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Seit anderthalb Jahren hatte ich die Berge nicht mehr gesehen. Hochzeit, junges
Eheglück und erste, närrisch-selige Vaterfreude hatten sie aus meinem
Lebenskreis hinausgeschoben, hatten sie meiner Sehnsucht so völlig entrückt,
dass es manchmal schien, als hätten sie mir nie was Rechtes gegolten.
Im Vorfrühling 1883, wenige Wochen nach der Geburt unseres ersten Kindes,
musste ich von Wien nach München reisen. Zwei Bände Turgenjew, die
ich auf die Reise mitgenommen hatte – die „Skizzen aus dem Tagebuch
eines Jägers“ – fesselten mich so sehr, dass ich während
der ganzen Tagesreise keinen Blick aus dem Fenster warf, nur immer ins Buch
guckte, von Wien bis Salzburg. Es fing schon der Abend zu dämmern an, als
hinter der Zollschranke die Reise weiterging. Ich hatte die „Biäschinwiese“
gelesen und träumte dieser feinen, wundersam stillen Geschichte nach, in
der die Quellen der Natur wie ein versunkenes Chorlied von tausend geheimnisvollen
Stimmen rauschen. Draußen, vor dem klirrenden Fenster, stand die Fackel
des Jupiters gleich einem glühenden Kyklopenauge auf der kalten blauen
Stirn des Abends. Gelbliche Feuerstreifen brannten über dem Saum der westlichen
Moore. Und hinter einer von Dämmerung und Glutreflexen umwobenen Landschaft,
die schneelos schon dem Morgen des ersten Veilchens entgegenträumte, stieg
der beschneite Untersberg wie ein silberweißes, von tiefen Schattenrätseln
durchwobenes Märchenbild in die Lüfte, schön und keusch, gewaltig
und dennoch zart, umgaukelt von allem Erdenreiz und umflüstert von den
Sagen vergangener Zeiten. Und neben ihm – wie Vasallen und Ritter an der
Seite ihres Herzogs, mit violettem Stahl oder Gold gebuckeltem Silber gerüstet
– zogen die Gipfelketten der Berge bis zu endlosen Weiten, die von Schnee
übergossenen Zinnen noch angestrahlt von einem letzten Nachleuchten der
schon verschwundenen Sonne.
Hatte die Lektüre Turgenjews mich vorbereitet auf die Wirkung dieses Bildes?
Oder war es die Schönheit der Stunde selbst, die den halbverschütteten
Jubelbrunnen meiner Bergfahrten von ehemals wieder springen machte, mit doppelter
Gewalt, da er so lange gefesselt war und völlig versickert schien? Es überfiel
mich wie eine psychische Katastrophe, wie eine Verrücktheit meines Blutes
und meines Heimatgefühls, wie eine Irrsinnskrise meiner Lebensfreude und
wie ein Rauschtaumel meiner Sehnsucht nach den schönen Dingen da droben.
Ich musste das Fenster aufreißen, musste die Arme hinausstrecken und mit
aller Kraft meiner Stimme schreien, als stünde da droben auf den weißen
Plattköpfen des Untersberges einer, der schon lange von mir eine Nachricht
erwartete.
Und als die Finsternis begann und alles Leuchtende umwickelt wurde vom schwarzen
Mantel der Nacht, verwandelte sich der ganze Rest meiner Reise in ein traumfrohes
Genießen meiner glückseligen Bergstunden von einst.
Daheim, in München, wieder in der kleinen weißen Stube, in welcher
Mutters Spinnrad seit neun Jahren seinen Fensterplatz nicht gewechselt hatte,
begann ich es gleich dem Vater abzubetteln: Mir eine Jagderlaubnis im Hochgebirge
zu erwirken. Denn in den Bergen leben und nicht jagen, das ist doch ungefähr
so was Ähnliches, wie ins Wasser fallen und nicht schwimmen. Drei Tage
später hatte ich den „grünen Schlüssel“ für
die Forstämter Ruhpolding, Partenkirchen und Garmisch in der Tasche und
hätte als beglückte Seele heimfahren können nach Wien.
Heim? Wo war ich daheim? In München bei Vater und Mutter? In Wien bei
Frau und Kind? Dieses einfachste und klarste von allen Menschenworten –
daheim – hatte plötzlich für mich einen doppelten Sinn bekommen
– eine Wahrnehmung, die mich wunderlich schmerzte. Am letzten Tag in München
verließ ich das Haus nicht, blieb immer bei der Mutter. Sie spann nicht
wie sonst. Den ganzen Tag, auch bei der Lampe noch, häkelte und strickte
und nähte und bügelte sie – für „das kleine Weible
in Wien“. Immer musste ich von dem Kind erzählen, und hundertmal
sagte die Mutter an diesem Tag: „Sobald’s ein bissele wärmer
wird, komme ich.“ Sonst hatte die Mutter niemals viel nach Wetter und
Wind gefragt; doch seit einiger Zeit, niemand wusste recht, warum, war sie mit
der Kälte auf feindseligen Fuß geraten und sagte: „Mein, es
geht halt alles emal aufs letzte Restle. Fangt der Haas zum frieren an, so muss
er bald in die Pfann.“ Der Doktor fand nicht, dass die Mutter krank wäre,
und nahm die Sache als allgemeine Entkräftung seit jenem Tag, an dem sie
eine etwas gewalttätige Zahoperation an sich hatte vornehmen lassen –
an einem Tage hatte sie sich siebzehn vom Schwund des Zahnfleisches bedrohte
Zähne ohne Narkose reißen lassen; und den Zahnarzt ausgenommen, hatte
sie keinem Menschenkidn was davon gesagt. Als sie nach dieser Kur à la
Dr. Eisenbart heimkam, und der Vater ihr Vorwürfe machte, mimte sie unter
klapperndem Kniezittern mit ihrem zahnlos gewordenen Mund lustig das „Großmütterle“
und sagte: „Aber Gustl! Hätt ich siebzehn Mal zum Zahnarzt hinlaufe
müsse, da hättst du doch eine Rechnung gekriegt, wieder Donjuan vom
Leporello. Im Dutzend ist’s allweil billiger. Drum hab ich’s in
einem Aufwaschen erledigt.“ Sie schien sich auch bald wieder von dem schweren
Nervenschock zu erholen. Aber sehr mager wurde sie und bekam scharfe Züge
im lieben Gesicht. Und an der Gestalt, die seit dem Weldener Forsthausjahren
immer eine nette Rundung gezeigt hatte, begann sie, wie sie selber zu sagen
pflegte, „die Beinle herauszubohren.“ Dabei blieb sie neben einer
chronischen Reizbarkeit so vergnügt wie immer, war witzig, unverdrossen
in allen Dingen, zu jedem munteren Schabernack bereit, und gerade in dieser
Zeit so fleißig, dass unser Kind in Jahren nicht kaputt zu machen vermochte,
was ihm die Großmutter während dieser Wochen nähte und häckelte.
Am letzten Abend, eine Stunde vor meiner Abfahrt zum Bahnhof, stellte sie in
der kleinen weißen Stube die ganze „Bescherung für das Lolo-Weible“
zwischen brennenden Wachskerzen auf dem Tisch zurecht. Das war anzusehen wie
die Feiertagsauslage eines ehr leistungsfähigen Geschäftes für
Kleinkinderausstattungen. Vor diesen brennenden Kerzen nahm die Mutter mich
um den Hals. „Tu mir halt deine Frau und das kleine Weible schön
grüße, gell! Und du, Bub, werd’ endlich einmal gescheit! Jetzt
musst du den junge Leichtsinn unter die Füße bringe. Jetzt bist du
Vater! Viel Pflichten gibt’s im Leben, wo man ein bissele was abzwacken
kann, wenn’s nit anders geht. Aber Vatersein – Bub, das ist eine
Pflicht, an der kein Härle nit fehlen darf.“
Als ich schon die dick angepfropfte Reisetasche in der Hand hatte, sagte die
Mutter noch, ein bisschen scheu: „Ach, Bub, oft, wenn ich aufwach in der
Nacht, kann ich vor lauter Sorg um euretwegen gar nimmer einschlafen. Bist du
denn nit ein bissele leichtsinnig hineingesprungen in dein Glück? Der Vater
hat’s nit, du weißt doch. Jetzt musst du’s selber schaffen.
Habt ihr denn auskömmlich zu leben, ihr drei?“
„Natürlich, Mutterl, da sei nur ganz ohne Sorg! Ich bin fleißig,
und Geld hab ich wie Heu.“ Beides war nicht gelogen. Fleißig war
ich. Und in der Tasche trug ich die 1200 Mark, die mir einer meiner Münchener
Freunde bis zur Vollendung meiner neuen Arbeit vorgeschossen hatte.
Von der Nachtreise, die am Chiemsee vorüber ging, ist die Erinnerung an
einen seltsamen, fast märchenhaften Feuerzauber in mir geblieben. Ferne,
über der schwarzen Wipfelsäge lang gestreckter Wälder, war ein
mächtiges Brennen und Leuchten, ein ruhelos zuckender Glanz, der das tief
herabhängende Nebelgewölk der Seelandschaft mit blutrotem Schein überhauchte.
Flüchtig sah ich ein paar Mal in den Waldlücken ein breites Schimmerbild
aufgluten. Es glich einem riesenhaften Feenhaus mit festlich erleuchteten Sälen.
Aber die Fenster waren leer, waren wie die viereckigen Glutaugen einer Brandstätte.
Schön war’s. Und doch ein bisschen unheimlich. Und dann verschwand
es in der Finsternis. – Wurde auf Herrenchiemsee am Ausbau des prunkvollen
Königsschlosses auch in der Nacht gearbeitet, bei Fackelschein? Oder war
der König gekommen, in der Mitternachtsstunde? Und hatte er das Schloss
und den neuen Anbau beleuchten lassen für sich allein? Und saß er
im Thronkleid des Sonnenkönigs einsam an der Tafel mit den zwölf Gedecken?
Bedient von Lakaien, die schwarze Masken tragen musste, um die Schönheitsvisionen
dieses von allem Zusammenhang mit der lebenden Welt verlassenen Träumers
durch keine Alltagsmiene zu stören?
Viel Klatsch wurde über den König umgetragen im ganzen Land –
über den schönen König, den doch alle liebten. Es wurden Dinge
erzählt, die zu glauben man sich weigern musste. Einmal sprach ich darüber
mit meinem Vater. Er sagte streng: „Lass das in Ruhe! Davon red’
ich nicht. Und nach einer schweigsamen Weile fügte der Vater bei: „Er
ist mehr belogen worden als je ein Fürst. Das hat ihn gezwungen, sich in
Verachtung abzuwenden. Man hat viel Gutes in ihm zerstört. Gewaltsam. Und
das ist schade. Ich habe Gründe, ihn zu verehren, und hab ihn lieb. Mach’
mir das als guter Bayer nach! Dann musst du dir nicht den Kopf zerbrechen.“
Zum letzten Mal hatte ich den König in München bei einem Hubertusfest
gesehen, im Zug der Ordensritter. Er ragte um den schönen Kopf über
alle anderen hinaus. Der Gang des hohen, schweren Körpers hatte etwas Feierliches
und doch etwas traumhaft Schwankendes. Die großen wundervollen Schwarzaugen
schienen die tausend Menschen nicht zu sehen und waren mit verlorenem Trauerblick
ins Leere gerichtet, eine Weite suchend, die durch Mauern verschlossen war.
Und diese Königsaugen hatten heißen Glanz. Was in ihnen brannte –
war es das Fieber einer leidenden Seele? War es – inmitten der tausend
Menschen, die sich vor ihm neigten – die Ungeduld seiner Sehnsucht nach
den Bergen, deren einsames und menschenfernes Nachtschweigen er liebte, seiner
Sehnsucht nach jenem stillen Haus, das auf dem Schachen zwischen Eis und Felsen
stand? Auf einem Boden, der blühen und morden kann, doch immer Wahrheit
ist und nie eine Lüge sagt!
Der Zug, der mich heimtrug, jagte rauschend durch die Frühlingsnacht.
Vom Feuerschein auf Herrenchiemsee war kein Schimmer mehr zu sehen. Und auf
der anderen Seite der Bahnstrecke dämmerten die beschneiten Berge, verkleinert
von der Dunkelheit. Ihre Grate waren heller als ihre Brüste. Und über
die weißen Spitzen, im tiefen Stahlblau des mit Goldfunken besäten
Himmels, zog sich wie ein ins Endlose wehender Silberschleier die Milchstraße
hin. Wer wandern dürfte auf solchem Ewigkeitswege!
Ein paar Wochen später, an einem letzten Apriltag, fuhr ich wieder die
gleiche Strecke, in entgegen gesetzter Richtung, mit Frau und Kind und Kindsfrau,
einer herben, wortkargen Holzwinkelschwäbin aus Welden, die unser kleines
Weible vergötterte.
Gegen diese Reise, so zeitig im kühlen Bergfrühling, und mit einem
Kind, das noch kein Vierteljährchen alt war, hatte meine Frau sich anfangs
energisch zur Wehr gesetzt. Ich war der Überzeugung: „Mein Kind macht
das schon.“ Und das junge Sorgenmutterchen gab nach, der Bergsehnsucht
zuliebe, die mir in Blut und Seele brannte. Auch hatte ich, um die Reise für
das Kind zu kürzen, auf das schönere Partenkirchen, auf Zugspitze
und Wetterstein verzichtet und mich für das nähere, hinter Traunstein
gelegene Ruhpolding entschieden, obwohl es nur mit Waldbergen zweiter Güte
und einem mäßigen Jagdgehege aufzuwarten hatte.
Die Reise ging an einem milden Tag herrlich vonstatten. In Wien auf dem Westbahnhof
hatte ich mit dem Lokomotivführer eine Bundesbrüderschaft geschlossen,
die auf meiner Seite inniger war als auf der seinen. Und dann rannte ich bei
jedem längeren Aufenthalt mit einer Blechkanne zur Lokomotive und zapfte
aus dem guten Feuerherzen des Dampfrosses das heiße Wasser heraus, in
dem wir die Milch für das kleine Weibi wärmen konnten. Ich nannte
damals die Lokomotive „mein warmes Kamel“. Und das Kindl in seiner
lächelnden Geduld benahm sich tadellos, wie fürs Reisen geboren, und
am rot leuchtenden Abend, während der Wagenfahrt von Traunstein nach Ruhpolding,
guckte es mit den großen Blauaugen neugierig aus dem warmen Häubchen
heraus, das ihm die Großmutter gehäkelt hatte. Auch meine Frau war
nun zufrieden, weil das Kindl sich frisch und reisetapfer erwies, und weil sie
meine Bergfreude sah, die genährt und gemehrt wurde von jeder neuen Wendung
des schönen Talweges. Als wir einfuhren in das stille Dorf, begann schon
der Abend zu dämmern, und die ersten Sterne funkelten. Die Luft war erfüllt
vom Wohlgeruch der Ackererde, vom Geläut der Abendglocke und vom Rauschen
der weißen Traun. Und das Dorf mit seinen alten, sauberen Häusern
und den rot beleuchteten Fenstern lag wie eine zierliche Weihnachtskrippe vor
dem grünen Hintergrund des hoch gebuckelten Rauschberges – ein Bild,
das zu uns redete wie eine Verheißung friedlicher Sommerwochen.
Als minder erquicklich erwies sich unser Quartier, ein kleines, nicht besonders
appetitliches Wirtshäusl außerhalb des Dorfes. Im ersten Stock drei
kalkweiße Stuben mit strohgelb angestrichenen Holzmöbeln eines Tischlers,
der seinen Beruf verfehlt hatte. In der Schlafkammer als Betten zwei hochbeinige
Holzgiraffen, auf deren Raschelrücken man nur mit Benützung eines
Sessels gelangen konnte. Und im ganzen Haus ein intensiver Geruch nach Fliegenleim
und sauer gewordenem Bier. Mein verzweifeltes Frauerl, das nur die netten, gemütlichen
Badeorte und Sommerfrischen der Wiener Gegend kannte, sagte vorwurfsvoll: „Also
das sind deine berühmten bayerischen Berge! Na, gute Nacht!“ Aber
auch die Nacht wurde gar nicht gut. Drunten in der Wirtsstube saß ein
halbes Dutzend bezechter Bauern – genau senkrecht unterhalb der beiden
Jammerkästen, in denen wir lagen – und diese unermüdlichen Radaubrüder
dudelten die ganze Nacht die gleiche, zur Unerträglichkeit anschwellende
Melodie: Hurax dax, hurax dax – klapperten mit den Bierkrügeln und
stampften mit den genagelten Schuhen den Takt dazu. Um die Mitternachtsstunde
vergoss meine Frau sehr heiße Tränen und klammert sich an den einzigen
Trost: Dass wenigstens das Kindl schlief. Mir wurde das schlummerlose Warten
bis zum Morgen kürzer, weil ich früh um zwei Uhr von meiner stelzfüßigen
Bettgiraffe herunterrutschte, um mir den ersten Auerhahn zu holen.
Ein Frühmorgen, wie man ihn nur in den Bergen erleben kann! Eine Wanderstunde
von hinreißendem Dämmerzauber! Und die Bettgiraffe, der Übelduft
des sauren Bieres, das Huraxdax und der Fliegenleim – alles war vergessen,
und alles in den Bergen war mir wieder „herrlich wie am ersten Tag“!
Bei einem Wegkreuz erwartete mich der Förster von Laubau, und nun ging’s
einem Bergtag entgegen, der mir gleich auf den ersten Anhieb ein wunderliches
Erlebnis bescherte. Mit Jägerpech begann es und endete mit einem weidmännischen
Glücksfall, der so wirklich war, wie er unglaublich scheint. Wir stiegen
zur Hirschbergwand hinauf. Ich musste immer wieder stehen bleiben und hatte
so viel zu gucken, so viel zu lauschen, so viel zu staunen, dass der Morgen
schon hell wurde, ehe wir die Balzstätte des Auerhahnes erreichten und
den Hauptschlag seines urweltlichen Liebesliedes vernahmen. Der einsame Lärchbaum,
auf dem er sang, stand dicht am Abfall der Wand und war von uns durch eine zweihundert
Meter breite Blöße getrennt. Der Förster meinte: „Da spuckt’s,
Herr Dokter! Den kriegen S’ heut net!“ Das unmöglich Erscheinende
reizte mich erst recht. Nach dem Takt des Hauptschalges, der deutlich vom Lärchbaum
herüber klang, begann ich zu pirschen, zu springen und zu schleichen. Da
verstummte der Hahn. Hatte ich meine Sache schlecht gemacht? Oder hatte mich
nur das Morgenlicht auf der Blöße verraten, die fast ohne Deckung
war? Qualvolle Minuten. Endlich vernahm ich das misstrauisch zögernde Klippen
des Hahnes wieder, und endlich, endlich wieder einen Hauptschlag. Ich sprang
und warf mich nach jedem Sprung der Länge nach ins Almrosenkraut. Einmal
tat ich’s um eine halbe Sekunde zu spät. Und wieder schwieg der Hahn.
Noch ein paar Mal so. Immer länger wurden die Pausen dieses herzklopfenden
Harrens. Und da schlug schon die Morgensonne den Gipfel des Lärchbaumes
an, und ich wusste: Jetzt war’s vorbei. Fehljagd am ersten Morgen in den
Bergen! Die Strafe dafür, dass ich Frau und Kind in der Ruhpoldinger Biersäure,
beim Huraxdax und in den Fliegenleimdüften allein gelassen hatte! Wütend
knirschte ich durch die Zähne: Erzwings! Bis zum Lärchbaum hinüber
war’s noch zu weit für den Schuss. Und der vergrämte Hahn äugte
immer her zu mir und machte schon den Kragen so lang wie eine aus ihrem Häuschen
gekrochene Schnecke. Aufspringend fing ich in langen Sätzen zu rasen an
– und als der Hahn die schwingen lüftete und sich abstieß vom
Baumgipfel, krachte mein Schuss in den sonnig gewordenen Bergmorgen. Ein paar
Federchen stoben auf, und im Gleitflug sauste der Hahn über die steile
Wand hinaus. Als ich atemlos die Sturzkante der Felsen erreichte, konnte ich
ihn noch sehen. Von der Sonne bestrahlt, gleich einer schmetterlingsförmigen
Goldflocke, schwamm er, immer tiefer gleitend, über das lange Waldtal hin,
so weit hinaus, dass der Förster über die Blöße herüberkommen
und den davon schwebenden Hahn noch sehen konnte. „No also, jetzt haben
S’ es, mit Ihrer narrischen Umanandschaugerei in der Fruah!“ Immer
kleiner wurde der große Hahn, wurde wie eine Mücke, blitzte über
dem fernen, dunklen Wald noch ein letztes Mal wie eine Nadelspitze und war verschwunden.
Ich wusste, auch meine Frau würde sagen: „Jetzt hast du’s!
Wärst du daheim geblieben am ersten Morgen!“
Suchen? Dieser Gedanke war Irrsinn. Bis da hinaus, wo uns der Hahn verschwunden,
waren es ein paar Wegstunden.
Der Beginn des Heimweges hatte das lange Gesicht eines trostlosen Jägerkummers.
Aber dann gab mir der von Licht und Farben funkelnde Sonnenmorgen tausendmal
mehr, als ich im ersten Tageserwachen verloren hatte. Im Laubauer Forsthaus
ein paar Stunden Schlaf ohne Biersäure und ohne Huraxdax. Und als ich nach
der Mahlzeit mit dem Färster schwatzend beim Kaffee saß, kam ein
alter Holzknecht: „Herr Förstner, da draußten beim Ferchensee,
da is ebbes Gspaßigs. Da steht auf’m Waldweg a Hirschl und rüahrt
sie net und is a so zahm, dass d’ eahm hingreifen kannst, wo d’
magst, hint oder vurn.“
Ich sagte: „Zahm? Nein. Der Hirsch ist krank. Da müssen wir hinaus.
Vielleicht könen wir das vom Winter erschöpfte Tier noch durchbringen.“
Gleich wanderten wir davon, der Förster mit einem dicken Heubündel,
ich mit einem Habersäcklein, der Richtung zu, in der „mein“
Auerhahn verschwunden war. Ein Marsch von anderthalb Stunden. Und richtig, auf
dem Waldweg stand das Hirschl, unbeweglich, zahmer als zahm – ein junger
Sechser, auf dem Haupt noch das schwache Geweih, das im Winter bleich geworden
war. Die Lichter offen, den steifen Hals gesteckt, mit seitwärts gespreizten
Läufen, so stand er mitten im Weg wie eine geschnitzte, mit einem Hirschfell
überzogene Holzfigur – bereits verendet. Als wir den Hirsch umwarfen,
blieb seine Körperhaltung die gleiche, die sie vorher gewesen war; nur
die zwei schon abgemorschten Geweihstangen klirrten dem Hirsch von der Stirn
weg wie Glas. „Der is im Starrkrampf verendet,“ meinte der Förster,
„der muss arg marod gwesen sein.“ Die Krankheit musste festgestellt
werden. Ob’s nicht eine bedenkliche Wildseuche wäre? Der Förster
zog die Joppe aus, und während er das anatomische Forschwerk begann, wollt’
ich mich im Schatten des Waldsaumes niedersetzen. Und just an der Stelle, die
ich mir zum Ausrasten wählte, leuchtete was Blauschwarzes und weiß
Gesprenkeltes! Mein Auerhahn! – Hätt’ ich nicht vorher hingeguckt,
ich hätte mich draufgesetzt!
Nach dem ersten Staunen, und als ich den Hahn schon in der Hand hatte, musste
ich glückselig lachen. „Gelt! Hab ich’s halt doch erzwungen!“
„U Kunst! Bal oaner so a Sauglück hat wia Sö!“ Auch der
Förster lachte. „Oft sag’ i’s: Hat oaner ’s richtige
Glück, so kann er blind marschieren und braucht koane Augen net. Allweil
findt er! Kreuzsakra! Sö därfen ans Leben glauben wie der Tag an d’
Sunn!“
Während der Förster das Eingeweide des aufgebrochenen Hirsches bis
auf die Nieren untersuchte, kam für mich eine nachdenkliche Viertelstunde.
Glück haben? Das ist freilich die wirksamste von allen Lebenshilfen, die
bequemste von allen Leitern nach aufwärts. Aber – um beim Symbol
dieses wunderlichen, auch in seiner erwiesenen Wirklichkeit noch unwahrscheinlichen
Zufalles zu bleiben – hätte ich denn „meinen Auerhahn“
nicht verscherzt, wenn ich im Laubauer Forsthaus sitzen geblieben wäre,
mit dem Gedanken: „Was geht mich das kranke Vieh da draußen an?“
Eine billige Moral. Aber müssen die billigen Dinge denn immer die schlechten
sein? Und war der Weg, den wir da gemacht hatten, gleichviel aus welchem Grunde,
nicht doch ein Weg unseres Willens? Nahm das dem sonderbaren Zufall nicht schon
die Hälfte seiner Unwahrscheinlichkeit, die Hälfte dessen, was der
Förster an ihm als blindes „Sauglück“ bezeichnet? Und
Zufall? Ist das nicht auch nur ein Wort für eine unbegreifliche Sache,
genau so, wie wir Gott oder Teufel, Glück oder Unglück sagen? Und
mehr als jede Klarheit des Lebens ist jede seiner verschleierten Wunderlichkeiten
ein Fingerwink und Wegweiser. Das Nötigste ist nicht immer das Verständnis
– es kommt nur darauf an, den Wink zu fühlen, ihm willig zu sein.
Schmiege dich den Absichten des Lebens an, und du wirst emporgezogen ins Helle,
widerstrebe dem Leben, und du gleitest hinunter ins Dunkle und Trostlose. Um
beharrlich ans Leben glauben zu können, braucht man im Grunde nur zwei
Eigenschaften zu besitzen: Dankbarkeit und gutes Gedächtnis. Man darf einer
Glücksstunde, die uns kam, nie wieder vergessen, und immer muss man bereit
sein zu der hilfreichen Überzeugung: Das Glück war da, es wird wieder
kommen.
Solche Gedanken gingen mir durch den Kopf, bis der Förster die von Blattwürmern
ekelhaft durchwimmelte Leber des Hirsches vor mich hinhielt und sagte: „Da!
Dös hat’r davon, weil er allweil auf der Schattseiten gstanden is.
A sonnseitiger Hirsch hat allweil a gsunde Leber!“ – (In dem Manuskript,
das während der folgenden Wochen zu Ruhpolding entstand, steht ein Zweizeiler
an den Rand gekrizelt:
„Es führt jede Straße dem Guten zu.
Die Wege sind da. Aber gehen musst Du!“
Ich vermute, dieser kleine Lebensspruch hat einigen Zusammenhang mit dem Laubauer
Auerhahn, den ein unwahrscheinlicher Glücksfall mich finden ließ,
und mit dem maroden Hirsch, der die Schattenseite seines Tales nie verlassen
wollte.)
Der Förster ging zu einem Holzschlag, um Leute zu holen, die den Hirsch
vergruben. Und ich, mit meinem Auerhahn, wanderte zum Forsthaus, während
der Himmel sich überzog und einen festen Aprilschauer auf mich herunterschüttete.
Schade! Die Nässe verdross mich nicht. Aber meine Frau hatte mich mit einem
Einspänner abholen wollen – und nun wird sie wohl ausbleiben? Doch
pünktlich auf die Minute war sie da, bevor noch meine Kleider am Herdfeuer
der Försterin völlig getrocknet waren. Noch im Wägelchen stehend,
fragte sie: „Na? Hast du deinen Hahn?“
„Natürlich! Das ging wie am Schnürchen! Und pass auf, Goscherl,
was für einen feinen Fächer du von dem bekommst!“
Weil der Abend vor Anbruch der Dämmerung wieder schön wurde, schickten
wir den Wagen voraus und wanderten Arm in Arm durch das frühlingsduftende
Waldtal, das sie sinkende Nach tmit einer von Sternen blitzenden Stahlglocke
überwölbte. Eine wundervolle Stimmung war’s! Aber meiner Frau
wurde ein bisschen gruselig zumute. Manchmal strich eine verspätete Schnepfe
falzend über unsere Köpfe weg, dass es klang, als gäb’
es fliegende Frösche; von den steilen Berghalden rutschte der nass gewordene
Schnee lawinenartig herunter, füllte die Luft mit Sausen und brüllte
beim Aufschlag einen dumpfen Donnerschrei über die Berge hin; und als es
finster wurde, begannen überall in schwarzen Wald die verregneten Faulholzblöcke
wie Phosphor zu glimmen. Und dann ein vielstimmiges Menschengemurmel, das etwas
Trauriges und doch wsa Drolliges hatte. Es kam aus einem großen Bauernhaus,
das neben der Straße einsam im Wald stand. Die kleinen Fenster waren so
hell erleuchtet, als wäre Christbescherung in der Stube. Als wir durch
eine Fensterscheibe da hineinguckten, sahen wir zuerst nur viele kleine Lichter,
richtig wie die Lichter eines Weichnachtsbaumes. Es dauerte eine Weile, bis
man neben diesem Flimmerglanz das andere unterscheiden konnte. Ein großer
Tisch, an dem niemand sah, war reichlich mit Bierkrügen, Weinflaschen und
Schnapsguttern, mit Rauchfleisch, Würsten, Brotwecken und Käse bestellt
– so, wie ein bäuerlicher Hochzeitstisch auszusehen pflegt, wenn
die Paare sich zum Tanz entfernten. Aber die Gäste, die in der Stube waren,
tanzten nicht. Die zwanzig oder dreißig Leute knieten, mit eintönigen
Murmelstimmen litaneiend, vor Bänken und Stühlen im Kreis um einen
mit kleinen Lichtern besteckten Sarg herum, aus dem das gelbe Wachsgesicht einer
mageren, spitznäsigen Bäuerin herauslugte.
„Komm!“, sagte meine Frau.
„Aber Kind, so bleib doch!“ Ich möchte mir das ansehen.“
„Ich will heim. Zu meinem Kind!“
Wir holten den Wagen ein und fuhren schweigend durch die sternschöne Nacht.
Als wir unser Wirtshäusl erreichten, fanden wir das kleine Weibi in festem
Schlaf. Mit rosigen Wangen, ruhig atmend, lag es wie eine kleine liebe Blumenknospe
des Lebens in den Kissen.
Und drunten in der Wirtsstube das Huraxdax, die Klappermelodie der Bierkrüge
und das Schuhgetrampel.
Verzweifelt bestieg meine kleine Frau die hochbeinige Giraffe und zog die Bettdecke
über die Ohren. Ich arbeitete die ganze Nacht und hörte dabei keinen
Trampelschuh, keinen Krugdeckel und kein Huraxdax. Ferne dem genius loci von
Ruhpolding schrieb ich an meiner Novelle „Rachele Scarpa“, die in
Konstantinopel spielt.
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