|
Ein hoher, großer, weißer Raum, in seiner Einfachheit von kühler
Frische. Täfelung und Möbel aus blassem Holz. In der Mitte die ovale
Tafel zu zwölf Gedecken.
Larnagger mit einem der neuen Gäste ging voran. Frau Bettina und der
rotwangige Oberst mit den Haarbürstchen über den Augen waren das letzte
Paar.
Hausfrau und Hausherr saßen oben und unten an den Schmalseiten der Tafel.
Sie konnten einander nicht sehen. Zwischen ihnen standen die zwei mächtigen
Silbergirandolen mit den vielen Wachskerzen und der große silberne Fruchtaufsatz
mit ziselierten Hirschen, ohne Blumen, zu Ehren des Jagdtages umschlungen von
kleinen Buchenzweigen mit rotem Laub.
Während die servierenden Diener lautlos ab und zu gingen, verschwendeten
die vier Herren, die im Halbmond zur Rechten und Linken der Hausfrau saßen,
alle liebenswürdige Mühe, um Frau Bettina für eine heitere Unterhaltung
zu gewinnen. An der anderen Hälfte der Tafel setzte man aus Gefälligkeit
für den Hausherrn das Gespräch fort, das im Salon begonnen hatte.
Aus den Zeitungen wussten die Herren ungefähr, worum es sich handelte.
Seit einer Woche war es Stadtgespräch, dass Hans Larnagger in dem Lohnkampf,
der zwischen der Arbeiterschaft und dem Aufsichtsrat der Jörg larnaggerschen
Werke auszubrechen drohte, ganz auf Seite der Arbeiter stand und erklärt
hatte, den Vorsitz im Aufsichtsrat niederzulegen, wenn seine Meinung nicht zu
Recht käme. Man nahm Larnaggers Haltung als pikante Donquichotterie des
vielfachen Millionärs, als Marotte eines Unberechenbaren, als eine Art
von Sport mit Reizmitteln wider die Blasiertheit. Und man hätte die Arbeiterfreundschaft
Larnaggers gerne lächerlich gefunden. Doch er hatte seit Eintritt seiner
Volljährigkeit die Arbeiterfürsorge aus eigenen Mitteln durch so reiche
und kluge Stiftungen gefördert, dass man den Vorwurf, er wäre ein
Arbeiterfreund nur auf Kosten der leidenden Aktionäre, und hätte für
seine Überzeugung nur originelle, aber billige Worte, im Ernst nicht gegen
ihn erheben konnte.
Von den höflichen Gästen, die da Sekt mit Burgunder tranken und
ihr Dutzend Austern zierlich erledigten, war wohl keiner ein geborener Apostel
der sozialen Forderung. Doch aus Wohlerzogenheit, vielleicht auch ein wenig
aus liebenswürdigem Dank für die zur Strecke gelieferten Fasanen und
Damhirsche, bliesen sie kräftig in das ihnen wunderlich erscheinende Horn
des Hausherrn, sprachen mit aufgezogenen Brauen von Marx und Bebel, fanden,
dass sie sozialdemokratische Bewegung unleugbar auch manches Gute und Berechtigte
hätte, ergingen sich in historischen Rückblicken über eine zwanzigjährige
Vergangenheit und debattierten über die Folgen des Sozialistengesetzes
und über die „innerpolitischen Notwendigkeiten“, die vor vier
Jahren den Rücktritt Bismarcks unerlässlich gemacht hätten. Einer
sagte: „Neue Zeit muss ihre Straße haben. Auch über Riesen
hinüber. Wäre der Koloss von Rhodus vor dem Kieler Hafen gestanden,
jetzt müsste man ihn auf Abbruch verkaufen.“
Man lachte zu diesem Wort. Nur Larnagger blieb ernst und biss and er Lippe.
Die Art des Gespräches und die Wendung, die es genommen hatte, schien ihm
nicht zu behagen. Er versuchte abzulenken. Aber die Konversation war in lebhaftem
Schuss, und Larnagger begann wieder mitzureden, manchmal so erregt, dass ihn
die anderen verwundert betrachteten. Es war in ihm etwas Wühlendes, das
er schwer bezwang. Und immer wieder zeigte sich in seinem Gesicht der gespannte
Ausdruck eines Lauschens, das sich mit einem Geräusch in weiter Ferne beschäftigt
und sich frägt: „Wer ist das? Was kommt da?“
Auf dem anderen Eiland der Tafel hatte Oberst von Siebert, um Frau Bettina
lächeln zu machen, bereits seine Zuflucht zu drolligen Anekdoten und lustigen
Geschichten aus der Leutnantszeit genommen. Als er wieder einmal von seinen
munteren Pfeilen einen erfolglos verschossen hatte, schwieg er missmutig. Und
da hörte er aus der lebhaften Debatte der anderen die Stimme Larnaggers:
„Wär’ ich allein noch Herr auf dem Boden meines Vaters, dann
wüsst’ ich, was ich jetzt täte. Meine Vormünder, als sie
während meiner Minderjährigkeit das Unternehmen meines Vaters in eine
Aktiengesellschaft verwandelten, haben mir einen schlechten Dienst erwiesen.“
Der Oberst hob den Kopf und rief über die Tafel hinauf: „Na, na,
na, lieber Hans! Ich glaube viel eher, dass der Dienst, den diese klugen Leute
dir erwiesen haben, ein sehr nützlicher und guter war. Denn du mit deiner
grassierenden Menschenfreundlichkeit –“
„Das ist ein Irrtum. Ich bin nicht menschenfreundlich. Wahr ist eher
das Gegenteil.“
Alle Stimmen an der Tafel, ausgenommen die Stimme der Hausfrau, erhoben lauten
Protest. Nicht menschenfreundlich? Und seine Haltung in der Arbeiterfrage? Stiftungen,
die nach Millionen zählen? Und das Larnaggersche Wohltätigkeitsbüro
mit den sieben Beamten?“
„Ach, ich bitte Sie!“ Der Hausherr wurde ärgerlich. „Das
alles ist etwas völlig anderes. Man gibt, weil es Pflicht des Besitzenden
ist, zu geben. Aber niemals gibt man um der anderen willen, immer nur sich selbst
zuliebe, um nicht mit zu leiden. Doch Mitleid an falschem Platz ist eine abscheuliche
Sache, ungesund und schwächlich. Und jene, die ehrliches Mitleid verdienen,
findet man selten. Redliche Not verhüllt sich. Drum kann, was man Barmherzigkeit
zu nennen pflegt, ein Laster werden, wie Trunksucht und Ausschweifung. Das Elend
der Menschen ist nicht so groß, als es jene zu schildern lieben, die es
nie gesehen, nie gekostet haben. Unter den fünfzehntausend Arbeitern meines
Vaters gab es keine zwanzig, die nicht froh und zufrieden waren. Ich bin unzufrieden.
Wer gibt mir? Ich habe Wünsche. Wer erfüllt sie? Wenn ich gebe, will
ich nicht fremde Zufriedenheit erschaffen, nur Zufriedenheit in mir selbst erzwingen.
Es ist mir unbehaglich, mich als Schuldner der Menschen zu fühlen. Immer
suche ich den einen, dem ich mit Freude zurückerstatten könnte. Ich
find’ ihn nicht. Immer komm’ ich an der falschen. Aber davon ganz
abgesehen – wer hat, muss geben. Ich glaube, das ist ein ewiges Lebensgesetz.
Aber seine Übung ist nicht erquicklich. Gibt man tausend Menschen und einem,
so lernt man tausend verachten. Wie Menschen betteln können – das
in Masse erfahren zu müssen, ist ekelhaft. Die paar Stunden jede Woche,
in denen mir die Widersprüche zwischen den Erkundungen meines Unterstützungsamtes
und dem Inhalt der Bettelbriefe vorgelegt werden, das sind Stunden, die mir
Übelkeiten verursachen. Aber immer wieder gibt man, immer wieder mit dem
Gedanken: Vielleicht ist hier doch die Not? Und immer wieder erfährt man,
dass man dem Leben eher schadete als nützte, weil man einem Unwürdigen
gab, einem Schwächling und Heuchler, einem Lügner und Feigling. In
meiner Bettelstube muss ich jedes zweite Jahr die Beamten wechseln. Sonst werden
sie grausam und zynisch. Mich halten sie schon immer nach dem ersten halben
Jahr für einen Dummkopf. Das ist so ziemlich das einzige Ergebnis dessen,
was man meine Menschenfreundlichkeit zu nennen pflegt. Und man hat da manchmal
den Wunsch, von den Dingen, die Welt und Menschen heißen, möglichst
fern zu sein, irgendwo zwischen Luft und Tiefe zu hängen, an einer unzugänglichen
Felswand, in einem sicheren Horst. Wie ihn der einsamste der Vögel besitzt!
Dieser Glückliche, den man Adler nennt!“
An der Tafel herrschte betretenes Schweigen. Dann turnten die Gäste lachend
über den unbehaglichen Augenblick hinüber und nahmen Larnaggers Ärger
für eine Marotte der Sekunde, für Originalität um jeden Preis.
Um der Stimmung des Hausherrn auch jetzt noch gerecht zu bleiben, begann ein
Belesener von Zolas Roman „La bête humaine“ zu sprechen. Am
anderen Pol der Tafel sagte der Oberst: „Meine Gnädigste, ich halte
dafür, dies ist kein Thema für uns beide.“ Er erzählte
wieder seine heiteren Anekdoten. Frau Bettina hörte geduldig zu. Bei dieser
lächelnden Aufmerksamkeit schien sie es nicht zu beachten, dass dem Hausherrn
zwei Depeschen gebracht wurden; doch die Blässe ihres Gesichtes wurde wie
weißer Marmor.
Über Larnaggers Stirn ging eine leichte Röte. Ohne sich dem Gespräch
zu entziehen, immer noch ein paar Worte dazwischen werfend, las er die erste
Depesche, die sehr lang war. Ruhig schob er sie in die Flaustasche und lächelte.
Das war eine Entscheidung über Millionen. Doch seine Hände zögerten,
als er die zweite Depesche öffnen wollte. Ein seltsames Spiel von Erregung
und Müdigkeit kam über Larnagger scharfe Züge. Dann sah er hastig
nach der Uhr, schob das uneröffnete Telegramm in die Brusttasche und sagte
leise zu dem wartenden Diener: „Um zehn Uhr den Wagen. Ich fahre mit dem
Nachtzug in die Stadt. Für einen Tag. Peter begleitet mich. An Justizrat
Rosner ist dringend zu depeschieren, dass ich ihn bitten lasse, mich 1 Uhr 20
auf dem Bahnhof zu erwarten.“ Er schien noch etwas sagen zu wollen. Doch
er schwieg, entließ den Diener mit einer Handbewegung, und begann sich
lebhaft am Gespräch zu beteiligen. Manchmal lachte er. Das klang nicht
heiter.
Als das Dessert serviert war, flaute die laut gewordene Unterhaltung ein bisschen
ab. Man wusste: Frau Bettina würde sich, wie es an Jagdtagen bei den abendlichen
Mahlzeiten ihre Gewohnheit war, nun gleich erheben, um den Hausherrn und seine
Gäste dem Jagdgespräch und der Hubertusbowle zu überlassen.
Sie schien das Versickern der Konversation als eine Mahnung zu nehmen und
griff nach dem kleinen Fächer. „Vergnügten Abend, meine Herren!
Ich habe die Empfindung, dass ich überflüssig werde. Unter Jägern!“
Der galante Oberst wollte protestieren; aber als er zu Frau Bettina aufsah,
blieb er stumm. Sie lächelte so reizvoll wie immer, doch ein leises Zittern
war in ihren schönen Händen, eine merkwürdige Verlorenheit in
ihrem Blick. Mit zwei leichten Neigungen der blonden Haarkrone verabschiedete
sie sich von den Gästen. Die Herren erhoben sich, und der Hausherr verließ
seinen Platz. Bevor er um die breite Tafel herumkam, wandte Frau Bettina sich
vom Tisch und verließ den Speisesaal.
Larnagger, mit der scharfen Furche zwischen den Brauen, kehrte nicht gleich
an seinen Platz zurück. Hinter dem Sessel, bis zu dem er gekommen war,
blieb er stehen und begann zu plaudern, ruhig, fast heiter. Und als zwei Diener
die Zigarren und Zigaretten reichten, half er dabei. Die kleinen blauen Duftwolken
wirbelten zu den zuckenden Kerzenflammen hinauf, man schwatzte und lachte kreuz
und quer über die Tafel hin, und die große, grün umwundene Bowle
wurde gebracht, mit dem goldenen Hubertushirsch auf dem silbernen Deckel. Dann
verschwanden die Diener, und während inmitten einer lauten Gemütlichkeit
der jüngste der Gäste die hohen Silberbecher füllte, legte Larnagger
dem Oberst von Siebert den Arm um die Schultern. „Ich werde mich bald
zurückziehen müssen. Meine Frau würde sagen: Nur geschäftlich.
Aber lasst euch, bitte, nicht stören! Und sollte ich morgen die Jagd nicht
mitmachen können, so bitt’ ich dich, mich als Jagdherr zu vertreten.
Ja? Und Weidmannsheil! Nimm dir nur immer die besten Stände! Dann bist
du der glücklichste Jäger! Allmählich lernt man’s. Es könnte
sein, dass auch ich das Zugreifen noch lernen werde – ich, der ich nur
immer geben musste.“
Der Oberst guckte so verwundert zu Larnagger auf, wie vorhin zu Frau Bettina.
„Hans? Was ist denn nur – mit euch beiden?“
„Mit uns beiden? Es handelt sich nur um mich allein. Du weißt
doch, manchmal hab ich törichte Wünsche. Ich bin nur der Sohn meines
Vaters, nur ein Mensch, der Geld hat. Sonst bin ich nichts. Bin weder Held,
noch Dichter, noch Künstler. Trotzdem hab ich Sehnsucht nach ein bisschen
Unsterblichkeit. Und wär’ es auch nur die physische!“ Larnaggers
Worte versanken im heiteren Lärm der Gäste.
Der Oberst schien nicht gleich zu verstehen. Nun ein rascher Griff nach Larnaggers
Händen. „Hans! Menschenskind! Was ist denn das? Schon wieder das
alte Lied?“
„Vielleicht kann es ein neues werden. Ich glaube nicht an Gott. Nicht
so, wie mein frommer Hauslehrer mir das predigte. Und wie Bettina das noch immer
fertig bringt. Sonst würde ich jetzt sagen: „Gott gebe, dass das
neue Lied auch ein erfreuliches wird.“
„Hans? Was meinst du?“
An der Tafel hatte der vergnügte Mundschenk die gefüllten Silberbecher
verteilt und räusperte sich. Larnagger ging zu seinem Platz und brannte
eine Zigarre an. Seine Hände waren nicht ganz ruhig. Doch freundlich und
geduldig hörte er zu, als der literarisch Versierte, der von Zolas „Bête
humaine“ gesprochen hatte, den glanzvollen Jagdtag mit einer gereimten
Hymne feierte. Die längliche Dichtung spielte im Versmaß der Jobsiade
mit kleinen Frivolitäten, weckte durch ein paar weidmännische Derbheiten
schallendes Gelächter, kam zu poetischem Schwung und pries die „schöne
Diana“ des Hauses Larnagg, wobei er über die unbeabsichtigte, zu
spät empfundene Malice dieses Bildes von der „jungfräulichen
Göttin“ selbst erschrak. Sehr hastig las er weiter und schloss unter
verschwenderischem Verbrauch aller herbstglühenden Waldfarben mit einem
schmeichelhaften Horridoh auf den Jagdherrn. Es gibt Entgleisungen, die mit
Gelächter enden, statt zur Katastrophe zu führen. Eine solche war’s.
Nach dem Gläserklingen blieb lärmende Heiterkeit. Nur der Oberst brummte
dem Tafelnachbar ärgerlich zu: „In der französischen Literatur
scheint unser Jagdsänger besser bewandert zu sein als in den Anwendungsmöglichkeiten
der römischen Mythologie.“
Nun begann bei jägermäßigem Becherlupf eine Kolonne fideler
Jagdgeschichten aufzumarschieren. Frau Bettinas leerer Sessel wurde ausgeschaltet,
man rückte rund zusammen, und es war keine auffallende Lücke mehr
am Tisch.
Auch Larnagger, von der fröhlichen Stimmung der anderen mitgezogen, wurde
warm und heiter. Doch während er plauderte und lachte, fühlte er immer
wieder mit der linken Hand an die Brusttasche, wo er die uneröffnete Depesche
verwahrt hatte. Und häufig sah er nach der Uhr.
Ein paar Minuten vor zehn erhob er sich, nickte unauffällig dem Oberst
von Siebert einen Gruß zu und verließ den Speisesaal.
Mit jagenden Schritten ging er durch den weißen, stillen Korridor. Als
er sein Arbeitszimmer betrat, sprangen in der Dämmerung des schönen
Raumes fünf kleine schwarze Teckel mit dem Gebell und Gewinsel ihrer Freude
an ihm hinauf. Er streichelte und liebkoste die Überzärtlichen und
schickte sie in den großen Korb zurück, ua sdem sie herausgesprungen
waren. Sie gehorchten wie brave Kinder – diese Sprösslinge der unfolgsamsten
aller Spielarten des vierbeinigen Lebens. Keinem anderen Menschen im Haus Larnagg
gehorchten sie. Nur ihrem Herrn, den sie liebten.
Larnagger trat zum Schreibtisch, über den eine grün verhangene Lampe
einen weißen Lichtkreis warf, und ließ sich nieder. Er nahm die
verschlossene Depesche aus der Tasche und betrachtete sie. Und lächelte.
„Ob’s ein Mädel ist? Oder ein Junge? – Nur ein Kind!
Mein Kind! Und ich bin zufrieden.“ Er wollte die Depesche öffnen
– und tat es nicht, verwharte sie wieder an der Brust. „Nein! Nicht
unter diesem Dach, unter dem die unstillbare Sehnsucht und das trockene Erlöschen
wohnt!“
Er nahm die andere, offene Depesche, überlas sie noch mal und schrieb:
„Ihre Mitteilungen, die ich soeben empfing, vermögen meinen Entschluss
nicht zu ändern. Sind die Forderungen der Arbeiter binnen drei Tagen nicht
bewilligt, so lege ich den Vorsitz im Aufsichtsrat nieder und scheide aus, für
immer und völlig. Ich lasse mir nicht aufzwingen, was mir wider Natur und
gerechtes Empfinden geht, und wünsche mit Namen und Besitz nicht einer
Erwerbsmethode zu dienen, die ich missbillige. Hans Larnagger.“
Lautlos trat ein schon grauköpfiger Diener aus der Tür des anstoßenden
Raumes. „Werden der gnädige Herr sich umkleiden?“
„Nein, lieber Peter! Dazu ist keine Zeit mehr. Wir brauchen 32 Minuten
bis zur Bahn, um 10 Uhr 35 passiert der Zug. Ich will ihn nicht versäumen.“
„Was soll der gnädigen Frau gemeldet werden?“
„Man soll sie heute nicht mehr stören. Morgen soll ihr gesagt werden,
dass ich abgerufen wurde, geschäftlich, und dass ich bis zum Abend wieder
zurück sein werde. Diese Depesche an Kommerzienrat von Graumann nimmst
du mit zur Bahn, Peter! Der Inspektor soll sie dringend besorgen. Jetzt Hut
und Mantel!“
Als Larnagger in die kühle Nacht hinaustrat, glänzten die Sterne.
Nur noch ein matter Rotschein lag um die weißen Steinstufen her. Drei
von den vier Pechpfannen waren schon erloschen, die letzte brannte noch mit
müder Flamme, machte den schwarzen Lack des geschlossenen Wagens von zuckenden
Lichtern schimmern und überflackerte matt den weiten Hofraum, über
dem noch der Geruch des fortgeräumten Wildes dunstete. Die zwei Laternen
des Wagens warfen schare, grelle Lichtkegel über die Rücken und Köpfe
der vom Wildgeruch beunruhigten Pferde. Von droben klangen gedämpft die
Lachsalven der vergnügten Jagdgäste im Speisesaal, und durch die schwarzen
Schatten des Parkes kam undeutlich von irgendwo der Gesang der Jäger, die
sich bei Freibier und Gitarrengeklimper gut unterhielten.
Larnagger trat in die beste Helle der Pechflamme, nahm das verschlossene Telegramm
aus der Tasche, riss es auf und las:
„Rascheste Anwesenheit notwenig. Das seit gestern erwartete Ereignis
verzögert sich und gibt Ursache zu ernster Sorge. Die Ärzte sehen
Gefahr für Mutter oder Kind.“
Immer wieder las Larnagger. Die Züge seines Gesichtes wie gelähmt,
wie versteinert, die Augen weit geöffnet.
Peter, der den Wagenschlag aufgetan hatte, mahnte schon zum zweiten Mal: „Gnädiger
Herr, es ist Zeit, es ist höchste Zeit.“
Larnagger hörte nicht. Immer starrte er auf dieses rot überflimmerte
Blatt zwischen seinen Händen.
„Gnädiger Herr, wir versäumen den Zug!“
Da wandte sich Larnagger, zerknüllte das Blatt in der Faust und sprang
in den Wagen. „Rasch!“ Er fand nur dieses eine Wort, seine Stimme
war erwürgt.
Mit mühseliger Flinkheit kletterte Peter auf den Bock und keuchte dem
Kutscher zu: „Lass laufen! Herr Jesus, ich fürcht’, unser guter
Herr hat eine harte Nacht!“
Die Pferde stoben davon. Wie beflügelte Feuerschlangen jagten die Lichtkegel
der beiden Wagenlaternen über die finstere Straße hin. Erdklumpen
und Steine spritzten unter den Rädern heraus und schlugen klirrend gegen
die Wandungen des Wagens. Es ging durch einen Buchenwald, durch ein stilles,
dunkles Dorf, an einem kleinen See vorbei und über kahle Felder. Die Pferde
dampften, und der graue Dunst ihrer Flanken durchnebelte das gleitende licht.
Manchmal schwankte der Wagen, als möchte er stürzen. In der finsteren
Ferne sah man schon die farbigen Laternenpunkte der Bahn. Ein Lokomotivpfiff.
Und Peter kreischte dem Kutscher zu: „Lass laufen! Und wenn wir alle zwei
den Hals brechen! Wenn unser Herr nur den Zug noch kriegt!“
Eine tolle, rasende Fahrt. Und als der Zug in den kleinen Bahnhof hereinbrausen
wollte, heilten die dampfenden Pferde vor dem schlecht erleuchteten Stationsgebäude.
Peter rannte voraus, um dem Bahninspektor die Depesche anzuvertrauen und die
Fahrkarten zu lösen. Das machte der Fünfzigjährige so flink,
dass er schon bei der Kupeetüre stand, als Hans Larnagger an den Zug herantrat.
In quirlendem Eifer und unter vielen Bücklingen folgte der Inspektor. Die
beiden Kondukteure und der Zugführer kamen gelaufen.
„Verspätung?“, fragte Larnagger.
Alle vier Beamten antworteten gleichzeitig: Sieben Minuten, aber in der Stadt
würde der Zug auf die Sekunde eintreffen.
Larnagger stieg ins Kupee. Als Peter die Türe schließen wollte,
griff die Faust seines Herrn heraus und zog ihn flink in den Wagen. „Beide
bei mir, Peter! Ich mag nicht allein sein!“
Draußen eine erregte Stimme: „Fertig!“ Ein schriller Pfiff.
Der Zug begann zu rollen und zu rauschen.
In steifer Haltung, mit dem Lackhut über den Knien, saß Peter auf
dem roten Plüsch, heilt die Nase geradeaus gerichtet, schielte aber immer
wieder in Sorge zu seinem Herrn hinüber, der in Hut und Mantel beim anderen
Fenster saß und regungslos hinaussah in die finstere Nacht.
Der Zug rauschte, rüttelte und jagte. Manchmal flogen wehende Dampfstreifen
gleich winkenden Schleiern am Fenster vorüber.
Eine halbe Stunde war vergangen. Als der Zug in eine Station einfuhr und die
Fahrt verminderte, drehte Larnagger in nervöser Erregung das dunkel gerötete
Gesicht. „Peter! Sitz doch nicht immer da wie ein Heiliger aus Holz! Mach’
dir’s bequem!“
„Ich bin nicht müde, gnädiger Herr! Man darf auch nie vergessen,
dass es Unterschiede gibt.“
Zornig sagte Larnagger: „Du bist ein Mensch und ich bin ein Mensch.
Wo ist da der Unterschied? Du dummes, altes Huhn! Ein Hausknecht bist du nicht.
Du bist mein Peter –“ Weil der Diener noch immer in der gleichen
Haltung blieb, sprang Larnagger auf und schob den Graukopf an beiden Schultern
in den lind gepolsterten Winkel. „So! Und damit dir die Gott verwünschte
Zeit ein bisschen schneller vergeht – da, nimm – zünde dir
eine Zigarre an!“ Er hielt dem Diener das offene Ledertäschchen hin.
„Nicht um die Welt, gnädiger Herr!“, stammelte Peter. „Nicht
ums Leben! Ich seh’ doch, dass der gnädige Herr vor Aufregung fast
vergeht! Da soll ich dem gnädigen Herrn auch noch die Luft verpesten? Ich
tat’s nicht um meine Seligkeit.“
„Na also! Dann nicht! Du Schaf!“ Wütend kehrte Larnagger
zu seinem Fensterplatz zurück, saß wieder unbeweglich und starrte
in die Nacht hinaus.
Es wurde schwül. Peter öffnete auf seiner Seite das Fenster um einen
kleinen Spalt und stellte die Heizung ab. Ganz lautlos hatte er das gemacht.
Dennoch drehte Larnagger in gereizter Misslaune das Gesicht. „Was treibst
du denn da schon wieder?“
Peter schwieg. Als Larnagger nach einer Weile den Hut fortlegte und unwillig
den Mantel herunterstreifte, schloss Peter das Fenster wieder und sagte mit
aller Sanftmut seiner Stimme: „Darf ich den gnädigen Herrn um eine
Zigarre bitten? Nur dass sich der gnädige Herr nimmer ärgert.“
Larnagger fand ein heiteres Lachen. „Da! Nimm die ganze Tasche! Behalte
sie! Als Andenken an diese Nacht.“ Er schien noch weiter sprechen zu wollen;
doch wie in Schmerz zog er die Brauen zusammen, wandte das Gesicht zum Fenster
und sah wieder regungslos hinaus in die Nacht.
Die Zigarre, die Peter angezündet hatte, bekam keinen Aschenkegel und
wurde nicht kürzer. Eine Stunde verging, und die Luft im Wagen war noch
immer so rein, wie zu Beginn der Fahrt. Als draußen vor den Fenstern viele
rote und weiße Lichter vorüber glitten, steckte Peter die Zigarre
vorsichtig in seine Brusttasche. „Gnädiger Herr, jetzt sind wir gleich
in der Stadt.“
„Ich weiß. Glaubst du, ich habe keine Augen?“ Larnaggers
Stimme klang, als läge ihm eine würgende Faust an der Kehle. Immer
noch blieb er sitzen. Erst als der Zug schon in die von Lärm erfüllte
Halle rollte, sprang Larnagger auf, ließ sich von Peter in den Mantel
helfen, riss das Fenster auf und sah hinaus. Ehe der Zug noch anheilt, rief
er mit heiserer Stimme: „Rosner!“ Er öffnete in erregter Hast
die Tür und sprang aus dem Wagen.
Unter dem etwas schütteren Strom von Reisenden, die es alle sehr eilig
hatten, trat Justizrat Rosner, ein kleiner, sechzigjährigen Herr in einem
für sibirische Kälte berechneten Pelz, auf Larnagger zu, grüßte
respektvoll und fing heiter zu plaudern an, von dem pünktlichen Zug, von
der schönen, sternhellen Reisenacht.
Larnagger, der zerstreut und in Erregung immer nickte, verabschiedete durch
einen Handwink den Diener.
Peter entfernte sich sehr schnell.
„Rosner! So reden Sie doch! Erlösen Sie mich!“
„Nur ruhig! Grund zur Aufregung ist noch lange nicht vorhanden. Jetzt
eben, kurz vor Mitternacht, hab ich von Professor Lebus noch eine völlig
unbedenkliche Nachricht erhalten: Dass die Sache nicht schlimmer steht als am
Abend. Auf Lebus und den Hausarzt kann man sich verlassen. Kleine Verzögerungen
und organische Hindernisse sind ja bei so was keine ungewöhnliche Sache.
Die Natur wird nach einer hunderttausendjährigen Praxis nicht gerade in
diesem besonderen Fall die Besinnung verlieren. Was geschehen kann, geschieht.
Wir haben für alles gesorgt, haben eine gesunde böhmische Amme gefundne
und zwei verlässliche Wärterinnen. Die eine ist Ungarin, die andere
Französin. Keine von den beiden versteht ein deutsches Wort. Es sind zwei
tüchtige Frauen. Mutter und Kind werden gut versorgt sein.“
Larnagger knirschte durch die Zähne: „Kind – Kind –“
Er machte so flinke Schritte, dass Justizrat Rosner in seinem schweren Pelz
ein bisschen zurückblieb.
|