie ist das alles? Wo kommt es
her? Wie schwindet es wieder? Wer gab mir dieses Schöne? Wer wird mir’s
wieder nehmen? Und warum?“ Es war in ihm nur dieses eine Denken: „Das
alles ist so, wie es ist. So lang es dauert, kann ich es genießen. Und
wenn es schwindet, kann ich es entbehren. Jetzt hab’ ich es.“
Da fühlte ich plötzlich eine grauenvolle Pein in meinem Kopf –
nein, Lumaaru fühlte diesen Schmerz in seiner Nasenhöhle. Und ich
empfand ihn mit. Und hätt’ ich meine Stimme noch gehabt, ich würde
vor Qual geschrieen haben, wie schwächliche Menschen schreien, denen ein
zahn gerissen wird. Lumaaru hatte keinen Laut in seinem Schmerz. Was mich so
grässlich marterte, das schien er als eine ganz natürliche, nur etwas
unbequeme Sache hinzunehmen. Er streckte das Haupt zu Boden und fing energisch
zu niesen an. Und da war ich plötzlich von dieser fürchterlichen Pein
erlöst. Lumaaru hielt noch immer das Haupt gesenkt. Aufmerksam und nachdenklich
betrachtete er das kleine, sich krümmende Würmchen, das er aus seinem
Leben hinaus geblasen hatte: Die Larve einer Rachenbremse. Dabei war keine Spur
von Groll in seinen Gedanken. Mit einer Heiterkeit, die man als versöhnlichen
Humor hätte bezeichnen können, monologisierte er in seiner stummen
Mienensprache: „Guck! Du winziges, unbegreifliches Luderchen! Du dunkle,
hässliche Sache meines schönen Lebens! Seit der seligen Rotzeit des
vergangenen Jahres, durch die vielen, kalten Weißtage, wohntest du in
meinem Kopf! Hast gefressen von meinem zartesten Fleisch und hast mich gemartert!
Aber jetzt bist du draußen! Jetzt hab ich Ruh vor dir! Und ich bin der
Klügere, weil ich nießen und mich befreien kann von meiner Pein,
und weil ich jetzt weiß, dass mein großes Leiden nichts anderes
war, als nur ein kleiner Zappelwurm in seinem Schleim!“
Wahrhaftig, Lumaaru lachte! Stumm, doch ungemein vergnügt. Ich fühlte
diese Heiterkeit mit ihm. Und dennoch war in meinem menschlichen Bewusstsein
ein angstvoller Ekel, so dass ich hätte schreien mögen: „Lumaaru!
Du Kamel der Wildnis! Sei nicht so gutmütig! Zerstampfe mit deinem stählernen
Huf dieses scheußliche Gewürm! Wenn du es nicht tötest, wird
es sich bis zur heißen Grünzeit in eine Hirschbremse verwandeln,
die dich wieder sticht, dir wieder ihre Eier in die Nase legt!“ Aber Lumaaru
fühlte meine lautlos schreiende Warnung nicht. Er wandte sich von dem zappelnden
Würmchen ab, tat noch einen behaglichen Schneuzer, schüttelte wohlig
das Haupt und machte sich wieder an sein duftendes Mahl, das uns beiden jetzt
noch besser mundete als zuvor.
Und wundersame Flammen loderten plötzlich vor meinen Augen. Die Sonne
war gestiegen, hatte die Helle des Morgens gesteigert und bestrahlte die gegen
Osten blickenden Gipfel der Berge. Sonst, mit meinem menschlichen Sehvermögen,
hatte ich solchen Morgenglanz immer al sein zartes, rosiges, den Augen wohltuendes
Leuchten wahrgenommen. Jetzt, mit Lumaarus Lichtern, sah ich diesen Widerschein
der Sonnenberge als eine wogende Glut.
Lumaaru war nicht geblendet von diesem grellen Sonnenglanz. Die ovalen Pupillen
seiner Augen verengerten sich sehr, und da dämpfte sich für ihn der
Schein des Morgenlichtes. Aber nun sah er nur noch das Ferne gut und scharf;
alle Dinge der Nähe bekamen für seinen Blick etwas Verschwommenes.
Das erweckt ein Lumaaru ein Gefühl der Unsicherheit. Er windete erregt
nach allen Richtungen, schüttelte unbehaglich das Haupt, und obwohl er
noch nicht völlig gesättigt war, unterbrach er sein Frühmahl
und trabte gegen den Morgenschatten des Waldes. In dieser kühlen Dämmerung
wurde ihm wieder wohl zumute. Er strebte seinem Lager zu und verhielt sich auf
diesem Weg nur immer kurze Zeit, um einen knospenden Buchenzweig zu knuspern
oder geschickt die kleinen, jungen Blättchen eines Birkenastes abzustreifen.
Dabei hatte mein Menschenverstand wieder allerlei zu fragen. Warum bildete
die Natur nachtsehende Tiere und solche mit Tagaugen? Um allen Wandel der Zeit
für das Leben auszunützen und das Dunkel wie die Helle gleichmäßig
zu bevölkern? Oder war das nur Entwicklung des Lebens? Anpassung an die
Phasen der irdischen Verhältnisse? Dann müssten die Ahnen aller nachtsehenden
Geschöpfe von heute zurückreichen bis in jene Zeiten der Erde, in
denen der sumpfige, mit Farnen und Schachtelhalmen überwucherte Erdboden
am Tag die Sonne niemals sah, weil sie stets umlagert war von dichtem, wirbelndem
Wettergewölk. Und wie diese stete Dämmerung unter den Licht verschlingenden
Wolkenmassen es forderte, so bildeten sich die Augen der Geschöpfe: Großpupillig,
empfänglich für jeden matten Schimmer des Lichtes, schmerzhaft empfindlich
für jeden seltenen Glanz. Und als die Feuchtigkeit der Erde immer mehr
in den Weltraum verdunstete und sonnenklare Tage kamen, begann bei den Tieren
entweder das Widerstreben, die Flucht in das Dunkle – oder die Gewöhnung
an die Helle, die Umformung der Augen und die Entwicklung zu tagfrohen Geschöpfen.
Dann muss der Maulwurf noch älter sein als die Eule, das Geschlecht der
Eule älter als die Ahnenreihe Lumaarus, die Gattung der Hirsche älter
als das Geschlecht des Adlers. Die helleren Tage der Erde formten und erzogen
Geschöpfte mit kleinpupilligen, lichtbezwingenden Augen, schufen ein froh
verjüngtes Leben, das in den Nächten schlummert und sich am Morgen
der strahlenden Sonne freut.
Du hunderttausendjähriges Geschlecht der Menschen mit dienen lachenden
Sonnenaugen! Wie jung noch musst du sein! Doch wenn in kommenden Zeiten die
Bäche versiegen und die Meere vertrocknen, wenn Wolken nimmer ziehen und
Regen nimmer fällt, wenn die Tage zu unerträglicher Glut, die Nächte
zu mörderischem Frost werden? Du junges Geschlecht der Menschen von heute?
Was wird dann werden aus dir? Wirst du zugrunde gehen, weil deine Sinne sich
dem Neuen nicht anbequemen? Wirst du erlöschen, wie der Riesenalk und das
Mammut erloschen? Oder wird die Not deinen Geist noch erfinderischer machen,
als er heute schon ist? Bist du schon auf dem Weg zur Klugheit kommender Zeiten?
Wirst du kochen ohne Holz und Kohle, deine Heimstatt erwärmen ohne Feuer,
sie beleuchten ohne Kerze, dich tränken und reinigen ohne Wasser? Wirst
du alles mit der auf- und niedertauchenden Sonne machen, mit den gelösten
Rätseln des Äthers, mit neu erschlossenen Kräften der Natur?
Mensch, der du es heute schon verstehst, ein bisschen zu flattern – wirst
du mit gewandelten Augen in die trockene Glut der Sonne schauen und der ungeflügelte
Adler kommender Zeiten werden, um die tötende Nacht zu fliehen und immer
dem strahlenden Tag zu folgen? Wirst du Luftstädte bauen aus Aluminium,
die von erst noch zu entdeckenden Kräften der Zukunft schwimmend in der
Höhe erhalten werden, in erträglicher Kühle, hoch über dem
dürren Brand des toten irdischen Bodens? Und werden die Chemiker deines
kommenden Geschlechtes köstliche Speisen aus Wind bereiten und Weine keltern
aus den Gasen der Luft? Oder wirst du rückständig bleiben, wird dein
Auge die Glut des Tages nicht ertragen lernen, deine Haut nicht den Frost der
Nächte? Wirst du ein Dämmerungstierchen werden, ein Abendschleicher
und Morgenflüchtling? Und ein Weilchen noch jauchzen unter kleinen Sternen
und dann immer mühsamer atmen, weil deine altmodische Lunge sich in diesem
dünnen Rest von Atmosphäre nimmer sättigen kann? Und wirst du
endlich erlöschen und vergehen, um neuen Formen des Lebens Platz zu machen,
wunderlich gearteten Geschöpfen, für die der Frost und die Hitze ein
Gleiches sein wird, und welche trinken werden ohne Trank, essen ohne Speise
und atmen ohne Luft? – –
Aus solchen Gedanken wurde ich durch ein Gefühl unsagbaren Wohlbehagens
aufgeweckt. Und da möcht’ ich eine Hymne singen, süßer
und zärtlicher, als sie im Abendduft der Weinberge aus Salomos berauschten
Sinnen klang.
Sage mir, Mensch, was dir als der herrlichste Genuss deines Lebens gilt? Frühling,
Liebe, Jugend, Reichtum, Wissen, Beifall und Ruhm, die neueste Mode, Schönheit,
Kunst? Keines von diesen köstlichen Dingen vermag dir solch ein ungetrübtes
Glücksgefühl zu werden, wie es für Lumaaru dieses Eine war: Das
Salz.
Er stand in der schattigen Morgenstille des Bergwaldes bei der von vielem
Wild verwüsteten Salzlecke, hielt in seligem Behagen die Augen geschlossen,
knaberte von den bitteren Steinen und trank wie ein Berauschter diese saure
Tunke.
Die Menschen glauben zu wissen, was Salz ist. Und dennoch ahnen sie nicht,
was dieses köstliche Wort bedeutet. Auch Lumaaru schlürfte, ohne das
Geheimnis dieses lebenerquickenden Wunders völlig zu erfassen. Doch ich,
der ich mit menschlichem Bewusstsein in Lumaaru wohnte und dieses namenlose
Tierbehagen mitgenoss – ich verstand es. Das Geheimnis lag nicht allein
im Salz. Es war auch in Lumaaru selbst. An sich ist alles ein Unbestimmtes.
Erst die Art, wie das Leben die Dinge der Natur zu nehmen weiß, macht
sie kostbar oder wertlos, gut oder schlecht. Das Beste an diesem köstlichen
Wunder des Salzes war Lumaarus kraftstrotzende Gesundheit. Seit dieser Stunde,
zu der ich in Lumaarus Kraft und mit seiner unverbrühten Zunge das Salz
genoss, bin ich des Glaubens geworden, dass kein Mensch zu genießen vermag,
wie das Tier genießt, und dass auch ein leidendes Tier noch gesünder
sein muss als ein schmerzloser Mensch.
Aber für Lumaaru war der Genuss des Salzes nicht nur eine leckere Wonne
in Gesundheit. Die Sache beförderte unleugbar den glatten Fortgang der
Verhärung. Ich hatte das Gefühl, als ginge mir – nein, ihm –
die Winterwolle jetzt viel leichter aus. Und noch ein anderer Vorteil war dabei,
ein sehr gesunder, der sich im Verlauf der schattenkühlen Promenade zur
Lagerstätte glatt und vornehm erledigte. Ich muss aufrichtig bekennen,
dass ich in diesen drei Sekunden der natürlichen Erleichterung lieber Hirsch
als Mensch war. Lumaaru erledigte dieses Notwendige mit einer wahrhaft beneidenswerten
Sauberkeit. Was für uns Adamskinder ein Hässliches ist, das war für
dieses Tier beinah ein Schönes – keine Störung seiner Lebensruhe,
kein Schatten in seiner ästhetischen Frühlingsmorgenfreude, nicht
einmal ein Aufenthalt auf seinem Weg. Er brauchte mit seinen Gedanken gar nicht
dabei zu sein, brauchte sich in keiner Form um die Sache zu kümmern, musste
nicht die stolze Haltung seines Körpers abscheulich verkrümmen und
hatte keine von jenen unliebsamen Manipulationen nötig, die in menschlich
einsamen Stunden keinem Heldentenor, keinem König und Papst von seinem
Kammerdiener abgenommen werden. Die viel gerühmten entwicklungsgeschichtlichen
Vorzüge des Menschengeschlechtes – sein aufrechter Gang und der Besitz
von Händen – haben doch auch zuweilen ihre unleugbaren Übelstände.
– –
Lumaaru hatte sein Lager erreicht. Es war nicht das gleiche wie in der Nacht,
kein Schlupf in der Dickung, sondern ein schöner, mooslinder, kühl
umschatteter Ruheplatz in herrlichem Hochwald. Einzelne Sonnenstrahlen, gleich
Brandpfeilen, flackerten um das blaugrüne, wundersam tönende Wipfeldach
des Waldes. Und Lumaaru lag noch kaum auf der Erde, als zahlreiche Fliegen,
in allen Farben schillernd, zwischen den Bäumen heran geschossen kamen,
als hätte der Duft von Lumaarus Gesundheit aus weitem Kreis des Waldes
eine ganze Hölle von Blutsaugern herbeigerufen. Aber sonderbar! Diese Surrenden,
die nach unserem Blut dürsteten, kamen nicht ganz heran – sie schienen
in der Luft wie gegen eine unsichtbare Wand zu stoßen und machten kehrt
und verschwanden, als läge schützend um Lumaaru ein geheimnisvoller
Zauberkreis.
Was war das?
Als ich das Rätsel zu ergründen glaubte, befiel mich andächtiges
Staunen vor der Klugheit und den feinfühligen Sinnen der Tiere.
Während Lumaaru sich zur Ruhe niedergelassen, hatte ich mitempfunden,
dass seine sensible Nase einen scharfen, unbehaglichen Geruch überwinden
musste, der die Stätte seines Lagers umwitterte. Und nun, während
Lumaaru so fliegensicher rastete, wurde dieser Dunst um ihn her immer stärker.
Ich erinnerte mich an meine Knabenzeit und an die üblen Düfte, die
aus den Schachteln meiner Käfersammlung quollen. War eine solche Volksversammlung
toter Käfer in dem hohlen Baum verborgen, neben dem sich Lumaaru zur Ruhe
niedergetan? Denn unverkennbar strömte aus dem dunkel klaffenden Höhenspalt
des Baumes dieser Ätzgeruch der Käferfäule – und Lumaaru,
der sonst nur die erquickenden Wohlgerüche lebte, ertrug diesen bitteren
Dunst, der die Fliegen verscheuchte. Aus Blutdurst wären die kleinen Sumpser
auch in den schatten geflogen, den sie hassten. Dieser Geruch aber jagte sie
in die Flucht, sobald sie ihn merkten. Er war für sie wie eine steinernen
Wand, von der sie zurückprallten. Warum? Als Jäger weiß ich,
dass eine Stelle, an der ein verendetes Wild verwest, von allem gesunden Wilde
der gleichen Art gemieden wird.
Wohnt ein ähnliches Grauen vor dem Todesgeruch der eigenen Gattung auch
in den Fliegen und Bremsen? Weil sie so erschrocken davon stoben vor dem Übelduft
dieser Insektenfäule, den Lumaaru mit Selbstbeherrschung überwand?
Wie aber gerieten tote Insekten so mengenweise in den hohlen Baum, dass ihre
Verwesungsdünste auf zwanzig Schritte im Umkreis schwer die Luft erfüllen
konnten? Und je wärmer der Morgen wurde, umso schärfer kam es aus
dem Baum herausgedunstet. Lumaaru bemerkte das mit Unbehagen. Und da dachte
er, was in freier Übersetzung etwa lauten würde: „Sei tapfer,
mein Näschen! Die kleinere Plage ist erträglicher als die größere
Qual!“ Ich fühlte deutlich, dass Lumaaru humorvoll schmunzelte. Doch
unverständlich blieb mir der Gedanke, den er an diese Lebensweisheit anschloss:
„Meine kleinen Freundinnen fanden wohl reichlichen Fraß in dieser
milden Nacht? Und arbeiten heute fleißiger, als für mich notwendig
und nützlich ist.“ Und als Lumaaru dieses Wunderliche gedacht hatte,
wandte er das Haupt gegen den Baumspalt hin und spähte sinnend in die farbige
Dämmerung der kleinen Höhle.
Nun sah ich ein seltsames Schauspiel der Natur. Schlummernd hingen in dem
von Spechten ausgemeißelten Baum drei Fledermäuse an den Hinterbeinen,
mit den Köpfen nach abwärts, jede umfaltet von den grauen Flügeln,
wie eingewickelt in kleine, zusammengeklappte Regenschirme. Es waren drei junge
Mütter. Unter den gefalteten Flügeln rührte sich immer was. Dieses
Rührsame waren die im Schlaf saugenden Kinderchen, von denen jedes an die
Brust seiner Mutter geklammert hing. Die Mütter nährten, während
sie schlummerten. Und während sie schliefen, gehorchten sie auch emsig
einer unweigerlichen Pflicht des Lebens, die sie in dieser hängenden Stellung,
mit dem grauen Bäuchlein nach oben, nicht erledigen konnten. Und drum begann
von den schlafenden Müttern bald die eine und bald die andere im Tagesdusel
ein bisschen zu schaukeln, und schaukelte sich immer stärker, so lange,
bis sie mit der Handkralle die Seitenwand der Höhle erfassen konnte. In
dieser horizontalen Lage glückte der grauen Schläferin die dringend
notwendige Sache. Und so fiel denn wieder, wieder und immer wieder in die Tiefe
des Baumspaltes hinunter, was am verwichenen Abend noch eine Frühlingsfliege,
ein in verliebter Sehnsucht schwirrendes Käferchen oder ein gaukelnder
Dämmerungsfalter gewesen war. In ganz erstaunlichen Massen füllten
die Reste dieses umgemodelten Insektenlebens die Baumhöhle. Und die noch
immer wachsenden Tropfberge der Verdauung schimmerten im Zwielicht des Höhlenspaltes
von glasigen Flügelsplittern, von Fragmenten farbiger Käferflügel,
von geknickten Insektenbeinchen und Schmetterlingsgliedern, die der Umformung
widerstanden hatten.
Eine englische Gouvernante würde ‚Shocking!’ sagen. Aber
lächerlich und unappetitlich erscheinende Dinge werden zu einer ernsten,
fast heiligen Sache, wenn man ihre Zusammenhänge mit dem ewigen Räderwerke
der Natur zu ahnen vermag. Und was ist da nun erstaunlicher? Die geradezu riesenhafte
Leibesleistung der winzigen Fledermäuse? Oder das hier im Kleinen sich
wiederholende Bild der großen Lebenswandlungen und des chemischen Umformungsprozesses
der gewaltigen Erde? Oder das stille Mutterglück im hohlen Baum? Diese
natürliche Kinderwiege der gefalteten Mutterflügel? Oder das unglaublich
feine Witterungsvermögen der heransurrenden Fliegen und Bremsen, die in
Schauder auf tausend Körperlängen einen Friedhof ihrer Gattung rochen
und die Nähe der verborgenen Todfeinde spürten? Oder die Klugheit
Lumaarus, der bewusst ein Widerstreben seines schärfsten Sinnes überwand,
um mit einer kleineren Plage die Erlösung von einer größeren
Lebenspein zu bezahlen?
Aber warum nur guckte er noch immer mit dieser gespannten Aufmerksamkeit in
den Baumspalt, erwartungsvoll jede leiseste Bewegung der Fledermäuse verfolgend?
Ich sah, dass die grauen Freundinnen in ihrem Halbschlaf unruhig wurden. Und
plötzlich rückte die größere und dann jede der beiden kleineren
mit baumelnden Bewegungen seitwärts in die dunklen, gegen jeden Windhauch
geschützten Klüfte der Baumhöhle. Bei dieser Wanderung entfaltete
eine der grauen Mütter ein bisschen die geschlossenen Flügel, und
es lugte da ein winziges Kindchen heraus, dessen Anblick für mich zu einem
Schreck, zu einer mahnenden Erkenntnis und zu einem Gefühl der Rührung
wurde. Denn dieses halbentwickelte, noch spärlich behaarte Fledermausbaby
hatte eine ganz verblüffende Ähnlichkeit mit jenen ungeborenen Menschenkindern,
die in anatomischen Museen dem Alkohol frönen, ohne einen Genuss davon
zu haben.
„So“, dachte Lumaaru, „da wird’s nun glich erträglicher
werden!“ Und er hatte das kaum gedacht, als der talwärts ziehende
Schattenwind umschlug in einen scharf bergaufwärts strömenden Sonnenwind,
der, weil Lumaaru unterhalb des Baumes ruhte, den aus dem Höhlenspalt quellenden
Ätzgeruch zu einem leicht erträglichen Dunst milderte. Die Fledermäuse
hatten diesen Umschlag des Windes vorausgefühlt und sich für Lumaarus
Sehnsucht nach Wohlbefinden als eine verlässliche Uhr erwiesen.
Und als Lumaaru nun mit ungetrübtem Behagen ruhte, kam eine merkwürdige
Sache – so ähnlich, wie einem gemütlich rastenden Menschen freundliche
Erinnerungen, ein süßer Nachgenuss vergangener Freude und köstlich
träumende Bilder kommen. Wir verspürten plötzlich einen wunderlich
angenehmen Kitzel in der Magengegend, und dann quoll unter drolligem Gurgellaut
ein prachtvoll schmeckendes Haschee über unsere Zunge hin. Meine menschliche
Ästhetik fühlte im ersten Moment einiges Widerstreben gegen diesen
konträr servierten Nachtisch. Doch mein Widerwille wurde alsogleich zu
herrlichem Wohlgeschmack und unbeschreiblichem Behagen. Was wir Menschen das
Geschäft des Wiederkäuens nennen – eine nach unserm Gusto ganz
unbegreifliche Sache – war für Lumaaru einer von seinen sublimsten
Lebensgenüssen.
Die gelehrten Zoologen wissen nicht, warum es Wiederkäuer gibt, und welchen
Sinn dieser wunderliche Trick der Natur besitzt. Hypothetisch zu sagen: Der
Magen hat halbgekaute Nahrung verschlungen und schickt sie – gleich einem
übellaunigen Bürochef – mit Protest zurück, damit sie von
den kleinen knöchernen Beamten des Gebisses gründlicher erledigt würde
– das ist keine Erklärung. Wenigstens keine zutreffende. Die Raubtiere
und Vögel verschlingen ihre Nahrung in groben Brocken, und ihr Magen wird
mit der Arbeit fertig. Auch konstatiere ich, dass wir beide, Lumaaru und ich,
unser süß duftendes Frühmahl ausreichend gekaut hatten. Die
rätselhafte Sache kann auch mit der Pflanzennahrung nicht zusammenhängen.
Sonst müssten alle Pflanzenfresser Wiederkäuer sein. Das ist aber
nicht der Fall. Und die es nicht sind, kauen ihr Grünzeug auch nicht besser,
als Lumaaru und ich das am Morgen erledigt hatten. Ein Geheimnis der Natur?
Oder eine von ihren Vergesslichkeiten – wie etwa der Blinddarm im Menschenleib?
Oder eine rückständige Mode von Anno dreißig Millionen vor Christi
Geburt? Und dann ein Alterszeichen der Zweihufer? Sollte der Wiederkäuermagen
seine Entstehung zurückleiten bis in die Periode einer längst verschwundenen
Vegetation, deren Zweige und Blätter so schwer zu verdauen waren, dass
die Natur es mit dem besten Willen keinem Magen zumuten konnte, diese Arbeit
glatt in einem Prozess zu erledigen? Wenn die Hirsche vor Zeiten einmal gestachelte
Farnen und zähe Schachtelhalme klein kriegen mussten, wär’ es
auch begreiflich, dass sie dazumal scharfe Eckzähne nötig hatten,
welche späterhin, als die Pflanzennahrung milder und bekömmlicher
wurde, zu völlig unnützen Knöchelchen degenerierten – zu
den „Granen“, die nur noch den einen Zweck besitzen, dass ein stolzer
Hochwildjäger sie mit Goldfassung als Manschettenknöpfe tragen kann.
– Wenn einst die Pflanzenfresser eisenhartes Holz zernagen, Dornen und
lederzähe Moose verschlucken mussten – hätte da nicht bei dieser
blutigen Fütterungsqual ein Denker unter den Zweihufern mit verzeihlichem
Pessimismus einmal auf den Einfall kommen können: „Nein, lieber nicht,
das Verhungern ist angenehmer, als sich auf solche Weise ernähren zu müssen?“
Derartigen Pessimismus durfte die Natur nicht dulden, sie musste ihre Geschöpfe
zu ausdauerndem Optimismus erziehen. Auch würde sie das Leben seit Ewigkeiten
nicht erhalten haben, wenn es für ihre im Kreis laufende Entwicklung nicht
ein Unentbehrliches wäre. Natur! Du Kluge, du Reiche an Listen, du Meisterin
aller hilfreichen Mittel! Wie du die Geschöpfe durch das Geschenk der Wollust
zwangest, ihre Gattung zu erhalten, so trau ich dir auch zu, dass du die Pflanzenfresser
der Vorzeit durch eine leckere Freude der Verdauung bestachest, den Schmerz
und die Pein einer gröblichen Ernährungsmühe mit Geduld zu ertragen,
in der Hoffnung auf köstlichen Lohn. Als du die steinerne Erdrinne umgemodelt
hattest zu lindem Humus, und als du zartere Pflanzen formen konntest, die leichter
zu knuspern waren, da erfandest du auch moderne Pflanzenfresser, die den Wiederkäuermagen
entbehren konnten. Warum aber ließest du ihn den Hirschen und Genossen?
Weil du keine Zeit fandest, ihn umzubilden? Weil dreißig Millionen Jahre
für den Zeiger deiner Uhr noch keine Sekunde bedeuten? Weil du –
mit dem kleinen Maßstab des Menschlichen gemessen – nicht nur „grausam“
sein kannst um deiner Zwecke willen, sondern auch dankbar, gütig und liebevoll?
Denn jene verkennen dich, die da sagen: Du hättest hinter jede helle Freude
einen dunklen Schmerz gestellt. Wer dich recht erkannte, weiß, dass du
das Umgekehrte tust: Jedwede unerlässliche Lebensmühe belohnst du
mit dem Geschenk eines frohen Jubels. Allen Geschöpfen, die sich redlich
deinem Dienst weihen, machst du das Leben schön und süß. Wird
es ihnen hässlich und bitter, so sind nur sie allein die Schuldigen, weil
sie sich entfernten von dir und falsche Gedanken denken. Meister im falschen
Denken ist dein entartetes Kind: der Mensch. Und ich traue meinen eigenen Gedanken
von jetzt nur deshalb leidliche Richtigkeit zu, weil ich, denkend als Mensch,
doch in Lumaarus Körper und mit seinen Sinnen empfinde als ein gesundes,
kraftvolles, furchtlos ruhiges Tier in seinem unsagbaren Wohlgefühl. Natur,
du dankbare! Als du die Erde in milderem Grün erblühen ließest
und Pflanzen formtest von zarteren Geweben – wogst du damals gegen die
Notwendigkeit, nun auch neue Arten Pflanzen schmausender Tiere bilden zu müssen,
das glückliche Behagen eines wiederkäuenden Hirsches ab? Und sprachst
du da wie Gott in der Bibel: „Ich sehe, dass es gut ist!“ Und sagtest
du zum Hirsch und zu allen, die noch wiederkäuen: „Euren Ahnen war
Ernährung eine Plage, jetzt will ich erkenntlich sein und will euch Enkeln,
ohne dass ihr schwere Arbeit leistet, den leckeren Lohn belassen, den ich den
Neugewordenen nimmer zu bezahlen brauche, weil sie im sanften Frühling
der Erde ein leichtes, müheloses Leben haben!“
Ob es so war? Die Köstlichkeit des schönen Augenblickes gab mir
diesen Gedanken wie einen zärtlichen Traum und wie ein gläubiges Schauen.
Wundersame Stunde! Glück und Ruhe warst du, wunschlose Zufriedenheit, Lebensfreude
ohne Sehnsucht! Wohlig erquickte die kühle Rast den gesunden, kraftstrotzenden
Leib; Zunge und Gaumen kosteten eine würzige Speise, die wie Haschisch
wirkte und den rauen Bergwald verwandelte in einen Zaubergarten von Nirwana.
Und was da die ruhigen Augen sahen, Licht und Schatten, leuchtende Farbe und
stilles Grau, alles war ein Klares und Selbstverständliches, und alles
war mein Besitz. Mit berauschendem Wohlruch, den die Schwingen des Windes trugen,
grüßten die Frühlingsblumen des Tales zu mir herauf, und jeder
Bach der Tiefe, wachsend von den strömenden Schneegewässern, sang
sein stürmendes Taglied in die Sonne. Die Wipfel der Bäume plauderten
und sprachen, die alten Stämme summten, jedes Ästlein knisterte und
flüsterte. Unzählbare Stimmen überall! Fern im Dickicht die polternden
Sprünge eines Rehs und sein laut trompetender Schmälruf; dann wieder
das nahe Schnalzen und Gekicher eines hochzeitlichen Eichhornpärchens,
das blitzschnell um die Bäume raschelte und zärtliches Verstecken
spielte; und von Ast zu Ast das selig erregte Geflatter der Nest bauenden Vögel,
ihr Schwatzen und Singen, schmetternd und lockend, leise und froh. Dann jählings
eine brüllende Riesenstimme, die alles Gepisper des kleinen Lebens überdrohnte:
Das Rollen und Gedonner einer Frühlingslawine, die droben von den kahlen
Wänden niederging – und Raum für kommende Blumen schuf.
Und alle diese Stimmen klangen um meinetwillen und sangen das Schlummerlied
meines wohlig beginnenden Schlafes, in dem ich alles wusste, was in der Runde
um mich her geschah.
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