|
Das Menschengewühl und Wagengerassel der Stadt und ihr müdes, Rauch
umschleiertes Leben blieb hinter uns zurück.
Ich fuhr, am letzten Morgen im Monat April, mit meiner Frau und meinen Zwillingen
hinaus in den kühlen, keuschen Frühling der Berge.
Wir atmeten auf, als der jagende Frühzug, von blassen, phantastisch wechselnden
Dampfgebilden umflogen, an den letzten Lagerhäusern der Stadt vorübersauste
und mit einem rauschenden Eisenlied hinaus glitt in das kräftig auflebende
Grün der Felder und in den sprossenden Lebenstraum des Waldes.
Neben dem Zug ging ein zauberhaftes Neigen über die spannenhohen Gräser
hin, die, so jung sie waren, schon einer höheren, ihnen unerklärlichen
Gewalt gehorchen mussten. Mir schoss der absonderliche Einfall durch den Kopf:
Welche Vorstellung sich die Gräser eines Bahndammes von einem Eisenbahnzuge
machen müssten, wenn sie denken könnten? Und warum sollten sie nicht
denken? Man muss ihnen nur nicht gleich die Vernunft eines Philosophieprofessors
zutrauen. Ist Vernunft – sei es die höchste oder die bescheidenste
– nicht eine Eigenschaft des Lebens? Und die Gräser leben doch! Denn
sie blühen. Und Blüte ist Gefühl der Freude. Und wäre in
den Gräsern nicht der Wille zu dieser Freude, sie wären nicht so töricht,
eine Blüte zu treiben, zu lieben und sich zu vermehren, nur um für
das Rindvieh Futter zu schaffen. Aber muss, wo Gefühl und Wille sich äußern,
nicht auch Bewusstsein und Vernunft vorhanden sein? Warum sollten also die Gräser
nicht denken können? Auf ihre Weise? Und wenn sie eine Art zu denken haben
– welche Vorstellung machen sie sich von einem Eisenbahnzug, dessen Luftstrom
ihr erschrockenes junges Leben wohlig streichelt oder schmerzhaft zu Boden drückt?
Sie mögen da wohl Ähnliches denken wie manche Menschen, die hinter
einem Gelenkrheumatismus den Gott vermuten, der seine Geschöpfe züchtigt,
hinter dem Gewinn eines großen Loses die zärtliche Klugheit eines
gnädigen Weltenlenkers. –
Es jagte der Zug an saftig grünenden Saatäckern vorüber, auf
denen die bunten, sinnlosen Lappen der Hasenscheuchen wunderlich gaukelten.
Dass sich der Hase etwas denkt, wenn er vor solch einem wehenden Unsinn davonrennt,
das wird auch der Weise nicht bestreiten, der die Vernunft als ein Vorrecht
der Menschen zu bezeichnen liebt. Aber diese Hypothese vom geistigen Vorrang
der Menschheit ist allzu subjektiv, um verlässlich zu sein. Vielleicht
halten wir die Tiere nur deshalb für unvernünftig, weil sie zahlreiche
Torheiten unterlassen, die der Mensch nicht vermeiden kann. Wenn ein Hase nach
menschlicher Art zu denken vermag, wird er dem Menschen so etwas wie Vernunft
nur dann zutrauen, wenn er ihn Rüben verspeisen und in einem Kleefeld schlafen
sieht. Für den Hasen wäre also der Landstreicher der einzig vernünftige
Mensch. Und ein denkender Hase muss doch auch Phantasie besitzen und transzendentale
Vorstellungen haben. Vermutlich ist dann die Wildscheuche in der Hasenreligion
so etwas Ähnliches wie der Teufel, an den der Hase glaubt, nur nicht so
ausdauernd, wie die Menschen an dem vor Jahrtausenden erfundenen Teufel hängen.
Aus quälendem Hunger und neugieriger Überlegung, welche die Eltern
aller philosophischen Errungenschaften sind, muss dem Hasen eine Epoche der
Aufklärung hervorwachsen. Dann gelangt er zu der wertvollen Erkenntnis:
Warum die meisten und abschreckendsten Scheuchen gerade in die besten Felder
gesetzt werden, auf denen der Klee am süßesten gedeiht. Und wenn
sich ein freigeistiger Hase mit spöttisch zuckendem Näschen sorglos
niederduckt in den schatten solch eines überwundenen Irrtums, dessen sinnlose
Lappen ungefährlich über ihm wehen, rühmt er behaglich schmausend
den Segen aller wissenschaftlichen Forschung. Freilich, den Schreck vor dem
Habicht und die Angst vor dem Fuchs gewöhnt sich auch der klügste
Hase niemals ab. Da hilft kein Hasenverstand. Das sind dunkle Urfragen im haslichen
Dasein, letzte Lebensrätsel, für deren Lösung kein Darwin und
Häckel unter den Hasen geboren wird.
„Kinder“, sagte ich lachend zu den Meinen, „seht doch: Die
Wildscheuche im Feld da drüben gleitet mit hölzernem Bein ins Weite,
und der Hase, der da wie rasend neben dem Bahndamm herzurennen scheint, bleibt
immer vor unserem Fenster und kommt nicht vom Fleck. Es ist also eine objektive
Wahrheit: Dass der Hase unbeweglich ist, während die Wildscheuche laufen
kann. Durch Sammlung solcher Wahrheiten schwingen wir uns zu philosophischer
Weltbetrachtung auf und wollen das Wesen Gottes und die Gesetze der Ewigkeit
erforschen.“
Meine Frau, die gerade das Handgepäck nachzählte, hatte nicht auf
mich gehört; die beiden Kinder aber sahen mich verwundert an und lächelten
hilflos. Dann guckten sie wieder zum Fenster hinaus, weil es da draußen
viel Schönes und Merkwürdiges zu sehen gab.
Die Bauersleute, die sich in den Feldern von der Arbeit aufgerichtet hatten,
um dem Zuge nachzublicken, schienen unbeweglich im Grün zu stehen und doch
wie auf unsichtbaren Räderschuhen zu laufen, mit rasender Schnelligkeit.
Eine Pappelallee ging in der Ferne spazieren und begann sich zu drehen, als
wollten die letzten Bäume zur Abwechslung einmal die ersten werden. Und
ein Kirchturm, der über fein in Duft getauchte Baumkronen herauslugte,
schien von der Lust befallen, seinem Dorf davonzulaufen und dem Pfarrer nachzureisen,
der vermutlich im Landtag saß.
Jetzt stieg die Frühsonne klar herauf über einen lang gestreckten
Waldkamm. Ein Funkeln und Glitzern, ein leuchtendes Sichfreuen kam in alle Dinge
dieses Morgens. Und da sagte mein vierzehnjähriges Mädel, mit strengem
Glanz in den Augen und mit einer Falte auf der Stirn: „Man weiß
doch, dass eine Wiese im Frühling grün ist. Aber wenn man hinsieht,
meint man immer, das wäre eine ganz andere Farbe, eine, die viel schöner
ist als alle Farben, die man kennt. Woher kommt das, Papa??“
„Dieses Leuchtende, das du nicht nennen kannst, ist die Frühlingsfreude
im jungen Leben der Natur. Und ist die Jugend in den Augen, mit denen du das
ansiehst.“
„Ich…? Siehst denn du das nicht mehr?“
Meine Frau lachte. „Weißt du denn nicht, was für ein Kindskopf
Papa noch immer ist? Der sieht doch alles noch mit den gleichen Augen wie vor
vierzig Jahren.“
Unter einem Laut des Entzückens steckte mein Bub den flachsblonden Kopf
zum Fenster hinaus. Der Zug war in eine breite Waldgasse hineingeglitten. Auf
den Gräsern neben dem Bahndamm lag noch der Tau wie graue Seide. Die gleichmäßige
Wand des zwanzigjährigen Fichtenbestandes dämmerte in blaugrünem
Schatten. Aber die tausend feinen schlanken Wipfel, von denen sich einer an
den anderen schmiegte, waren von der Sonne angestrahlt und schimmerten gleich
zarten Goldkreuzen. Und da schrie mein Bub wie verrückt: „Papa, ein
Reh! Ein Reh!“ Und weil er einen anderen Vater, Großvater und Urgroßvater
gehabt haben müsste, um in seinem jungen Blut nicht schon die Fieberfreude
an der Jagd zu fühlen, fragte er natürlich: „Glaubst du, dass
es ein Bock war?“
„Wie soll ich das wissen? Du hast doch mit deinem Buckel das ganze Fenster
verpflastert!“
„O, bitte!“ Über die schmächtigen Wangen flog ihm ein
heißes Rot. Und er lehnte sich bescheiden in den Winkel am Fenster zurück.
Jetzt konnte ich hinausgucken. Aber wo war das Reh?
Doch wir sahen noch viele. Ruhig weidend standen sie im Gras zwischen Bahndamm
und Wald, noch in ihrem grauen Winterkleid, zerzaust und mager nach allen Entbehrungen,
die eine harte Schneezeit ihnen aufgezwungen. Der Hunger hatte die wilde Scheu
in ihnen beschwichtigt; sie weideten und hoben gar nicht den Kopf, als die Lokomotive
vorüberbrauste.
Durch schüchtern grünende Buchenwälder dampfte der Zug hinaus,
in freies Gelände, und über hügelige Wiesen hinunter in das weite
Seetal.
Ein silberweiser, bis in duftige Ferne gedehnter Wasserspiegel. Und in seiner
Mitte war eine Stelle, die übersät schien von unzählbaren blitzenden
Lichtern. Weit draußen sah man Segelbarken – wie Schwäne, die
wohlig ihre Flügel in die sonnigen Lüfte reckten. Und es musste auch
schon ein Dampfschiff ausgefahren sein; denn über den Wasserspiegel zog
sich eine lange Rauchfahne hin, die in der Frühlingssonne anzusehen war
wie ein Flug von Millionen leuchtender Rosenblätter.
An beiden Ufern die grünen, fröhlichen Hügel. Mit diesem durchsichtigen,
smaragdenen Frühlingsgrün! Aus kleinen Wäldchen ragten die roten
und braunen Dächer der Villen heraus. Und über den lichtgrünen
Hügeln träumten die dunklen Forste – wie schwermütige Akkorde
nach einem heiteren Lied. Und in der Ferne, von Sonne umduftet, von einem Traum
aller Farben umwoben, grüßte ein zaubersames, silberzarte Gebilde,
von dem man nicht wusste, wo es begann und wo es endete, keusch und weiß,
seltsam durchwirkt von blauen Rätseln, mit dem blauen, leuchtenden Himmel
verschwistert: Die Berge im Schnee! – – –
Es war ein Morgen, der von Schönheit brannte. Jede seiner Farben jubelte
mir ein Geheimnis in die Seele. Ich fühle in allen Sinnen, was mein Verstand
nicht erfasste. Jeder Glanz und Sonnenblitz entzündete in mir eine sehnsüchtige
Frage. Und ein Wirbel von Gedanken war in mir, ein Träumen und Ahnen, als
müsste dieser Morgen mir ein Wundersames bringen, ein nie Erlebtes, ein
Unerhörtes!
Die Kinder waren still geworden. Mein Bub nahm die Zwillingsschwester auf
seinen Schoß. Und meine Frau legte den Arm um meinen Hals.
Noch eine stundenlange Reise durch Glanz und Frühling. Dann hielt der
Zug. Lärm und Gedränge. Und dann diese stille, schöne Wagenfahrt
über die steile, viel gewundene Bergstraße hinauf, vorüber an
einsamen Gehöften, in denen die Arbeit noch zu schlummern schien, vorüber
an schweigenden Wäldern, in denen nur die Fichte grünte, vorüber
an bräunlichen Wiesengehängen, auf denen blassvioletter Krokus, gelbe
Primeln und jene kleinen, weißen, zärtlichen Sterne blühten,
die einen törichten Namen tragen. Ich habe sie „Traumwittchen“
getauft, nur so für mich. Manchmal hat man seine kleinen Liebhabereien.
Der frisch von den Schneebergen niederwehende Luftzug kühlte die Mittagssonne,
als wir den Wagen verließen, um auf schattigem Fußpfad durch den
Bergwald hinaufzusteigen.
Zur Linken des Weges rauschten die Eiswässer in tiefer Felsklamm, aus
der ein zartes, bläuliches Dunsten und Dampfen sich heraufkräuselte
in die Sonne. Und manchmal sah man über eine schwitzende Felswand hinunter
in weißes, von purpurnem schatten umschleiertes Gebrodel.
Zur Rechten des Pfades hob sich der gehügelte Wald, von harzigem Duft
erfüllt. Unter den laublosen Buchen, an deren Zweigspitzen die Knospen
erst zu schwellen begannen, war der Waldgrund rot von den welken Blättern
des vergangenen Jahres. Doch hinter dem grünen Dunkel der Fichten schimmerten
weiße Riesenblumen von abenteuerlichen Formen: Große Schneeflecke,
zu denen die Sonne noch keinen Weg gefunden. Bald hier und wieder dort der sehnsuchtsvolle
Schlag einer Ringdrossel oder das träumerische Gezwitscher eines Bergfinken.
Ein erster Schmetterling – ein Trauermantel, der den Winter überstanden
– gaukelte eine Weile vor uns her, mit ungeschicktem Flug, als hätte
er noch was Starres in den Flügeln. Um zu rasten, ließ er sich auf
einen Felsblock nieder. Ganz nahe kamen wir. Und sahen, dass er in nervöser
Unruh die Fühler bewegte. Die ausgebreiteten schwingen zitterten leis;
ihre schönen Farben waren beschädigt, und aus einem der Flügel
war ein Stück herausgerissen – wohl vom Biss einer Eidechse, die
nach diesem gaukelnden Leben hungrig geworden. Ich betrachtete seine zerstörte
Schönheit und beugte das Gesicht immer näher. Doch als der Falter
meinen Atem fühlte, flog er auf, überschlug sich im Gegaukel und fiel
am Wegrand in das Heidekraut, zwischen dessen Grün die Blüten leuchteten
gleich roten Blutstropfen.
Mich befiel die Versuchung, diesem leidenden Leben die Ruhe zu geben. Wenn
ich ein Geschöpft, sei es Mensch oder Tier, von unheilbaren Schmerzen gemartert
sehe, könnte ich aus Erbarmen immer zum Mörder werden. Es ist gut,
dass ich kein Arzt geworden. Da hätt’ ich an manch einem gequälten
und verlorenen Menschen getan, was ich dem Falter da im Heidekraut tun wollte.
Doch das geschah nicht. Mein Bub schlang seinen Arm in den meinen: „Papa!
Da drüben! Wie friedlich und schön das ist!“
Wir sahen ein Bild, bei dem ich an Meister Leibl denken musste. Der würde
das vielleicht gemalt haben, wenn er’s gesehen hätte.
Auf einer Lichtung, über deren Grün die Sonne durch das Gezack der
Fichtenwipfel mit goldigen Lichtern hereinspielte, stand ein verwittertes Kapellenhäuschen,
halb in Sonne, halb im Schatten. Auf der Betbank vor dem vergitterten Altärchen
kniete eine alte Bäuerin, ärmlich gekleidet, gekrümmt und mager.
Der Saum des geblumten Kopftuches überschnitt ein hässliches Gesicht
– und dennoch hatte das unschöne Antlitz etwas Schönes: Diese
still ergebene Sprache des Leidens. Und das Weiblein betete mit versunkener
Andacht.
Mein Bub zog den Hut herunter.
Als die Bäuerin unsere Schritte hörte, blickte sie langsam auf und
bekreuzte das Gesicht. Sich steif bewegend, setzte sie sich auf das Kniebrett
der Betbank hin, rückte besser in die Sonne und legte die Hände auf
die blaue Schürze.
„Mutterl, seid Ihr krank gewesen?“, fragte meine Frau.
Die Alte schüttelte den Kopf. Doch mit einem Seufzer betrachtete sie
ihre dürren, wachsbleichen Hände. Dann sah sie langsam in der sonnigen
Runde umher und sagte: „Gelt, heut habt’s es guat derwischt! Weard
wohl fein sein, heut, der Tag!“ Ihre Stimme klang müd und bitter.
Aber man merkte: Sie wollte etwas Freundliches sagen. Dabei streckte sie die
krämpfigen Hände vor, damit sie ganz in der Sonne wären.
Wir wanderte weiter durch den von Duft erfüllten und vom flötenden
Drosselschlag belebten Wald. Und mein Mädel, das einen großen Strauß
von roten Erikablüten gesammelt hatte, sah mich an: „Papa, warum
bist du so still?“
„Weil ich an einen Schmetterling denke.“
Da klang das Jauchzen meines Buben. Der war schon zum Waldsaum gekommen und
hatte den freien Blick in die Berge begrüßt.
Auf dem Waldrain, der vom Erikablüten feurig brannte, ließen wir
uns nieder.
Zwischen den dunklen Mauern der steigenden Fichtenwälder sah man hinaus
in die blaue Weite des stundenlangen Hochtales. Große Wiesenflächen,
die noch kaum einen lichten Schimmer hatten, wechselten mit kleinen Feldgehölzen,
aus deren bräunlichem Grün die schlanken Birken herausleuchteten wie
silberne Merkpfähle. Schwärme von Krammetsvögeln flogen ruhelos
von den Wiesen auf, verschwanden im Wald, kamen aus den Gehölzen wieder
herausgeflattert und schwebten wie kleine Wolken rötlicher Blätter
auf die Wiese hin. Der einzige Laut in dieser Stille war das Rauschen der wasserreichen
Ache.
Nirgends war ein Haus zu sehen. Ein dunkler Waldriegel verdeckte das entfernte
Dorf, von dem nur der glimmernde Kirchturmknauf herauslugte über den Wipfelkamm
des Waldes. Wo diese kleine, vergoldete Kugel funkelte, war etwas in dem Bild
wie ein geheimnisvoller Mittelpunkt, wie ein Zauberbrunnen, aus dem mit leuchtenden
Farbenstrahlen und in wundersam geschwungenen Linien alle Schönheit der
Ferne emporstieg in die blauen, sonnigen Lüfte. Hunderte von steilen Waldgraten,
einer neben und hinter dem anderen, schwangen sich aus dem unsichtbaren Talkessel
in die Höhe – tief grün der erste, und der fernste von duftigem
Blau – und je höher sie stiegen, desto zarter wurden sie in der Farbe,
bis ihr Grün und Blau sich verwandelte in ein silbernes Blau – und
je höher sie stiegen, desto zarter wurden sie in der Farbe, bis ihr Grün
und Blau sich verwandelte in ein silbernes Grau, in ein blühendes Weiß.
Und wo es so weiß und gleißend schimmerte, stieg aus Fichtengehängen
und Latschenfeldern das steil getürmte, von Schnee umgossene Felsgebirge,
das Zinne hinter Zinne, in die Ferne hinauszog mit einem Glanz, den das Auge
nicht lang ertrug. Diese rein gegossenen Schneeflächen brannten von Sonne
und flammten in einem weißen Feuer, dass der schauende Blick Erholung
suchen musste in der milden Farbentiefe der Wälder. Und hatte er sich ausgeruht,
so hob er sich in Sehnsucht wieder zu diesem weißen Leuchten, in dem etwas
Kaltes war bei aller Glut, etwas Hartes und Starres unter allem mildernden Duft
der Ferne, etwas feindselig Wehrendes bei aller lockenden Schönheit.
Ich sprang aus dem blühenden Kraut. Das brennende, kalte, wehrende, lockende
Bild dieser fernen Schönheit im Schnee da droben hatte eine Ungeduld in
mir entzündet, dass ich mit dem Kutscher, als wir wieder im Wagen saßen,
in ein erbittertes Wortgefecht geriet, weil er die Gäule schlafen ließ,
statt sie laufen zu machen. Und als wir das Dorf erreichten und mein Jäger
vor dem Wirtshaus mit freundlichem Gruß zum Wagen hertrat, fragte ich
gleich: „Festl? Können wir heut noch hinauf?“
Der Sylvest lächelte in seiner widerspruchslosen Art. „Bal s’
d’ Nacht net scheichn? Is allweil besser, mier san in der Fruah scho droben.
Und morgen schiaßen mer an Hoh(n)! Der hat seine fünf gschaarten
Federn … dös an wia em Teifi seine Hörndln. Und falzen tuat’r
wia narrisch.“
Um den Hahn war’s mir nicht, sondern um die Nacht da droben im Schnee,
um den Morgen in seinem weißen, eisigen Feuer! Aber dem Festl flüsterte
ich zu: „Sag meiner Frau nicht, dass wir im Schnee übernachten müssen!
Sag nur, da droben stünde eine Jagdhütte mit gutem Ofen!“
Der Sylvest schmunzelte. „Freili, d’ Frau is allweil a bisserl
ängstle. Aber gar so guat weard’r net sei(n), unser Ofen heut Nacht.“
Meine Frau beredete inzwischen mit der Kellnerin den Speisezettel für
die verspätete Mahlzeit.
Es wurde gemütlich in der Stube. Und während wir aßen und
schwatzten, lag die Sonne so schön über den Fenstergesimsen, dass
sich die Adlerflaumen auf den grünen Hütchen meiner Kinder fein in
der Wärme zu bewegen begannen. Das ist ein merkwürdiges Ding: solch
eine tote Feder, die in der Wärme aufzuleben scheint und ihre weißen
Flaumfäden bewegt, als wäre ein Gefühl von Wohligkeit in der
vertrockneten Seele ihres Kiels. Alles tot Erscheinende hat etwas Unsterbliches
in sich. Und ich bin so töricht, zu glauben: Dass diese scheinbar toten
Flaumfedern in der linden Fensterwärme sich träumend der stolzen Sonnenflüge
erinnerten, die sie einst mit dem Adler machten, auf dessen Leib sie ihr Leben
lebten.
Den Adler, dessen Flaumen meine Kinder auf ihren Hütchen trugen, hatte
ich mit einer Kugel aus der Luft herunter geholt; und zwei Junge hatte ich aus
dem Horst genommen; das eine hab ich aufgezogen und hab es so reichlich gefüttert,
dass es sich zu einem mächtigen Vogel auswuchs. Aber dieser ausgewachsene
Adler nahm die üble Gewohnheit an, bei Nacht im Käfig so fürchterlich
zu schreien, dass wir im Jagdhaus nimmer schlafen konnten. Nur bei Tag, wenn
die Sonne durch das Drahtgitter zu ihm hinein schien, war er still, saß
auf der Stange, machte mit dem Kopf ganz merkwürdig tauchende Bewegungen
und guckte mit seinen blitzenden Augen immer in die Sonne. Sobald aber die Sonne
niederging, begann er dieses Ohr zerreißende Schreien. Das war nicht auszuhalten.
Drum musste er sterben. Damit wir schlafen konnten!
Auch mit seinem Horstbruder hat sich etwas Merkwürdiges ereignet. In
meiner Freude über die glückliche Adlerjagd hatte ich jedem der beiden
Jäger, die mir dabei geholfen, zehn Gulden geschenkt. Nun sollten sie die
zwei jungen Adler, die ich lebendig aus dem Horst genommen, die fünf Stunden
bis ins Jagdhaus tragen. Auf dem Weg fanden sie eine Sennhütte, in der
man roten Tiroler für die Touristen verzapfte. Und da tranken sich die
beiden Jäger von meinem Trinkgeld so toll und voll, das sie auf dem Weg
zum Jagdhaus ihre trunkenen Purzelbäume schlugen. Den Jägern ist dabei
nichts geschehen. Aber am nüchternen Morgen merkten sie, dass von den beiden
jungen Adlern der eine lebendig war, der andere tot, erdrückt. Und da führten
die Jäger vor mir den Streit der beiden Mütter bei Salomo auf: Jeder
von den zwei Jägern behauptete: Der Adler, den er getragen hätte,
wäre der lebendige. Ich bin nicht so weise, wie Salomo war, und drum konnte
ich kein Urteil fällen, das sich die Unsterblichkeit verdiente. Der lebendige
Adler kam in den Käfig und lernte jenes Schreien nach der Sonne; der Todgedrückte
wurde in den Keller gehängt; ich hätte ihn gerne ausstopfen lassen;
aber das ging nicht, weil er noch nicht flügge war und weil seine halb
geschobenen Federn noch in den Spulen saßen. Acht Tage später kam
die Jagdhausköchin und sagte: „Herr Dokter, jetzt muaß dös
Viech aber furt aus’m Keller!“ Also kam es fort. Aber ich machte
dabei die merkwürdige Beobachtung, dass auf dem toten Adler, seit er im
Keller gehangen, die jungen Federn noch halbfingerlang aus den Spulen herausgewachsen
waren. Seit damals glaube ich daran, dass die Federn auf dem Körper eines
Vogels ihr eigenes Leben haben.
Am Tisch war es heiter geworden, während in der sonnigen Fensternische
der Flaum der Adlerfedern seine leisen Bewegungen machte.
Der Festl hatte immer gleich wieder ein leeres Glas. Und meine Frau mahnte:
„Halten Sie sich ein bisserl zurück, Festl! Ihr beide müsst
heute noch hinauf in die Jagdhütte.“
Bei dem Wort „Jagdhütte“ fing der Sylvest so furchtbar zu
lachen an, dass ihm meine Frau für den Rest der Mahlzeit das Weinglas nicht
mehr füllte.
Ich sagte einmal: „So schenk doch dem Festl ein!“
Aber meine Frau erwiderte ernst: „Der muss dich doch führen!“
Bis wir den Kaffee getrunken hatten, war es vier Uhr nachmittags geworden,
und ich rüstete mich zum Bergstieg.
„Toan S’ Eahna fei warm anlegen!“, flüsterte mir der
Festl zu. „D’ Nacht da droben weard saumaßi kalt.“
Ich streifte die Schneidertünche des Kulturmenschen ab, schlüpfte
in das grobe Wollzeug des Bergjägers und nahm die Büchse aus dem Futteral.
Als ich marschfertig in den Hof trat, stand der Festl vor der Haustür,
mit einem dick gemästeten Ungeheuer von Rucksack auf dem Buckel.
„Fest? Was hast du denn da?“
„Was mer die gnädig Frau alles einpackt hat! Dass dem Herrn nix
abgeht! Schokoladi und Opiumtropfen san aa drin. Da kon’s jetzt gehen,
wie’s mag! Grob oder fein! D’ Frau hat an alles denkt.“
Da gab’s keinen Widerspruch. Wenn ich im Sorgenherzen meiner Frau keinen
verdacht wecken wollte, musste der Festl diese zwanzig Pfund auf seinem Rücken
eine Weile schleppen. „Droben beim Leitnerbauer können wir den Rucksack
einstellen!“, flüsterte ich dem Jäger zu. Und da begannen dem
Festl die nussbraunen Augen so merkwürdig zu leuchten, dass ich an das
schmucke, runde Mädel denken musste, das ich im Leitnerhof schon ein paar
Mal gesehen hatte. „Festl? Holla? Mir scheint, da brennt’s unter
dem Dachstuhl?“
Er lachte, dass ihm die starken, weißen Zähne zwischen den bärtigen
Lippen herausblinkten.
Wir wanderten los, durch das lange Dorf hinaus, ich in gemächlichem Schritt
zwischen den plaudernden Zwillingen, und meine Frau voran mit dem Festl, der
„für die Jagdhütte“ noch allerlei Ratschläge bekam:
Wie der Tee aufzugießen wäre, damit er nicht bitter würde –
und dass der Festl sich vor dem Schlafengehen noch überzeugen sollte, ob
das Ofentürchen gut geschlossen und die Klappe richtig gestellt wäre.
An diese letztere Vorschrift knüpfte meine Frau eine längere Auseinandersetzung
über die unliebenswürdigen Eigenschaften des Kohlenoxydgases.
Der Festl beruhigte sie: „Da haben S’ koa Surg, gnä Frau!
An Oxyd kriagn mer koan, den merkt ma scho, bal’r zum stinken anhebt.“
„Aber wenn man in der Hütte schläft …“
Wieder schmunzelnd, guckte der Jäger über die Schulter nach mir
zurück. „No, gar so viel schlafen wear i wohl net heut Nacht! Da
will i scho aufpassen auf’n Herrn.“
Meine Frau schien beruhigt. Wir wanderten schweigend durch den schönen
Frühlingsabend.
Vor uns die sinkende Sonne, die den schwarzen Kamm eines fernen Waldes schon
berühren wollte. Warmer Goldglanz lag über das Lenz atmende Tal gegossen,
und kühler Purpurschimmer träumte um die schneebedeckten Höhen.
Ein Bach, auf dessen Wellen die Sonnenreflexe wie goldene Bälle tanzten,
rauschte seine gleichförmige Melodie; und bog er vom Weg fort, so dass
sein Rauschen sich dämpfte, so hörte man das Gezwitscher der Meisen
und den Schlag der Ringdrossel.
Der Wald begann. Ein frostig hauchender Schatten fiel über uns her.
„Da wird es zu kühl für die Kinder“, sagte meine Frau,
„wir müssen umkehren.“
Wenn ich von den Meinen Abschied nehme – und gilt es auch nur die Trennung
für einen Tag, für eine kurze Nach t- so kommt immer ein Augenblick,
in dem es mich wie kalte Ahnung durchzuckt: Irgendetwas geschieht mit mir, und
unser schönes Zusammenleben zerreißt mit dieser Stunde! Dieser Gedanke
gibt meinem Abschied immer eine unersättliche Zärtlichkeit.
Aber nie noch war diese Ahnen und Mahnen so stark in mir gewesen, wie bei
diesem Abschied, als ich die Meinen am Waldsaum umarmte, in diesem kaltblauen
Abendschatten, der frostig über uns herhauchte.
Schon war das letzte Wort gesprochen. Aber ich zögerte noch. „Bleibe“,
schrie es in meinem Herzen, „geh nicht!“
Ärgerlich über diese wühlende Torheit in mir, schob ich mit
dem Ellenbogen die Büchse hinter den Rücken und sprang über die
Straße hinaus und einem Fußweg zu, auf dem der Festl schon vorausgegangen
war.
Als ich mich umkehrte, war schon der abenddunkle Wald um mich her, und ich
sah die Meinen nimmer.
Etwas, wie eine stählerne Klammer, spannte sich um mein Herz.
Aber da fing der Festl, der beim Steg am Bach auf mich gewartet hatte, sein
lustiges Schwatzen an.
Und die Wasser da drunten in der Felsenschlucht rauschten und trommelten und
brausten.
Der Steg schwankte, als wir hinüber schritten, und aus der Schlucht dampfte
grau ein zarter Nebel herauf.
Ein schmales, gold flimmerndes Lichtband der Sonne zuckte noch schräg
durch eine Lücke der Wipfel. Dann dieser tiefe, stille, kalte Schatten.
Und über steile Serpentinen begannen wir den Aufstieg.
Eine Weile spürte man keinen Hauch im Wald. Dann plötzlich strich
über das Gehäng ein kräftiger Luftstrom herunter, der etwas Föhniges
und Schwüles hatte. Und dieser laue Windhauch trug mir einen wundersamen
Duft entgegen. Erst meinte ich: Das wäre der Wohlgeruch der gelben Bergaurikeln,
die dort oben auf sonnigen Gehängen schon zu blühen begannen. Aber
die Aurikel duftet anders. Der Wohlgeruch, der mir so schwül entgegenwehte,
hatte etwas Fremdartiges und Unerklärliches, etwas Herbes und dennoch schwül
Berauschendes.
In alle Sinn fuhr mir das – wie eine Lockung, die ich nicht zu deuten
wusste.
Und weil sich jeder Anreiz meiner Nerven immer gleich in gaukelnde Bilder
verwandelt, hatte ich die visionäre Vorstellung: Irgendeine der geheimnisvollen
Tiefen der Bergnatur hat sich aufgetan, ein Atemzug ihres rätselhaften
Lebens ist bis zu mir gedrungen – und ich gehe da irgendeinem Wunderbaren
entgegen, wie es außer mir noch nie ein Mensch erlebte.
Wie seltsam! In der duftenden Schüle, die mich umwehte, rann mir ein
Frösteln über die Schultern.
Und was in mir zu zittern begann – das war wie Todesahnung! Wie das
Vorgefühl: Dort oben erwartet dich etwas Schauerliches und Grauenvolles.
Ach, Torheit!
Was mich dort oben erwartete, war eine herrliche Frühlingsnacht im Schnee
der Berge und unter den funkelnden Lichtern der Ewigkeit.
|