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Es war ein kleines Häuschen, das Austraghäusl des Huberbauern, darin
der Pauli wohnen sollte; aber freundlich sah es aus, und die alte Traudl, Paulis
Mutter, hatte seit Mittag alles mögliche getan, um das eine der beiden Stübchen
nach besten Kräften wohnlich zu machen, während die Umgestaltung des
anderen zur provisorischen Werkstätte noch auf Pauli wartete.Mit der Einrichtung
sah es freilich ein wenig mager aus; ein Bett, ein Tisch und dahinter eine schon
baufällige, mit abgesessenen Lederpolstern belegte Bank, zum Überfluss
ein Stuhl, über dem Tisch in der Ecke der Herrgott, und das Weihbrunnkesselchen
neben der Türe. Und doch machte das Stübchen einen angenehmen Eindruck;
es war zu eng und zu klein, um die Dürftigkeit der Einrichtung auffallen
zu lassen. Unter den Armen des Herrgotts guckten zwei große Waldblumensträuße
hervor, die Traudl auf dem Weg von Ettal her zusammen gelesen hatte; in den kleinen
Fensternischen standen ein paar blühende Nelkenstöcke, die der Huberbäuerin
abgebettelt waren, und nun sollten gar noch weiße, säuberlich gefaltete
Vorhänge den Schmuck des Stübchens vollenden. Das eine der beiden Fenster
war bereits mit dieser Zier angetan, und das andere sollte sie eben aus der Hand
der alten Traudl empfangen, die beim Fenster auf einem Sessel stand, um die Nägel
für die dünne, eiserne Vorhangstange in die Wand einzuschlagen.
Wie Traudl so da oben stand und sich schnaufend streckte, um die für den
Nagel bestimmte Stelle zu erreichen, das war ein drolliges Bild. Der halbe Sonntagsstaat,
den sie der Wallfahrt wegen trug, mit seiner hoch gesetzten Taille, mit den
dick wattierten Schultern des nur schüchtern über das seidene Umschlagtuch
vorguckenden Leibchens, und all das andere Darum und Daran kontrastierte seltsam
mit der groben, blauen Leinenschürze, die sie der Werkzeugkiste Paulis
entnommen und zum Schutz ihrer Kleider umgebunden hatte. Über dieser Figur
saß das kleine bewegliche Köpfchen mit einem Gesicht, in dessen vielen
Falten sich Ernst und Gutmütigkeit friedsam berührten und das umrahmt
war von grauen Haaren, die glatt an die Schläfe angescheitelt lagen und
am Hinterkopf sich zu einem etwas konfusen Knoten zusammenwirbelten. Die hohe
braunhaarige Bibermütze, die diesen wirren, für die Augen der Welt
nicht berechneten Teil der Frisur außer Hause zu verhüllen pflegte,
lag auf dem Tisch, und um dieses kostbare Utensil vor Staub zu schützen,
war es sorgsam mit einem weißen Taschentuch zugedeckt.
„Sakrafix!“, klang plötzlich die Stimme de rAlten mit einem
halblauten Aufschrei, und ihr linker Daumen, der von einem unvorsichtigen Hammerschlag
getroffen war, fuhr hurtig nach dem Munde.
„Ja was machst denn, Traudl?“, rief es durch die geöffnete
Türe. „Auf den Nagel musst schlagen und net auf deine Finger!“
„Jetzt wenn das net der Lehnl is, nachher will ich am Karfreitag Kirchweih
feiern!“, lachte Traudl, während sie mit ein paar Hammerschlägen
den Nagel vollends befestigte. Dann ließ sie den Hammer sinken und drehte
sich zur Türe. „No freilich!“
Auf der Schwelle stand ein alter Mann, dessen weißes Haar darauf schleißen
ließ, dass er wohl schon die Sechzig auf dem Rücken haben mochte.
Mit der einen Hand in der Hosentasche und die andere an der Pfeife, die zwischen
seinen Zähnen hing, so stand er da, und mit den Augen, um die ein leiser
Zug von spottender Überlegenheit spielte, zwinkerte er der Alten zu, die
ihn schon lange kannte und ihm ebenso gut und gewogen war, wie das ganze Dorf.
Ungefähr vor zwanzig Jahren war er nach Graswang gekommen, aus Tirol her,
wo er „Pechler“ gewesen, und hatte sich die Zeit über so leidlich
fortgebracht, indem er sich bei den Bauern auf Taglohn verdingte. Nun aber,
da die Arbeitskraft seiner alternden Glieder schon ziemlich nachgelassen hatte,
erhielt er von der Gemeinde eine jährliche Unterstützung und war vom
Wirt eigentlich mehr als Pfründner ins Haus denn in Dienst genommen worden.
Da machte er sich durch kleine Verrichtungen nützlich, durch seinen Humor
beliebt und erwies sich dankbar durch Anhänglichkeit an das Haus seines
Wohltäters. Besonders an Loni, an der Adoptivtochter des Wirtes, hing Lehnl
mit einer zärtlich treuen Zuneigung.
„No freilich!“, hatte Traudl gesagt, als sie des Alten ansichtig
geworden. „Wie man ein Vögerl am Gsang kennt, so kennt man dich an
der Red. Da gibt’s allweil ein Gspaß oder ein Spott!“
Lehnl nahm das lächelnd hin, trat zu der Alten und war ihr behilflich,
das Stübchen vollends in Ordnung zu bringen. Dabei wurde von allerlei gesprochen,
die Dorfneuigkeiten der letzten vierzehn Tage wurden durchgehechelt, und als
man auf den Maler Baumiller zu sprechen kam, floss Traudl über vom Lob
dieses Mannes, der ihrem Pauli den Auftrag des Huberbauern mit dem schönen
Verdienst verschafft hatte.
„Ja, ja, er is ein herzensguter Mann, der Herr Fritz“, stimmte
Lehnl bei, „und fürs Dorf wie ’s reinste Fruhjahrsschwalberl!
Kaum dass die ersten Blattln rausschauen, fliegt er schon eini … und so
seit zwanzig Jahr!“
„Es kennt ihn aber auch alles, und jedes hat ihn gern.“
„Das macht, weil er mit die Bauern umgehen kann, als ob er selber einer
wär. Und reden tut er grad wie unsereins.“
„Denk dir nur, Lehnl“, dabei stieg die Traudl vorsichtig vom Stuhl
herab und säuberte die Hände an der Schürze, „was er neulich
meim Pauli für ein Antrag gmacht hat. Der Bub hätt arg viel Talent,
hat er gsagt, zu eim Bildhauer, und er nähmet den Pauli mit eini in d’
Stadt und ließet ihn ausbilden auf der Akademie. Aber meinst, der Bub
ging? Net um alles in der Welt. Und wirst dir wohl auch denken können,
was ihn zruckhalt!“
„Ja, ja! ’s Lonerl, gelt?“ Lehnl schmunzelte.
„Es is ja zum narrisch werden mit dem Buben!“, seufzte Traudl.
„Wann er nur wenigstens was davon hätt! Und der Herr Fritz meinet’s
so gut mit ihm. Der war fein heut auch in Ettal drüben. Ich hab ihn in
der Kirchen drin gsehn.“
„Hätt eher denkt, im Wirtshaus.“
„Was tät denn ich im Wirtshaus?“, fuhr Traudl ganz entrüstet
auf. „Und bei einer Wallfahrt gar!“
„Mein Gott, was halt ander Leut drin tun: Essen, trinken und recht gscheit
reden.“
Eben schickte sich Traudl zu einer geharnischten Erwiderung an, als die Türe
sich öffnete und Pauli eintrat, seinen wohl verpackten Herrgott auf dem
Arm. Herzlich begrüßte er die Mutter und freundlich den Alten, der
sich’s inzwischen hinter dem Tisch bequem gemacht hatte.
„Aber grad schön hast mir das Stüberl hergricht!“, sagte
Pauli zu Traudl, während er Hut und Paket ablegte. „Bist denn schon
lang von Ettal zruck, dass alles hast so machen können?“
„Mein Gott, seit Mittag halt!“
„Wie is dir denn z’Ettal gangen? Hast nachher für mich auch
betet, Mutterl?“
„Für was geh ich denn wallfahren“, murrte die Alte mit halbem
Ernst, „für was denn, als dass du einmal gscheit werden sollst.“
„Ja bin ich denn dumm?“, fragte Pauli lächelnd.
„No … mit deiner dalketen Lieb, das wird wohl net gscheit sein?
So eine Narretei, die kein Heimat hat und kein Absehn. Wie oft net hat dir d’
Loni schon zeigt, dass s’ dir nix will, und doch gehst allweil wieder
hin und schmachst ’s Madl an, wie ein Lampl ’s neue Stadltor.“
„Schau, Mutterl, da verstehst du nix davon!“, lautete Paulis ruhige
Antwort.
„Wär net aus!“, fuhr Traudl auf und schlug in komischen Entsetzen
die Hände zusammen. „Und wann ich auch wirklich jetzt nix mehr davon
verstünd, so hab ich doch einmal was davon verstanden. Sonst wärst
du net da! Und das wird jetzt noch grad so sein, wie zu meiner Zeit. Da wird
wohl der Teufel net auch sein Fortschritt einibracht haben!“
Traudl hatte sich in ernste Hitze hineingeredet, so dass Pauli es für
geraten fand, ein wenig einzulenken. „Geh, Mutterl, musst dich net ereifern!“,
sagte er und nahm schmeichelnd ihren Kopf zwischen beide Hände. „Ich
weiß ja, dass du’s richtig meinst mit mir. Und dein Beten wird wohl
für was gut gwesen sein.“
„Das will ich hoffen!“ Traudl war besänftigt, und um ihre
Augen spielten wieder die Fältchen ihres gewohnten, freundlichen Lächelns.
„Brauchst aber net z’glauben, dass ich grad für dich allein
betet hab. Wann ich einmal nach Ettal geh, so hab ich gar viel am Herzen, ja!
Da bet ich für die Armen und Unglücklichen …“
„Vergelt dir’s Gott!“, brummte Lehnl.
„Was denn?“, fragte Traudl erstaunt.
„Dass du auch an mich denkt hast.“
„An dich? Ja ghörst denn du zu die Unglücklichen?“
„Ich werd wohl dazu ghören, wann ich die ganze Zeit dein dalkets
Gschwätz anhören muss.“ Lehnls Gesicht wurde ernst und sein
Ton hart. „Wie kann man nur an den eigenen leiblichen Sohn so ungschickt
hinreden. Kannst es ihm denn verargen, wenn er ins Madl verschossen is? Schau’s
nur grad an, wenn sie ’s Köpferl so aufwirft und so lieb dreinschaut
mit ihre Haselnussaugen, da meinst völlig, ’s Hirn wird dir siedet.
Dabei hat s’ ein seelenguts Herz und is lieb und freundlich zu jedem Menschen
… mit einer einzigen Ausnahm vielleicht.“
Lehnl schwieg, und ungeduldig trippelte Traudl von einem Fenster zum andern,
zupfte an den Vorhängen und verzog die Mundwinkel. „No a!“,
brummte sie. „Aber sagen braucht man’s net, am allerwenigsten vor
meim Pauli! Da käm’s am End grad so raus, als ob er mit seiner Dummhei
tim Recht wär. Und das geht ja doch net an.“
Während dieser Reden saß Pauli am Tisch mit einer Miene, als ob
die Sache weiß Gott wen anginge, nur ihn nicht. Doch seine ruhelosen Finger,
die an dem Umschlagpapier des neuen Herrgotts erregt umherknitterten, ließen
vermuten, dass die gehörten Worte tiefer bei ihm gingen, als es oberflächlich
betrachtet den Anschein hatte. Kaum war das letzte Wort aus Traudls Mund, so
stand er auf, nahm sein Schnitzwerk unter den Arm, den Hut in die Hand und sagte:
„Ich meinet, es wär an der Zeit, dass ich dem Wirt sein Herrgott
nüber trag. Könnt sonst leicht noch was passieren dran. Und wenn ich
dir gut raten kann, Mutterl, so gehst mit und trinkst eine Maß Bier mit
mir. Der Weg von Ettal daher und die Plag mit meim Stüberl wird dich wohl
durstig gmacht haben. Und ein bissl Stärkung für ’n Heimweg
brauchst auch!“
Traudl brummte was vor sich hin, setzte ihre Pelzhaube auf und griff nach Gebetbuch
und Regenschirm, ihren beiden Wallfahrtsinsignien. Auch Lehnl erhob sich langsam,
stopfte mit dem Daumen in seiner Pfeife die Asche nieder und sagte zu Pauli:
„No, der Weg von deim Häusl ins Wirtshaus macht dich auch net müd.
Fünf Schritt über d’ Straß nüber, und drin bist.
Der Huberbauer hätt dir net kamoder herbauen können!“
„Meinst?“ Das war Paulis ganze Antwort. Er trat unter die Tür,
die seine Mutter offen gelassen hatte, heilt die Klinke in der Hand und rief
dem langsamen Lehnl zu: „Mach, geh weiter!“ Dann schloss er Stuben-
und Haustüre und folgte den beiden anderen über die Straße ins
Wirtshaus.
Es ging da ziemlich ruhig zu. Außer zwei Handwerksburschen, die am Tisch
neben der Türe schweigend ihren Bittern tranken, war Anton Höflmeier
der einzige Gast seines eigenen Wirtshauses. Der grauköpfige Alte saß
am Fenster, eine dicke Hornbrille auf der Nase, und war eifrig bemüht,
die Lektüre seiner Zeitung noch zu Ende zu bringen, bevor die allmählich
anbrechende Dämmerung ihm das Lesen verbieten würde. Als er die Türe
gehen hörte, hob er kaum den Kopf, knurrte nur ein halb verständliches
„Guten Abend!“ und las eifrig weiter. Erst als ihm Pauli zurief:
„Du, Wirt, da bring ich dir dein Herrgott“, blickte er auf, schielte
über seine Brille weg auf die Ankömmlinge, legte, als er sie erkannte,
Glas und Zeitung beiseite und sagte: „Ah, das lass ich mir gfallen, dass
du so bald Wort haltst. Ich sag’s halt allweil, auf den Pauli kannst dich
verlassen. Und d’ Mutter bringst auch gleich mit!“
Die Alte ergriff die Hand des Wirtes. „Hast schon recht, dass mir so
ein freundlichen Gruß bietest. Könnt leicht sein, dass ich mir ihn
heut in Ettal verdient hab mit eim halben Rosenkranz, den ich für deine
schwarze Wirtsseel betet hab.“
Der Wirt lachte, denn er wusste, wie das gemeint war, und wandte sich zu Pauli,
der inzwischen seinen Herrgott ausgepackt hatte.
Schon beim ersten Blick auf das Schnitzwerk nickte der Wirt befriedigt vor
sich hin. Er nahm den Herrgott in Empfang, wandte ihn betrachtend ein paar Mal
hin und her und sagte: „Schön hast dein Sach wieder gmacht! Bin recht
zfrieden! Und was is nachher meine Schuldigkeit?“
„Das steht bei dir!“, gab Pauli zur Antwort. „Zahl, was du
magst! Und wenn gar nix hergibst, nachher is auch recht!“
„Jetzt das gibt’s net!“, meinte der Wirt. „Da setz
dich nieder! Das andere werden wir nachher schon kriegen. He! Resl! Wo steckt
denn das Madel wieder?“
Die Tür, die nach der Küche führte, wurde heftig aufgerissen,
und die Kellnerin fuhr in die Stube: „Wo brennt’s denn? Da möchte
man schon glauben, d’ Stuben wär voller Leut.“
„Dem Pauli schänk ein!“
Das Mädchen ging zum Schänkkasten, nahm einen Krug heraus und brummte:
„Das hätt doch net so pressiert. Es is noch niemand verdurst bei
uns!“
„Sei net so gschnappig“, rief ihr der Wirt nach, als sie der Türe
zuging, „und tu, was ich dir sag!“
„Halt, Resl! Bring mir auch gleich eine Halbe mit!“, erklang vom
Hausflur her eine tiefe Bassstimme, und der, dem sie gehörte, erschien
auch gleich darauf unter der Türe: Eine gedrungene, fast ans Korpulente
streifende Figur, angetan mit grauen Hosen und einer dicken Lodenjoppe, deren
einst grüner Besatz sich in der Farbe bereits einem zweifelhaften Gelb
näherte. Vom Gesicht sah man nur die breite Stirn, eine knollige rötlich
angestrahlte Nase und zwei kleine freundliche, von buschigen Brauen überschattete
Augen, während die ganze untere Hälfte des Gesichtes von einem dichten,
bräunlichroten Barte verhüllt war, der fast bis zur Mitte der Brust
herabreichte. Von etwas dunklerer Farbe wie der Bart war das kurz geschorene,
struppig abstehende Kopfhaar. In der einen Hand hielt der Eintretende den breitkrempigen
Filzhut und in der andern Hand einen Pack mit allen jenen Dingen, die zur Ausrüstung
eines Malers in der Sommerfrische gehören. Dieser Mann war Fritz Baumiller,
Landschaftsmaler aus München, dort geboren, gebildet und fünfzig Jahre
alt geworden, seit mehr als zwanzig Jahren ständiger Sommergast des Ammertales,
der Protektor von Paulis Talent.
Er begrüßte die Anwesenden, besonders herzlich seinen Liebling,
den Herrgottschnitzer, legte seine Sachen ab und nahm am gleichen Tisch Platz,
an dem der Pauli mit seiner Mutter saß. Resl trat ein und brachte ihm
sein Stammkrügl.
„Tu mir Bescheid, Resl!“, sagte Baumiller, der sich eben eine Zigarre
anzündete. Das Mädchen nippte und setzte den Krug mit einem gewohnheitsmäßigen
„Gsegn’s Gott!“ wieder nieder. Dann schob sie dem Herrgottschnitzer
mit einem kräftigen Ruck den andern Krug über den Tisch zu: „Da
… du … hast dien Bier!“
„Wie steht’s nachher mit dem Essen, Madl?“, fragte der Maler.
„Ich hab ein kannibalischen Hunger.“
„Moosschnepfen sind da, d’ Loni macht s’ grad z’recht.
Wann s’ fertig sind, bring ich s’, gelt!“ Dabei klopfte das
Mädchen dem Maler auf die breite Schulter, mit einer Gönnermiene,
als hätte sie Königreiche zu vergeben.Resl ging, und Baumiller wandte
sich zu Pauli: „Du, Pauli, demnächst musst du mich am Sonnenberg
naufführen. Das is der einzige Punkt in der ganzen Gegend, von wo ich noch
net runtergschaut hab.“
„Wissen S’ was“, gab Pauli zur Antwort, „Sie haben
doch allweil Zeit, gehen wir gleich übermorgen! Übermorgen is Sonntag,
und da kann ich morgen mein Häusl vollends zammrichten und nachher am Montag
mit dem Huberbauer seiner Arbeit anfange. Mein Herrgott hab ich auch fertig,
und so können S’ mich jede Stund haben.“
„Is recht. Also übermorgen! Aber … wo is denn der neue Herrgott?“
Geschäftig holte der Wirt das Kruzifix herbei. Je länger es der Maler
betrachtete, so mehr wuchs auch seine Freude und sein Erstaunen. „Das
hast du gmacht, Pauli?“, rief er endlich aus. „Es is fast net zum
glauben! Sag einmal, Bub, wo hast denn du das her?“
Als Baumiller das Kruzifix in die Hand genommen hatte, war Lehnl aus der Küche
in die Stube getreten, mit einem halben Dutzend Fliegenruten in der Hand, die
er in die Fensternischen verteilte.
„Er is doch ein Ammergauer“, warf er auf den Ausruf des Malers
ein, „und in Ammergau kommen die Buben schon als Herrgottschnitzer auf
d’ Welt.“
„Sünd und schad is“, predigte Baumiller, „Sünd
und schad, wenn du mir net folgst und mit mir net in d’ Stadt gehst, um
dich ausbilden z’lassen! Schau nur einer die Stellung von der Muttergottes
an! Wie schön und sauber die Armerln gmacht sind … ein völliges
Rätsel, wie du das anstellst!“
„No, ein Rätsel is das grad net!“, sagte Pauli, der eines
von Baumillers Skizzenbüchern ergriffen hatte und darin blätterte.
„Haben S’ net allweil gsagt, ich soll mich fleißig üben?
Ich hab lang gnug dran rumprobiert, bis ich’s so zammbracht hab.“
„Aber du musst doch ein Modell, ein Vorbild ghabt haben!“, wandte
der Maler ein.
„Ein Vorbild? Du mein, ich hab mir halt d’ Loni vorgstellt, wie
s’ so dasteht und mit zwei Händ den Millikübel am Kopf hebt.“
„So, nach dem Modell arbeitest du?“, lachte Baumiller. „Drum
hast du auch das Gesichtl so fein rausgschnitten.“
Lehnl guckte dem Maler über die Schulter. „Meiner Seel!“ Der
Alte war seltsam erregt. „Das is ja d’ Loni, wie s’ leibt
und lebt.“
„Weiß Gott, Lehnl, du hast recht!“ Dabei raunte der Maler
mit langen Schritten zur Küchentüre und rief hinaus: „Loni,
Loni, komm einig schwind!“
„Seids so gut, machts mir mein Madl auch noch rebellisch!“, polterte
der Wirt.
Man hörte von draußen ein Rasseln, wie wenn ein eisernes Geschirr
über die Feuerringe eines Herdes gezogen wird; leichte, schnelle Tritte
näherten sich über die Steinplatten – und unter die von Baumiller
geöffnete Türe trat ein junges Mädchen von etwa dreiundzwanzig
Jahren – die Loni.
Man sah ihr an, dass sie vom Herd kam, denn sie trug die breite blaue Küchenschürze
umgebunden, deren rechter Zipfel an der Seite aufgesteckt war, wodurch das kurze
Röcklein sichtbar wurde; das war vom gleichen Stoff, wie das weiß
und rot karierte Leibchen, das sich, die volle Büste eng umspannend, über
das kurze, schwarze Miederchen hervorhob. An den Händen mochte das Mädchen
wohl noch die Spuren der eben verlassenen Beschäftigung tragen, denn sie
hielt die nackten runden Arme mit den fast kokett gespreizten Fingern seitab
vom Leibe. Eine weiche, ebenmäßige, für ein Bauermädchen
überraschend zierliche Gestalt! Aus den Schultern hob sich ein Köpfchen,
das leicht zur Seite geneigt war, wie unter der Last der dicken, braunen Flechten,
die es umwanden. Die Hitze des Herdes hatte eine dunkle Röte über
das reizende Gesicht gehaucht, aus dem zwei glänzende, braune Augen lachten,
von dichten Wimpern umrahmt und überspannt von feinen, fast schwarzen Brauen,
zwischen denen auf der Stirne ein kleiner, enkrechter Faltenzug sichtbar wurde,
der zu diesem frischen, lebensfrohen Antlitz wenig passen wollte.
„Was gibt’s?“, rief Loni dem Maler zu. „Die Schnepfen
sind noch net fertig.“
„Die pressieren auch net! Aber da geh einmal her! Geh nur her!“
Dabei fasste er Loni, die ganz verwundert dreinschaute und mit der Schürze
die Hände trocknete, beim Arm und zog sie nach der Mitte der Stube.
„Was wollts denn?“, fragte das Mädchen, indem es widerstrebend
folgte.
„So geh nur grad her und pass auf!“ Dabei postierte der Maler Loni
vor einen Tisch und ließ sie die Arme erheben in gleicher Art wie die
Maria unter dem Kreuze. Loni, die nicht wusste, wo das hinaus sollte, wollte
eine Einwendung machen und die Arme sinken lassen.
„Ob du gleich stehn bleibst!“, fuhr sie der Maler an, trat einige
Schritte zurück und blickte mit lebhaftem Erstaunen vom Schnitzwerk auf
das Mädchen und vom Mädchen wieder auf das Schnitzwerk. Lehnl stand
neben Baumiller, und mit leuchtenden Augen schaute er auf Loni. „Wie gsagt,
die ganze Muttergottes, auf und nieder!“
„Aber … wie kann man denn so ein Vergleich anstellen!“, zürnte
Loni und ließ die Arme sinken.
„Sakra, so bleib doch!“, rief Baumiller.
„Ich mag net, das is mir z’dumm!“
„No, so schau einmal selber!“ Der Maler hielt dem Mädchen
das Kruzifix entgegen. „Schau nur grad das Gsichtl von der Muttergottes
an!“
Loni, die Hände hinter dem Rücken, betrachtete die Schnitzerei. Mit
dem ersten Blick erkannte sie die Ähnlichkeit, und ein spöttisches
Lächeln huschte um ihre Mundwinkel, während sie zu Pauli hinüberschielte.
Dann warf sie die Lippen auf, schaute dem Maler ins Gesicht und fragte mit einem
gering schätzenden Ton, der wie ein Messer in Paulis Herz schnitt: „Wer
hat denn das gmacht?“
„Wie magst noch fragen?“, lautete die etwas ärgerliche Antwort
des Malers. „Is denn im ganzen Gebirg einer, der so was fertig brächt,
wenn net der Pauli!“
„Eigentlich hätt ich mir denken können, dass sonst keim so
was Dummes einfallt!“
Pauli wurde blass und rot. Wenn ihm aber auch die Erregung vom Gesichte abzulesen
war, so merkte man doch nichts davon in seiner Stimme und in seinen Worten.
„No, no … das wird doch wohl kein Unglück sein! Ich hab mir
halt denkt …“
„Weißt, was ich mir denk?“, unterbrach ihn das Mädchen
heftig. „Es könnt mir was Gscheiteres in Sinn kommen, als dass du
allweil mich drin hast … ich brauch mich net von dir ausschnitzeln z’lassen!“
Dabei drehte sie ihm den Rücken, schritt auf den Schänkkasten zu und
kniete nieder, um aus einem der unteren Fächer ein paar Teller hervor zu
nehmen.
„Wann ich gewusst hätt, dass dir’s net recht wär“,
rief ihr Pauli nach, „oder wann ich mir hätt denken können,
dass dich die Sach gar so viel verschmachen tät, nachher hätt ich’s
eh net angfangt. Geh zu, Wirt, schieb halt den Herrgott in Ofen eini …
ich mach dir ein andern!“
„Was dir net einfallt!“, lautete die brummige Antwort des Wirtes.
„Der Herrgott kommt da ins Eck nauf, und sonst kein anderer!“
„Das will ich auch hoffen“, warf Baumiller ein, „denn der
Christus da, das ist ein Meisterstück von Schnitzerei!“ Loni erhob
sich und stieß die Teller auf die Platte des Schänkkastens, dass
es klirrte. „Ein Meisterstück1 Dass ich net lach!“ Pauli hatte
sich wieder zu seiner Mutter, die schweigend, aber mit unverhehltem Ärger
diese ganze Szene angehört, an den Tisch gesetzt, der neben dem Schänkkasten
stand. Nun neigte er sich über die Banklehne gegen das Mädchen und
sagte: „Wenn schon dein Übermut auslassen willst an mir, so tu’s
in Gottesnamen! Aber schau, Loni … es könnt vielleicht doch einmal
eine Zeit kommen, wo’s dich reut!“
„Da müsstest du zerst ein anders Mannsbild werden. Sonst erlebst
es schwerlich!“
„Müssts ihr zwei jetzt allweil wie Hund und Katz sein?“, fuhr
der Wirt dazwischen.
„Jetzt ich beiß doch gwiss net!“, meinte Pauli mit bitterm
Lächeln.
Loni lachte hell auf. „Das muss wahr sein, denn zum Beißen ghört
vor allem ein bissl Schneid … und das Wörtl steht in beim Katechismus
net!“ Mit energischem Ruck zog sie die Teller vom Schänkkasten und
wandte sich zu Baumiller. „Gehen S’ zu, Herr Fritz, kommen S’
zu mir naus in die Kuchl … Ihnen Ihr Essen könnt leicht ein faden
Beigschmack kriegen, wenn ich’s da eini traget.“ Sie ging zur Tür.
Und kopfschüttelnd folgte ihr der Maler. Bevor er die Stube verließ,
rief er noch dem Pauli zu: „Gelt, vergiss net, dass mich übermorgen
früh abholst zu unserer Partie auf den Sonnenberg!“
Pauli hatte keine Antwort mehr; er nickte nur. Und Traudl griff nach Gebetbuch
und Regenschirm. „Es is ein Glück, wann wieder einmal auf ein Berg
auffikommst! Nachher kriegst doch wieder ein andern Gedanken. Der ewige Daunderlaun
führt doch zu nix. Hint und vorn halt dich ‚s Madl für ein Narren
und macht dich spöttisch vor alle Leut.“ Die Alte stand auf und strich
Rock und Schürze glatt.
„Sie meint’s net so!“, sagte Pauli begütigend.
„Jeses! Jesses!“ Klatschend flog das Gebetbuch auf den Tisch, um
sofort von Traudl mit heiliger Scheu wieder aufgenommen und zur Sühne für
diese Unbill an die Lippen gedrückt zu werden. „Sie meint’s
net so! Da möcht ich mich doch gleich bucklet lachen! Is dir das noch net
gnug?“ Zu besserem Nachdruck stieß sie ihrem Sohn bei jedem betonten
Wort den Knauf des Regenschirmes gegen die Schulter. „Willst noch mehr
Schand und Spott auf dich bringen? Wenn du gscheit bist, so gehst jetzt mit
mir und lasst den Findling gehen, von dem man net einmal weiß, ob er ein
Vater oder eine Mutter ghabt hat! Mach zu! Geh weiter!“
Ohne ein Wort der Erwiderung erhob sich Pauli, nahm seinen Hut, nickte dem
Lehnl einen kurzen Gruß zu und folgte seiner Mutter. Als er aus dem Flur
ins Freie treten wollte, fühlte er sich am Arm zurückgehalten. Es
war der alte Lehnl, der ihm ins Ohr flüsterte: „Sie is halt ein Madl!
Lass dich’s net verdrießen, Pauli!“ „Das wär ein
Kunststück, Lehnl!“ „Freilich wohl, aber du bringst es fertig!“
Es war ein fester Händedruck, mit dem die beiden schieden.
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