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Zwei Tage später wurde beim Wirt von Graswang das Stuhlfest des Herrgottschnitzers
und der Loni gefeiert. In der großen Wirtsstube standen die weiß gedeckten
Tische, und darum saßen die geladenen Gäste, zu oberst, am Ehrenplatz,
die Mutter des Bräutigams. Die alte Traudl strahlte vor Vergnügen, und
ihre Augen glänzten heller als die blanken Schaumünzen, die an dem silbernen
Schnürwerk ihres Mieders baumelten. Neben ihr saßen der Wirt und Loni,
deren Stuhl freilich die meiste Zeit leer stand, denn sie ließ es sich nicht
nehmen, fleißig in der Küche nachzuschauen und dafür zu sorgen,
dass kein Teller leer wurde und kein Krug ungefüllt blieb.
Auch der Rötelbachbauer war unter den geladenen Gästen; er saß
zwischen Muckl und der zukünftigen Schwiegertochter. Wenn die Leute von
ihr erzählten, sie hätte Haare auf den Zähnen, so konnte das
jedenfalls nur bildlich gemeint sein; denn ihr Gebiss, das von der schmalen
Oberlippe kaum zur Hälfte verdeckt wurde, war, wie der Augenschein lehrte,
vollständig unbehaart.
Pauli, der neben dem Wirt saß, war für die Unterhaltung der
Gäste verloren. Er folgte nur immer mit leuchtenden Blicken dem geschäftigen
Tun und Treiben seiner Braut. Wenn ihn an diesem Freudentag überhaupt
etwas beunruhigen konnte, so war es die Abwesenheit Lehnls, den er schon
ein paar Mal vergebens im ganzen Hause gesucht hatte. Ganz zufällig
blickte er einmal durch das Fenster und sah gerade noch, wie Lehnl drüben
im Austraghäuschen des Huberbauern die Türe hinter sich zuzog.
Er sprang vom Stuhl auf, sagte Loni, wohin er ginge, und eilte hinüber
nach seiner Wohnung, um den Alten zu holen, der ihm die letzten zwei Tage
in auffallender Weise ausgewichen war.Loni hatte ihren Verlobten bis an
die Haustür begleitet, und als sie nun wieder in die Stube zurückkehren
wollte, wurde sie von Muckl aufgehalten, der ihr aus dem Flur entgegentrat.
„No, Loni? Jetzt is halt doch so kommen, wie ich allweil gsagt hab. Drum,
mein’ ich, könntest mir jetzt auch wieder gut sein, schau, schon
deswegen, weil meine Eifersucht dein glück gmacht hat!“
Loni lachte. „Wenn du sagst, dass dich alles reut … nachher will
ich wieder gut sein!“
„Freilich reut’s mich! Wenn ich auch net leugnen kann, dass mir’s
die größte Gaudi gmacht hat, wie ihr zwei aufeinander losgfahren
seids wie die gstupften Gockeln! … Ja .. hätt ich nur von Anfang
net so viel Angst ausstehn müssen wegen dem Lehnl! Das hätt weiters
net dumm ausgschaut, wenn ich, der einzige Sohn vom Rötelbachbauern, ein
paar Monat hätt sitzen müssen wegen so einer dalketen Gschicht.“
„Ja hast denn du dem Lehnl was tan?“, fragte Loni erstaunt.
„Weißt denn du da nix davon?“
„Aus dem Gschwatz werd ich net gscheit!“
„Kannst dich denn nimmer erinnern an den Tag, wo ich mit meim Vater kommen
bin, und wo du mir nachher so gschwind ein Korb geben hast? Da war gleich drauf
die Red, dass du am andern Tag auf d’ Alm gehst. Da hab ich mir denkt,
den Katzensprung könnt ich noch riskieren … vielleicht redt man sich
leichter mit dir, wenn du allein bist!“
„Und du warst in derselben Nacht auf der Alm?“
„Freilich … aber grad, wie ich an dein Kammerfenster hab klopfen
wollen, da kommt der Lehnl dazu, packt mich … und wie’s diemal geht
… ich hab ihn halt so wegschlenzt, und da is er halt unglücklich
gfallen. In der ersten Angst, man könnt mich sehen, bin ich ausgrissen,
weil ich wen kommen hab hören. Freilich hat mich die Sorg um den Lehnl
net weit fortlassen. So bin ich wieder zurück, und da hab ich gsehen, dass
der Pauli da is und dem Lehnl aufhilft. Der arme Kerl hat gmeint, er müsst
schon sterben wegen dem bissl Loch im Kopf, und hat den Pauli heilig versprechen
lassen, dass er Freund bleibt mit dir, ob du gut oder ungut mit ihm wärst.
Alles hab ich mit anghört, auch wie er ihm verratne hat, dass du sein leibliches
Kind wärst.“ Zutraulich neigte sich Muckl gegen Loni und sprach ihr
ins Ohr: „Weißt, von mir hat’s kein Mensch erfahren und erfahrt’s
auch niemand. Brauchst dich also net sorgen!“
Lonis Gesicht war weiß wie die Wand, und sie zitterte an allen Gliedern.
Mühsam rang sie nach einem Wort. „Heilige Maria …“
„Ja weißt denn du da auch nix davon?“, fragte Muckl mehr
erstaunt als erschrocken.
Loni starrte ins Leere. „Pauli … wo is der Pauli?“ Und wie
eine Irrsinnige eilte sie zur Türe hinaus auf die Straße hinüber
zum Austraghäuschen des Huberbauern. – –
Da drüben hatte unterdessen Pauli den Alten aufgefunden; aber vergebens
suchte er Lehnl zu bewegen, mit ihm zu gehen. „Komm Lehnl, komm, geh mit!“,
bat Pauli immer und immer wieder. „Du hast am allerersten ein Recht …“
„Geh, lass mich!“, unterbrach ihn Lehnl. „Wenn du wissen
tätst, wie’s in meim Herzen ausschaut, nachher sähest ein, dass
ich in keine lustige Gsellschaft pass.“
„Ah was da! Du hast allen Grund zum Lustigsein, jetzt, wo dein Lieblingswunsch
in Erfüllung geht, mit mir und mit der Loni!“
„Ja, früher, da hab ich mir’s ausgmalen in Gedanken, wenn
mein Kind einmal ein richtigen Burschen zum Mann krieget … und wie ich
nachher ganz glückselig wär, wenn ich mit ansehen könnt, wie
das Madl so mitten drin sitzt im Wohlsein und in der Freund …“
„Und so kommt’s ja, schau! Wir haben uns gern, und was an mir liegt,
das wird auch geschehen, um ’s Madl glücklich z’machen.“
„Ja, Bub! Das weiß ich! Und drum wird mir der Abschied leichter,
als eigentlich für ein Vater recht is!“
„Geh, red net so dalket!“, zürnte Pauli. „Du wirst fortgehen!
Wo willst denn du alter Zwickl noch hin? Eine überspannte Gschicht is das,
weiter nix!“
„Ich will dich net von dem Glauben abbringen. Aber es wird doch so sein
müssen, dass ich geh. Du weißt, dass der Muckl damals alles ghört
hat, was auf der Alm zwischen uns gredt worden is. Und wenn der was weiß,
so weiß es auch ’s ganze Dorf!“
„Und was is denn nachher?“, fragte Pauli und fasste den Alten bei
der Hand.
Die beiden waren allzu sehr mit sich selbst beschäftigt, um auf die Tritte
zu merken, die sich im Hausflur hören ließen und wieder verstummten.
„Schau, Lehnl“, sagte Pauli mit herzlicher Eindringlichkeit, „ich
bin der erste, der vor der ganzen Gmeind dir die Händ hinstreckt und sagt,
dass ich dich mein Vatern heißen und als solchen halten will. Und grad
so wie ich, wird auch d’ Loni …“
„Sei stad! Sei stad!“, unterbrach ihn der Alte jammernd. „Du
weißt net, wie das Madl über ihre Eltern denkt. Wenn d’ Loni
je erfahret, dass ich ihr Vater bin … so gern s’ mich bis jetzt
ghabt hat … mit dem Wort wär ich ihr zwider bis in d’ Seel
eini! Und erfahren muss sie ’s! Denn wenn der Muckl bis jetzt auch gschwiegen
hat, so war das nur die Angst vorm Gricht!“
„Ich hab von der Loni ein besseren Glauben!“, fiel Pauli ein. „Weißt
was … jetzt hol ich ’s Madl ummi, nachher redst offen mit ihr.“
„Na, Pauli, na! Um Gottes willen net! Sie könnt mir ’s net
verzeihen, dass ich sie weggeben hab, wenn’s auch nur geschehen is aus
Lieb und in der Gfahr. Mir druckt’s die Seel ab, dass ich mein Kind nimmer
sehen soll, aber es geht net anders. Ich geh in meine Heimat zruck … die
paar Jahrln, wo ich noch z’leben hab, werden meiner Gmeind net z’viel
sein. Eine Bitt hätt ich aber noch an dich. Ich hab mir ein bissl was erspart.
Das will ich dir geben. Es könnt grad so viel sein, dass man von da bis
in mein Dorf einmal dafür hin und her fahrt. Wenn nachher einmal hörst,
dass ich gstorben bin, so lass mich um das Geld mit einm Wagen holen und lass
mich eingraben an eim Platzl, wo ich mir denken durft, ’s Madl kommt einmal
neben mir z’liegen! … Und jetzt lass mich gehen!“
Dem Alten rannen die Tränen über die runzligen Backen. Seine Knie
zitterten, und erschöpft griff er nach der Lehne eines Stuhles.
„Na, Lehnl! Na! Du darfst net gehen! Bleib bei uns!“
Lehnl schüttelte den Kopf. „Es geht net und kann net sein!“
Da klang von der Tür eine weiche bittende Stimme: „Auch net, wann
ich dich bitt?“
Der Alte fuhr auf mit ersticktem Schrei und wankte auf Loni zu, die ihm
mit offenen Armen entgegeneilte.„Vaterl! … Mein liebes Vaterl!“Taumelnd
wie ein Betrunkener, umfasste Lehnl sein Kind. „Loni … du
… du sagst zu mir: liebs Vaterl …“
„No freilich!“ Lachen und Weinen war das: „Ich weiß
ja, dass du ’s bist! Es is noch keine Viertelstund her, dass ich der Muckl
gegen mich verschnappt hat. Aber was hab ich von dir hören müssen?
Du willst deine Kinder verlassen? Untersteh dich, du!“ Und während
sie mit der einen Hand die Tränen von ihren Wangen wischte, drohte sie
mit der andern. „Da müsst ich ja gleich in der ersten Stund, wo ich
mein Vatern find, zum schelten anfangen!“
„Kannst mir verzeihen …“
Loni ließ ihn nicht weiter sprechen. „Geh! Was redst denn da! Im
ersten Augenblick, wo ich ghört hab, dass du mein Vater bist, is mir mit
eim Schlag alles Liebe eingfallen, was ich von dir erfahren hab seit dem Tag,
wo du zum ersten Mal mein Kinderhandl druckt hast. Vaterl! Vaterl!“ Sie
schlang die Arme um seinen Hals. „Was musst du glitten haben, wo du mich
so gern ghabt hast! Aber jetzt soll dir’s auch von uns zwei vergolten
werden!“
Lehnl wusste sich kaum mehr zu fassen vor Glück. „Jesus! Mein lieber
Herrgott! Die Freud … ich könnt jetzt gleich ein Juhschrei machen,
dass alle Berg zum wackeln anfangen! Und wenn ich mir denk, dass wir alle miteinand
im Frieden hausen … und dass ich noch Enkerln … Jesus … Pauli,
halt mich, sonst mach ich ein Kreuzsprung!“ Aber da erlosch ihm plötzlich
alle Freude zu bleichem Schreck. „Mar’ und Josef! D’ Leut!
Kinder! Was werden d’ Leut sagen!“
„Lass s’ sagen, was s’ wollen!“, tröstete Pauli.
„Was kümmern denn wir uns drum?“
„Jawohl“, fiel Loni ein, „und damit s’ net lang Zeit
zum tratschen haben … am nächsten Sonntag, wenn ich und der Pauli
’s erstmal in der Kirchen aufboten werden, soll der Herr Pfarr mich gleich
beim rechten Namen rufen. Mit meim Pflegvater und mit meiner Schwiegermutter
reden wir heut noch, sobald die Gäst fort sind. Is dir’s so recht,
Pauli?“ Er nickte zustimmend, und Loni drückte ihm zum Dank dafür
einen herzhaften Kuss auf die Lippen. „Aber kommts miteinand! Jetzt müssen
wir wieder ummi. Und du, Vaterl, musst drüben an der Ehrentafel neben mir
sitzen!“
Vereint für alle Zeit verließen diese drei glücklichen Menschen
das kleine Haus und schritten über die Straße.
Als am andern Tag der Maler von seinem Ausflug zurückkehrte, machte
er große Augen zu der Nachricht, die er zu hören bekam. Er
wollte anfangs den Gekränkten spielen, doch hielt diese Regung nicht
lange an, als ihm Pauli die Hand bot mit den Worten: „sind S’
net bös, Herr Baumiller, dass Ihr Plan net nausgangen is! Aber zwei
Leut z’wissen, wo S’ zu jeder Stund gern gsehen sind und eine
Heimat haben, ich mein’, das wär auch was wert! Bleiben S’
uns gut!“Und er blieb ihnen gut. Jeder Sommer, den er später
im schönen Ammertal verlebte, verfloss ihm fröhlicher als all
die früheren, im traulichen Verkehr mit dem jungen Herrgottschnitzer
und seinem jungen, glücklichen Weib.
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